Jetzt weiß ich …

… warum mir die Visite mit der ja eigentlich nett erscheinenden Oberärztin noch einmal zusätzlich Furcht einflößt: aus irgendeinem Grund erinnert sich mich an die Professorin, die mich zur Politikwissenschaftsnebenfachprüfung befragte. Diese Prüfung habe ich noch immer als traumatisches und tief, tief, tief demütigendes Erlebnis im Gedächtnis:

Ich war ja zum Ende meines Studiums vollkommen unerfahren, was mündliche Prüfungen betrifft, hatte mein ganzes Studium lang Hausarbeiten geschrieben und niemals mündlich Rede und Antwort stehen müssen. Bei dieser Prüferin hatte ich Schaf mich zur Prüfung angemeldet, obwohl ich bei ihr keine einzige Hausarbeit geschrieben hatte. Sie hatte also vor der Prüfung keine Ahnung, ob sie KleinDoofchen oder eine fähige Studentin vor sich hatte. 

Ich kann mich an diese halbe Stunde der Prüfung nur noch bruchstückhaft erinnern. Was ich noch weiß ist, dass die Schauspielerin in mir das Ruder übernahm und irgendetwas erzählte und dass mein Hirn nebenbei „Aha?“ dachte. Aber da mein Mund ja redete und redete, machte ich nach außen wohl keineswegs den Eindruck, ein Blackout zu haben.

Es muss ziemlicher Mist gewesen sein, den ich von mir gab. Die Prüferin glaubte sich großherzig, indem sie mir gerade mal noch eine vier gab, damit die Prüfung als bestanden galt. Der Beisitzer der Prüfung – vielleicht sogar jünger noch als ich – gab mir anschließend schulterklopferisch auf den Weg, dass es in den Politikwissenschaften ja doch nicht nur darum gehe, Fakten aufzuzählen, sondern diese auch abzuwägen und zu bewerten wären. Als ob ich das nicht selbst wüsste!!! Offensichtlich habe ich in dieser Prüfung den Eindruck gemacht, strunzdumm zu sein und mich mit Biegen und Brechen durch mein Studium gemogelt zu haben. Dabei war in allen meinen Hausarbeiten die schlechteste Benotung eine zwei. Noch immer beißt und brennt in mir das tiefe Gefühl der Demütigung. 

Ich habe mich damit abgefunden, dass auf meinem Studienabschlusszeugnis – das ja bei jeder Bewerbung bis ans Ende meines Lebens vorgelegt werden muss – hell und leuchtend diese vier prangt („damals“ flossen die Benotungen für die Hausarbeiten nicht mit in die Abschlussnote ein, die einzig und allein auf dieser einen halbstündigen mündlichen Prüfung beruht). Aber dass diese Professorin mich für eine dumme Gans hält, die unkritisch und unreflektiert einfach nur ein paar auswendig gelernte Fakten wiedergibt und dass mir dieser Beisitzer so väterlich zu erklären versuchte, was denn Politikwissenschaften eigentlich seien – das verursacht in mir noch immer beißende Schmerzen. Ich habe keine Möglichkeit, mich zu rechtfertigen, zu beweisen, dass ich so dumm gar nicht bin, und ich würde mich in tiefen Grund und Boden schämen, wenn ich dieser Professorin noch einmal über den Weg laufen müsste.

Dieses Erlebnis hat mein Selbstbewusstsein, was meine mündliche Redefertigkeit betrifft, natürlich nicht gerade gestärkt. Im Gegenteil – ich weiß ja, dass ich durchaus versagen kann und ja auch bereits versagt habe. 

Lange Zeit hatte ich mich damit zu beruhigen versucht, dass es kluge Menschen gibt, die reden, hingegen aber nicht schreiben können. Wenige Monate nach der Prüfung hörte ich ein Interview mit Jürgen Kuttner, in dem dieser Wasserfallschnellredner beschrieb, dass in ihm ein leeres Blatt Papier und der Befehl: „Schreib!“ ähnliche Ängste wie in mir das Sprechen müssen auslösen würde.

