Sterben

Macht es Euch auch so traurig und betroffen, wenn Persönlichkeiten aus dem öffentlichen Leben sterben – egal, ob ihr gutes oder schlechtes damit verbindet?

Ich weiß, es ist blödsinnig, aber für mich bricht damit auch immer ein Stück meines eigenen Lebens weg, mir peitscht sich in Erinnerung, dass das Leben endlich ist. Dass auch ich immer älter werde und dass auch mein Dasein irgendwann zu Ende sein wird.

So nimmt mich auch die aktuelle Nachricht vom Tod Manfred Krugs mehr mit als sie eigentlich sollte. Ich weiß, es ist dumm, und ich sollte gerade jetzt nicht über verstorbene Schauspieler nachdenken, die ich nicht einmal persönlich kannte. Lächerlich, dass ich sogar der Meinung bin, heute noch einen WordPressBeitrag schreiben zu müssen.

In diesem besonderen Falle aber liegt die Sache noch etwas anders, weil mit der Todesschlagzeile auch viele persönliche Erinnerungen in mir aufblitzten, die nun in mir herumgeistern und in ein Gefühl von Trauer und Wehmut auslösen. 

Bei Manfred Krug überlappte ich mein und meiner Eltern Schauspielergeschmack. Sein Name löste bei uns zu Hause immer ein gewisses wohlwollendes Schmunzeln aus (obwohl ich aus dem Munde einer Frau, die ihn persönlich kennengelernt hatte, auch hörte, dass er im wirklichen Leben gar nicht so sympathisch war, wie er in Film und Fernsehen wirkte). 

Wir hatten die Schallplatte „Lyrik Jazz und Prosa“ zu Hause, die ich sehr liebte und oft, sehr oft sogar, hörte. Am meisten mochte ich Krugs Lesung der „Kuh im Propeller“.  Die DDR-Film-Klassiker mit ihm habe ich als Kind natürlich nicht gekannt, Filme wie „Spur der Steine“ erst gesehen, als es diesen Staat längst nicht mehr gab. Übrigens habe ich auch den Roman gelesen, und zwar in einer Phase, in der es mir emotional sehr schlecht ging und an die ich nur mit psychischen Schmerzen zurückdenke. Ich bin mir nicht sicher, ob ich jemals darüber werde öffentlich schreiben können, jedenfalls denke ich gerade jetzt auch unweigerlich und mit Trauer an jene Entscheidung, die ich damals traf, zurück, wenn nun der Name Manfred Krug fällt.

Auch an meine verstorbenen Großeltern muss ich denken. Übrigens träume ich hier in der Klinik fast jede Nacht von ihnen. Wenn ich bei ihnen war, lief (montags?) im Vorabendprogramm „Auf Achse“ – erinnert sich jemand an diese Serie? Ich sehe meine Oma vor mir, wie sie auf ihrem Sofa sitzt, sehe das großelterliche Wohnzimmer und Manfred Krug als lässigen kauzigen Fernkraftfahrer auf dem Bildschirm, der die weite Welt befuhr. 

Ich sehe mich später mit meinen Eltern vor dem Fernseher sitzen – im Westfernsehen lief „Liebling Kreuzberg“. Diese Serie wurde ja schon gedreht, da stand die Mauer noch. Die Sendung spielte wenige hundert Meter von unserem Zuhause entfernt, scheinbar für Ewigkeiten unerreichbar auf der anderen Seite der Mauer. Liebe Mutti, falls Du das jetzt lesen solltest, bitte verzeih, dass ich auch folgende für uns naive Ossis etwas peinliche Erinnerung hier öffentlich preisgebe: Am Tag unseres ersten Ausflugs in das für mich märchenhafte Westberlin, an dem meine Eltern und ich zu Fuß durch die halbe Weststadt gelaufen sind, entstand auch das erste Westberliner Foto in unserem Familienalbum: wir, in unseren Anoracks,  Hosen und Schuhen ganz unschwer als Bürger der DDR zu erkennen, vor einem riesigen Plakat Schultheisswerbung mit … natürlich Manne Krug. 

