Neue Station – Woche 1

Sobald ich den Internetverzicht freiwillig beschlossen hatte, fiel mir die Blogpause gar nicht so schwer. Ich kann es nur überhaupt nicht vertragen, zu irgendwelchen Dingen von Menschen oder Umständen gezwungen zu werden. Sofort meldet sich bei mir das stechende Gefühl des Erniedrigtwerdens.

Nun bin ich fast schon eine Woche lang auf der neuen Station. Bin ich „angekommen“? Nein. Geht es mir besser? Jein.

Gut ist, dass es hier wirklich ruhiger und vor allen Dingen friedlicher ist als auf meiner ehemaligen Station. Laut Patientenordnung der neuen Station wäre hier sogar verbale Aggression „verboten“. Ich musste lachen, als ich das las – schließlich waren einige Patientinnen der anderen Station regelmäßig wie die Furien schreiend aufeinander losgegangen. Es erscheint mir hier sogar immer noch ruhig, wenn die drei Babies, die mit ihren Müttern auf Station sind, im Chor weinen. Eher finde ich es beruhigend, so ein niedliches und unschuldiges Baby in den Armen der Mama zu sehen, auch wenn es mich andererseits auch sehr wehmütig macht.

Natürlich habe ich große Sehnsucht nach meinen Kindern, vermisse sie, mache mir um sie Sorgen. Ich will aber hier auf dem Blog diesen Teil meines Lebens bewusst auslassen, auch wenn er eigentlich einen überwältigenden Raum einnimmt – ich möchte nicht, dass in der „Öffentlichkeit“ über meine Kinder geschrieben und gelesen wird; aus Schutz ihrer Privatsphäre und weil ich das selbst auch nicht wollen würde. Mein Blog ist ja nun schon ziemlich „öffentlich“ – schon allein weil ich zwar noch immer unter Pseudonym schreibe, er aber auch im Familien- und Bekanntenkreis inzwischen kein Geheimnis mehr ist. Nachdem ich „verpetzt“ wurde, habe ich die Flucht nach vorn angetreten und mich weiter „geoutet“.

Wie ist das Leben hier? Ruhig, sehr ruhig. Bisher habe ich noch relativ viel therapiefreie Zeit, die ich auch zum Schlafen nutze. Nachmittags darf man das Gelände verlassen und spazieren gehen. Bisher war ich aber noch nicht zu Hause, weil ich das Gefühl habe, gerade noch viel Ruhe und Abschottung zu brauchen, um überhaupt Energie für die Therapien sammeln zu können. Zu Hause lauert das „Leben draußen“ mit allen seinen Problemen. Sobald ich nur daran denke, legt sich bei mir ein Stressschalter um und ich gerate in eine Art Panikstarre, die mir das Denken verunmöglicht. Ich bin immer noch müde und jede Aufregung verursacht sofort die üblichen körperlichen Schmerzen.

Die Mahlzeiten sind natürlich immer eine Herausforderung – mit knapp dreißig Menschen in einem Raum, mit mehreren an einem Tisch. Aufpassen, ja nicht aufzufallen, zu kleckern, um Himmelswillen keine Geräusche beim Essen zu machen und bloß niemanden ansehen (und dann gesehen und wahrgenommen zu werden, Anlass für Gespräche zu geben usw.).

Im Bett oder am Tisch im Zimmer, schreibend oder zeichnend, komme ich aber halbwegs zurecht, auch weil meine beiden Mitpatientinnen auch sehr ruhig sind. Vielleicht halten sie mich für spleenig, uninteressiert oder arrogant wegen meiner Stille, sind beleidigt, weil ich mich verschließe. Trotz allem: hier klappt die Abgrenzung von außen, die ich zu brauchen glaube, einigermaßen.

Die folgende Woche wird man mich sicherlich nicht mehr so sehr in Ruhe lassen, was meinen Stresspegel steigen lässt.
Aber Therapie ist kein schluffiger Spaziergang, das weiß ich, ja.

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6 Kommentare zu „Neue Station – Woche 1

  1. fein, dass du die neue station annehmen kannst.
    ein guter schritt, um weitere schritte zu gehen.
    ruhe ist eine prima voraussetzung um linderung zu erfahren wenn nicht sogar heilung.
    agnes, gib dir die zeit, die du brauchst, um zu dir zu kommen.
    deine sorge um deine kinder kann ich sehr gut nachvollziehen, doch gehe ich davon aus, dass ihr vater sich um ihr wohlergehen kümmert.
    ich freue mich schon auf näxte woche und deinem bericht.
    es grüßt dich herzlich die gramma

    Gefällt 1 Person

über einen - auch kritischen - kommentar werde ich mich sehr freuen

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