Ihr habt natürlich Recht, wenn Ihr meint, ich solle mich doch darauf konzentrieren, was ich kann, anstatt darüber nachzugrübeln, was ich nicht schaffe. 

Aber im Namen aller Menschen mit Sprechproblemen – die vor laufenden Kameras stottern und Unfug erzählen, die in größerer Runde den Mund gar nicht aufbekommen, die sich in Diskussionen nicht ausdrücken können und denen schlicht und einfach keine Argumente einfallen, weil gerade vor lauter Aufregung die Synapsen im Hirn falsch geschaltet sind –

Bitte!

Urteilt nicht vorschnell! Lacht und lästert nicht!

Gebt den Leuten eine zweite und dritte Chance, gebt ihnen Zeit!

Vielleicht sind sie nicht dumm und uninteressiert. Vielleicht haben sie einfach „nur“ mit dem Reden Probleme. 


Ich danke Euch von Herzen!

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11 Kommentare zu „Jetzt weiß ich …

  1. Ich kann mich in deinem Text so gut wiederfinden, auch ich habe dieses Problem, wenn es um mündliche Prüfungen geht … Meine erste Mündliche an der Uni endete mit einer 3,3, worüber ich ob des Lernens sehr enttäuscht war und einem beinahe Tränenausbruch angesichts der (nicht zutreffenden) Unterstellung vom Prüfer, ich hätte die Prüfungslektüre nicht gelesen….

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    1. Liebe Nelia, ja. Das macht dann ziemlich hilflos, weil man ja in dem Moment so erschlagen ist und sich nicht wehren kann. Es ist schon ziemlich gemein, so etwas unterstellt zu bekommen. Manche Prüfer haben vielleicht Verständnis, weil sie solche Aufregung aus eigener Erfahrung kennen, leider aber nicht alle.
      Ich habe nach der Prüfung überlegt – sollte ich doch jemals an die Universität in die Lehre gehen, dann unbedingt auch spezielle Sprechtutorials für Schüchterne und Redegehemmte anzubieten, in denen solche Situationen geübt werden können. Du hast ja wahrscheinlich noch ein paar Prüfungen vor Dir. Vielleicht wird Dir das helfen?
      Liebe Grüße
      Agnes

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      1. Liebe Agnes,
        so ein Tutorial fände ich eine klasse Idee! Ja, zwei mündliche Prüfungen muss ich leider verpflichtend noch machen, der Rest besteht dann aus schriftlichen Prüfungen und der Abschlussarbeit.

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      2. Ich weiß ja nicht, an welcher Uni Du bist, aber vielleicht lässt sich so etwas auch von Studierendenseite organisieren?
        „Zu meiner Zeit“ gab es so genannte „Projekttutorien“, an denen Studierende selbst Tutorien organisieren und anbieten konnten – Teilnehmende konnten dafür selbst sogar Anwesenheitsscheine erwerben. Vielleicht wäre das etwas? Wir sind ja leider nicht die einzigen mit diesem Problem, es gibt bestimmt sehr viel Bedarf …

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  2. Ich habe auch eine Vier auf dem Abschlusszeugnis, das juckt mich nicht, zumal ich das Zeugnis bislang wirklich noch nie vorzeigen musste (juckt mich eigentlich fast mehr). Allerdings war die Note auch berechtigt. Ich war grottenschlecht, doch, zu meiner Ehrenrettung, ich war auch mit 39°C Fieber angetreten: ich wollte es einfach hinter mir haben. Die zweite mündliche Prüfung habe ich auch fast versemmelt, weil ich beim dritten Thema eine derartige Blockade hatte, dass mir wirklich kein Wort mehr zu entlocken war. Ich hatte zum Glück einen Prüfer, der mich kannte. Und großzügig darüber hinwegsah, auch weil ich die ersten beiden Themen bereits bestanden hatte. Er gab mir auf den Weg, Sprechen zu üben, zur Not eine Therapie zu machen. Ich gehe bis heute gelegentlich zu Coachings, um mich wieder aufzubauen. Übrigens: Selbst die, die es können, haben oft eine riesige Angst. Bingo?

