Abschluss – Teil 1: Eingeschnappt und trotzig!

Ich komme gedanklich einfach nicht los von Station 1.

Heute sprach ich mit meiner neuen Ergotherapeutin ein wenig über dieses Thema. Ich habe ihr auch erzählt, auf welche Weise ich von Station zu Station geschoben wurde – inzwischen habe ich nämlich die Zusammenhänge verstanden.

Vor nun zweieinhalb Jahren, als mein Zustand erstmals „katastrophal“ geworden war und nachdem endlich eine sogenannte rezidivierende Depression, die vormals als larvierte bzw. maskierte Depression unerkannt geblieben war, bei mir festgestellt wurde, hatte ich mich gegen eine für die Krankenkasse ja sehr teure Klinikbehandlung entschieden. Ich kam in das Programm der sogenannten „Integrierten Versorgung“, bei der ein ganzes Jahr lang dreimal, später ein- bis zweimal in der Woche eine psychiatrische Pflegekraft zu mir nach Hause kam, um nach dem Rechten zu sehen, mich zum Spazierengehen zu animieren und überhaupt – mit mir zu sprechen und mir zuzuhören.

Dafür bin ich gewissermaßen nun im Nachhinein bestraft worden: da ein Mitarbeiter dieses Pflegedienstes jetzt in diesem Krankenhaus auf der Depressions-Akutstation arbeitet, durfte ich dort nicht aufgenommen werden, als ich es dringend brauchte.

Was eigentlich eine Frechheit ist – die Krankenhausverwaltung stellt jemanden ein, der bei einem mobilien Pflegedienst desselben Einzugsbereiches gearbeitet hat – an sich kein Problem – und verweigert dann aber einer Patientin die Aufnahme auf der für Sie eigentlich passenden Station, weil sie von diesem Pflegedienst betreut worden war. Pech nur, dass mich auf der anderen Station auch jemand kannte und ich daher auf eine sehr unsensible Art und Weise auf die für Menschen mit sozialen Ängsten und Abgrenzungsproblemen denkbar unpassendste Station verlegt wurde, die man sich denken kann: auf eine Station, auf der ein großer Teil der Patienten krankheitsbedingt anderen Menschen viel zu nahe rückt, in der es laut und ruppig zugeht und in der Menschen mit Abgrenzungsproblemen geradezu gezwungen sind, die Schicksale der anderen in sich aufzusaugen.

Wenn ich mich nun frage, was ich dabei fühle, dann spüre ich vor allem wieder an erster Stelle eine Art des ErniedrigtWordenSeins – vielleicht ist dieses Gefühl einer der Hauptschlüssel auf meinem therapeutischen Weg.

Zum anderen fühle ich mich schlicht auch ungerecht behandelt, als für etwas bestraft, für das ich nicht verantwortlich bin und auch als „Opfer“ einer verfehlten Krankenhausverwaltungspolitik. Vielleicht bin ich auch ein bisschen „eingeschnappt“. Erinnert Ihr Euch noch an dieses Gefühl aus Eurer Kindheit? Seitdem habe ich dieses Wort nicht mehr gebraucht und schon gar nicht in Bezug auf mich selbst. Das Wort „Opfer“ verwende ich in diesem Fall bewusst – weil ich mich in jenem Moment schlicht nicht wehren konnte und wie ein hinkendes Reh dem Jäger ausgeliefert war.

Aber auch ein drittes Gefühl steigt in mir auf: mein Sinn für Gerechtigkeit und Solidarität und der Wunsch, mich zu wehren. Widerstand. Trotz! Wer die früheren Beiträge gelesen hat, wird sich auch an dieses „Schlüsselgefühl“ in mir erinnern. Mich hat der Kelch dieser verfehlten Verwaltungspolitik getroffen – gut, in positiven Momenten denke ich, dass ich an allen auch schlimmen Erfahrungen nur wachsen kann und werde und dass ich immerhin einen RiesenSiebenMeilenStiefelSchritt an Lebensklugheit vorangeschritten bin. Und es kann ja nun nicht jeder von sich sagen, auch mal in einer „richtigen Klapse“ gewesen zu sein. Hola! Aber es betrifft doch nicht nur mich, sondern sicher auch noch andere Patienten, vom gleichen Pflegedienst betreut und nun einer Krankenhausbehandlung bedürftig. Wie kann ich künftig schweigen und schulterzuckend meiner Wege gehen?

