wohltat KONSUM und angst vor jungem mädchen

der heutige tag hatte eigentlich sehr gut angefangen.

nach einer lorazepam gestern abend hatte ich sogar ganz gut schlafen können. ich gönne mir diese art tabletten so selten es geht, aber ich wollte kraft für den heutigen tag schöpfen: meine töchter kommen vom campingurlaub mit dem opa zurück und ich will sie halbwegs fröhlich und aktiv begrüßen.

heute morgen konnte ich mich sogar zu einem kleinen einkauf durchringen, um den mädchen heute abend etwas zu essen anbieten zu können.

ich leiste mir selten, im kleinen tante emma laden zu kaufen; muss die pfennige zusammenhalten. aber jemand muss ab und zu dort ja einkaufen, damit die letzten dieser geschäfte überleben können.

gerade diesen laden mag ich auf irgendeine weise besonders. vielleicht, weil er mich an meine kindheit erinnert, an den alten KONSUM um die ecke? ein kleines bisschen riecht er sogar so! die betreiber – ein ehepaar wohl ende der fünfziger, kauzig und knorrig, oft mies gelaunt. hier wird man nicht freudig schwanzwedelnd begrüßt, wenn man den laden betritt; man bekommt kein lächeln und schon gar kein gespräch aufgezwungen. die betreiber verstellen sich nicht – sind bullig und grummlig und zeigen sich so, wie sie gerade sind.

manche verklären das als berliner charme. ich möchte behaupten, das gibt es auch anderswo. andere hassen es, schimpfen, meiden den laden, weil man ihnen nicht „kundenfreundlich“ genug ist. wer will nicht gerne könig sind?

aber ich, wenn ich mich in meiner dunklen wolke bewege, mir selbst und auch der frohgelaunten welt zürne, weiß, dass ich diesen laden jederzeit entspannt betreten kann. ich muss mich nicht schämen, weil ich an der kasse nicht lächele, nicht spreche, nicht trällernden singsangs einen schönen tag noch oder gar ein schönes wochenende wünsche. wie entspannend, wie erleichternd, so schön, dass es fast schon gute Laune macht.

später am vormittag kam leider eine ernüchterung:

ich hatte kurz bei meinen freund auf einen kaffee vorbeisehen wollen, wusste nicht, dass er spontan besuch bekommen hatte. fast wäre ich wieder gegangen, als ich die stimmen in der küche vernehmen musste. aber man hatte mich schon gehört, rief nach mir und beim flüchten wollte ich auch nicht erwischt werden. das wäre mir noch peinlicher gewesen. also gut: tief einatmen, hinein. gesehen werden…

ich weiß auch nicht genau, was in diesen momenten mit mir geschieht. es gab keinen anlass zur angst, zur sorge, zur scham, den besuch mag ich sogar, ein junges mädchen – nicht einmal halb so alt wie ich – das am wochenende meine katzen versorgt hatte. dennoch verdoppelte sich mein herzschlag, die stimmung sank tiefer als in den keller, mein sprachvermögen drohte ganz auszusetzen. die magenschmerzen sind bis jetzt geblieben. ich fühlte mich wie ein tier, das in die falle getappt ist. und nun dort sitzt und auf den geeigneten moment zur flucht wartet.

die flucht ist gelungen, aber dieser zwischenfall hatte viel von meiner kraft gefressen.  inzwischen sitze ich dennoch wieder hier an meinem schreibtisch, schaffe es sogar, einigen behörden- und sonstigen bürokram zu erledigen. vielleicht, wegen des adrenalinschubs, den das warten auf meine kinder in mir auslöst. ich werde froh sein, wenn sie lebendig die autobahn verlassen haben und wieder bei mir sitzen.

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22 Kommentare zu “wohltat KONSUM und angst vor jungem mädchen

  1. Liebe Agnes,

    ich habe eine Weile überlegt, ob ich Dir hier schreiben soll, aber warum nicht. Ich freue mich für dich, das Du mit Hilfe des Bloggens einen Kanal zur Außenwelt gefunden hast. Talent hast Du, wobei ich aus eigener Erfahrung weiß, das es wenig nutzt, das von außen gespiegelt zu bekommen. Wenn DU es fühlst, ist es gut.

