Tausend Steine sind gefallen

Nachdem heute morgen die Oberärztinnenvitite (acht oder mehr Leute im Raum) noch einmal der blanke Horror für mich war (allein das warten vor dem Raum gemeinsam mit den anderen Patienten), hatte ich am Nachmittag ein Einzelgespräch bei meiner behandelnden Ärztin.

Gute Nachricht 1:

Sie versteht meine Aversion gegen den Sozialarbeiter (der gleichzeitig hier auch noch einige Veranstaltungen organisiert und Musiktherapie!! und Singen!! anbietet). Ich habe ihr meine Trotziges-Kind-Zeichnung gezeigt. Daraufhin hat sie für morgen die Musiktherapie aus meinem Plan gestrichen – ich mag Musik und sie mir von diesem Menschen, auf den sich gerade mein höchster Widerwille fokussiert, verderben zu lassen, wäre jammerschade.

Gute Nachricht 2:

Ich darf am Wochenende tagsüber nach Hause. Für ein paar Stunden raus aus diesem Irrenknast!!! Schon allein diese Aussicht bessert meine Stimmung um ein Vielfaches. Ach, ich untertreibe!

Gute Nachricht 3:

Ich gelte offiziell als nicht mehr suizidgefährdet und darf alleine das Haus verlassen. Ich war heute Nachmittag mit meinem Freund spazieren. Könnt Ihr Euch das vorstellen, wie es ist, nach gefühlt einer Ewigkeit wieder freien Himmel über sich zu sehen, die Herbstbäume, grünes Gras!!! Ein Eichhörnchen, spielende Hunde, Blumen! Ich kann das alles wieder wahrnehmen, mich daran freuen. Viel Arbeit bleibt zu tun, aber das gröbste ist geschafft, so denke ich gerade!

Gute Nachricht 4:

Ich darf vielleicht doch wieder die Station wechseln, komme demnächst vielleicht auf eine wesentlich ruhigere offene Station. Das ist so ungefähr die allerbeste Nachricht und eine solche Zukunftsverheißung. Meine Ärztin hat – wohl auch auf Drängen meines Freundes, der hier täglich herkommt und sie anruft und ihr E-Mails schreibt – endlich eingesehen, dass ich auf dieser Station nicht gesund werden kann.

Ich weiß nicht, ob ich Euch das auch nur ansatzweise beschreiben kann, wie es hier zugeht. Ich bin auf einer geschlossenen Station, die angeblich den Schwerpunkt bipolare Störungen hat. Aber hier gibt es auch Patienten mit noch ganz anderen psychischen Krankheiten. Einige können keine Distanz wahren, kommen einem ständig zu nahe. Andere brüllen und schreien bei der kleinsten Gelegenheit. Wir hatten ein paar Tage lang eine ältere Patientin, 94 Jahre alt – ich weiß nicht, welcher boshafte Teufel es sich ausgedacht hatte, diese arme Frau auf unsere Station zu stecken. Für manche der Patienten ist sie ein regelrechtes Spielzeug gewesen, wie ein Baby, um das man sich kümmern kann.

Das nicht nur nächtliche Gebrüll, von dem ich in meinem Gedicht vor ein paar Tagen schrieb, ist nicht ausgedacht. Hier gibt es eine „Isolierstation“ – dort werden wohl die Hysterischen und Keifenden eingepfercht, bis die Medikamente gut genug wirken, die armen Menschen auf andere Stationen – offensichtlich vornehmlich die unsrige – zu verlegen. Ständig hört man es Fauchen und Geifern; so viel stimmliche Aggression, dass es einem kalt den Rücken hinunter läuft.

Wie mag diese Isolierstation von innen aussehen? Wie viel Platz haben die Menschen? Wie viele sind dort eingepfercht? Manchmal klopfen sie an die verschlossene Tür, die zu unserem Speiseraum führt, versuchen zu uns herüberzuluken. Vom Pflegezimmer kann man, wie ich vermute, durch eine Glaswand direkt auf die Station gucken (vermutlich einseitig).