Ich könnte so weiter plaudern, will es aber dabei belassen. Letztenendes sind meine „Nachwendefernseherfahrungen“ mit Krug nicht mehr ganz so prägend gewesen – einige Jahre hatte ich ja nicht einmal einen Fernseher.

Um den Beitrag mit etwas lustigem abzuschließen: über mein WordPresskonto kann ich keine Filme verlinken, aber falls Ihr fünf Minuten Zeit habt: gebt „Die Kuh im Propeller“ in die Maske Eurer Suchmaschine und Ihr findet sofort den kleinen Hörausschnitt. Hört, lacht – oder berichtet mir, ob man ohne realsozialistische Alltagserfahrung den Witz der Satire überhaupt verstehen kann. Da bin ich mir nämlich gar nicht mal so sicher. Aber einen Versuch ist es wert. Viel Spaß dabei!

……..

Aha, Filme einzubetten klappt jetzt offensichtlich auch von meinem Account … Nun denn – aber die Tonqualität ist eher im Wortsinne „berauschend“ … 

Advertisements

10 Kommentare zu „Sterben

  1. Zwar war ich bei MK nicht so betroffen, aber Deine beschriebenen Gefühle kenne ich gut. Michael Jackson, Udo Jürgens, Prince, David Bowie. Mit jedem ist auch irgendwie ein Stückchen von mir gegangen. Das tut weh und natürlich merkt man daran, dass nichts so bleibt wie es ist. Dass auch wir werden gehen müssen. Wer darüber nicht traurig ist, der ist ein guter Verdränger oder gefühlskalt. Und schau Dir unsere Welt an: Der mangelt es sicher nicht an Gefühlosigkeit und Selbstreflektion was unsere Endlichkeit angeht! Würde das jeder wirklich begreifen wäre für jeden der unschätzbare Wert seines Leben und das Leben der anderen viel bewusster und dieses Leid heute wäre sicher weniger! Und ich finde es überhaupt nicht schlimm, aus DIESEM Grund an Tod zu denken, denn mir hilft es täglich zu entscheiden, was und wer für mich wichtig ist. Zeit – meine Lebenszeit – ist das kostbarste was ich geben und von anderen geschenkt bekommen kann. 🙂

    Gefällt 1 Person

  2. Fremde Welt, der Osten.
    Nicht mehr so wie 1990, aber immer noch ein wenig.
    Mir hier im tiefen Westen waren die Niederlande stets näher als die ehemalige DDR. Nicht nur geographisch…

    Auch mir wird mit dem Ableben vertrauter Gesichter bewusst, dass wir bald „die Alten“ sind, vorerst auf besten Wege dorthin 😉

    Gefällt 3 Personen

  3. Wie immer man zum Sterben von bekannten Persönlichkeiten steht, es sind Deine Gefühle. Die sind so. Das ist nicht blödsinnig, dumm oder lächerlich. Das ist völlig in Ordnung so.
    Und schau Dich mal um. Du bist sicher nicht alleine damit, dass Dir das Sterben von Leuten, die Du persönlich nicht kennst, nahe geht.

    Gefällt 4 Personen

    1. Danke für Deinen Kommentar. Ich glaube in meinem persönlichen Umfeld sind tote oder lebendige Persönlichkeiten eher kein Thema. Für mich ja normalerweise auch nicht – nur, wenn sie sterben, berührt mich das. Aber offensichtlich scheint es ja doch noch viele andere zu geben, denen das nahe geht.

      Gefällt 1 Person

  4. liebe agnes, es ist müßig sich über das ableben bekannter persönlichkeiten gedanken zu machen, denn wir müssen alle einmal für immer gehen.
    auch ich kenne die serie „auf achse“ wie auch „liebling kreuzberg“ und diverse folgen mit krug im „tatort“ aus hamburg.
    in erinnerung ist mir ein artikel aus der zeitung geblieben, in dem geschrieben stand, dass krug in einer auseinandersetzung mit einem anderen autofahrer diesen geohrfeigt haben soll.
    schauspieler sind eben auch nur menschen, die manchmal die beherrschung verlieren.
    werde bald wieder gesund, damit du fröhliche dinge beschreiben kannst.

    Gefällt 1 Person

über einen - auch kritischen - kommentar werde ich mich sehr freuen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s