Altersweisheit

Ich habe noch eine reichliche Stunde, bis ich zur Oberarztvisite muss.
Auf der letzten Station waren die Visiten für mich schrecklich. Hier ist das alles nicht ganz so schlimm. Zum einen erfährt man vorher die ungefähre Zeit, wann man an der Reihe ist und muss nicht zwischen einem Pulk von lauten Patienten sitzen und warten. Die Visite, die ich letzte Woche erlebte, glich außerdem nicht dem gefürchteten Tribunal, sondern war eine offene Runde, in der sogar ich es schaffte, etwas zu sagen und zwischendurch sogar die drei anwesenden Ärztinnen anzusehen. Für das Warten heute habe ich Strickzeug dabei. Dabei muss ich mich nicht zu sehr konzentrieren und habe doch etwas, was mich ablenkt, die Hände beschäftigt und Verkrampfungen vorbeugt.

Momentan bin ich auch recht zuversichtlich, glaube, dass der Aufenthalt mir hier wirklich etwas bringen könnte. Gerade dass der Terminplan noch nicht so vollgestopft ist und ich Pausen habe, mal wirklich ganz ohne Hektik lebe, Zeit und Raum zum Hinterfragen und Nachdenken bleiben, hilft mir.

Wahrscheinlich hilft mir dabei auch mein leicht fortgeschrittenes Alter und dass ich schon etwas krankheitserfahrener als die andere bin. Hier gibt es junge Mädchen, die stecken voller Ungeduld, dass es mit den vielen Therapien endlich losgeht, dass sie möglichst schnell wieder entlassen werden können, dass das Leben weitergeht. Dabei habe ich für mich inzwischen begriffen, dass die eigentliche „Heilung“ in den Pausen zwischen den Therapiestunden stattfindet. Das macht mich ruhiger, geduldiger, zufriedener und auch offener für alles, was hier passiert.

Überhaupt – ich bin erschrocken, unter welchem Druck hier die „jungen Leute“ stehen, im heutzutage verschulten Studium möglichst schnell voranzukommen, Leistung zu bringen, endlich eine „vernünftige“ Arbeit zu finden. Die Angst haben, mit noch nicht einmal dreißig Jahren, den Anschluss an die Arbeitswelt zu verlieren. Dagegen komme ich mir – nicht einmal zehn Jahre älter – geradezu altersweise vor. Ganz ehrlich – sicher wäre es schön, in einem jüngeren agileren Körper zu stecken, aber mit den „jungen Hüpfern“ möchte ich um nichts in der Welt tauschen.

Gerade habe ich das Gefühl, dass alles, was ich bisher erlebt habe – das Gute wie auch das Schlechte, jeder Schmerz und jede Freude – genau richtig waren. Wie oft habe ich mich in meinen kranken Stunden geärgert, dass ich mein Leben, meine Zeit mit Nichtstun vergeuden muss, dass ich nicht vorankomme, weil ich matt bin, Schmerzen habe, Energie und Antrieb fehlen. Vielleicht aber habe ich die letzten drei Jahre DepressionsEndlosSchleife gebraucht, um mir selbst Scheitern und Imperfektion zuzustehen und dadurch zu dem gewissen inneren Frieden zu kommen, den ich gerade heute Vormittag spüre.

Advertisements
Dieser Beitrag wurde unter Depression veröffentlicht. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

2 Kommentare zu “Altersweisheit

über einen - auch kritischen - kommentar werde ich mich sehr freuen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s