Story-Samstag – Die Kunst des Briefeschreibens

 

 

Es ist wieder Story-Samstag und Tante Tex hat dieses Mal zu Beiträgen zum Thema Handschrift eingeladen.

 

Das Thema ist mich angesprungen und hat sich mir in den Nacken gesetzt, saß dort so lange, bis ich Tante Tex ein paar kleine handschriftliche Zeilen geschrieben habe – nach allen Regeln der Schreibkunst, die mir als Kind beigebracht wurden. Dass der Inhalt fehlt, das sei geschenkt, denn hier geht es um Größeres: einen von Hand geschriebenen Brief.

20170307_Brief

 

Das sind die Bausteine zum Briefeschreiben, die mich mein Opa sehr nachhaltig gelehrt hat:

 

Datum oben rechts, höfliche Anrede, Ausrufezeichen. Bedanke Dich, Frage nach dem Befinden und erkläre Deines. Nun kannst Du zum Inhalt kommen. Achte auf Rechtschreibung, einen korrekten und ordentlichen Rand. Höfliche Abschiedsgrußformel. Es gibt eine Vorschrift und eine Reinschrift. Durchgestrichenes und Kleckse auf dem Papier verbieten sich.

 

Noch heute fällt es mir schwer, von diesem Muster abzuweichen – auch wenn ich keine Briefe, sondern E-Mails schreibe. Nur auf die Reinschrift habe ich schon früher (je nach AdressatIn) öfter verzichtet; auch weil ich Briefe gern spontan geschrieben habe, die dann – als Ausdruck des Gerade Jetzt, des Augenblicks, des unmittelbaren Empfindens sofort in einen Briefumschlag gesteckt werden mussten (manchmal aber tagelang in meiner Tasche wohnten, bis ich eine Briefmarke gegriffen und das Geschriebene in den Briefkasten gesteckt habe).

 

Mein erster richtiger Brief? War es in den Sommerferien nach der ersten Klasse? Ich hatte mich im Urlaub mit einem Mädchen angefreundet. Wir hatten Adressen ausgetauscht und sie schrieb mir als erste. Spontan wollte ich ihr sofort antworten – krakelig und mit Schreibfehlern, wie es sich für eine Erstklässlerin gehört. Authentisch. Als mein Opa das mitbekam, nahm er sich der Sache an. So könne man keinen Brief verschicken, nein, das ginge nicht! Er erklärte mir, wie ein „richtiger“, ein „ordentlicher“ Brief auszusehen hatte. Einen ganzen Tag lang feilten wir an diesem Brief. Mein Opa war streng, ihm missfiel dieses und jenes und er ließ mich den Brief nochmals und nochmals abschreiben, bis schließlich ein korrektes, aber sicher blutleeres und langweiliges Exemplar entstand, auf das ich niemals eine Antwort bekam.

 

Mein Opa meinte es damals von Herzen gut. Er konnte einfach nicht aus einer Lehrerhaut heraus, konnte nicht zulassen, dass seine geliebte Enkeltochter einen fehlerhaften hingeklierten Zettel abschickte. Perfektionismus, Du mein bester Freund, ick hör Dir trapsen! Und mein Inneres Monster jubelt laut, denn es erkennt in dieser Situation einen der falschen Glaubenssätze, von denen es sich bislang sehr gut ernährt hat: Was sollen denn die Leute denken, wenn die Enkelin solches Zeug loschickt.

 

Aber ich tue meinem Opa unrecht, wenn ich nicht auch erwähne, dass das Briefeschreiben für ihn ein hohes kulturelles Gut, ja eine Kunst war, die er mir nahebringen wollte. Dafür bin ich ihm wirklich dankbar. Ein Brief ist etwas besonderes, ist ein Geschenk und hat wenig mit dem heute in die Tasten gehauenen digitalen Schriftverkehr zu tun. Wir tippen ein paar Wörter, kürzen ab, nehmen uns kaum Zeit für Gruß und Danke. In Gedanken sind wir schon beim nächsten Projekt. Die eingegangene E-Mail wird überflogen und -vergessen.

