Natürlich will ich hier wieder raus

Um Missverständnisse zu vermeiden, will ich zu meinem letzten Beitrag noch einmal ergänzend erklären: nein – ich will mich hier in der Klinik nicht häuslich einrichten und ja – ich will hier natürlich wieder schnellstmöglich raus.

Trotz allem – zu Hause zu sein ist natürlich immer besser als in einer Klinik zu hocken und das zuHauseSein kommt meinem Bedürfnis nach dem Alleinesein und MichEinIgeln viel besser nach. Nur glaube ich, dass ich zu Hause eben nicht die therapeutische Hilfe bekomme, die ich brauche und um täglich in eine Klinik zu pendeln, dazu fehlt mir die Kraft. Die möchte – nein muss – ich lieber sammeln und in Genesung und Therapie stecken.

Mag sein, dass sich mein Beitrag nicht überschäumend optimistisch liest. Aber ich bin ja nun auch nicht erst seit gestern krank und weiß daher, dass „Heilung“ und wenigstens „Linderung“, wenn sie langfristig sein soll, nicht von heute auf morgen kommen kann.

Schlechte Erinnerung habe ich außerdem an meinen fünfwöchigen Aufenthalt in einer der Rehaklinik vor einem Jahr. Ich hatte so viele Hoffnungen in diese Reha gesetzt, hatte mir vorgenommen, die Therapien so gut wie möglich mitzumachen. Hatte mich – trotz Angst – nach ein paar Tagen überwunden und mich zum Essen zu anderen an den Tisch gesetzt, mich ein paar Menschen angeschlossen und mit Ihnen geredet, sogar auch etwas zusammen unternommen, hatte in allen Therapien fleißig, fast streberhaft mitgemacht und mich gegen alle inneren Widerstände auch mit eigenen Wortbeiträgen in den Gruppentherapien beteiligt. Meine Therapeuten waren Außerordentlich zufrieden mit mir und dankbar für meine anregenden Inputs in den Therapiesitzungen.

Mir war es nach den paar Wochen zumindest körperlich tatsächlich besser gegangen, auch wenn von Woche zu Woche mein innerer Selbsthass immer mehr zu Tage trat, den meine Ärztin übrigens glaubte damit wegwischen zu können, indem sie unsere Gesprächstherapiegruppe dazu befragte und ich von allen anderen natürlich sehr positives Feedback erhielt. Die anderen Gruppenteilnehmer waren geradezu entsetzt, wie eine junge Frau nur derart schlecht über sich reden kann.

Nur werden alle, die sich auch nur ansatzweise mit derartigen Gefühlen auskennen, wissen, dass wie euphorisch und lobpreiserisch auch immer die Kommentare der anderen sein mögen – wenn das Innere Ich sich selbst partout nicht ausstehen kann, dann natürlich auch kein positives Feedback von anderen annehmen kann. Vielleicht theoretisch (ja, theoretisch habe ich bereits viel begriffen), aber nicht vom Herzen, von der Seele her.

Abschlusskommentar meiner Ärztin zur Reha: ich hätte ja nun gesehen, dass ich mit Leuten auch reden kann, dass ich von Menschen gemocht werde usw., also sei ja alles auf dem besten Weg.

Nur dass nach zwei Wochen zu Hause, als ich eben mit dem Arbeitsamt endlich meine Umschulung auf den Weg bringen wollte, der nächste sehr tiefe depressive Schub kam. Übrigens fingen auch danach erst meine Sprachprobleme an – dass ich in bestimmten Situationen gar nicht sprechen oder aber nur grammatikalisch unkorrekt Wort an Wort reihen kann, als sei Deutsch für mich eine Fremdsprache. Offensichtlich hatten nämlich alle „Fortschritte“ in der Klinik nur auf meinem Talent, mich eine Weile zusammenzureißen und zu schauspielern beruht. Ehrgeizig bin ich ja, das kann ich wirklich nicht abstreiten, und will natürlich alles, was ich tue, besonders gut erledigen. So wollte ich das auch mit der Reha. Aber: jedes Gespräch, jede Wortmeldung meinerseits war ein wahnsinniger Kampf, in dem ich oft händeringend neben mir saß und darauf achtgab, was ich sagte, ob ich zu laut oder zu leise sei, mich schalt, wenn ich nichts sinnvolles zu sagen hatte. Offensichtlich war mein Kampf gegen mich selbst derart erschöpfend, dass mir schlicht nach kurzer Zeit einfach die Puste ausgegangen war.

Genau deswegen bin ich jetzt besonders vorsichtig – weil ich weiß, dass mich überstürzter Aktionismus und Therapieeuphorie langfristig nicht weiterbringen. Ich möchte nicht aus der Klinik entlassen werden, um kurz darauf wieder vor der Einweisung zu stehen (nochzumal ich nun weiß, dass eine Akuteinweisung in meinem Stadtbezirk ganz und gar nicht und nie wieder in Frage kommt).

Deswegen will ich jetzt so bedächtig wie möglich sein. Ich möchte hier wirklich raus, ein „normales“ Leben führen, wieder arbeiten, mit meinen Kindern Zeit verbringen und natürlich auch mit meinem Freund, mit dem ich noch vieles zusammen unternehmen will. Aber ich weiß, dass ich mich gedulden muss. Mein Freund, meine Kinder, Familie und Freunde leider auch.

