freudlos freude haben und verbreiten

morgen verreise ich für drei tage mit meinen töchtern.

ich müsste mich darauf freuen. es wäre doch eigentlich so schön:

unterwegs sein mit den kindern, die wirklich ganz großartig und lieb und wundervoll sind.

eine freundin besuchen – eine meiner beiden besten freundinnen. sie weiß von meiner Krankheit – ich darf, um auf silvanas text (https://voninnennachaussenblog.wordpress.com/2016/08/13/masken/) anzuspielen, die maske fallen lassen. seit sie nicht mehr in dieser stadt lebt, sehen wir uns nur alle halbe jahre. sie wiederzutreffen, wäre also wundervoll.

mein freund begleitet uns, das heißt: ich habe hilfe, kann mich unterwegs im schlimmsten falle auch um das reden drücken. wenn es mir ganz dreckig geht, kann ich mich zurückziehen, es ist jemand da, der sich um die beiden mädchen kümmert.

ganz davon abgesehen, dass er ein großartiger mensch ist und ich ihn gerne mag und wir, weil es mir nun einmal so geht wie es mir geht, kaum die möglichkeit haben, etwas zu unternehmen. ich sollte mich also freuen, mit ihm verreisen zu dürfen.

ich sollte mich freuen.

statt dessen fürchte ich mich.

ich fühle mich erschöpft, habe schmerzen; allein den mund zum reden zu öffnen ist eine überwindung. zuhören, antworten. will ja doch nicht die ganze zeit nur  mit herabhängenden mundwinkeln dasitzen.

froh und glücklich, dankbar und jubilierend sollte ich sein.

ohne meinen freund hätte ich diesen tag nicht überstanden. f. hat uns geholfen, die fahrkarten zu besorgen, gummistiefel zu kaufen, hat uns sogar ein mittagessen gekocht. hat uns beim packen unterstützt, war dann noch einmal für uns einkaufen, hat meinen abwasch erledigt. alles dinge, die sich heute vor mir aufgetürmt hatten, die ich alleine nicht den elan, die kraft hatte anzugehen.

leider kann ich mich nicht freuen. kann nicht die art von Dankbarkeit zeigen, die ich für angemessen halte.

ich will die uhr anhalten, dass der morgige tag nicht anbricht.

dabei sollte ich vor glück platzen, dass f. mich liebt und unterstützt und noch immer nicht vor mir trauerseele reißaus genommen hat.

ich sollte vor glückseeligkeit zerspringen, dass meine töchter so großartige menschen sind.

das alles weiß ich theoretisch. freuen kann ich mich nicht. ich kann kein glück verspüren. fühle mich schlaff und leer und hoffe statt dessen feige, dass dieses wochenende möglichst schnell vorübergeht.

ich weiß, wie undankbar das von mir ist. wie viele menschen würden mich beneiden, würden tauschen mit mir? ich habe nicht das recht, bei all dem glück und der hilfe, die mir zukommt, unglücklich zu sein.

und hier beißt sich die katze in den schwanz.

über das schlechte gewissen, dass ich nicht dankbar genug sein kann, reibt sich meine depression grinsend die hände und macht es sich erst richtig gemütlich. setzt sich in meine knochen und in die nervenbahnen, zieht und zurrt und zwickt. kraft und energie konnten ihr nicht standhalten, sind schlaffheit und müdigkeit gewichen.

das wiederum lässt mich noch weniger freude und dankbarkeit fühlen.

meine depression jubiliert.

ja, feiere du nur, du gemeines aas, wer weiß wie lange du dich noch in mir festkrallen kannst.

ich sag ich dir mal was, du dumme kuh, du scheusal, lebensfluch und krone aller überflüssigkeiten: ich werde mich so oder so morgen in den zug setzen, da kannst du zwicken und zwacken, stechen und beißen, wie du willst.

wenn du verhindern willst, dass ich das wochenende wirklich keinen spaß habe, wirst du dich sehr anstrengen müssen. das schaffst du nicht. ich bin stärker!

vielleicht erringst du auch den etappensieg und ich werde keine freude haben. aber meine kinder kehren um ein paar tolle erlebnisse reicher nach hause zurück. irgendwann werde ich mich wenigstens darüber freuen können.

Advertisements

5 Kommentare zu “freudlos freude haben und verbreiten

  1. Hör‘ einfach auf, immer zu denken, du müsstest dich freuen. Kein Mensch freut sich dauernd. Ich platze auch nicht vor Jubel, wenn ich in Urlaub fahre, oder weil ich tolle Freund/innen habe oder was auch immer. Freude ist oder ist nicht. Kein Mensch muss. Das sieht nur in der Werbung so aus. Ansonsten, meine Erfahrung ist (übrigens immer dieselbe): Herz öffnen. Ist nicht ganz einfach, aber wahrscheinlich das einzige, was hilft. Gegen so ziemlich alles.

    Gefällt 2 Personen

  2. Die Freude wird kommen, sobald Du Dein Vorhaben ausgeführt hast. Jeder Schritt bedarf einer großen Überwindung. Gehe einmal mit Hilfe Deines Freundes oder Deiner Freundin buchstäblich in die Angst hinein, und wenn Du dann herauskommst wird vieles leichter anzugehen sein. Mit lieben Gedanken 😉

    Gefällt 2 Personen

  3. liebe agnes, warum setzt du dich selber so unter druck?
    wenn du ein einfaches „danke“ für gefälligkeiten sagen kannst, ist das mehr als manch andere können oder wollen.
    ich kenne das gefühl der freudlosigkeit auch.
    drum nimm die reise zur freundin als das an was sie ist, eine abwechslung in deinem traurigen alltag. es gibt tatsächlich menschen, die dich darum beneiden, verreisen zu können, weil sie kein geld dafür haben. so wie ich.
    agnes, kennst du methoden zur mentalen und körperlichen entspannung?
    in hamburg-harburg soll es eine klinik für depressionen geben, die einen sehr guten ruf hat.
    einer freundin von mir wurde dort auch geholfen.
    ich bewundere deine offenheit auf dem blog, ehrlich.
    aber es macht mich auch traurig von deinem leid zu lesen.
    es grüßt dich die genotypa

    Gefällt 2 Personen

über einen - auch kritischen - kommentar werde ich mich sehr freuen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s