Der vorletzte Klinikdienstag?

Heute war wieder Oberarzvisite – zu meiner Freude im kleinen Kreis mit nur drei Ärztinnen. Viel wurde nicht besprochen. Mein vorläufiger Entlassungstermin ist weiterhin der 8. Dezember, also übermorgen in einer Woche. Je näher dieser Tag rückt umso nervöser werde ich. Ähnliches habe ich auch bei Nelia gelesen; diese Zustände sind also relativ normal. So richtig kann ich mich ein „Leben nach der Klinik“ nicht vorstellen. Die Welt „außerhalb“ scheint mir fern und fremd. Aber den Klinikalltag habe ich ebenso satt und zähle die Tage bzw. Nächte, die ich noch hier verbringen werde.

Wie genau es nach der Klinik weitergeht, werde ich am Freitag dann mit meinem Psychotherapeuten besprechen. Meine Ergotherapeutin hat für die letzten Stunden hier eine Art „Belastungstraining“ vorgeschlagen, damit ich auf das Nachklinikleben besser vorbereitet bin und nicht als „emotionale Nacktschnecke“ dastehe. Da wegen Krankheitsvertretung aber einige Stunden ausfallen, bleibt nur wenig Zeit. Ich habe mir überlegt, eine Tasche zu schneidern, in der ich meine A3-Zeichenmappe transportieren kann. Morgen werde ich den Stoff dafür besorgen. Dazu muss ich in ein kleines Schneidergeschäft hineingehen, dort den Stoff aussuchen und zuschneiden lassen – das ist ja für mich schon die erste Hürde – je kleiner und familiärer das Geschäft und umso sichtbarer der Kunde ist, umso schwieriger ist es für mich. Große anonyme Kaufhäuser mag ich zwar auch nicht, fühle mich dort aber unsichtbarer und daher sicherer. Außerdem möchte ich noch einmal Wolle besorgen – meine neue Zimmernachbarin will Stricken lernen, darf aber gerade die Klinik nicht verlassen und ich habe ihr angeboten, entsprechende Wolle mitzubringen.

Anders als bei Nelia ist es in meiner Klinik nicht möglich, dass die Patienten am Wochenende zu Hause übernachten – das wird nur ausnahmsweise Eltern von sehr kleinen Kindern und den Müttern auf der Station mit ihren Babys gestattet. Vermutlich hat das vor allem finanzielle Gründe, denn wenn die Patienten außerhalb der Klinik übernachten, bekommt die  Klinik von den Krankenkassen kein Geld. Sogar für die Weihnachtfeiertage wird es keine Ausnahme und nur den für die Wochenenden üblichen Tagesausgang geben.

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15 Kommentare zu „Der vorletzte Klinikdienstag?

  1. liebe agnes, einen kleinen rat habe ich für dich. bemühe dich um ambulant betreutes wohnen. dann kommt eine sozialarbeiterin zu dir, mit der du vieles besprechen kannst und die auch hilfe beim einkaufen gibt. also bei erledigungen außerhalb deiner wohnung. dazu stellt frau einen antrag beim zuständigen sozial-psychiatrischen dienst deiner heimatstadt. mir ist das eine große entlastung, da meine familie nicht funktioniert und ich mich in gesprächen erleichtern kann.
    dein betreuer kann dich dabei sicher unterstützen. es ist nur ein vorschlag.
    ich wünsche dir noch einen angenehmen restaufenthalt in der klinik.

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  2. Ich denk´ an dich, ganz fest!
    Schritt für Schritt, Tag für Tag, notfalls auch Minute für Minute sehen und nicht den ganzen Berg, der noch vor einem liegt, diese Sichtweise hilft mir etwas.
    Alles Liebe,
    Nelia

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  3. Die Ängste hatte ich auch. Wird mich das „normale“ Leben überwältigen? Ich hatte aber Anker: v.a. meine Therapeutin und die Reha-Nachsorge-Gruppe. Ich hoffe, dass Du ebenfalls gut nach der Entlassung betreut wirst. Ansonsten forder das ein. Die Familie/ Partner alleine können das nicht stemmen. Man braucht professionelle Betreuung, quasi psycholog. Nachsorge und Begleitung! Alles Gute!

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    1. Ich habe eventuell die Möglichkeit, erst noch eine Weile in der Klinik als „Tagespatientin“ zu bleiben, dann würde ich (wochen)tagsüber noch die sichere Umgebung der Klinik und die mir inzwischen vertrauten Menschen haben, über Nacht aber schon wieder ein „normales“ Leben in der „richtigen“ Welt führen. Mal sehen, ob das morgen auch mein Therapeut befürworten wird.

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  4. Ich kann mir vorstellen, wie mulmig das doch trotz aller Freude für dich sein muss Agnes. Auch wenn es kein schöner Ort ist, so fühlt man sich doch wahrscheinlich ein Stück beschützt vor der Aussenwelt. Sobald man zu Hause ist kommen die Zweifel und die Eigenverantwortung.
    Wie lange bist du nun schon dort?

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    1. Ende September kam ich auf die geschlossene Station. Diese Zeit würde ich aber nicht wirklich zur Therapiezeit rechnen, da ich mich dort nicht gut aufgehoben gefühlt habe. Auf dieser Station hier bin ich nun seit knapp sieben Wochen. Sechs bis acht Wochen sind hier die reguläre Behandlungszeit, ich bin also noch im guten Rahmen.

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