 

Es ist höchst modern, die alten Zeiten zu betrauen und die Flüchtigkeit des digitalen Lebens zu bejammern. Doch lasst mich diesem Trend ein Weilchen noch von Herzen frönen. Wie schön ist es doch, einen echten Brief zu erhalten. Er ist etwas persönliches, auch gerade weil der Autor der Zeilen durch seine Handschrift so viel von sich preisgibt. Wie hat Zeilenende in seinem Themenbeitrag geschrieben: er fühle sich nun nackt, wo er uns LeserInnen seine Schriftprobe gezeigt habe.

 

Wer hat es noch nicht an sich beobachtet, dass je nach Seelenzustand auch das Schriftbild variiert. Wenn ich aufgewühlt bin, wird meine Schrift zeilengreifend groß. An manchen Tagen forme ich unbewusst so kleine runde dichtgedrängte Buchstaben, als wollten sie, genau wie die Schreiberin, so wenig wie möglich auffallen und unsichtbar werden.

 

Auf dem Dachboden des Hauses meiner Großeltern fanden wir eine große Kiste voller Briefe vieler Familienmitglieder und einiger Freunde, beschrieben von deren Hand. Zeugnisse des damaligen Augenblicks. Was war das für ein geheimnisvoller Schatz! Ein Schatz, der – zugegeben – nicht sehr leicht zu heben ist. Denn Handschriftliches zu lesen macht oft Mühe. Die Zeilen lassen sich nicht eben  schnell mal überfliegen. Nein, sie verlangen: koch Dir einen Tee, setze Dich hin und lies mit Muße.

 

Meine Oma maß der Handschrift noch eine besondere Bedeutung bei. Der und der hat eine schöne Handschrift – das war bei ihr ein Lob, das die gesamte Persönlichkeit des Menschen betraf. Das wird sie weniger psychologisch gemeint haben. Wahrscheinlich assoziierte sie eine geübte gutgeformte Handschrift mit einem hohen Bildungsniveau, worauf sie, Lehrerin aus bildungsbürgerlichem Hause, durchaus Wert legte. Wer wenig schreibt, der kann nichts taugen, so wird sie vielleicht gedacht haben. Wer also Briefe mit ungelenker Handschrift schrieb, hatte bei ihr demzufolge einen schlechten Stand.

 

20170307_KlaueBG

 

Ich schrieb als Kind und als Erwachsene meiner Oma regelmäßig Briefe. Die Geduld für ein einheitlich sauberes Schriftbild hatte ich selten und ich hatte oft ein mulmiges Gefühl wegen meiner Krakelei. Ich habe mich nie getraut, sie zu fragen, was sie davon hielt.

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16 Kommentare zu “Story-Samstag – Die Kunst des Briefeschreibens

  1. Liebe Agnes, es ist schon sehr spät und ich bin auch sehr, sehr müde. Dennoch möchte ich gern sagen, da es mir am Herzen liegt. Briefe, müssen wir unterscheiden. Welche Aufgabe wird mit einem Brief abdeckt. Information, Bestellung, Rechnung, Vorladung, Einladung, Bekanntmachung, Gruß.
    Den Brief von dem ich glaubte, den du meinst, ist etwas persönliches, privates, intimes, sinnliches.
    Von – DEM – Brief spreche ich auch. Dennoch in allem, was ich tue und sage, bin ich – ICH -. Ich mache Fehler, weiß auch so manches nicht, es stört mich nicht. Deshalb nicht, weil ich viel zu alt bin, um so viel noch zu lernen.
    Für meine erwachsenen Kinder, schreibe ich mit der Tastatur meines Laptop. Ihnen ist meine Handschrift unleserlich. In Wahrheit, müssten sie meine Worte zweimal lesen, um dem Inhalt zu folgen.
    Ich danke Dir, dass du das Thema -Brief – aufgenommen hast. Briefe, sind ein persönlicher Schatz.
    Lieben Gruß
    meintoefftoeff u. Merle ( Hilde)

