Kopfgeburt – Eine Einhornbildgeschichte

Statt tränenschwang`rer Worte, rührseligem Blick zurück und vorsatzvollem Zukunftsplanen eine kleine Endjahresbildgeschichte.

Natürlich wünsche auch ich Euch das, was man sich so heute gegenseitig wünscht, und zwar aus ganzem Herzen.

Einen lieben Gruß an Euch alle

 

 

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Achtsam sein

Mitten auf der grau-braunen feuchten trist wirkenden Wiese – ein Gänseblümchen, zart und schön.

Es gibt sie noch, die kleinen bunten Blümchentupfer, auch jetzt, am Ende des Jahres. Aber oft nehmen wir uns nicht die Zeit, sie wahrzunehmen. Wie traurig – für uns!

Morgen ist auch noch ein Tag

Inspiration geholt + Thema verfehlt = Kurzgeschichte entstanden

Ich hatte Lust, mich beim Story-Samstag von Tante Tex zu beteiligen.

Um die vorgegebenen Wörter

  • Drehmoment
  • Revision
  • Vertreter
  • Ostpreußen
  • Konferenz

eine Geschichte zu entwickeln, hatte ich Lust. Aber das Thema Weihnachten reizte mich nun wieder ganz und überhaupt nicht.

Es entstand eine ganz und gar unweihnachtliche Kurzgeschichte, die einzig und allein die Tatsache, dass ich sie an Heiligabend verfasst und für die Audioversion vorgelesen habe, mit diesem Fest verbindet.

Trotz des „verfehlten Themas“ wage ich, die Erzählung hier zu präsentieren, bewusst allerdings erst heute und nicht bereits zum Fest, an dem viele von Euch doch wohl eher nach Frieden, Freude und Besinnlichkeit trachten.

Hier die Hörversion:

Morgen ist auch noch ein Tag

und hier nun die Geschichte in der klassischen Schriftform:

Morgen ist auch noch ein Tag

„Na, wie haben wir denn heute geschlafen?“, fragt mich Sabine, unsere Praktikantin auf Station. Sie erwartet keine Antwort, sondern schiebt mich viel zu schwungvoll aus dem Zimmer, rast mit mir über den Flur hinüber in den Essraum. Das Mädchen hat schlechte Laune, das rieche ich. Meiner Nase macht keiner was vor. Meine Augen tun’s nicht mehr, der Rücken ist krumm, die Beine schwach. Ohne Hörgerät verstehe ich nicht einmal mehr Bahnhof. Aber meine Nase ist so fein wie die eines Neugeborenen. Oft ist das mehr Fluch als Segen. Hier riecht’s nach alten Leuten, nach Pisse, Kotze und ungewasch’nen Achselhöhlen. Und nach dem Tod. Gestern hat’s den alten Udo erwischt. Hätt‘ ich nicht gedacht, dass der vor mir seinen Löffel abgibt, der alte Knoblauchfresser.

Im Speisesaal sitzen schon die anderen Alten, blicken trüb in ihre Schüsseln. Bombenstimmung ist hier, jeden Tag das Gleiche. Als ich laut und herzhaft rülpse, verzieht nur Irene ihren schmalen Mund – geboren in Ostpreußen, Exlehrerin für Deutsch und Mathe. Die alte Schreckschraube sieht aus, wie direkt aus dem Lexikon der Klischees entsprungen.

Sabine umkreist meinen Mund mit einem Löffel Grießbrei. Ich presse die Lippen fest und beharrlich aufeinander. Pfui, diese süße Plörre! Soll sie das Zeug den anderen Alten in die Gusche stopfen; die sind dement und haben nachher diesen Fraß schon wieder vergessen. Das Mädel lässt nicht locker, stochert mit ihrem Ekellöffel zwischen meinen Lippen herum und glaubt, ich falle darauf rein und mache brav den Mund auf. Vergiss es, ich werd‘ Dir was husten! Ich hole tief Luft und puste die Pampe in ihr sorgfältig geschminktes Gesicht.

Als ich wieder aufwache, sitzt Lisa, meine Lieblingsenkeltochter neben meinem Bett und tippt mit wichtiger Miene irgendetwas in ihr Smartphone. Ich beobachte sie heimlich von der Seite.

„Opi, was machst`n Du für Sachen?“, fragt sie mich, als sie es bemerkt. Dann steht sie auf, haucht mir einen Kuss auf die Wange und schwebt zur Tür. „Der Doktor hat dir eine Spritze gegeben und ab morgen kriegst Du neue Pillen, sagt die Schwester. Du warst wohl irgendwie … naja …“ Sie verstummt und schaut zu Boden. Es ist ihr wohl peinlich, darüber zu sprechen. Auch ich habe keine Lust dazu. Meine Handgelenke schmerzen noch ein wenig – Sabine hat einen beherzten Griff – und die Spritze macht nicht nur meinen Geist und meinen Körper, sondern auch meine Zunge träge. Wohlig träge!

„Mutti kann erst morgen Abend kommen, sie ist auf einer Konferenz in Prag. Und ich muss lernen, hab am Freitag Prüfung. Über die Messung und Berechnung des Drehmoments am Beispiel des Elektromotors. Ist superwichtig, weißt Du? Hab dich lieb, Opi. Ich komme am Sonntag um drei und stelle Dir Henry vor. Kuss Kuss!“ zwischert sie und fliegt davon.

