Klinikleben erste Woche – Warum ich hier sein muss

Offensichtlich haben meine gestrigen Beiträge Euch etwas verstört. Darum will ich hier doch noch einmal viel mehr Worte machen und erklären, warum ich hier bin und wie das Leben hier so zu sein scheint.

Warum Klinik

Das geht speziell an Einsiedler, aber natürlich auch alle. Vor allem aber an mich selbst und das schlechte Gewissen, das mich quält.

Denn ich habe den unwiderstehlichen Drang, mich dafür zu rechtfertigen, dass ich jetzt hier bin.

Also:

Ich bin hier und lebe noch, nicht etwa weil mich meine Kinder nicht interessieren, sondern gerade wegen meiner Kinder. Weil ich für sie weiterleben will, weil ich für sie gesund werden will, weil ich für sie jetzt und auch in Zukunft da sein will.

Ich war so glücklich gewesen, dass meine Kinder die vergangene Woche bei mir waren, war glücklich, dass sie in diesem Schuljahr wieder regelmäßiger bei mir sein durften. Ich fühlte mich nicht „geheilt“ – ob es jemals eine vollständige Heilung für mich geben kann, können mir Ärzte und Psychologen nicht voraussagen. Ich möchte aber dringend daran glauben.

Also – ich hatte mich nicht gesund gefühlt, aber glaubte mich soweit kräftig, auch psychisch gefestigt, dass ich mit Optimismus und Freude auf dieses neue Schuljahr blickte.

Aber meine Energie hatte am Ende der ersten Woche merklich abgenommen. Es hatte einige schwierige Situationen gegeben, über die ich jetzt nicht schreiben will und kann, um betreffende Personen nicht bloßzustellen. Immerhin kennen jetzt doch ziemlich viele Leute aus meinem Umfeld diesen Blog – von Anonymität kann keine Rede sein.

Diese Situationen also hatten mich überfordert und es gab noch einige unerledigte, dringende Behördenbriefe, die mich außerdem erschreckten.

Am vergangenen Freitag war plötzlich alle meine Energie verpufft. Mein Inneres leer, wie tot. Beim Gassigehen mit dem Therapiehund bin ich selbst wie ein Kind hinter den anderen hergetrottet, hätte mich jeden Moment auf den schmutzigen Bordstein legen können. Andere Menschen draußen machten mir wieder Angst. Dazu kam die Stimme in meinem Kopf die hämmerte: siehst du wohl? Versagerin! Nicht mal eine Woche in der Mutterrolle, schon bist Du fertig. Pah! Nie, nie, niemals wirst Du das schaffen. Du bist zu schwach, du bist ein schlechter böser Mensch, eine grottige Mutter. Siehst du nicht, wie Du Deine Kinder erschreckst, weil du sie nicht einmal anlächeln kannst?

Zum Abendessenmachen stand ich in der Küche. Hoffnungslos. Keine Energie, das Brot zu schneiden. Stein in der Brust. Nicht einmal weinen hätte ich können. Ich wollte einfach nur nicht – nie – mehr dasein.

Ich habe es noch geschafft, meinen Freund anzurufen, der im gleichen Haus wohnt und dann muss ich mich wohl einfach auf den Küchenboden haben sinken lassen, um am liebsten nie mehr aufzustehen.

Mein Freund kam runter, war entsetzt, schimpfe und zwang mich aufzustehen und mich wenigstens aufs Bett zu legen. Die Kinder waren im Zimmer nebenan, werden mich zunächst nicht liegen gesehen haben, aber die Situation wird sie doch zutiefst verstört haben.

Am nächsten Morgen gönnten mir Kinder und Freund Ruhe und guckten irgendwelchen Filmekram. „Erpressten“ mich, sie würden den ganzen Tag so weitergucken, wenn ich nicht mit ihnen nach draußen kommen würde. Soweit funktionierte ich noch: ich finde zu viel Filmegucken für Kinder nicht richtig, lieber sollen sie spielen, malen, toben, lesen. Zu schade die schöne Kinderzeit fürs Fernsehen.