Früher hat mein großer Bruder, wenn er mich ärgern wollte, mir gedroht, mich in die „Gummizelle“ zu stecken. Ich fand die Vorstellung als Kind irgendwie lustig. Wände aus Gummi, gegen die man sich im Wutanfall werfen kann. Lachen kann ich darüber gar nicht mehr.

Ich habe nichts gegen diese Menschen, im Gegenteil. Auch Ihnen geht es nicht gut und sie haben das Recht auf eine (hoffentlich vernünftige) Behandlung. Mich macht dieses Geschreie und Gewusel, Geschnatter und Gekicher auf dieser Station aber regelrecht fertig. Manchmal denke ich, wenn ich hier bleiben muss, werde ich genauso hysterisch wie die anderen.

Inzwischen fühle ich mich soweit gefestigt, dass ich es (geschützt, in meinem Zimmer) als interessante Lebenserfahrung sehe, die nicht jeder das Recht zu erleben hat.

Manchmal denke ich auch, ich sie hier in irgendeinem Roman gelandet. Dostojewski hätte sich seine Buchgestalten nicht besser ausdenken können. Das arme Mädchen, das seit gestern (frisch aus der Isolierstation) auf mein Zimmer übergesiedelt ist, muss frisch aus Irwings Gottes Werk und Teufels Beitrag entsprungen sein. Genau so – nicht anders – habe ich mir beim Lesen die Arme Melony vorgestellt.

Gleich lade ich noch ein paar Bilder hoch, die ich die letzten Tage mangels Internetkapazität nicht posten konnte. Ich habe gemalt wie besessen – das hat mir mehr geholfen als die spärlichen Therapieangebote, die ich bisher bekommen habe. Ich habe – auch allein auf dem Zimmer, wenn die Mitnewohnerinnen weg waren – in Eigenregie Yoga gemacht und meditiert. Ich bin voller Ehrgeiz, diese Station verlassen zu dürfen und vielleicht sehr bald auch nur noch ambulant zu sein.

Hoffnungsvolle Grüße und einen wundervollen Abend an Euch!
Agnes

______

Ok, jetzt bin ich wieder auf tausendeinhundertachzig. Auf mehr!

Dieser dämliche Sozialarbeiter, dieser Hundsfott, was bildet der sich ein! War eben hier auf dem Zimmer, um mich zu zwingen, am Gemeinschaftsspieleabend teilzunehmen.

Offensichtlich ist es hier Pflicht, mit den anderen zu SPIELEN, das kann ja wohl nicht wahr sein!!!

Schon allein die Art und Weise, wie er eben ins Zimmer kam, so selbstgefällig, so überzeugt davon, dass sein Weg, seine Angebote wichtig und hilfreich für alle sind. Dann hält er mir vor, ich sei freiwillig hier und müsse schon das machen, was auf meinem Therapieplan steht. Will mit mir diskutieren. Wir seien nicht mehr anno 1910, wo man nur mit Medikamenten behandelt wird. Das hat er mir schon am Dienstag vorgebetet. Als ob ich das nicht wüsste! Ich bin die allerletzte, die nur Medikamente schlucken will und sich ansonsten ins Bett fallen lassen will. Ich bin bereit, an meiner Genesung zu arbeiten. Aber ich darf doch wohl Bitteschön auf mein Gefühl hören und habe Bitteschön – auch anders als 1910 – ein Mitspracherecht dabei, was ich denke, was mir gut tut. Ein Spieleabend ist es ganz gewiss nicht! Dieser Mistkerl! Hurensohn ist ein viel zu nettes Wort für ihn. Fallen Euch noch ein paar gemeine und ausgefallene Schimpfwörter ein? Ich bin es nicht gewohnt auf andere zu schimpfen, kenne mich damit gar nicht aus.

Muss jetzt aufhören zu tippen. Meine andere Zimmernachbarin (nicht „Melony“) ist da (weigert sich auch da mitzumachen, aber sie, die ärmste wurde zwangseingewiesen und bei ihr versucht er seine dämlich dumme selbstbeweihräuchernde Tour gar nicht mehr) und liegt im Bett.