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8 Kommentare zu “Natürlich will ich hier wieder raus

  1. Du allein weißt , was Dir gut tut. Ich habe großen Respekt vor Deiner Entscheidung. Selbsthass kann sich allein in uns selbst auflösen. Den positiven Impulsen von Außen glauben wir ja doch erst, wenn wir sie selbst empfinden können. Ich übe jetzt ganz bewusst, positive Rückmeldung erst einmal nur wahrzunehmen! Dazu habe ich 64 Jahre gebraucht. Na, besser spät als nie.
    Ich habe mit der Reha ähnliche Erfahrungen gemacht und es ging mir hinterher schlechter als vorher. Das lag nicht am Personal, sondern am System.

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  2. liebe agnes, eines ist sicher, eine veränderung des bildes welches du von dir hast, kannst nur du herbeiführen.
    erst bildet sich die veränderung im kopf und rutscht langsam ins zentrum unserer emotionen für uns selber, in den bauch.
    bei mir hat es ganze 5 jahre gedauert bis die veränderung im bauch ankam.
    aber sie ist angekommen.
    und du agnes, so zerbrechlich wie du gerade auf mich wirkst, schaffst das langsam auch.
    geduld ist die wichtigste zutat zur heilung und das sich selber annehmen, denn wir hier im blog nehmen dich gern so an wie du bist.
    für mich bist du eine künstlerin. 😉

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  3. Hallo liebe Agnes!

    Ich habe noch lange über deinen Beitrag und besonders über die Stelle mit dem Selbsthass und den Interventionen der Ärztin nachgedacht und ich muss ehrlich sagen, dass ich verstehe, dass das nichts bewirken konnte/kann. Ich möchte dazu sagen, dass ich positives Feedback und Lob durchaus für sinnvoll halte – auf jeden Fall, ABER davon auszugehen, dass das reicht um die Seele zu heilen ist ein Trugschluss. Das ist als würde dir jemand sagen wie toll du doch den Stabhochsprung beherrscht und wenn du dann springen solltest geht es natürlich nicht. Dieses „Warum siehst du denn das nicht?“ und „Entsetzen darüber wie jemand so schlecht über sich denken kann“ finde ich kontraproduktiv. Ich habe die Erfahrung gemacht, dass ich dann wieder die Schuld bei mir suche und mir denke: ja warum kapier ich das denn noch immer nicht! So dreht sich die Spirale der Ablehnung weiter, finde ich. Du hast das ohnehin sehr treffend beschrieben! Es ist mir einfach sehr wichtig, dass nochmals zu betonen und ich wünsche dir viel Geduld und Achtsamkeit! Einen schönen Tag ❤ Melli

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  4. Deine Gefühle und Gedanken verstehe ich und vieles kann ich nachfühlen. Selbsthass ist für mich das Schlimmste auf der Welt, weil er die Grundlage unseres menschlichen Wesens zerstört. Selbsthass ist aber niemals gegeben. Selbsthass ist immer erlernt. Kein Baby, kein Kind entscheidet sich freiwillig: „So, ich bin sowas wie wertlos, unnutz, unfähig, nicht gut genug, hässlich… dass ich es nicht wert bin geliebt zu werden! Ab heute hasse ich mich und keiner soll bemerken, wie absolut schlecht ich bin!“ Die Geburt der Schauspielerin, deren Außenwelt immer stärker von ihrer Innenwelt abweicht. Zurück bleibt ein leeres Haus mit einer schönen Fassade.
    Wer hat diese verachtenden Gedanken in Dein Herz gepflanzt? Und wieso wiederholst du diese Worte nun bei Dir? Wer hat noch heute die Macht über Dich, Dein Denken und damit Dein Fühlen zu beeinflussen? Liebe Agnes, es gibt eine Sache, die Dir vielleicht helfen kann. Ich weiß es nicht, aber denk einfach mal drüber nach und stimme sie aber bitte mit Deinem/ Deiner Therapeuten/ in ab: Schreib Deine eigene Beerdigungsrede und halte sie laut vor einer anderen Person! Was würdest Du an Deinem Grab über Dich sagen vor allen, die dort stehen werden?
    Hört sich makaber an, ich weiß, aber vielleicht kann es für Dich ein weiterer Zugang zu Deinem Selbst sein, dass Du so sehr verachtest.
    Ich finde es sehr, sehr gut für Dich, dass Du weißt, dass eine Überforderung durch Deinen Ehrgeiz nicht gut tut. Genau dazu war die erste Reha gut und hat ihren Zweck erfüllt. Dein Fühlen kommt dem Handeln und Denken nicht hinterher. Du bist zu schnell! Und darauf reagiert Dein Körper, Deine Seele. Du bist so lange diesen für Dich schädlichen Weg gegangen. Wie lange gehst Du bewusst den Weg Deiner Heilung? Hab Geduld und Mitgefühl mit Dir! Ich bin ganz fest davon überzeugt: Du bist auf Deinem Weg, Schritt für Schritt ! Alles Liebe, Simone

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  5. Du bist auf dem richtigen Weg bedeutet ja nur: du bist auf dem Weg, der führt wohin, aber du bist noch nicht da, aber … du bist auf dem Weg :o) … Und das Tempo kannst nur du selbst bestimmen. Das positive Feedback ist der Proviant, den du auf dem Weg mitgenommen hast, Nahrung, die im Stoffwechsel erst transformiert werden muss. Nicht mehr, nicht weniger! Viel Glück bei deiner stetigen Verwandlung! :o)

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