Wozu das alles, dieses Leben. Nur weil ich alt bin und nicht mehr selber laufen kann, nimmt mich niemand ernst. Der Arzt ist ein junger Spund, noch grün hinter den Ohren und hält mir Vorträge, wie ich mich zu benehmen habe. Ich könnte mich beschweren – über alles hier. Über den Fraß, über die Von-Oben-Herab-Behandlung und das Ruhigstellen. Über die kleinen Zimmer mit den dünnen Wänden, durch die man nachts das Jammern der anderen hören kann. Aber was soll’s? Wird sich etwas ändern? Nein! Es kommt eine Revision, natürlich nach Vorankündigung. Ein Vertreter der Rentenversicherung geht durchs Haus und macht Notizen. Die Überprüfung wird ergeben, dass alles nach Vorschrift läuft und weiter geht’s im alten Trott.

Bis ich eines schönen Tages meine letzte Reise antrete. Die Leichenträger kommen nachts, um die anderen zu schonen. Raus geht`s durch den Hintereingang und ab in den schwarzen Wagen. Meine Sachen werden in Mülltüten gestopft und meiner heulenden Tochter in die Hand gedrückt. Ich fühle, dieser Tag ist nicht mehr fern.

Bis dahin aber mache ich die Augen zu und träume von früher. Morgen ist auch noch ein Tag.

Wieder Dienstag – und doch so anders

Zwischen den Jahren habe ich einen neuen Pfad auf meinem Therapieweg eingeschlagen. Nach einiger Zeit als Tagespatientin auf meiner alten Station bin ich seit heute Patientin in der Tagesklinik auf demselben Klinikgelände. 

Räumlich habe ich mich definitiv verschlechtert – aus den Fenstern der alten Station hatte man so einen herrlich weiten Blick. Ich habe die letzten Wochen so viele wundervolle Sonnenaufgänge beobachtet, wie kaum zuvor in meinem Leben. Nun bin ich wieder in Räumen in einem Erdgeschoss untergebracht – aus den Fenstern Blick auf Mauern und … auf Station 1(!!!). Dort hatte ich ja meine ersten, sehr unangenehmen Kliniktage Ende September bis Anfang Oktober verbracht.   

Zur Tagesklinik, dem Ablauf dort und den Mitpatienten kann ich noch nicht viel sagen. Konzeptionell arbeitet sie ähnlich wie meine ehemalige Station.

Natürlich empfand ich den Tag heute als extrem anstrengend. Der Stationswechsel ist mit Sicherheit für jeden Menschen aufregend und schwierig, um so schlimmer natürlich für Leute wie mich, die ich mich ja in menschlicher Kommunikation und Interkation sehr schwertue und nun also wieder in eine vollkommen neue Gruppe einfügen muss. Für meine Verhältnisse habe ich mich aber – würde ich sagen – recht gut geschlagen.

Ergotherapie gibt es auf in der Tagesklinik auch und ich habe heute ein neues Projekt angefangen. Ich will eine Figur aus Speckstein formen und habe mir dafür einen wunderschönen, an manchen Stellen fast durchscheinenden Stein ausgesucht, der aber nicht sehr einfach zu bearbeiten ist. Ich habe heute eine Stunde lang gesägt und bin einigermaßen ins Schwitzen gekommen. Dass ich dabei nicht weit voran gekommen bin, hat mich nicht gestört, was ich zu einem gewissen Teil auch meiner in den letzten Wochen neu gelernten Geduld zu verdanken habe. Statt mich über vergeudete Minuten zu ärgern, habe ich zunächst in aller Seelenruhe Stein für Stein angesehen, angefasst und in Form, Größe und Farbe geprüft, bevor ich mich dann endlich für „meinen“ Stein entschieden habe. Da ich gern intuitiv arbeite und spontanen Impulsen nachgebe, bin ich schon ziemlich gespannt, worin genau sich der Stein am Ende wird verwandeln lassen.  

Wie auch immer …

… Ihr die kommenden Tage verbringt – ob festlich und gemütlich mit Familie und Freunden oder ob Ihr das Fest ignoriert, so wie ich in diesem Jahr – ich wünsche Euch eine schöne Zeit.

Wenn Ihr wissen wollt, wie die Ur-Berliner die kommenden Tage verbringt, dann hört Euch an, was die wunderbare Lea Streisand darüber zu erzählen hat. Da ich so gut wie niemals ausgehe, habe ich sie trotz vielfacher Gelegenheiten noch niemals live erlebt. Aber vielleicht wird da ja im Neuen Jahr etwas daraus.

Euch alles Gute, Liebe, Gesundheit, Glück und … vor allem Frieden!

 

Sonja

Sonja ist Therapiekatze in mehrfachen Sinne. Ich habe sie in der Ergotherpie angefertigt: entworfen, Stoff gekauft, zugeschnitten, genäht und verziert. Dabei habe ich meine Ungeduld besiegt, bedächtiges Arbeiten und planvolles Vorgehen geübt sowie den Umgang mit der Nähmaschine (wieder) gelernt. Vor allem aber weiteres Zutrauen in mein Können gewonnen.

Zudem freue ich mich richtig, dass Sonja endlich fertig ist, bin gerade richtig zufrieden und stolz. Ich freue mich auch schon darauf, Sonja zusammen mit meinen anderen Handpuppen zu spielen und in mein Puppentheaterkollektiv einzuführen.