Der erste Tag

Lina

Der erste Morgen
Gegen sieben Uhr ist Wecken. Draußen im Hof läutet eine Glocke.
Ich bin schon seit über anderthalb Stunden wach. Immerhin habe ich überhaupt schlafen können.

Halb acht gibt es Frühstück. Durst habe ich jetzt schon. Aber zum Trinken müsste ich aufstehen, rausgehen, in den Flur. Dort werden schon Tische geschoben. Menschen reden.

Geht also nicht. 
In meinem Zimmer sind außer mir zwei ruhige Frauen untergebracht. Kein Redezwang. Wir lassen uns in Ruhe.
Die Station ist wirklich klein. Im Essensraum nur ein paar Tische. Es wird meist geschwiegen. Jeder hat seine eigenen Probleme. Als Soziophobikerin, die nicht reden mag, falle ich nicht großartig auf. Das ist gut. Ich bin erleichtert, meine Schultern entkrampfen sich etwas.
Visite
Gegen zehn Uhr ist Visite. Großer Raum, viele Menschen. Sie werden mir vorgestellt, aber ich merke mir nichts. Ich werde kurz durch die Stationsärztin nach meinem Befinde befragt, muss wieder versprechen, dass ich mir hier auf Station nichts tue. Ich werde einen Therapieplan bekommen, aber langsam, ganz langsam. Heute noch nicht. 
Das tut mir gut. Nicht wie in der Rehaklinik, in der ich dachte, in möglichst kurzer Zeit möglichst viel erreichen zu müssen. 
Wenn ich mein Leben noch eine Weile aushalten will, dann lasse ich mir Zeit. Bitte, drängt mich nicht, macht mir keinen Druck.
Nach der Visite Gespräch mit dem Sozialarbeiter. Ich muss alles noch einmal erzählen: beruflichen Werdegang, Krankheitsverlauf, Familiengeschichte. Das gelingt mir. Langsam, stockend, aber ich breche nicht zusammen wie bei der amtsärztlichen Untersuchung. Der Sozialarbeiter wird mir die nächsten Tage helfen, einen Sozialhilfeantrag zu stellen und mich bei der Rentenversicherung zu melden.
In der Sonne zeichnen
Später sitze ich auf dem kleinen Hof, die Sonne scheint. Ich zeichne das Bild, das ich vorhin gepostet habe. Hier fühle ich zum ersten Mal, dass ein anderer Patient in meinen Schutzraum einzudringen versucht. Guckt mein Bild an. Nein, das seien keine Flügel, meinte er. Und: ich solle mich in den Schatten setzen, das Sonnenlicht schade meinen Augen. Ich hab ihn ignoriert. Später, in den Aufenthaltsräumen, versuchte er sich mir in den Weg zu stellen. Ich hab zu Boden gesehen, keinen Augenkontakt. Bin drum herumgekommen. Wahrscheinlich ist ihm langweilig. Aber ich habe so viel mit meinen eigenen Gedanken zu tun. Ich weiß nicht, was Langeweile sein soll. Gespräche brauche ich nicht. Will ich nicht. Ich habe hier in der Klinik Schutz gesucht. Will meinen Schutzraum um mich herum behalten.
Mein Freund hat vorhin mit den Pflegekräften besprochen, dass sie aufpassen, dass ich in Ruhe gelassen werde.
Mittags
Das Mittagessen ist für mich etwas schwierig. Für mich als Veganerin bleiben nur die blanken Kartoffeln. In allen Beilagen ist Fleisch vermengt und es gibt nur fette Sahnesoße. Da ich für „Vollkost“ eingeteilt bin, habe ich auch kein Anrecht auf den Salat. 