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    1. Liebe Stephanie,
      Ja, ich weiß, dass es viele andere Leute auch gibt, die Angst in solchen Situationen gibt. Das zu wissen, macht mir die Furcht nicht erträglicher – was habe ich davon, wenn ich weiß, dass es anderen auch nicht gut geht, mir macht das eher im Gegenteil ein schlechtes Gewissen, weil ich mich dafür kritisiere, dass ich unter meiner Situation „leide“, wo sie doch so alltäglich und eigentlich „pillepalle“ ist.
      Mir hilft es aber, über die Angst zu reden oder aber zu schreiben – das stellt sie bloß und plötzlich wirkt sie auf mich schon allein deswegen kleiner. Auch von anderen zu erfahren, wie sie bestimmte Dinge erleben bzw. erlebt haben und wie sie jetzt damit umgehen, kann helfen. Deswegen freue ich mich auch über Deinen Kommentar.

      An Workshops zum Thema Sprechen habe ich übrigens nach diesen Prüfungen auch teilgenommen. Das hat mir zumindest soweit geholfen, dass ich ein paar Jahre Berufsleben mit Telefondienst und Kundenkontakt überstanden habe – bis mir dann Körper und Seele vor ca. drei Jahren einen Vogel gezeigt und ziemlich scharf die Notbremse gezogen haben.
      Jetzt versuche ich mich wieder einmal aufzurappeln, wozu gehört, gewisse kommunikative Fähigkeiten wieder (neu) zu lernen, aber auch zu verstehen, wo bestimmte Handlungs- und Denkmuster herkommen. Insofern war diese Prüfungserinnerung, die mich gestern ansprang, so etwas wie ein Aha-Erlebnis.
      Liebe Grüße
      Agnes

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      1. Du must doch kein schlechtes Gewissen haben – ? Es ist nur nicht so selten, dass Leute Angst haben oder sich unwohl fühlen. Für mich waren die Prüfungen weder egal noch pillepalle. Ich habe sie genauso versemmelt mit dem selben Ergebnis. Aber es beeinträchtigt mein Leben nicht. Weil ich es o.k. finde, Sachen nicht zu können oder nicht zu mögen. Es ist nicht schlimm. Am Telefondienst würde ich wahrscheinlich sterben. Mir hilft es übrigens bestens, wenn ich weiß, dass andere auch leiden. Weil ich dann verstehe, dass meine Maßstäbe vielleicht verschoben sind, in dem Sinn, in dem ich mir viel zu viel zumute.

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      2. Liebe Stephanie,
        Das mit dem „schlechten Gewissen“ scheint bei vielen Depressiven mit Teil der Krankheit zu sein. Es ist inzwischen damit auch schon besser. Eine Zeitlang hatte ich wegen allem, was ich tat oder auch nicht tat, ein ungutes Gefühl. Das immerhin kann ich jetzt einordnen und zu anderen, die sich auch mit schlechtem Gewissen plagen, sagen: Ich kann Dich sehr sehr gut verstehen, aber das ist nur diese Stoffwechselstörung in Deinem Gehirn, die Dir das einflüstert. Ich selbst davon abzubringen, ist da schon schwieriger, weil ja viele Menschen zu sich selbst härter und strenger sind als zu allen anderen. Das ist nicht unbedingt Teil der Krankheit Depression, aber einer der Faktoren, die bei manchen eben zum Ausbruch der Krankheit führt. Insofern ist es wirklich eine gute Sache, die Maßstäbe, die man an sich selbst stellt, regelmäßig zu überprüfen und eventuell zu korrigieren.

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  3. Ich,habe mich zu solchen anlässen immer selbst durchfallen lassen. Aber das ist illegal und nicht alle profs erlauben es. Manche bestehen auf die schlechte Note. Viele aber haben Verständnis und man kann die Prüfung noch mal ablegen. Schließlich haben fast alle Leute Bammel vor Prüfungen und viele auch blackouts. Danke an unser schulsystem!

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