Noch habe ich nicht die Kraft dafür, mich zur Wehr zu setzen, mich wenigstens offiziell, aber bitte auch laut und gehört zu beschweren. Noch sammle ich Energie für die Selbstheilung. Mit diesem und dem noch folgenden Beitrag soll erst einmal die Erinnerungsarbeit an Station 1 fürs erste abgeschlossen sein. Aber es wird mir immer klarer, dass ich, wenn sich wieder stark und handlungsfähig bin, diese „Geschichte“ noch einmal aus der Schublade kramen muss.

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5 Kommentare zu „Abschluss – Teil 1: Eingeschnappt und trotzig!

  1. Wer sich nicht wertgeschätzt fühlt, wer merkt, er wird in seinen Bedürfnissen nicht wahr- und ernstgenommen, wer dann das Gefühl hat, dem anderen oder der Sitution hilflos ausgeliefert zu sein, wird in seiner Persönlichkeit verletzt. Es ist eine Grenzverletzung, eine Demütigung. Diese Gefühle schaffen Wut. Aber ich denke, dass Du das mit deiner hohen Selbstreflektion längst weißt! Ich finde es gut, diese Wut zu fühlen. Sie zeigt nämlich eines: Der Schutz Deines Selbst ist Dir wichtig. Und warum ist es Dir wichtig?…
    Damit meine ich nicht, man solle seine Wut pflegen, aber sie hat voll und ganz ihre Berechtigung und jetzt liegt es an Dir, welche Rückschlüsse Du daraus ziehen und ob Du noch einen Schritt weiter gehen wirst. Denn Wut ist sehr häufig der Mantel, der Schutz einer tiefen Traurigkeit und Leere, deren Kern ein Gefühl der unendlichen Einsamkeit ist. Und dieser Kern sehnt sich nach Heilung.
    Natürlich hört sich das alles irgendwie ganz einfach und logisch an. Aber mir haben diese Zusammenhänge und das Hinterherspüren sehr geholfen. Vielleicht helfen Dir diese Gedanken ebenfalls!

    Gefällt 3 Personen

    1. Liebe Simone,

      Deine Kommentare helfen mir wirklich sehr.

      In der Tat versuche ich hier ganz bewusst meine Gefühle (die ich lange eher als nicht relevant kaum wahrgenommen habe) zuzulassen und zu spüren – auch schlicht und einfach in Worte zu fassen oder zeichnerisch auf Papier zu bringen. Und dann zu sehen, wohin mich das führt. Zielstrebigkeit und Leistungswille helfen leider nur bedingt weiter, das habe ich schon gesehen.

      Ich weiß nicht, ob Du wirklich darauf hinaus wolltest, aber betrachte ich die Gefühle in mir mal aus noch einem anderen Blickwinkel: wenn ich mich ungeachtet, schlecht behandelt und erniedrigt fühle und deswegen auf eine gewisse Art trotzig und verärgert bin, dann bin ich mir selbst doch wichtiger als geahnt und fühle scheinbar doch auch, dass ich ein wenig mehr Wertschätzung meiner Persönlichkeit verdient habe. Das kann und werde ich durchaus als etwas positives sehen.

      Liebe Grüße
      Agnes

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      1. liebe agnes, nicht nur andere schätzen dich wert, vor allem du selber solltest dich wertschätzen. das misslingt dir manchmal wegen deines selbsthasses noch, aber du bist auf einem guten weg aus dem teufelkreis.
        dir ein ganz besonders angenehmes wochenende.

        Gefällt 2 Personen

      2. Genau das meinte ich! Und das ist Dein (Fort)-Schritt!! Du nimmst Dich ernst und damit als wichtig wahr und dedhalb wehrst Du Dich! Und als erwachsene Frau hast Du heute viel mehr Möglichkeiten als in fruheren Zeiten, wo Du diesem Gefühl hilflos ausgeliefert warst und Dir andere Strategien gesucht hast. Die sind deshalb nicht schlecht, bringen Dich aber genau an diesem Punkt nicht weiter. Ich glaube, es geht hier um ein ganz tief in Dir verborgenes Gefühl, was unbedingt möchte, dass Du es erstmal genau erkennst, es (als) wahr-nimmst und damit anerkennst! Liebe Agnes, ich bin keine Therapeutin. Deshalb bin ich mit Ursachenforschung vorsichtig. Biografien sind komplex, aber eines weiß ich 100%: Selbstliebe ist das Mittel gegen seelische Verletzungen und Selbsthass. Und diese Kraft hat jeder in sich! Du packst das, auch wenn es nur langsam geht und auch Rückschritte kommen.

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