Tilda und die „Stadt der ausgesetzten Schildkröten“

 

Eigentlich halte ich im Tiergarten Ausschau nach Familie Graureiher, die ich in diesem Jahr noch gar nicht gesehen hatte. Auf einem Baustamm, der aus einem der Parktümpel ragt, sehe ich Müll und ärgere mich leise. Ich bin schon vorbeigefahren, aber irgendetwas lässt mich stutzen. Ich bremse und steige vom Rad. Merkwürdig, denke ich. Der Müll hat die Form einer Schildkröte. Aber wo soll es denn hier Schildkröten geben!

 

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Ausgesetzte Schildkröte im Berliner Tiergarten, 23.05.2017

 

Ich gehe ein paar Meter zurück. Gucke. Gucke nochmal. Das ist ja nicht zu fassen, tatsächlich, da liegt eine Schildkröte und sonnt sich. Sie ist gar nicht mal so klein, etwa 25 Zentimeter lang, wie ich schätze. In meinem Kopf rattert es. Schildkröten? Habe ich da etwas verpasst? Seit wann leben in Deutschland Schildkröten in freier Natur? Aber gut, denke ich, ich weiß ja auch nicht alles. Nur weil ich noch nichts von Schildkröten in heimischen Gewässern gelesen habe, muss das ja nichts heißen. Wahrscheinlich offenbart sich hier eine riesige peinliche Bildungslücke, wie ich in gewohnter Selbstkritik einräume.

 

Ich hole meinen Fotoapparat aus der Fahrradtasche und mache ein paar Bilder von Tilda. Tilda? Nicht sehr einfallsreich, dass mir jetzt gerade dieser Name einfällt, aber gut.

 

Tilda guckt mich an. Weise und klug. Sogar anklagend, bilde ich ein. Streng.

 

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Ausgesetzte Schildkröte im Berliner Tiergarten, 23.05.2017

 

Zu Hause werfe ich mich als erstes vor den Computer und werde bald fündig. Nein, solche freilebenden Schildkrötenarten gibt es hierzulande tatsächlich nicht – eigentlich. Denn Berlin sei, so titelte die Berliner Zeitung 2013, die „Stadt der ausgesetzten Schildkröten“. Immerhin werden diese schönen und in der Pflege anspruchsvollen Tiere bis zu siebzig Jahre alt, was so mancher bei der Anschaffung nicht bedenkt. Wenn die Zoos die Tiere, um die sich niemand mehr kümmern kann oder will, nicht nehmen, werden sie von einigen „Tierfreunden“ eben ausgesetzt, auch wenn die Winter in Deutschland eigentlich zu kalt sind. Nicht immer überleben die Tiere, aber es kommen wohl jedes Jahr einige neue hinzu. Ich bin fassungslos, einerseits, aber andererseits wundere ich mich auch nicht allzusehr. Etliche Tiere werden Jahr für Jahr angeschafft, stören dann doch irgendwie den Alltag und landen im Tierheim. Wenn sie Pech haben, bis ans Ende ihrer Tage.

 

Immerhin – ein schwacher Trost – die ausgesetzten Schildkröten schaden dem hiesigen Gleichgewicht nicht. Gewissermaßen springen sie in eine Lücke:

 

Die Berliner Zeitung dazu: „Dass heute unsere einzige einheimische Schildkrötenart – die europäische Sumpfschildkröte – in Berlin gar nicht mehr anzutreffen ist, hat der Mensch selbst verschuldet. Er jagte und verspeiste die Tiere. Sümpfe und Moorflächen wurden trockengelegt. Die Stadt breitete sich aus. Seit etwa achtzig Jahren sind sie verschwunden. Sie hatten keinen Lebensraum mehr.“

 

 

Quelle: http://www.berliner-zeitung.de/5831622

 

20170523_527Tilda
Ausgesetzte Schildkröte im Berliner Tiergarten, 23.05.2017
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15 Kommentare zu „Tilda und die „Stadt der ausgesetzten Schildkröten“

  1. Es ist viele Jahre her, dass ich einmal um Königs-Wusterhausen im Herbst auf einem abgemähten Feld eine Schildkröte traf, aber sie war eben einheimisch, wie ich dann herausfand.
    Tiere aussetzen geht für mich gar nicht und sagt viel über die Menschen und ihren Haltungen Lebewesen gegenüber, seufz…
    Möge sie überleben!
    Herzliche Grüße
    Ulli

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      1. Nun, Du kennst Dich da ja etwas aus.
        Es muss ein ganz schöner Aufwand sein, diese Tiere zu halten, Du brauchtest bestimmt ein riesiges Terrarium, Kühl- und Wärmestationen usw. Wie war denn das „Leben mit einer Schildkröte“. Hast Du eine Ahnung, wie es der Schildkröte jetzt geht? Immerhin ist es nicht unwahrscheinlich, dass sie noch lebt.

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    1. In dem Zeitungsbericht heißt es, dass die Schildkröten im Sommer auf Holzstämmen auf dem Wasser treiben und im Winter zu überleben versuchen, indem sie sich tief in den Schlamm eingraben (was nur gelingt, wenn die Winter mild sind). Das klingt eher nach Wasserschildkröte. Allerdings kenne ich mich mit diesen Tieren leider überhaupt nicht aus.

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