Start der Berliner Kältehilfe am 1. November

Während heute lustig verkleidete Menschen durch die Straßen gruseln und Kinder bei Nachbarn um Süßigkeiten betteln, bereiten sich in Berlin Mitarbeiter der Wohlfahrsverbände, Bezirksämter und viele Freiwillige auf den morgigen Start der Berliner Kältehilfe für Obdachlose vor.

Die genaue Zahl der Wohnungslosen in dieser Stadt ist unbekannt. Es könnten derzeit etwa 11.000 Menschen sein, so informiert die Homepage der Berliner Stadtmission. Diesen steht jährlich vom 1. November bis zum 31. März ein zusätzliches niedrigschwelliges Hilfeprogramm aus Notunterkünften (in Berlin 2015/16 wohl ca. 700 Schlafplätze), Nachtcafés, dem Kältebus und Suppenküchen zur Verfügung.

Wer in Großstädten wie Berlin wohnt und nicht ganz mit Scheuklappen durch die Straßen geht, weiß, dass Armut und Obdachlosigkeit nicht nur bloße Statistik sind, sondern ganz reale menschliche Gesichter hat.

Seit Jahren schon konkurrieren in Berlin mehrere Obdachlosenmagazine um Leserinnen und Käufer. Mehr und mehr Müllsammlerinnen und Müllsammler laufen von Wohnhaus zu Wohnhaus und durchsuchen die Abfalltonnen, ob sich nicht noch etwas Brauchbares finden lässt und mit Blick auf die zahlreichen Pfandflaschensammler bekommt der Spruch „Rentner haben niemals Zeit“ einen ganz besonderen Beigeschmack.

Unter etlichen Brücken und in windgeschützten Ecken der Stadt übernachten Sommers wie Winters obdachlose Menschen. Wenn die Damen und Herren Bundestagsabgeordneten einen mittäglichen Spaziergang machen wollten, bräuchten sie nur fünf Minuten, um mit jenen Menschen ins Gespräch zu kommen, die sich unter den Brücken am Spreeufer mit Matratzen und Schlafsäcken einzurichten versucht haben. Wer ruft, dass wir doch in einem Sozialstaat leben und dass niemand in diesem Land obdachlos sein müsse, ist entweder beneidenswert naiv oder aber verschließt absichtlich seine Augen: das soziale Netz hat ein paar ziemlich grobe Löcher, durch die es sich wunderbar in die Tiefe gleiten lässt.

Das Projekt der Berliner Kältehilfe sei bundesweit einmalig, so der Beitrag auf Wikipedia. Es gibt sie seit 1989, ins Leben gerufen von Kirchengemeinden, Wohlfahrtsverbänden und Senatsverwaltung, und von Berliner Senat, Bezirksämtern, Verbänden und über Spenden finanziert.

Gemessen an der Not und Dringlichkeit und dem Ausmaß der benötigten Hilfe ist das Programm der Kältehilfe leider nur ein Tropfen auf den heißen Stein, wenn auch dennoch wichtig und unterstützenswert. Wenn wir aber in unserem angeblich reichen Land nicht das soziale Netz vernünftig und nachhaltig flicken, die Mieten bezahlbar bleiben bzw. wieder werden und wir nicht den Trend der Umverteilung von unten nach oben umzukehren schaffen, wird die Arbeit der Kältehilfe eine Sisyphosarbeit bleiben. Letzten Endes sind wir alle gefragt, uns nicht nur über die Politik „der da oben“ zu beklagen, sondern auf die eine oder andere Weise (wieder) aktiv zu werden. Da nehme ich mich nicht aus.