Mein Mutterreflex funktionierte also noch und die Kinder hatten einen schönen Nachmittag mit dem geborgten Therapiehund. Ich fühlte mich leer, aber ich funktionierte. Das abendliche Bloggen und das Lesen Eurer Blogbeiträge richtete mich wieder ein bisschen auf. Ich hatte Hoffnung, dass es am nächsten Tag besser sein würde, dass es sich nur um den berühmten Halbzeitblues handelte, wie ich es ja auch bloggte.

Aber der Sonntag wurde nicht besser. Schlimmer noch: als am Nachmittag der Hund durch sein Frauchen im Park abgeholt wurde, ging es mir fürchterlich. Ich hätte mich gern versteckt. Das ging aber nicht, mitten auf der Parkdecke. Ich versuchte mich schlafend zu stellen, nach dem Prinzip – seh ich Dich nicht, siehst Du mich nicht, ganz flach auf die Decke gepresst, das Herz voller Scham und Panik. Für mich schrecklicherweise setzte sich die Hundebesitzerin mit ihrer Freundin noch für eine gefühlte Ewigkeit zu uns auf die Decke. Sie führten einen munteren Plausch. Für mich war das Folter. Ich wollte mich verstecken, konnte aber nicht. Ich hätte nicht aufstehen und fliehen können, denn dann wäre ich ja noch viel sichtbarer gewesen. Hoffnungslose Falle, in der ich da lag. Einziger Trost – meine Töchter amüsieren sich mit den inzwischen zwei Hunden, dachten vielleicht nur, ihre Mama sei müde. Ich konnte erst aufstehen, als die beiden Frauen endlich gegangen waren. Sie wussten ja nicht, welchen Folterqualen ich mich in ihrer Anwesenheit aussetzte.

Unnötig zu sagen, dass Abendessenmachen und beim Ranzen packen helfen mein Freund erledigen musste. Ich war leer – und gleichzeitig voller schwerer Gewissenssteine, weil ich selbst es einfach nicht schaffte, vom Sofa aufzustehen.

Am Montag konnte ich die Kinder sogar selbst wecken und Frückstückmachen, Brotdosenpacken. Sie zur Schule bringen. Ich dachte immer noch, ich würde es schaffen, auch noch die zweite Kinderwoche durchzuhalten.

Mittags auf dem Weg zur Psychotherapie dann der komplette innere Zusammenbruch. Ich habe versagt, bin eine schlechte Mutter, nicht wert zu leben und glücklich zu sein. Mit diesen Schuldgefühlen hatte ich das Gefühl, nicht mehr leben zu dürfen und war dennoch gefesselt durch die Einsicht, dass mir dieser eine Ausweg ja nicht einmal offen steht, weil ich durch meinen Selbstmord die Kinder zu psychischen Krüppeln machen würde. Sackgasse. Ausweglos.

Zur Psychotherapie fahre ich immer mit dem Fahrrad – öffentliche Verkehrsmittel voller Menschen sind mir ein Gräuel – und erwischte mich bei dem Gedanken, den ich schon immer mal vorher gehabt habe, dass es doch so schön wäre, jetzt von einem Laster oder Auto erwischt zu werden. Dann hätten die Kinder zwar auch keine Mutter mehr, aber sie wäre nicht freiwillig gegangen. Wie leicht es doch wäre, mit dem Lenker scheinbar unachtsam einen Schlenker zu machen.

Ich kam lebendig bei der Therapeutin an und im Gespräch mit ihr zu der Überzeugung, dass ich nur in der Klinik Hilfe finden könnte. Ich wäre ja die nächsten Tage nicht einmal imstande gewesen, den Weg zur Therapeutin noch einmal zu machen. Ich ließ das Fahrrad dort stehen, fuhr mit der S-Bahn zu meiner Psychiaterin, die die Sache genau so sah und mir das Geld für ein Taxi in die Klinik borgte.

Bei all dem Schrecken, den die Klinik auf mich ausübt, fühle ich mich hier doch sicher, dass ich hier keinen Suizid begehen werde. Ich habe ja vor allem Angst vor spontanen Aktionen im Straßenverkehr. Hier habe ich keinen Ausgang. Bleibe im Haus, überwacht.

Ich fühle mich schuldig, so schuldig, dass ich nicht genug Kraft für meine Kinder hatte, dass ich sie wieder enttäuschen musste, dass sie meinetwegen verstört sind oder selbst deswegen in Zukunft psychischen Schaden nehmen. Ich mache mir solche Sorgen. Solche Vorwürfe! Denke, dass ich es nicht verdient habe, jemals wieder glücklich zu sein; das Recht habe ich mir durch mein Versagen verwirkt.