    Angst, Ängste haben mich (mittlerweile im sechsten Lebensjahrzehnt) trinken und Drogen konsumieren lassen. Heute bin ich seit vielen 24 Stunden trocken und ohne Bewusstseins-verändernde Mittel. Dank meiner Abstinenz durfte ich lernen, neue Erfahrungen sammeln. Vieles, was mir früher aus der Seele lag, ist heute entweder auf ein erträgliches Maß reduziert oder aufgelöst.

    Es mag abgedroschen klingen, aber habe Du Geduld mit dir.
    Es lohnt sich, beharrlich und in kleinen Schritten nach vorn zu schauen.

    Grüße aus dem Tal der Wupper!

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    • Lieber Reiner, danke für Deine Zeilen. Du scheinst Dich sehr gut auszukennen, denn richtig: es ist schön, positive Rückmeldungen zu bekommen, aber das wichtigste von allem ist, dass ich lerne, selbst an mich zu glauben, von mir überzeugt zu sein und nicht abhängig vom Zuspruch anderer. Sonst sitze ich nämlich schnell in der Falle und bin bei der nur leisesten Kritik wieder im nächsten dunklen Tief.

      Aber ich freue mich immer, von anderen zu lesen, dass sie selbst es „geschafft“ haben. Ich weiß, dass ich meinen eigenen Weg finden muss, aber es macht doch Hoffnung, dass die Zukunft nicht ganz so gräulich schwarz aussieht wie sie oft scheint.
      Herzliche Grüße
      Agnes

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      • Liebe Agnes,

        geschafft ist es leider nie. Es ist ein Weg, der mit unserem letzten Atemzug endet. Wobei die Themen oder besser die Ursachen unserer Unsicherheiten und Ängste sich im Laufe des Leben verschieben. Ist eines „durchgestanden“ oder anders gesagt, haben neue Erfahrungen mit geänderten Verhaltensweisen alte Muster ersetzt, kommen neue „Aufgaben“, neue Prüfungen. Es nimmt also nie wirklich ein Ende. In der Rückschau allerdings stelle ich fest, wie weit ich mich schon bewegt habe, auch, wenn mir das oftmals genau anders scheint. Alles hat eben seine Zeit.

        Wichtig ist ein sicherer Halt, ein Fixpunkt, der unveränderbar ist. Mich trägt heute mein Glaube, auch wenn ich öfter schon mal mit meinem Gott hadere 🙂

        Gruß Dir in den frühen Morgen.

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  2. „Auch das geht vorbei!“ eine Erkenntnis, die man auf einfach alles und jeden anwenden kann und mir hilft schlimme oder unangenehme Situationen zu durchstehen, wenn ich sie nicht im Vorfeld abwenden kann.

    Auch wenn es unser Ego nicht wahr haben möchte, auch unser Leben geht vorbei. Und bevor es vl. für immer dunkel wird, ist es wohl das beste alles zu genießen: all der Scheiß der schief läuft aber vorallem auch all das, was angenehm und schön ist. Jederzeit!
    MfG toe

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  3. liebe agnes, was hat man bloß mit dir angestellt, dass du so unsicher bist und dich nicht selbst lieben kannst? mir wird immer ganz schwer im herzen, wenn ich dich lese, denn ich habe als kind und junge frau viele kränkungen und gewalt schlucken müssen.
    bis ich 2 jahre nach einem schwangerschaftsabbruch selber psychisch krank wurde.
    darüber habe ich dir schon geschrieben.
    wenn ich über mich und meine jetztige situation nachdenke und wohl manchmal auch in selbstmitleid ergieße, kommen mir beim lesen zb. deiner schilderungen zweifel ob ich es wirklich so schlecht hatte.
    verstehst du was ich sagen will?
    ich mag dich, wenn auch nur aus der ferne.

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    • Liebe genotypa,
      bitte mache Dir meinetwegen nicht zu viele Sorgen. Mich erleichtert es, wenn ich mir die Dinge von der Seele schreiben kann. Manches kommt sogar erst beim Schreiben so richtig hoch, wie zum Beispiel der Selbsthass. Woran das liegt, dass ich so sehr an mir zweifele — ach, das wüsste ich selbst zu gern. Es gibt da viele kleinere Sachen, die mir mit meiner Therapeutin zusammen schon eingefallen sind, aber ich habe nicht diese eine schlimme grausame Gewalterfahrung, an die ich mich erinnern würde. Das ist natürlich einerseits gut, andererseits macht es die Ursachensuche und die Arbeit an mir selbst so schwer. Und für mich bedeutet das auch, dass ich sogar ein schlechtes Gewissen habe, weil mich ja doch meine Kindheit gar nicht so schlimm scheint. Wenn ich mich da mit anderen vergleiche, hatten so manche Dinge durchzumachen, die noch viel mehr eine Depression „rechtfertigen“ würden und die ihr Leben besser im Griff haben als ich. Das wiederum bringt mich dazu, mich selbst abzustrafen.