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  2. – Echte – Briefe schreiben! Was immer ich schrieb, war – Echt -. immer. Egal, ob richtig, oder falsch geschrieben. Groß oder klein. Alles, was ich schrieb, offenbarte mich, zeigte, zeigt mich mit meinen Unzulänglichkeiten, meinen Kenntnissen, Schwächen, Sehnsüchten, Wünschen,
    Antworte ich oberflächlich, will ich nicht erkannt werden. Oder bin tatsächlich oberflächlich, oder bin ich nur dumm? Auch dies soll nicht erkannt werden.
    Reagiere ich höflich, so verstecke ich meine tatsächliche Meinung. Ich täusche etwas vor, um den anderen nicht zu verletzen.
    Etc…. – Echt -, bezieht sich nur auf die Form des Briefes. Nicht auf den Inhalt. – Den Rahmen -, – die Form -.
    Betrachte ich sie, was sehe ich da. Was nützt mir ein schöner Rahmen, wenn nichts als Leere mir entgegen starrt.
    Wenn ich einen Brief in meinen Händen halte, sehe ich nicht die Handschrift, nicht die nach oben, oder unten steigenden , oder fallenden Linien. ………
    Mir schrieb ein Mensch den ich kenne, den ich möglicherweise liebe, schätze, respektiere. Achte ich deshalb auf die Form?
    Im Internet, offenbaren wir uns, egal ob wir eine – Echte – Antwort, im Sinne eines Briefes geben. Unsere Worte, ob nur einer einfachen Bildung, oder akademischen Bildung, als Voraussetzung dient, zeigt, wie und wer wir sind. Wir stellen uns dar. In -Echt -. und hier gibt es keinen Rahmen.
    Zur damaligen Zeit, sollte ein – Echter Brief – , nicht gleich die Person erkennen. Im Prinzip ein Versteckspiel.

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    • In der Tat, ein hübscher Rahmen ist nicht das, auf das es ankommen sollte. Ein ordentlicher und brav geschriebener aber inhaltsleerer Brief kann auch mein Herz nicht so sehr erfreuen, wie krakelige, aber ehrlich geschriebene Zeilen mit zahlreichen Orthographiefehlern. Da ist der Rahmen ziemlich schnuppe. Wobei ich unter Umständen auch so etwas wie Wertschätzung spüre, wenn sich der Briefeschreiber die Mühe gemacht hat und sie die Zeit für mich genommen hat, eine Anrede zu schreiben, einen Abschiedsgruß usw.

      Recht hast Du: In vergangenen Zeiten war ein Brief nicht unbedingt offenherzig und hinter der hübschen Fassade aus höflichen Floskeln ließ sich nicht immer erkennen, wie es dem Briefeschreiber tatsächlich ging – abhängig davon, wer an wen schrieb, von wem man vermutete, dass andere den Brief mitlasen (Verwandte/Nachfahren/Zensurbehörde?) und so weiter.

      Aber es steckte (und steckt) ja auch in der mündlichen Kommunikation viel Verborgenes hinter der Fassade – wie auch immer man dies beurteilen mag. Das Leben „damals“ und „heute“ sind in Gänze – schriftlich und mündlich – auf eine gewisse Art ein Versteckspiel, wie Du es nennst. In manchen Kreisen oder Schichten wird weniger Wert auf Äußerlichkeiten gelegt und es ist weniger verpönt, „sich“ zu zeigen. In anderen hingegen gilt es auch heute noch, nur ja die Fassade zu wahren und die gesellschaftlich festgelegten Konventionen einzuhalten.

      Es ist schön, wenn Du schreibst, dass alles das, was Du schreibst, „echt“ und wahrhaftig ist. Das hat natürlich nichts damit zu tun, ob Du nun per E-Mail oder handschriftlich schreibst. Allerdings glaube ich, dass das kein Charakteristikum des Internets ist, denn auch da kann man sich verstellen, in Rollen schlüpfen, beleidigen, lügen usw. Oder habe ich Dich da falsch verstanden?

      Liebe Grüße
      Agnes

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  3. Pingback: Kleine Nettigkeiten – Agnes Podczeck

  4. Hallo Agnes! Mir geht es auch sehr gut. 🙂 Diese doch recht relevante ‚Floskel‘ scheinen viele leider verlernt zu haben. Ich bedanke mich für diesen deinen Brief, der mich sowohl mit Inhalt, als auch Schriftbild von den Socken gehauen hat. Was für eine wunderschöne Schrift! Da bekomme ich gleich Lust, dass Büttenpapier aus dem Schrank zu holen und an jemanden, der mir lieb ist, einen Brief zu schreiben.

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über einen - auch kritischen - kommentar werde ich mich sehr freuen

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