Ich will keine Diskussion, will nicht auffallen. Also nehme ich mein Kartoffeltellerchen und setze mich. Am Nachmittag spricht mein Freund mit dem Pflegekräften, dass ich künftig Salat bekommen kann. Ich will keine Sonderbehandlung, aber etwas Gemüse wäre schön.
Nach dem Essen …
… Gespräch mit der Psychologin. Es tut gut. Ich spreche über meine Schuldgefühle, über meine tiefsitzenden Sorgen um meine Kinder, die ich gefühlt wieder im Stich gelassen habe, über meinen tiefen Wunsch allein zu sein. Einsamkeit und Stille brauche ich wie das Essen, Trinken, den Schlaf und das Zeichnen. Ich spreche über meine Schmerzen. Ich schließe meine Augen, so kann ich besser reden. Fühle mich nicht bedrängt.
Danach kann ich tatsächlich schlafen. Ich bin erschöpft. 
Später kommt der Oberarzt ins Zimmer, zusammen mit der Stationsärztin. Sie stellen sich mir vor. Bin aber ganz schön im Tran, bekomme nicht viel mit.
Mein Freund kommt nach der Arbeit vorbei. Natürlich ist er besorgt, das merke ich. Aber hier kann er nicht viel für mich tun. Nur: Geduldig sein. Warten. Meine Mutter beruhigen, die sicher krank vor Sorge ist.
Ich bin müde. Freue mich aufs Schlafengehen.
Meine Station ist eine geschlossene. Es gibt auch Patienten, die hier sein müssen, die nicht jederzeit gehen dürfen. Ein kleiner grüner Hof, abgegrenzt durch eine Mauer und das Nachbargebäude. Das Tor nach draußen ist verschlossen. Ich habe keine Ausgangserlaubnis erbeten. Könnt Ihr Euch vorstellen, wie befreiend dieses kleine Gefängnis für mich ist?
Jetzt ist es dunkel. Ich stehe im Klinikgarten, weil hier der Empfang zum Hochladen der Beiträge noch am besten ist.

Das Katzenbild konnte ich jetzt nicht drehen, es steht hier symbolisch, weil Tiere gute Therapeuten sein können.

Das vor einigen Minuten hochgeladenen Bild ist für Nelia von Farbensehnsucht. Wer ihren Beitrag heute gelesen hat, weiß worauf sich das bezieht.
Euch allen einen sternerhellten Abend

Agnes

Advertisements

17 Kommentare zu „Der erste Tag

  1. liebe agnes, deinen mut bewundere ich immer wieder.
    vor 30 jahren als ich an schizophrenie erkrankte war das ganz anders, aber damals lebte ich in bayern, mag wohl daran gelegen haben
    1989, nach gut 3 jahren des leidens und einem drogenrückfall, holte ich mir eine einweisung für eine psychiatrische klinik.
    anfang der 90er jahre wurde mir von der tante gesagt, keinesfall dem opa zu sagen, dass ich in der psychiatrie war.
    das war lange ein großes familiengeheimnis.
    heute sage ich jedem, der es wissen will: ja, ich habe schizophrenie gehabt und leide an fast chronischer depression.
    damals in bayern inner pinte wo wir uns immer trafen, dort gab es einen jungen mann, der wurde von den anderen der tod genannt.
    als ich in der pinte bediente für ein paar wochen, lagen meine und seine zigaretten auf dem tresen, wir rauchten beide marlboro. ich sagte ihm freundlich, ich schreibe meinen namen auf die packung und er solle seinen auf seine schreiben, so kamen wir ins gespräch. er war harmlos, litt an depressionen und war auch wohl in psychiatrischer behandlung. damals wurde er von anderen nicht für voll genommen, man mchte mir sogar richtig angst vor ihm.
    nach dem gespräch am tresen mit ihm war die angst vorbei.
    aus heutiger sicht betrachtet war die damalige clique sowas von intolerant und gemein.
    dir, meine agnes, wünsche ich, dass du zur ruhe kommen kannst und dir geholfen werden kann. ich glaube fest an dich.
    zum essen in der klinik kann ich dir sagen, die meisten bieten auch vegetarische kost an, du musst nur dem pflegepersonal deinen wunsch mitteilen.
    die klinik in meiner nähe bietet sogar kost für muslime an.
    ich freue mich schon sehr, wieder von dir zu lesen, denn du berührts mein herz mit deinen einträgen.

    Gefällt 1 Person

  2. Liebe Agnes, Du bist eine sehr mutige Frau! Trotz Deiner so großen Furcht suchst Du die Hilfe von anderen! Ich wünsche Dir viel Kraft, viel Hoffnung und v.a. Menschen, die Dich stützen und Dir helfen können. Du bist nicht allein! Auch wenn Du keine Nähe von fremden Menschen ertragen kannst. Das Gefühl mit anderen zusammen zu sein, die dich in mancher Hinsicht ohne Worte verstehen, kann sehr heilsam sein. Du brauchst jetzt den geschützten Raum um wieder zu Kräften zu kommen! Alles Liebe für Dich!! Simone

    Gefällt 1 Person

über einen - auch kritischen - kommentar werde ich mich sehr freuen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s