      Wenn ich dann lese, dass sich andere über mich Gedanken machen, oder sich selbst vielleicht beim Lesen schlecht fühlen, dann macht mir das wiederum ein schlechtes Gefühl, denn ich denke nicht, dass ich so viel Aufmerksamkeit und Mitgefühl verdient habe und dass ich mich hier ungerechtfertigterweise in den Vordergrund schiebe.
      Ich grüße Dich ganz herzlich
      Agnes

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      • liebe agnes, du schiebst dich sicher nicht damit in den vordergrund.
        allerdings ziehen solche zu herzen gehende berichte auch sogenannte „gaffer“ an, die dann darüber herziehen wie andere ihre seele offenbahren.
        leider habe ich damit schon schlechte erfahrungen machen müssen, allerdings bei einem anderen bloganbieter.
        deswegen schreibe ich hier eher wenig über meine gehabte schizophrenie und den wiederkehrenden depressiven schüber.
        ich wünsche dir von herzen ein schattiges plätzchen bei der hitze.

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  4. „KONSUM“ – was für ein magisches Wort für mich. In meiner Kindheit war der eine ca. 500 m weiter und der andere in etwa 800 m. Es lohnte sich kaum, in den anderen zu gehen, weil der das, was ich bringen sollte, auch nicht hatte.
    Und dann gab es diese komischen Konsummarken, die man in Hefte kleben musste, um etwas vergütet zu bekommen. Von diesen Dingern her habe ich noch heute eine Abneigung gegen alle Sammelmarken.
    Genieße die Zeit mit deinen Kindern – bei mir war vor kurzem die Enkeltochter da und wir hatten sehr viel Spaß miteinander.
    https://clarahimmelhoch.wordpress.com/2016/08/25/zur-entspannung-machen-manche-yoga/
    Gutenachtsagegrüße schickt dir Clara

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  5. Es gibt Dinge, die kosten Kraft, es gibt Dinge, die kosten VIEL Kraft… MENSCHEN. 😉
    Ich finde es auch gut, dass du zum Tante Emma Laden gehst, ich unterstütze solche Läden auch, weil ich es sehr schade finde, wenn sie verschwinden.

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  6. ich musste erst googeln was „lorazepam“ bedeutet. dieses beruhigungsmittel, eingesetzt bei angst und panikstörungen, hat wohl nur eine mittellange halbwertszeit.
    deine angst- und panikattacken tun mir echt leid – nein, du tust mir leid. so schlimm geht es mir noch nicht. ich wünsch dir gute besserung und lenk dich doch irgendwie ein bisschen ab.
    liebe grüsse aus andalusien.

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    • Danke. Aber ich möchte gar kein Mitleid. Und wahrscheinlich geht es noch vielen anderen Menschen wesentlich schlechter als mir. Ich möchte einfach beschreiben, was in meinem Hirn so vor sich geht. Vielleicht verstehe ich mich dann auch besser und vielleicht ist es für die NichtÄngstlichen so auch einfacher zu verstehen, was in seinem oder ihren Gegenüber gerade vor sich geht. Du schreibst, bei Dir sei es „noch“ nicht so schlimm. schreibst, so

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      • ich hab den Tag auch genutzt, um darüber nachzudenken.
        Ich bin nicht eifersüchtig in dem Sinne, dass ich denke, dass das Mädchen mir meinen Freund ausspannen würde. Vielleicht bin ich insgeheim auf eine Art neidisch auf sie, weil sie jung ist, und zu so einem selbstbewussten Mädchen herangewachsen ist, das seinen Weg geht und dem alle Türen offenstehen.
        Aber möglicherweise liegt nicht nur an der konkreten Person, der ich gegenüberstehe, sondern ganz allgemein daran, wie tief ich gerade im Depressionssumpf hocke. Vorgestern hatte ich große Probleme einem Kumpel meines Freundes zu begegnen, mit dem ich heute – ziemlich guter Stimmung – sogar mehr als drei Sätze sprechen konnte.

        Ich denke weiter darüber nach.

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