Zwischen den Stationen

Endlich habe ich die Akutstation für die Härtefälle hinter mir. Ich bin erleichtert.

Ich fühle mich aber auch unwohl bei dem Gedanken, dass einzig ich das Privileg habe, auf eine ruhigere Station zu kommen, andere aber bleiben müssen. Womit habe ich diese Besserstellung verdient? Bin ich arrogant, dass ich nicht den Patientinnen und Patienten meiner alten Station gemeinsam behandelt werden kann oder will? Halte ich mich für etwas besseres, bin ich arrogant und egoistisch?

Natürlich weiß ich — mein erster Gedanke sollte zunächst mir selbst gelten. Denn: wenn es mir nicht gut geht, kann ich auch für niemanden sonst auf der Welt da sein. Auf der Akutstation war für mich nicht der Ort zur Heilung; meine Nerven liegen blank. Bei jedem Schreien, Keifen oder Türenschmeißen bin ich zusammengezuckt. Der Geruch in meinem Zimmer war unerträglich. Ich musste dort raus. Hätte ich dort nicht rechtzeitig gehen können, wer weiß, ob ich nicht auch zu einem schreienden inkontinenten Nervenbündel geworden wäre. Möglicherweise sind andere Patienten stärker als ich („oder weniger arrogant?“, flüstert meine innere Stimme), dass sie in diesem Umfeld behandelt werden können. Meine Nerven sind zu schwach.

 

Mein Heimweg von der Akutstation nach Hause kam mir so irreal vor. Ich fühlte mich, als ob ich aus einer ganz anderen Welt aufgetaucht wäre. Ich sah all die ahnungslosen Menschen – ahnend, wissend, dass jeden von uns nicht viel davor bewahrt, depressiv, schizophren, psychotisch oder auf andere Art und Weise psychisch krank zu werden. Jeden von uns kann es treffen. Wer wird, einmal abgestürzt, den Weg aus der Tiefe wieder herauf finden?

Werde ich den Weg nach oben finden?

 

Morgen werde ich auf der neuen Station aufgenommen. Dann habe ich wahrscheinlich zwei Monate Klinikalltag vor mir. Werde ich es schaffen? Werde ich mich als würdig erweisen?

Die neue Oberärztin zweifelte ein wenig, ob ich für ihre Station nicht noch etwas „zu krank“ sei. Sie wolle es aber trotzdem mit mir versuchen.

Bin ich stark genug?

Ich habe Angst zu versagen; will alles richtig machen. Will mich dort bestmöglich in die Gruppe der Patienten integrieren, ungeachtet meiner Angst vor anderen Menschen.

Ich habe Angst vor den neuen Patienten, den Pflegekräften und Ärzten. Mit wem werde ich das Zimmer teilen? Auch hier wird es Gruppentherapien, gemeinsame Mahlzeiten und Oberarztvisiten geben.

Ich habe Angst, nicht bleiben zu dürfen, wenn ich nicht die Kraft habe, bestmöglich an mir zu arbeiten. Wenn ich mich nicht aktiv genug in die Gruppenarbeit einbringen kann. Ich liebe es doch so, allein zu sein und auch allein zu arbeiten, ohne mich ständig mit anderen abstimmen zu müssen. Ich liebe es zu schweigen und meinen Gedanken nachzuhängen. Werde ich das können? Werde ich das dürfen?

Was wäre die Perspektive, wenn ich es nicht schaffe? Ich brauche doch Hilfe, komme allein nicht zurecht.

Zurück auf die alte Station: niemals. Das darf mir nie wieder passieren!

Tagesklinik? Schaffe ich derzeit noch nicht.

Die Suche nach alternativen Kliniken? Keine Kraft dazu.

Wie eine letzte Chance kommt es mir vor. Und ich weiß doch, dass schon allein dieser Gedanke ein großer Fehler ist. Wer die Erwartungen zu hoch setzt, ist zum Scheitern verurteilt.

 

Mag sein, dass ich auch künftig nur noch eingeschränkt leistungsfähig bin, dass ich meine Ziele und Wünsche meinen seelischen und körperlichen Kapazitäten anpassen muss. Aber ich bin ehrgeizig, zielstrebig und zäh. Es wird mir gelingen, gestärkt aus der Klinik herauszukommen.

 

 

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9 Kommentare zu “Zwischen den Stationen

