Bücherwahnsinn

Eines meiner Ziele: bald wieder länger und vor allem konzentrierter lesen können.

„Früher“ habe ich gern und viel gelesen. Ich konnte nicht ohne Buch aus dem Haus gehen. Wo auch immer ich Wartezeiten zu überbrücken hatte, habe ich gelesen.

Besonders während der depressiven Schübe ist mir das Bücherlesen hingegen manchmal fast eine Qual. Meine Gedanken wollen sich einfach nicht auf den Inhalt einlassen, den es hinter den Buchstaben zu ergründen gibt. Manche Seiten lese ich zwei- oder dreifach und habe sie immer noch nicht verstanden. So macht das Lesen einfach keinen Spaß.

Hinzu kommen Fragen nach dem Sinn des Ganzen: man liest ein Buch und noch eines und später kann man sich nur noch bruchstückhaft daran erinnern. Wenn überhaupt. Manche Bücher hatte ich als Jugendliche sogar mehrfach gelesen. Wer mich aber danach fragt, worum es in Das Glasperlenspiel von Hesse oder Der Idiot von Dostojewski geht, wird mich hilflos mit den Schultern zucken sehen. Ich weiß nur noch, dass mir diese Bücher damals sehr gefallen haben. Mehr nicht. Das macht mich traurig und auf gewisse Weise auch hilflos.

Sicherlich – in mir, in meinem Kopf und meiner Seele – werden diese Romane dennoch etwas bewegt haben und das Lesen war nicht ganz nutzlos (muss überhaupt alles einen Nutzen haben? Angeblich nicht, auch wenn es mir schwer fällt, das für mich anzunehmen). So viele Bücher von „damals“ würde ich gern noch einmal lesen – schon allein um zu erfahren, wie sie mir jetzt – knapp ein Vierteljahrhundert Lebenserfahrung später – gefallen. Aber betrete ich dann eine Buchhandlung oder durchblättere ich die Rezensionen der Neuerscheinungen, gehen mir die Augen über und ich verzage fast, weil mich so viele Bücher interessieren würden und ich weiß, dass ich nur einen kleinen Teil davon werde lesen können. Schließlich ist das menschliche Leben endlich und ich habe noch so viele andere Interessen, die ich in meinen freien Stunden unterbringen muss/will. Wie kommt Ihr mit diesem Zwiespalt zurecht?

Hier in der Klinik habe ich ja (noch) relativ viel Zeit. So habe ich mir aus der nahegelegenen Bibliothek gleich einen ganzen Stapel Bücher ausgeliehen und „trainiere“ das Lesen. So habe ich z.B. „Die Physiker“ von Dürrenmatt erneut gelesen (auch hier konnte ich mich überhaupt nicht mehr an den Inhalt des Dramas erinnern) und pflichtschuldig die darauf folgende Nacht geträumt, alle psychisch Kranken seien eingesperrt und wahnsinnige Wissenschaftler würden an uns radioaktive Medikamente testen.

Nach ein paar kürzeren und eher ironisch-satirischen Erzählungen von Tschechow habe ich heute sein Krankenzimmer Nr. 6 wiedergelesen, was ich nicht bereut habe. Nach meinen Erfahrungen von Station 1 fühle ich mich natürlich auch literarisch zum Thema „Irrenhaus“ hingezogen. Die Mechanismen, die den Arzt Andrej Jefimytsch selbst in den angeblichen Wahnsinn treiben, kann ich inzwischen auch persönlich sehr gut nachempfinden.

Welche Bücher würdet Ihr gern ein zweites oder drittes Mal lesen?

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27 Kommentare zu “Bücherwahnsinn

  1. Pingback: Depressives Lesen – agnes p.

  2. Mir geht es so, dass ich schon lange nicht mehr in der Stimmung zum Lesen bin und auch durch meine Grübelei keine „Geduld“ zum Lesen habe. Und doch vergrößert sich meine Büchersammlung. Ich habe noch so viel zu lesen hier und finde es fast täglich schade, dass die Stapel immer noch unbeachtet da liegen.
    Wann, wann soll ich das jemals alles lesen?