Hier ein paar natürlich unvollständige Links zum Thema:

BAG (Bundesarbeitsgemeinschaft Wohnungslosenhilfe):
http://www.bag-wohnungslosenhilfe.de/de/themen/zahl_der_wohnungslosen/

Berliner Stadtmission:
http://www.berliner-stadtmission.de

Caritas Berlin:
https://www.caritas-berlin.de

Kältehilfe (Link funktioniert derzeit nicht, Seite ist eventuell nur in Wartung)
http://www.kaeltehilfe-berlin.de/kaeltehilfe.htm

mob e.V. Strassenfeger:
http://strassenfeger.org

Motz e.V. (Straßenzeitung und Notübernachtung):
http://www.motz-berlin.de

Zentrale Beratungsstelle für Wohnungslose Berlin:
http://www.wohnungslos-berlin.de

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Jetzt weiß ich …

… warum mir die Visite mit der ja eigentlich nett erscheinenden Oberärztin noch einmal zusätzlich Furcht einflößt: aus irgendeinem Grund erinnert sich mich an die Professorin, die mich zur Politikwissenschaftsnebenfachprüfung befragte. Diese Prüfung habe ich noch immer als traumatisches und tief, tief, tief demütigendes Erlebnis im Gedächtnis:

Ich war ja zum Ende meines Studiums vollkommen unerfahren, was mündliche Prüfungen betrifft, hatte mein ganzes Studium lang Hausarbeiten geschrieben und niemals mündlich Rede und Antwort stehen müssen. Bei dieser Prüferin hatte ich Schaf mich zur Prüfung angemeldet, obwohl ich bei ihr keine einzige Hausarbeit geschrieben hatte. Sie hatte also vor der Prüfung keine Ahnung, ob sie KleinDoofchen oder eine fähige Studentin vor sich hatte. 

Ich kann mich an diese halbe Stunde der Prüfung nur noch bruchstückhaft erinnern. Was ich noch weiß ist, dass die Schauspielerin in mir das Ruder übernahm und irgendetwas erzählte und dass mein Hirn nebenbei „Aha?“ dachte. Aber da mein Mund ja redete und redete, machte ich nach außen wohl keineswegs den Eindruck, ein Blackout zu haben.

Es muss ziemlicher Mist gewesen sein, den ich von mir gab. Die Prüferin glaubte sich großherzig, indem sie mir gerade mal noch eine vier gab, damit die Prüfung als bestanden galt. Der Beisitzer der Prüfung – vielleicht sogar jünger noch als ich – gab mir anschließend schulterklopferisch auf den Weg, dass es in den Politikwissenschaften ja doch nicht nur darum gehe, Fakten aufzuzählen, sondern diese auch abzuwägen und zu bewerten wären. Als ob ich das nicht selbst wüsste!!! Offensichtlich habe ich in dieser Prüfung den Eindruck gemacht, strunzdumm zu sein und mich mit Biegen und Brechen durch mein Studium gemogelt zu haben. Dabei war in allen meinen Hausarbeiten die schlechteste Benotung eine zwei. Noch immer beißt und brennt in mir das tiefe Gefühl der Demütigung. 

Ich habe mich damit abgefunden, dass auf meinem Studienabschlusszeugnis – das ja bei jeder Bewerbung bis ans Ende meines Lebens vorgelegt werden muss – hell und leuchtend diese vier prangt („damals“ flossen die Benotungen für die Hausarbeiten nicht mit in die Abschlussnote ein, die einzig und allein auf dieser einen halbstündigen mündlichen Prüfung beruht). Aber dass diese Professorin mich für eine dumme Gans hält, die unkritisch und unreflektiert einfach nur ein paar auswendig gelernte Fakten wiedergibt und dass mir dieser Beisitzer so väterlich zu erklären versuchte, was denn Politikwissenschaften eigentlich seien – das verursacht in mir noch immer beißende Schmerzen. Ich habe keine Möglichkeit, mich zu rechtfertigen, zu beweisen, dass ich so dumm gar nicht bin, und ich würde mich in tiefen Grund und Boden schämen, wenn ich dieser Professorin noch einmal über den Weg laufen müsste.