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15 Kommentare zu “Tausend Steine sind gefallen

  1. Liebe Agnes, behalte Deinen Willen, wenn er darauf beruht, dass Du ganz genau weißt und fühlst, was Dir gut tut und was nicht. Aber auf der anderen Seite habe ich die Erfahrung gemacht, dass es sich immer lohnt, einen Blick darauf zu werfen, warum Du etwas so dermaßen nicht ausstehen kannst und warum Dich jemand so schrecklich nervt! Also die Frage: Was macht das mit mir und woher kenne ich das? Hoffentlich kommst Du auf eine Station mit mehr Ruhe und „dodiertem Sozialstress“. Alles Gute Simone

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  2. Ich hoffe sehr, dass du bald die Möglichkeit hast auf eine passender Station zu kommen. Auf der geschlossenen Station hat man ja meist wenig Möglichkeiten richtig an sich zu arbeiten. Vordergründig steht da ja die Stabilisierung – selbst wenn es bedeutet jemanden mit Medis abzuschießen. Ich finde es übrigens toll, dass du noch deine eigene Meinung hast. Wenn du keinen Bock auf Spiele hast, dann ist das so. Wer hat schon immer auf alles Bock?

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  3. Erzwungenes Spielen macht einfach Spaß, dient der Geselligkeit und Gesundung. So ein Blödsinn! Ich sollte in der Reha gezwungen werden, im Keller auf Fitnessgeräten Sport zu treiben. Sehr förderlich bei Angstattacken. Ich habe mich auch geweigert und bin lieber gewandert.
    Gut, dass Du selbst weißt, was Dir gut tut. Und Deine schönen Nachrichten freuen mich sehr! Alles Gute! Regine

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    • Liebe Regine,
      ja, das hast Du richtig gemacht. Manchmal denken die Leute einfach nicht nach oder verfahren nach ihren Standardrichtlinien.
      Zum Glück passen wir aber nicht alle in dieselbe Schublade und ich bin hier, um Kraft zu schöpfen, gesund zu werden, nicht aber mich gesellschaftskonform formen zu lassen.

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      • Ich habe die MitarbeiterInnen der Rehaklinik eigentlich bewundert für ihre gute Arbeit in den schlechten Bedingungen. Ich denke, sie gaben ihr Bestes. War ja die reinste Durchgangstation mit ständig wechselnden Patienten. Kann man aber sicher nicht mit Deiner Situation vergleichen. Halte Dich tapfer und bleib auf Deiner Linie! Zum Glück hast Du ja gute Unterstützung mit Deinem Freund! Schönes Wochenende! Regine

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      • Liebe Regine,

        Ja, vor einem Jahr war ich auch einmal in einer Rehaklinik – mit dieser Station hier ist es wirklich nicht zu vergleichen. Die Rehaklinik war bei mir auch eher Durchgangsstation, hat mir weniger gebracht als vielleicht gar noch langfristig verschlechtert.

        Allerdings muss ich auch zu dieser Station sagen, dass die meisten Mitarbeiter hier ihr allerbestes geben. Die meisten sind wirklich engagiert. Es ist aber natürlich hier wie auch in so vielen anderen Bereichen (insbesondere im sozialen – non Profit Sektor) – es sind viel zu wenige Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, die die Arbeit gar nicht wirklich stemmen können. Ich weiß nicht, wie lange man es hier auf dieser Station zu arbeiten aushält, bevor man selbst in eine psychiatrische Klinik eingewiesen werden muss …

        Liebe Grüße
        Agnes

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  4. Was du von der geschlossen Station schreibst, ist für mich verstörend und Augen-öffnend zugleich. Puh, hätte nicht gedacht, dass es noch solche Beruhigungszellen gibt, in denen Menschen so Menschen-unwürdig gehalten werden. Schwere Kost. Aber wie du schreibst, sicher auch eine gute Erfahrung (die man sonst nicht hat). Gut, dass du da aber rauskommst und dann in der offenen Station sein kannst, bis du wieder uns real life gehst 😊

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  5. Das sind doch gute Nachrichten, dass Du Dich schon wieder besser fühlst 🙂

    Für den Pfleger fällt mir leider auch nichts richtig Böses ein. Ich kenne da auch nicht viele Wörter und verwende immer Knilch oder Wicht. Die beiden mag ich, weil sie so schön altmodisch sind. Wirf es ihm doch mal an den Kopf 😉

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