Der Säbelzahntiger

Trotz aller positiven Einstellung und Zuversicht – je näher die Visite rückte, um so höher schoss mein Puls. Meine Muskeln spannten sich, wie jederzeit zum Sprung bereit. Als wäre die Oberärztin ein Säbelzahntiger, vor dem ich weglaufen müsste. Hände zitterten. Jetzt fühle ich mich ganz erschöpft, als hätte ich sportliche Höchstleistungen vollbracht, im Nacken droht Muskelkater.

Während des Wartens zu Stricken ist auch nur dann gut, wenn man bereit ist, das Strickstück hinterher wieder aufzuribbeln. Ob es mich beruhigt hat? Ich weiß nicht, wie schlimm es ohne Stricknadeln gekommen wäre. Ich habe versucht, meine Gedanken aufs Stricken zu fokussieren: rechte Masche – linke Masche – rechte Masche – linke Masche. Dabei innerlich mir vorgesungen: ich bin – ganz ruhig – ich bin – ganz ruhig … Dabei auch wirklich ruhig zu werden, ist bestimmt auch Übungssache. Immerhin hatten meine Hände etwas zu tun und ich konnte im Arztzimmer das große Wollknäuel wie ein Kuscheltiere fest an mich pressen.

Die „Prüfung“ habe ich übrigens bestanden. Bei mir war ja nicht die Frage, ob es mir schlecht genug geht, um eine stationäre Behandlung zu „verdienen“. Eher sollte es sich erweisen, ob ich überhaupt schon wieder in der Lage bin, auf dieser Station zurechtzukommen und bei den Therapien mitzumachen. Nun steht es fest: ich darf bleiben, mein Therapieplan wird noch einmal um drei Therapiegruppen erweitert.

Ich bin erleichtert.

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6 Kommentare zu “Der Säbelzahntiger

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