Dieses Erlebnis hat mein Selbstbewusstsein, was meine mündliche Redefertigkeit betrifft, natürlich nicht gerade gestärkt. Im Gegenteil – ich weiß ja, dass ich durchaus versagen kann und ja auch bereits versagt habe. 

Lange Zeit hatte ich mich damit zu beruhigen versucht, dass es kluge Menschen gibt, die reden, hingegen aber nicht schreiben können. Wenige Monate nach der Prüfung hörte ich ein Interview mit Jürgen Kuttner, in dem dieser Wasserfallschnellredner beschrieb, dass in ihm ein leeres Blatt Papier und der Befehl: „Schreib!“ ähnliche Ängste wie in mir das Sprechen müssen auslösen würde.

Ihr habt natürlich Recht, wenn Ihr meint, ich solle mich doch darauf konzentrieren, was ich kann, anstatt darüber nachzugrübeln, was ich nicht schaffe. 

Aber im Namen aller Menschen mit Sprechproblemen – die vor laufenden Kameras stottern und Unfug erzählen, die in größerer Runde den Mund gar nicht aufbekommen, die sich in Diskussionen nicht ausdrücken können und denen schlicht und einfach keine Argumente einfallen, weil gerade vor lauter Aufregung die Synapsen im Hirn falsch geschaltet sind –

Bitte!

Urteilt nicht vorschnell! Lacht und lästert nicht!

Gebt den Leuten eine zweite und dritte Chance, gebt ihnen Zeit!

Vielleicht sind sie nicht dumm und uninteressiert. Vielleicht haben sie einfach „nur“ mit dem Reden Probleme. 


Ich danke Euch von Herzen!

Sterben

Macht es Euch auch so traurig und betroffen, wenn Persönlichkeiten aus dem öffentlichen Leben sterben – egal, ob ihr gutes oder schlechtes damit verbindet?

Ich weiß, es ist blödsinnig, aber für mich bricht damit auch immer ein Stück meines eigenen Lebens weg, mir peitscht sich in Erinnerung, dass das Leben endlich ist. Dass auch ich immer älter werde und dass auch mein Dasein irgendwann zu Ende sein wird.

So nimmt mich auch die aktuelle Nachricht vom Tod Manfred Krugs mehr mit als sie eigentlich sollte. Ich weiß, es ist dumm, und ich sollte gerade jetzt nicht über verstorbene Schauspieler nachdenken, die ich nicht einmal persönlich kannte. Lächerlich, dass ich sogar der Meinung bin, heute noch einen WordPressBeitrag schreiben zu müssen.

In diesem besonderen Falle aber liegt die Sache noch etwas anders, weil mit der Todesschlagzeile auch viele persönliche Erinnerungen in mir aufblitzten, die nun in mir herumgeistern und in ein Gefühl von Trauer und Wehmut auslösen. 

Bei Manfred Krug überlappte ich mein und meiner Eltern Schauspielergeschmack. Sein Name löste bei uns zu Hause immer ein gewisses wohlwollendes Schmunzeln aus (obwohl ich aus dem Munde einer Frau, die ihn persönlich kennengelernt hatte, auch hörte, dass er im wirklichen Leben gar nicht so sympathisch war, wie er in Film und Fernsehen wirkte). 

Wir hatten die Schallplatte „Lyrik Jazz und Prosa“ zu Hause, die ich sehr liebte und oft, sehr oft sogar, hörte. Am meisten mochte ich Krugs Lesung der „Kuh im Propeller“.  Die DDR-Film-Klassiker mit ihm habe ich als Kind natürlich nicht gekannt, Filme wie „Spur der Steine“ erst gesehen, als es diesen Staat längst nicht mehr gab. Übrigens habe ich auch den Roman gelesen, und zwar in einer Phase, in der es mir emotional sehr schlecht ging und an die ich nur mit psychischen Schmerzen zurückdenke. Ich bin mir nicht sicher, ob ich jemals darüber werde öffentlich schreiben können, jedenfalls denke ich gerade jetzt auch unweigerlich und mit Trauer an jene Entscheidung, die ich damals traf, zurück, wenn nun der Name Manfred Krug fällt.

