plein air

noch kann ich selbst es kaum fassen. ich habe heute etwas geschafft, wovon ich seit den ersten warmen tagen in diesem jahr geträumt habe:

ich war draußen, allein in der freien natur, habe mich getraut, mich dort hinzusetzen, meine farben und pinsel auszupacken und habe gemalt.

20160906_malort

das kommt euch komisch vor? warum hat sie denn die ganze zeit ihren hintern nicht bewegt, wenn es das ist, was sie schon immer wollte?

es wird euch langweilen – und mich langweilt es auch! – wenn ich all mein tun und fühlen (beziehungsweise nichttun und nichtfühlen) mit dieser dämlichen depression und sozialen angst erkläre. leider zum glück können sich menschen, die diese krankheit nicht haben oder hatten, nicht vorstellen, wie sehr sie einen gefangen halten kann. es gruselt mich immer, wenn ich darüber nachdenke, wie sehr die prozesse, die sich in unserem gehirn abspielen oder auch tumore, die auf bestimmte hirnregionen drücken, unser handeln, denken, tun – ja, unsere gesamte persönlichkeit verändern können.

die wohnung zu verlassen ist jedes mal ein riesiger schritt für mich. heute morgen hatte ich sogar meine fahrradtaschen vollgepackt: malsachen, gläser mit wasser für die pinsel, eine decke, essen und trinken. bin eine stunde mit dem rad gefahren und war in der grünen einsamkeit. gewiss – mein ausflug heute war nicht so „gefährlich“ wie in den ferienwochen. für die meisten menschen ist der urlaub zu ende und so stand es nicht zu erwarten, dass mich allzuviele menschen beim malen erwischen würden. dennoch wäre es für mich noch vor kurzem undenkbar gewesen, dass ich mich ganz allein ins freie setze und meine malsachen nehme, wo doch jederzeit die gefahr besteht, dass interessierte vorbeikommende auf ein schwätzchen stehenbleiben wollen.

weil die farbe schnell trocknet, habe ich heute mit aquarellfarben gemalt, obwohl ich bisher kaum in der aquarellmalerei erfahren bin.

 

20160906_vs3

das erste, viel zu kleine blatt habe ich zum einzeichnen verwendet. ohne groß nachzudenken habe ich den pinsel geschwungen und geguckt, was passiert.

parallel dazu habe ich blatt zwei und drei angefangen, hier aber zunächst die groben strukturen mit dem bleistift gezeichnet, dann nach und nach die farbe gesetzt. vorläufiger bildertitel: abschied vom sommer.

ich habe die verschiedenen phasen mit dem fotoapparat festgehalten.

 

20160906_vs4

 

hätte ich früher aufhören sollen? sind die bilder ein wenig zu voll? andererseits spiegelt das strichechaos genau mein inneres. insofern hätten die bilder gar nicht anders werden dürfen. was meint ihr?

 

20160906_bild3
abschied vom sommer, vs.1, aquarellfarben auf bütten aquarellpapier, 24*32 cm, 07.09.2016

 

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abschied vom sommer, vs. 2, universalpapier, 24*32 cm, 07.09.2016
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27 Kommentare zu „plein air

    1. Das ging mir früher ganz genau so. Inzwischen erlebe ich das Zeichnen sogar als eine Art „Krückstock“, das mir den Aufenthalt in der Öffentlichkeit und zwischen Menschen erleichtert. Die Sache ist die, dass ich beim Zeichnen wohl in eine Art Parallelwelt falle, die mich Teile meiner Umwelt einfach vergessen lassen.

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  1. Ich finde es sehr schön, dass du dich getraut hast und dass du dich auch traust, deine Bilder hier zu zeigen.
    Ich wünsche dir, dass es immer selbstverständlicher für dich wird, das Haus zu verlassen.
    Und lasse doch Leute schauen, wenn du malst – sie bekommen doch auch was geboten.
    Mit Gruß von Clara

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  2. liebe agnes, ich bin begeistert und zugleich neidisch auf deine malkünste. sowas geht mir völlig ab. du hast wieder einen erfolg gehabt, denn du hast etwas überwunden nämlich deine angst vor dem rausgehen.
    eine heldin ist, wer es trotzdem tut.
    herzliche grüße von mir.

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  3. Mir gefallen die Bilder sehr gut! Die Farben spiegeln doch die Vielfalt der Natur wunderbar wider und als zu voll kann ein Landschaftsbild deswegen gar nicht bezeichnet werden! Es ist so geworden, wie du den Augenblick im Freien wahrgenommen hast. Und wenn du wieder einmal Lust darauf verspürst, im Freien zu malen, pack die Malutensilien ein, schwing dich auf dein Fahrrad und such dir ein ruhiges Plätzchen 😀

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    1. Hallo Christoph,
      vielen lieben Dank! Und ja, Du hast recht, mir sollen sie gefallen. Das ist schwer, denn ich erinnere an Silvanas Beitrag „Mein härtester Kritiker“, den Du bestimmt auch gelesen hast.
      Liebe Grüße von Agnes

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  4. Ich würde vorschlagen, den Vergleich mit anderen Menschen auch im Fall von sozialen Phobien, etc. zu vermeiden. Niemand kann in andere Leute reingucken. Und was nach außen ziemlich cool aussieht, kann eben auch von Ängsten, Scham oder was auch immer durchsetzt sein. Es lohnt auch nicht zu denken, der oder die versteht das nicht. so what? Du bist so. Du bist gestern zum Malen rausgefahren. Toll.

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    1. Hallo Stephanie,
      da hast Du allerdings recht:
      Auch viele von jenen, die nach außen hin selbstbewusst und gar draufgängerisch wirken, sind innerlich ebenso zerfressen von Angst wie ich. Deshalb finde ich es ja auch so wichtig, über das Thema Angst zu reden. Natürlich ganz im speziellen über meine Ängste. Damit spreche ich anderen nicht ab, ebenso ängstlich zu sein, im Gegenteil.
      Liebe Grüße von Agnes

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  5. Sei gut zu Dir, Du bist ein wertvoller Mensch!

    Beim lesen musste ich lächeln, obwohl es mich schon traurig macht (weil ich es in Teilen auch von mir selbst kenne). Du überwindest dich, etwas zu tun, was Dir Freude macht und schimpfst im gleichen Moment mit Dir, warum nicht schon früher so … 🙂

    Deine Bilder wirken auf mich ausgesprochen harmonisch, sie gefallen mir sehr.

    Grüße & guten Morgen.

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    1. Hallo Reiner,
      danke für Deine Worte und ich freue mich, dass Dir die Bilder gefallen. Ich werde sie noch ein paar Tage betrachten, und sehen, was in mir noch passiert, denn – ich glaube, Du hattest mir das auch mal in einem anderen Kommentar geschrieben – ich selbst muss in erster Stelle hinter den Bildern stehen.
      Sonnige Grüße nach Wuppertal, wo es heute hoffentlich auch noch einmal Sommertag wird.

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