Ich weiß theoretisch, dass es nur die Wolke der Depression ist, die mich das denken lässt, sie ist eine dunkle Macht mit weitgehender Kontrolle über Gedanken und Gefühle.

Wie ich schon geschrieben hatte – Depression ist nicht „die falsche Einstellung“, Faulheit oder Desinteresse. Mich gruselt, welchen Einfluss irgendwelche chemischen Prozesse im Hirn eines Menschen haben können.

Manchmal kann ich hier schon die Schuldgedanken kurz verdrängen.

Aber Du BIST doch schuldig, so ruft mir doch grad die Stimme in meinem Kopf zu, du HAST doch versagt, du HAST doch deine Kinder verängstigt und im Stich gelassen, warum HAST du dich denn nicht zusammengerissen, du schwaches, faules, nutzloses Weib.
Aber ich konnte nicht anders, ich bin krank!
Was heißt hier krank! Faul bist du und nutzlos, während andere sich abrackern, willst du doch nur faul im Bett rumliegen. Schreibst Blogeinträge, um dir Mitleid von anderen einzuheimsen. Schäm dich, ja, Schande über Di h. Andere haben richtige Krankheiten, haben auch und noch viel größere Schmerzen, rackern sich ab, während du gemütlich im Krankenhausbett fläzt. Weißt du eigentlich, was so ein Platz im Krankenhaus kostet? Bezahlt nicht von Dir, nein, von hart arbeitenden Beitragszahlern, die es sich nicht leisten können, auf krank zu machen.

Stimme, bitte, liebe Stimme, sei jetzt still. Erst musst du verstummen, damit ich die Kraft zur Heilung finden kann.

Pah, das glaubst du doch selbst nicht.

Recht hast du, ich glaub das nicht. Aber ich weiß, dass das nur die Krankheit ist, die mich hier so hoffnungslos liegen lässt und auch du, Stimme des schlechten Gewissens, bist nur Teil meiner Krankheit.

Also – sei jetzt still und lass mich schlafen. Stille Nacht!

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23 Kommentare zu “Klinikleben erste Woche – Warum ich hier sein muss

  1. Sehr schön geschrieben, und vieles kenne ich von mir selber.
    Leider stempeln manche Menschen einen als faul oder sonstwas ab und begreifen nicht, wie schlimm so eine Erkrankung sein kann, was das für Folgen hat, und dass man nicht einfach so aufstehen und dem Leben entgegenlaufen kann.

    Ich wurde schon als alles mögliche beschimpft, von arbeitsfaul bis verrückt.

    Das tut weh.

    Das gibt den Stimmen nur noch mehr Nahrung.

    Es wäre sehr wünschenswert, wenn mehr Menschen begreifen würden, was Depression ist und was davon Betroffene durchmachen.

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  2. Ich denke, du bist schon auf einem guten Weg. Dir ist bewusst, dass du unter einer Krankheit leidest. Dass die „dunklen“ Gedanken nicht deine Eigenen sind. Diese Erkenntnis ist eine der Wichtigsten auf dem Weg raus aus der Dunkelheit. Du kennst deinen „Gegner“, du weißt, was du willst. Das ist gut.

    Ich drücke dir weiter die Daumen. Ich weiß aber auch, wie schwer es ist, in der Umgebung für Verständnis zu werben. Mehr braucht es meiner Meinung nach nicht. Nur Verständnis, das würde schon reichen.

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  3. Einiges kommt mir bekannt vor, aber nicht ganz so massiv. Aber das Verständnis der Umwelt lässt sehr zu wünschen übrig, weder für die manischen noch für die depressiven Phasen – da ist Frau ja so anders als sonst.
    Bei mir war es immer ein Mietwagen im Ausland mit Straßen und tiefen Schluchten neben den Straßen – ich wollte auch kein „sich-schuldig-fühlen“ auf meine Nachkommen abwälzen.
    Nach meinem Empfinden ist psychische Gesundheit fast wichtiger als physische – denn wenn es mit letzterer hapert, bemerken das die Leute eher und haben Verständnis.
    Ich wünsche dir, dass du dich durchbeißt und gestärkt die Klinik verlassen kannst.
    Liebe Nachtgrüße schickt dir Clara