Auch an meine verstorbenen Großeltern muss ich denken. Übrigens träume ich hier in der Klinik fast jede Nacht von ihnen. Wenn ich bei ihnen war, lief (montags?) im Vorabendprogramm „Auf Achse“ – erinnert sich jemand an diese Serie? Ich sehe meine Oma vor mir, wie sie auf ihrem Sofa sitzt, sehe das großelterliche Wohnzimmer und Manfred Krug als lässigen kauzigen Fernkraftfahrer auf dem Bildschirm, der die weite Welt befuhr. 

Ich sehe mich später mit meinen Eltern vor dem Fernseher sitzen – im Westfernsehen lief „Liebling Kreuzberg“. Diese Serie wurde ja schon gedreht, da stand die Mauer noch. Die Sendung spielte wenige hundert Meter von unserem Zuhause entfernt, scheinbar für Ewigkeiten unerreichbar auf der anderen Seite der Mauer. Liebe Mutti, falls Du das jetzt lesen solltest, bitte verzeih, dass ich auch folgende für uns naive Ossis etwas peinliche Erinnerung hier öffentlich preisgebe: Am Tag unseres ersten Ausflugs in das für mich märchenhafte Westberlin, an dem meine Eltern und ich zu Fuß durch die halbe Weststadt gelaufen sind, entstand auch das erste Westberliner Foto in unserem Familienalbum: wir, in unseren Anoracks,  Hosen und Schuhen ganz unschwer als Bürger der DDR zu erkennen, vor einem riesigen Plakat Schultheisswerbung mit … natürlich Manne Krug. 

Ich könnte so weiter plaudern, will es aber dabei belassen. Letztenendes sind meine „Nachwendefernseherfahrungen“ mit Krug nicht mehr ganz so prägend gewesen – einige Jahre hatte ich ja nicht einmal einen Fernseher.

Um den Beitrag mit etwas lustigem abzuschließen: über mein WordPresskonto kann ich keine Filme verlinken, aber falls Ihr fünf Minuten Zeit habt: gebt „Die Kuh im Propeller“ in die Maske Eurer Suchmaschine und Ihr findet sofort den kleinen Hörausschnitt. Hört, lacht – oder berichtet mir, ob man ohne realsozialistische Alltagserfahrung den Witz der Satire überhaupt verstehen kann. Da bin ich mir nämlich gar nicht mal so sicher. Aber einen Versuch ist es wert. Viel Spaß dabei!

……..

Aha, Filme einzubetten klappt jetzt offensichtlich auch von meinem Account … Nun denn – aber die Tonqualität ist eher im Wortsinne „berauschend“ … 

Bitte beteiligt Euch!

Hier gestrige Aufruf zur Mitwirkung auf „meinekleinechaoswelt“. Ich finde die Idee großartig und unterstützenswert. Aber lest (und schreibt) dann selbst 😉

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Ein weiterer kleiner Schritt um meine kleine Idee grösser werden zu lassen.  Vielleicht findet ihr ja Zeit und Lust mit zumachen.  Oder würdet es verbreiten. ICH DANKE EUCH VON …

Quelle: Ich hoffe auf eure Unterstützung 

Steinerne Schönheit

Steinerne Schönheit, Kugelschreiber auf A4 Papier, 26.10.2016

Endlich bin ich zu meiner ersten Skizze der steinernen Schönheit am See gekommen. 

Oft bin ich zu zaghaft, radiere hin und her und verhunze dann das Bild. Das Zeichnen mit dem Kugelschreiber erfordert etwas mehr zeichnerisches Selbstbewusstsein. Klar – man kann sich mit dem „suchenden Strich“ langsam an die Form herantasten. Aber ein einmal gesetzter Strich bleibt. Fehler können nicht rückgängig gemacht werden, können nur integriert und das Motiv entsprechend angepasst werden.

