luciano

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luciano, 27.08.2016

am sonnabend: töchter, freund und ich machten einen ausflug zum wannsee. ich war lange nicht mehr dort gewesen, hatte die gegend auch unbebauter und natürlicher in erinnerung.

am s-bahnhof waren massen an menschen unterwegs, kein stückchen freier unbebauter natur in sicht. für ausflügler mit wander- und badelust nicht das perfekte ziel.

dennoch kam keine schlechte stimmung auf.

wir machten halt an einem spielplatz, es gab fettige pommes, kartoffelsalat und würstchen für die fleischesser.

und – es gab es luciano.

luciano saß mit seiner gitarre, mikrofon und verstärker an einer treppe, spielte viele der lieder, die ich damals als teenager sehr mochte. ich hatte mich damals innerlich von der gegenwart abgekehrt, ließ also auch die musik der neunziger jahre nicht an mich heran (einzige ausnahme blieben nirvana).

ich verehrte die musik der alten hippies, die zu ihren zeiten noch geglaubt hatten, sie könnten die welt verändern. wie ich sie beneidete um ihre naive zuversicht.

luciano spielte und sang gut, sehr gut, berührend schön. der sound war großartig. der klang der musik weckte alte vergrabene gefühle in mir.

zu nah traute ich mich nicht an ihn heran, lauschte aus der ferne. meine emotionen fuhren achterbahn. ich zog bleistift und papier aus dem rucksack, musste zeichnen, ich sah nur sein weißes langes haar leuchten. die gesichtszüge blieben verschwommen.

mein freund überredete mich, uns näher zu setzen. es erscheint mir jetzt noch als ein wunder, dass ich mich das wirklich traute: versteckt zeichnen, unbeobachtet, allein – das ist  die eine sache. aber ich lasse mich nicht gern beim zeichnen (und auch schreiben!) beobachten. ich halte mich auch einfach nicht für gut genug. fürchte, dass meine striche als dilettantisches gekritzel verspottet werden. mit fremden zu sprechen, von ihnen wahrgenommen und beachtet zu werden, ist für mich zudem der blanke horror.

doch um luciano zu zeichnen musste ich nah genug an ihn heran, dass auch er mich sehen und mich sogar ansprechen konnte. vorbeigehende konnten mir aufs papier und auf den bleistift sehen. grauenvoll!

die entstandene zeichnung halte ich nicht für meine beste – dazu hatte ich während des zeichnens zu viel angst, war angespannt, die hand nicht locker. dennoch möchte ich sie euch zeigen, weil ich stolz darauf bin, dass ich mich überwunden habe, weil es für mich ein riesiger schritt und eine große tat war.

das bild habe ich luciano geschenkt. wiederum hatte ich große zweifel, angst, dass er das lächerlich finden würde, dass ihm die zeichnung nicht gefallen und sie im nächsten mülleimer landen würde. es war mir einfach schrecklich peinlich, ich schämte mich – und bekomme schon allein bei der erinnerung daran wieder herzrasen.

freund und töchter behaupten, er wird sich gefreut haben. wie oft wird man als straßenmusiker gezeichnet?

ich interessiere mich für meine mitmenschen, auch wenn ich nicht mit ihnen reden kann. portraits – ob als fotagrafie, gemälde oder zeichnung – betrachte ich gern. gesichter finde ich spannend, den ausdruck der augen, falten und linien im gesicht. ich träume davon, eines tages interessante menschen angstfrei ansprechen zu können, um sie zu zeichnen, das besondere in ihrem gesicht, ihrem ausdruck, ihrem wesen zu erfassen.

das scheint mir ein lohnendes ziel.

den anfang habe ich immerhin gemacht.

luciano_1

luciano, 27.08.2016

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7 Kommentare zu “luciano

  1. mir gefällt die Zeichnung gut, ich kenne Luciano zwar nicht, aber du hast Talent zum zeichnen. ich hab auch mal ein Portrait gezeichnet, hochgeladen, es war wirklich nicht gut, hab ich gemacht als ich noch ganz jung war. ich habs dann wieder schnell gelöscht. ist lang her, das portrait hab ich nicht mehr. Es war auch ein Sänger, oder er sollte es jedenfalls sein. Egal.

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  2. du hast etwas geschafft, nämlich einen teil deiner ängste überwunden, darauf kommt es an, nicht ob die zeichung ein kunstwerk wurde oder nicht.
    du kannst stolz auf dich sein agnes, und ich freue mich für deinen kleinen erfolg.

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