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  4. Agnes, ich habe gern gelesen, was du geschrieben hast. Ich weiß, dass Dir das Schreiben hilft. Insofern ist es gut. Ich finde aber auch, du musst Dich überhaupt nicht rechtfertigen. Und Krankheit hat mit Schuld nichts zu tun, was Du ja weißt, aber nicht so fühlst.
    Ich wünsche Dir, dass Du am richtigen Platz bist. Das kannst ja nur Du beurteilen. Viel Kraft und bleib bei uns! Deine Impulse sind wertvoll. Auch wenn es Dir leider schlecht geht. Aber das wird sich wieder ändern, nichts bleibt, wie es war! Liebe Grüße! Regine

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  5. Ich finde es furchtbar, dass man Menschen immer noch erklären muss, was eine Depression bedeutet, dass immer noch so viel Unwissenheitz und Ignoranz herrscht, dass immer noch nicht genug Aufklärung stattfindet, dass im Gegenteil so oft die Medien ein falsches Bild verbreiten und dass man das Gefühl hat, sich dafür rechtfertigen zu müssen.

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    • Ja, also lass uns alle drüber reden.
      Wie sind die Statistiken? Wie viele Menschen hätten mindestens schon eine depressive Episode? Wieviel Umsatz wird mit Psychopharmaka gemacht?
      Reden wir offen über uns, wenn wir nicht alle uns gegenseitig immer etwas vormachen wollten, wäre das Leben doch vielleicht für alle einfacher.

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      • Ich hatte auch schon eine mittelschwere depressive Episode, Zwänge/Zwangsgedanken, war auch in Therapie, habe auch schon lange Antidepressiva eingenommen.
        Und ja, niemand redet drüber, viele verstecken ihre Probleme und drum meint man, man wäre eine unter sehr wenigen.
        Ich traue mich auch oft nicht, darüber mit anderen zu reden.
        Meine Eltern wissen davon, meine Mutter hat aber auch kein Verständnis, obwohl sie selbst schon depressiv ist, seit ich denken kann. Weil es sich bei ihr anders zeigt.
        Es gibt nur zwei Freunde, denen ich was erzählen kann, da sie selbst Probleme hatten oder haben.
        Ich habe auch immer das Gefühl, dass ich aufpassen muss, wem ich was erzähle. Traurig.
        Meine Dozentin weiß, dass ich zuletzt ziemlich ausgebrannt war und ich hatte auch Angst davon zu erzählen, aber sie hatte selbst im Vorfeld gesagt, dass man bei „Notfällen“ die Hausarbeit verschieben kann, also nahm ich meinen Mut zusammen. Und sie hat super verständnisvoll reagiert. Es ist schön, dass es noch sowas gibt.
        So, soviel zum Thema drüber reden – auch wenn ich hier relativ anonym unterwegs bin.

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  6. Liebe Agnes,
    ich finde, du musst dich nicht rechtfertigen, weder vor uns Bloglesern noch im privaten Umfeld (auch, wenn ich das Bedürfnis danach so gut kenne und so vieles anderes, was du schreibst auch). Ich denke weiter fest an dich und bleibe dabei, dass ich deine Entscheidung sehr stark finde, gerade auch in Bezug auf deine Kinder! Ich hatte in der Oberschule zwei Mitschüler, bei denen Vater/Mutter leider nicht diese Kraft hatten und es anders endete und es war unfassbar traurig.

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  7. Krankheit hat nichts mit Schuld zu tun. Sagt der Kopf, aber die Seele fühlt anders, ich weiß.

    Sind deine Kinder gut versorgt ?

    Erst bist du wichtig, sollst lernen, Verantwortung für dich zu übernehmen. Hab‘ Geduld.

    Gottes Schutz dir!

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  8. Ich wünsche dir ganz viel Kraft für den steilen und steinigen Weg, der vor dir liegt. Aber du wirst es schaffen! Und wenn ich dir mit meinen Beiträgen manchmal ein kleines Lächeln ins Gesicht zaubern kann, haben sie auch einen tieferen Sinn. Ich wünsche dir von Herzen alles Gute!

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