Wer möchte, kann dies gleich noch in großem Schwung auf das ganze Leben beziehen. Vergangenes ist geschehen. Unser Handeln hat Konsequenzen, die bleiben. Nichts kann ausradiert werden. Wir können aber versuchen, trotz der misslungenen Striche (Entscheidungen, die sich als falsch erwiesen haben, Fehlschläge, schlimmen Erfahrungen), das möglichst Beste daraus machen. Wir müssen sogar, wenn wir das Blatt (unser Leben) nicht wegwerfen wollen.

Ach – das sagt sich so leicht.     

Gestern und heute habe ich mir erlaubt, mal mit allem zu hadern. Einmal nach Herzenslust zu schimpfen, meine Wut in Worte zu fassen (die sich leider auch gegen mich, aber eben nicht nur gegen mich richtet). Ich habe heute meine 25 Minuten Einzeltherapie schmerzhaft genussvoll verprasst, indem ich dem Psychologen meine Sicht der Dinge dargelegt habe, warum alles gekommen ist, wie es kam. Habe meiner Zimmernachbarin von den Dingen erzählt, die ich hier im Blog nicht schreiben will, weil sie zu privat sind. Von meiner Sichtweise! Ich habe mich sonst immer verurteilt für die Wut, die unterschwellig in mir brodelte, wollte sie nicht zulassen – denn was bringt sie mich voran? Für mein Leben und was ich daraus mache, bin in der Hauptsache doch ich verantwortlich. Aber wenn ich auf mein „Gefühl“ höre, meine „innere Stimme“, dann darf sie auch mal raus, die Wut, dann darf ich jetzt mal mit dem Finger auf andere zeigen und die Arme verschränken. Ich will mich jetzt auch einfach mal bedauern, mich selbst! Ich verachte Selbstmitleid. Aber vielleicht brauche ich das jetzt erst einmal, um dann abschließen, loslassen und nach vorn blicken zu können? Die innere Stimme in mir ruft: ja! Ja! Ja! Meine gute Erziehung drischt schon wieder auf mich ein – Selbstmitleid gehört sich einfach nicht …

Jubelbeitrag – 100 –

Wow!!! Das ist nun mein Blogeintrag Nummer 100. In Worten: einhundert!

Zur Feier des Tages keine lange Rede und Beitrag über Schwermut, Krankheit oder Angst.

Vielmehr möchte ich einen Blick in die Glaskugel werfen, die doch gar nicht mal allzu schlechtes verheißt. Oder?

 

Tausend Dank allen meinen Leserinnen und Lesern, auch für Eure tollen und hilfreichen Kommentare.

 

Agnes Podczeck

Der Säbelzahntiger

Trotz aller positiven Einstellung und Zuversicht – je näher die Visite rückte, um so höher schoss mein Puls. Meine Muskeln spannten sich, wie jederzeit zum Sprung bereit. Als wäre die Oberärztin ein Säbelzahntiger, vor dem ich weglaufen müsste. Hände zitterten. Jetzt fühle ich mich ganz erschöpft, als hätte ich sportliche Höchstleistungen vollbracht, im Nacken droht Muskelkater.

Während des Wartens zu Stricken ist auch nur dann gut, wenn man bereit ist, das Strickstück hinterher wieder aufzuribbeln. Ob es mich beruhigt hat? Ich weiß nicht, wie schlimm es ohne Stricknadeln gekommen wäre. Ich habe versucht, meine Gedanken aufs Stricken zu fokussieren: rechte Masche – linke Masche – rechte Masche – linke Masche. Dabei innerlich mir vorgesungen: ich bin – ganz ruhig – ich bin – ganz ruhig … Dabei auch wirklich ruhig zu werden, ist bestimmt auch Übungssache. Immerhin hatten meine Hände etwas zu tun und ich konnte im Arztzimmer das große Wollknäuel wie ein Kuscheltiere fest an mich pressen.