  1. Liebe Agnes, wenn das Denken doch wie das Fühlen wäre!! Deine Sätze erinnern mich an Zeiten, in denen ich vom Kopf her wusste, dass ich sehr stark bin. Ich wusste, ich wirke auf viele nicht depressiv, sondern mutig und selbxtreflektiert. Aber was nutzte mir das alles, wenn ich es selber nicht so fühlte? Wenn Angst und Selbstzweifel an mir nagten? Wenn ich mir dachte: Was, wenn es so bleibt? Wenn ich es nicht schaffe, wenn ich in diesem 90 jährigen Körper , der nur noch im Bett liegen will, bleibe? Dann will ich nicht mehr. Diese Diskrepanz gehörte bei mir zum Krankheitsbild der Depression. Vollkommen entgleist, gespalten und gespaltenen Menschen glaubt man nicht. Vor allem nicht, wenn man sein gelernte Rolle der starken Frau so gut beherrscht.
    Hab‘ die Kraft, Dich anderen, die es gut mit Dir meinen, anzuvertrauen. Hab den Mut, Deine Hilflosigkeit einzugestehen und sie zu akzeptieren. Du wirst aufgefangen!
    Vielleicht haben wir etwas gemeinsam, dazu kenne ich Dich viel zu wenig. Doch vielleicht helfen Dir meine nachfolgenden Worte: Ich musste mein gesamtes Leben stark sein, um zu überleben. Habe funktioniert und einen sehr starken Willen und Ehrgeiz entwickelt. Meine Hilflosigkeit und Wehrlosigkeit war mir nur im Wege, nutzlos. Ich habe es gelernt, sie schon sehr früh in den Keller zu sperren und die Tür mit aller Kraft zuzuhalten. Ging lange irgendwie gut. Doch dann schwand die Kraft und schwupp… die Konfrontation mit dem, was nicht sein darf. Das war unglaublich hart. Aber erst, als ich mir selber gegenüber meine Hilflosigkeit eingestand, sie aushielt, mir selbst verzieh und meine Hilflosigkeit – mein so lange verdrängtes Ich – symbolisch in den Arm nahm, trat die Heilung ein. Vielleicht ist es bei Dir ähnlich? Was mich betrifft, ist heute, mein Fühlen und Denken kongruent. Es hat lange gedauert und ich habe viel Selbstliebe und -fürsorge lernen müssen. Rückblickend bin ich sehr dankbar, dass alles genau so gekommen ist wie es nun mal kam.
    Nimm diese Gelegenheit , die sich Dir mit der Station bietet, an und versuche mitfühlend zu Dir zu sein. Wenn die Worte des Selbstzweifels kommen, das „Ich muss“ hat mir oft ein Perspektivwechsel geholfen. Würde ich meine Gedanken auch laut zu jemanden sagen, der mir selber am Herzen liegt? Würde ihn das aufbauen oder niedermachen? Und dann habe ich genau daran gearbeitet. Denn wie man sich behandelt, was man von sich fordert, welche Ansprüche im Kopf herumschwirren, beeinflusst ganz maßgeblich wie man fühlt.
    Liebe Agnes, es wird wieder gut. Die Selbstheilung ist in Dir! Lass es zu, ohne Dich zu gängeln. Du kannst nicht scheitern, entweder Du verlierst für den Moment oder Du lernst! Keiner erwartet ein Wunder von Dir, es sind die kleinen Schritte, die entscheidend sind. Und Du bist doch schon längst auf Deinem Weg… Alles Liebe Simone

    Gefällt 2 Personen

    • Liebe Simone,

      vielen Dank für Deine Worte. Ja, wie Du es beschrieben hast, sind wir uns wirklich in einigen Dingen ähnlich. Denken und Fühlen – zwei grundverschiedene Dinge. Wenn es „nur“ um Selbstreflektion, das theoretische Wissen und Einsicht ginge, müsste ich nicht hier sein. Während ich anderen vieles nachsehe und großes Verständnis habe, bin ich mir selbst gegenüber hart und gemein.

      Wahrscheinlich ist es wirklich so – das wichtigste, was ich lernen muss, ist mich selbst zu mögen. Mich anzunehmen, wie ich eben bin. Die Einsicht ist da, dennoch aber ist der innere Widerstand in mir dagegen so stark, die Mauer in mir selbst meterdick und aus Granitgestein.

      Ich freue mich für Dich, dass Du es geschafft hast und das gibt mir Mut und Hoffnung, auch die Kraft, dass auch ich meinen Weg finde. Gerade bin ich zuversichtlich.

      Herzliche Grüße
      Agnes

      Gefällt 2 Personen

  2. Liebe Agnes, wovor hättest du Angst, wenn du den Weg der Tagesklinik gehen würdest? Ich kann mich Hannah nur anschließen – was du schreibst, liest sich nicht „so krank“. Ich nehme dich auch als starke Frau wahr.
    Ich war selbst zwei Mal in meinem Leben kurz vor dem stationären Aufenthalt in der Psychiatrie. Beide Male hatte ich das Glück auf Ärzte zu treffen, die mich für stabil genug für die Außenwelt hielten, sodass ich auch durch ihre Einschätzung an mich glauben konnte. Es war beide Male ein harter Weg, schwere Depression mit Zwangsgedanken – doch hat es mich sehr gestärkt, es alleine (mit regelmäßiger Psychotherapie und Medikamenten) zu schaffen. Schlussendlich spielt sich das Leben draußen ab und nicht in der Klinik. Aber es ist mir klar, dass der schützende Rahmen der Klinik für viele eine Zeit lang gut und nötig sein mag. Ich möchte mit meinem Kommentar nur aufzeigen, dass es auch anders gehen kann. Glaub an dich, liebe Agnes!

    Gefällt 3 Personen

  3. Liebe Agnes,

    ich denke, mit Arroganz hat das nicht das Geringste zu tun.
    Jeder, der die Möglichkeit hat, eine solche Station zu verlassen, würde dies tun. Wie soll man denn gesund werden, wenn man ständig solchen Belastungen ausgesetzt ist?
    Da weg zu wollen heißt auch nicht, jemanden im Stich zu lassen, sondern es heißt nur, denn anderen zu zeigen, daß man da weg kommen kann. So gehst du den anderen mit einem guten Beispiel voran, und das ist ermutigend – für alle, die noch nicht so weit sind.
    Du wirst es sicherlich schaffen, auf der neuen Station zurecht zu kommen!! Ich finde, deine Beiträge hören sich überhaupt nicht so an, als seist du „krank“. Depressiv, angeschlagen, verunsichert, ja, aber doch auch sehr reflektiert, selbstbewußt und mutig – so hörst du dich an. Du wirst es schaffen, da bin ich mir sicher!

    Ich wünsche Dir alles Liebe und Gute und viel Kraft.

    Hannah

    Gefällt 5 Personen

über einen - auch kritischen - kommentar werde ich mich sehr freuen

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