Geflohen

Nach einem weiteren Vorkommnis auf meiner Station, in meinem Zimmer, habe ich endgültig die Nerven verloren.

Mein Freund hat mit meiner behandelnden Ärztin vereinbart, dass ich bis Donnerstag auf meiner alten Station Tagespatientin sein darf (also zu Hause übernachten). Am Donnerstag werde ich auf die neue Station verlegt, die wesentlich ruhiger ist und die auch auf Depressionen spezialisiert ist.

Zu Hause ist es auch nicht einfach, aber mein Freund „passt auf mich auf“. Ich fühle mich schon von den kleinsten alltäglichen Dingen überfordert. Tagsüber muss ich zur Therapie in meine alte Station, aber nur für ein paar Stunden. In ein paar Minuten fängt die Ergotherapie an, dann kann wieder nach Hause. Gut, dass ich ab Donnerstag wieder stationär sein kann und dann hoffentlich wirkliche Hilfe bekomme. Längerfristig täglich morgens von zu Hause aus zu irgendwelchen Therapien hinzufahren, würde ich nicht schaffen. Schon allein, weil ich Schmerzen habe und mich tagsüber eigentlich immer mal wieder hinlegen müsste, was als Tagespatientin ja nicht geht.

Ich werde eine Weile brauchen, um mich von meiner jetzigen/bisherigen Station zu erholen, zu verarbeiten, was ich alles gesehen und gerochen und gehört habe. Vielleicht schreibe ich später noch mehr darüber. Wie ich schon berichtet hatte, war ich auf einer geschlossenen Akutstation, auf der es auch viele absolute Härtefälle gab. Leider war letzte Woche auch auf mein Zimmer eine junge Patientin untergebracht worden, die wahrscheinlich aufgrund schlimmster traumatischer eigener Erfahrungen — mir fehlen gerade die Worte, ihren Zustand zu beschreiben. — Dummerweise habe ich nun – ich weiß, das ist Unsinn – gegenüber meiner anderen ehemaligen Zimmernachbarin ein schlechtes Gewissen, dass ich sie dort nun mit „Melony“ allein gelassen habe und sie das Zusammenleben mit ihr weiter durchstehen muss, ohne dass jemand in der Welt da draußen dafür kämpft, dass sie verlegt werden kann.
Ich möchte mir nicht ausmalen, wie alles gekommen wäre, wenn mein Freund nicht ständig auf Station vorbeigekommen wäre und dort bei jedem Vorkommnis, gegen das ich mich alleine nicht wehren konnte, angerufen hätte. Ich möchte mir es nicht vorstellen, wirklich nicht. Ich kann nun die Mechanismen verstehen, wie Menschen in einem bestimmten Umfeld, wehrlos und allein, den Verstand verlieren können. …

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19 Kommentare zu “Geflohen

  1. tagesklinikstatus, das kenne ich auch.
    liebe, liebe agnes, ich wünsche dir von herzen, dass die neue station dir helfen kann, damit du wieder gesünder wirst.
    in hamburg-harbug soll es eine spezielle klinik mit station für depression haben, die einen guten ruf geniesst.
    ich denke jeden tag an dich und freue mich sehr, von dir zu lesen.
    ein zeichen des kampfes um gesundheit, den du gewinnen sollst, wenns nach mir ginge.
    und zu schreiben bedeutet auch eine kleine last loswerden zu können.
    herzliche grüße von gramma >3

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  2. Deine Schilderungen machen mich nachdenklich. Wie soll man auf einer Station, umgeben von so schwer kranken Menschen, wieder gesund werden? Dieses Umfeld zieht einen doch nur noch mehr runter. Ich freue mich nun jedenfalls für dich, dass du bald einen passenden Platz in der Klinik bekommst. Alles alles Gute für deine Genesung!

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  3. Liebe Agnes,
    ich wünsche dir weiterhin ganz viel Kraft und alles Liebe! ♥
    Wiewertvoll es ist, wenn man einen Menschen in seinem Leben hat, der sich für einen einsetzt, wenn man selbst es nicht mehr kann und der gegen Ungerechtigkeiten und Schlimmeres für einen eintritt.
    Ich bin sehr froh, dass du nun auf eine auf Depressionen spezialisierte Station kommst, schon beim Lesen des ersten Eintrags, dass du im Krankenhaus bist, hatte ich mir das insgeheim für dich gewünscht.

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  4. Hallo,
    ich wünsche dir auch von Herzen alles Gute und eine merkliche Besserung.
    Aus eigener Erfahrung weiß ich, wie schwierig das alles sein kann, und dass viele Ärzte, Therapeuten, ganze Einrichtungen und Medikamente überhaupt nichts bringen oder den Seelenzustand nur noch verschlimmern.

    finde ich gut und mutig, dass du öffentlich darüber schreibst.

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    • so einfach wird das nicht sein, lieber Einsiedler, möglich dass die einnahme der anti-baby-pille den Hormonspiegel verändert, ich glaube aber nicht dran dass es ängste und depressionen auslöst. man kann vielleicht zunehmen davon. Aber eigentlich kann ich dazu wenig sagen weil ich sowas in meinem Leben höchstens 4 wochen genommen habe und dann nicht mehr, weil mir schlecht davon wurde. Ich nahm sowas nicht. und heute brauche ich keine mehr.

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über einen - auch kritischen - kommentar werde ich mich sehr freuen

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