Die „Prüfung“ habe ich übrigens bestanden. Bei mir war ja nicht die Frage, ob es mir schlecht genug geht, um eine stationäre Behandlung zu „verdienen“. Eher sollte es sich erweisen, ob ich überhaupt schon wieder in der Lage bin, auf dieser Station zurechtzukommen und bei den Therapien mitzumachen. Nun steht es fest: ich darf bleiben, mein Therapieplan wird noch einmal um drei Therapiegruppen erweitert.

Ich bin erleichtert.

Altersweisheit

Ich habe noch eine reichliche Stunde, bis ich zur Oberarztvisite muss.
Auf der letzten Station waren die Visiten für mich schrecklich. Hier ist das alles nicht ganz so schlimm. Zum einen erfährt man vorher die ungefähre Zeit, wann man an der Reihe ist und muss nicht zwischen einem Pulk von lauten Patienten sitzen und warten. Die Visite, die ich letzte Woche erlebte, glich außerdem nicht dem gefürchteten Tribunal, sondern war eine offene Runde, in der sogar ich es schaffte, etwas zu sagen und zwischendurch sogar die drei anwesenden Ärztinnen anzusehen. Für das Warten heute habe ich Strickzeug dabei. Dabei muss ich mich nicht zu sehr konzentrieren und habe doch etwas, was mich ablenkt, die Hände beschäftigt und Verkrampfungen vorbeugt.

Momentan bin ich auch recht zuversichtlich, glaube, dass der Aufenthalt mir hier wirklich etwas bringen könnte. Gerade dass der Terminplan noch nicht so vollgestopft ist und ich Pausen habe, mal wirklich ganz ohne Hektik lebe, Zeit und Raum zum Hinterfragen und Nachdenken bleiben, hilft mir.

Wahrscheinlich hilft mir dabei auch mein leicht fortgeschrittenes Alter und dass ich schon etwas krankheitserfahrener als die andere bin. Hier gibt es junge Mädchen, die stecken voller Ungeduld, dass es mit den vielen Therapien endlich losgeht, dass sie möglichst schnell wieder entlassen werden können, dass das Leben weitergeht. Dabei habe ich für mich inzwischen begriffen, dass die eigentliche „Heilung“ in den Pausen zwischen den Therapiestunden stattfindet. Das macht mich ruhiger, geduldiger, zufriedener und auch offener für alles, was hier passiert.

Überhaupt – ich bin erschrocken, unter welchem Druck hier die „jungen Leute“ stehen, im heutzutage verschulten Studium möglichst schnell voranzukommen, Leistung zu bringen, endlich eine „vernünftige“ Arbeit zu finden. Die Angst haben, mit noch nicht einmal dreißig Jahren, den Anschluss an die Arbeitswelt zu verlieren. Dagegen komme ich mir – nicht einmal zehn Jahre älter – geradezu altersweise vor. Ganz ehrlich – sicher wäre es schön, in einem jüngeren agileren Körper zu stecken, aber mit den „jungen Hüpfern“ möchte ich um nichts in der Welt tauschen.

Gerade habe ich das Gefühl, dass alles, was ich bisher erlebt habe – das Gute wie auch das Schlechte, jeder Schmerz und jede Freude – genau richtig waren. Wie oft habe ich mich in meinen kranken Stunden geärgert, dass ich mein Leben, meine Zeit mit Nichtstun vergeuden muss, dass ich nicht vorankomme, weil ich matt bin, Schmerzen habe, Energie und Antrieb fehlen. Vielleicht aber habe ich die letzten drei Jahre DepressionsEndlosSchleife gebraucht, um mir selbst Scheitern und Imperfektion zuzustehen und dadurch zu dem gewissen inneren Frieden zu kommen, den ich gerade heute Vormittag spüre.