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  3. Es gab eine Zeit, in der ich auch nicht lesen konnte. Ich hörte mir aber die Hörbücher „Märchen“ und „Bald ist Weihnachten“ von Astrid Lindgren an. Erst fand ich es seltsam, aber dann hatte ich das Gefühl, meinem Inneren Kind Nahrung zu geben. Es aufzupäppeln, gewissermaßen. Dann las ich „Ronja Räubertochter“ und die „Brüder Löwenherz“ und irgendwann war die Phase vorbei und ich konnte wieder Bücher für Erwachsene lesen. Ich habe daraus gelernt, dass es immer gut ist, wenn ich meinen Impulsen folge und mich nicht unter Druck setze. Und: alles, was es gibt, kann ich sowieso nicht lesen, darum habe ich beschlossen, mit dem zufrieden zu sein, was ich schaffe und mir ausgesucht habe! Aber: das war ein langer Weg, bis ich dahin kam!
    Liebe Grüße nach Berlin! Morgen fahre ich übrigens in Deine Stadt und besuche meinen Sohn.

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  4. Also ich les auch ab und an Bücher nochmal, bei denen es schon länger her ist. Bei mir gibt es auch so Zeiten, in denen ich mich nicht genug konzentrieren kann, um zu lesen, andere Male lese ich mehrere Bücher die Woche.

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  5. Nach meinem Zusammenbruch und langer Krankheit war es mir ebenfalls nicht möglich zu lesen. Mein Körper verweigerte jede Anstrengung. Das kann ich heute für mich gut nachvollziehen. Ich war all die Jahre viel zu kopflastig. Als ich wieder einige Seiten am Tag lesen konnte, waren es Bücher, die mir halfen, mich zu verstehen und zu verändern. So auch Erfahrungsberichte anderer. Die liebe ich, weil sie mir Mut machten. Heute habe ich fünf Bücher auf dem Tisch. Alle nur angelesen. Mehr nicht. Das finde ich aber nicht schlimm. Ich habe meine Prioritäten verändert. Da ich bei meiner Arbeit gedankl. Höchstleistungen vollbringen muss, brauche ich den Ausgleich. Das ist raus in die Natur u.v. allem die Fotografie. Ich will eher (er)leben als von Büchern gelebt werden.
    Es gibt aber ein Buch, das ich schon mehrere Male gelesen habe und erstaunt bin, immer wieder etwas Neues zu entdecken. Daran merke ich, dass ich innerlich wachse. Es ist „Die Kunst des Liebens“ von Erich Fromm.

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    • Das verstehe ich sehr gut.

      Bei mir ist das Problem, dass ich am liebsten beides machen will – lesen und erleben bzw. selber machen. Wenn ich in meiner freien Zeit zeichne, kann ich nicht gleichzeitig lesen oder durch die Natur spazieren und dann hadere ich mit mir, weil ich entweder das eine oder das andere nicht gemacht habe. Ich habe noch viel Arbeit vor mir, für mich selbst den inneren Ausgleich zu finden und damit zufrieden zu sein, was ich tue oder nicht tue.

      Die Kunst der Liebe ist mir auch schon mehrfach empfohlen worden. In der Tat habe ich dieses Buch bisher noch nicht gelesen. Es steht aber auf meiner Leseliste.

      Liebe Grüße

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  6. Guten Morgen Agnes! Ich kann mich an den Inhalt vieler Bücher, die ich in meiner Jugend gelesen habe auch nicht mehr gut oder sogar gar nicht mehr erinnern. Das neuerliche Lesen in Hinblick auf die dazugewonnene Lebenserfahrung ist sicher spannend! Siddharta würde ich gerne nochmal lesen, überhaupt Hesse (❤️) und die Wand. Ich wünsche dir einen schönen Tag!

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    • Danke für den Tipp!
      Ich kannte das Buch noch nicht, die Beschreibung liest sich aber interessant – passt auch auf die Fragen, die ich mir gerade stelle. Vielleicht ist das sogar noch etwas für die freien Stunden in der Klinik.
      Schöne Grüße
      Agnes

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  7. Liebe Agnes, ich könnte denken, du schreibst über mich – dieses Mühen beim Lesen, dieses schnelle Vergessen, diese Frage nach dem Sinn so einer Sache. Dann wieder sagen, es muss nicht alles einen Sinn machen – aber es muss mir wenigstens beim Lesen ein positives Gefühl geben.
    Ich, die ich viel eher manisch als depressiv bin, will lieber selbst aktiv sein – egal, in welcher Hinsicht. Wahrscheinlich bin ich deswegen so umtriebig in meiner Wohnung, so viel am Computer – ich will selbst etwas schaffen und nicht „konsumieren“. – Auch ich bemühe mich um Ruhe und Ausgeglichenheit – vielleicht gelingt es mir irgendwann doch noch.

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