Wieder Dienstag

Heute war wieder einmal Oberarztvisite, die ich diesmal ganz gut, wenn auch nicht glanzvoll überstanden habe.

Das lag auch daran, dass ich vorher keine Zeit hatte, mir bange Gedanken zu machen – ich hatte erst Ergotherapie, die mich innerlich sehr stabilisiert und ausgleicht. Dann musste ich schnell mein Mittagessen in mich hineinstopfen, damit ich pünktlich zum mir zugedachten Zeitfenster vor dem Visitenraum sitze. Als ich dann dort war, kam ich auch sofort dran.

Grund 2 für meine vergleichsweise Gelassenheit: ich hatte ja nun schon zweimal die Visite überlebt und die anwesenden Personen waren immer geduldig und freundlich mit mir umgegangen, so dass ich auch diesmal nicht mit bösen Überraschungen hatte rechnen müssen.

Letzter Grund: die Oberärztin leitet auch die Skillsgruppe, in der ich jetzt freitags bin. Die eine anwesende Ärztin hatte mich auch auf dem Flur einmal angesprochen. Je besser ich mein Gegenüber kenne und je öfter ich bereits mit der Person geredet habe, um so geringer wird auch meine Angst.

Demzufolge bewege ich mich auch hier auf der Station immer angstfreier, da ich die Räume, das Pflegepersonal und die anderen Patienten kenne. Mit einigen Patientinnen (hier sind in der Mehrheit Frauen – das mag vielleicht an den Babies auf der Station liegen) habe ich nun hin und wieder gesprochen. Ich kann mich ohne großes Stottern an Gesprächen bei Tisch beteiligen. Auch in den Therapiegruppen, an denen ich teilnehme, schaffe ich es zu reden. Allerdings bin ich immer noch von der Teilnahme an den einen Gesprächsgruppen befreit.

Wie jeden Dienstagabend wartet auch heute noch eine besondere Herausforderung auf mich. Auch auf dieser Station gibt es einen Gemeinschaftsabend. Allerdings zerren die Schwestern die Patienten nicht an den Haaren dorthin und der unsägliche Herr W. treibt hier auch nicht sein Unwesen.

Am ersten Gemeinschaftsabend hier hatte ich es gar nicht aus dem Zimmer geschafft. Im Gegensatz zu vielen anderen Depressiven geht es mir morgens besser als Abends. Zu später Stunde noch so eine Gruppenaktivität ist eine echte Herausforderung für mich.

Vor einer Woche habe ich es immerhin bis vor die Tür geschafft, die offen stand, und hineingelugt, mich dann aber leise wieder weggeschlichen.

Mal sehen, wie ich es heute schaffe. Es soll wieder in der Gruppe gespielt werden und Kommunikation und Interaktion sind gefragt. Die Oberärztin fragte zwar, warum ich es nicht versuche – ich könne ja jederzeit wieder gehen. So einfach ist die Sache aber nicht – ob ich die Kraft hätte, wieder aufzustehen, eventuell von allen gesehen und bemerkt hinauszugehen und damit in den Fokus der Aufmerksamkeit zu rutschen, weiß ich nicht.

Anfang dieses Jahres hatte ich einmal an einem für mich ganz gruseligen Wochenendzeichenkurs der Volkshochschule teilgenommen, in dem ich mich überhaupt nicht wohl fühlte, somit auch gar nicht konzentrieren, geschweige denn kreativ sein konnte. Schlau wäre es gewesen, einfach wieder zu gehen, anstatt meine Zeit abzusitzen, immer weiter in meine Angstspirale zu rutschen und ein Gefühl der kompletten Peinlichkeit zu durchleben. Aber ich konnte einfach nicht gehen, saß dort wie festgekettet, schwitzend, wie die Maus vor der Schlange, kritzelte irgendwas und beugte mich möglichst tief über das Papier, um niemandem auch nur die kleinste Möglichkeit zu geben, mich anzusprechen.

Ich weiß selbst, dass es auf Dauer nicht sinnvoll ist, in der Vermeidung zu bleiben und solchen Gefahren bis ans Ende meiner Tage aus dem Weg zu gehen. Gerade steht für mich aber im Focus, die Depression und die Schmerzen zu überwinden, körperlich und psychisch wieder einigermaßen stabil zu werden. In weniger depressiven Phasen ist meine Angst sowieso wesentlich schwächer und es wird leichter sein, sie anzugehen.

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7 Kommentare zu “Wieder Dienstag

  1. Pingback: In der Tagesklinik – agnes p.

  2. liebe agnes, mit großer freude lese ich deine kleinen fortschritte und bin schwer begeistert. ich kenne ja den grund deiner schweren despression nicht, doch hege ich die hoffnung, dass du sie überwinden kannst.
    möge die kraft mit dir sein.
    herzlichst genogramma
    ps. gern würde ich dich einmal in den arm nehmen, um dich freundschaftlich und mut machend zu herzen.

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