Kontraste

20170625_KASTBG

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Unter Lindenblüten

 

Ein wenig schäme ich mich es zuzugeben, doch fürchte ich, mit meinem Unwissen nicht allein gewesen zu sein: Ich wusste, dass Linden wunderschöne Bäume sind, ein beachtliches Alter erreichen können, dass Lindenblütentee gut gegen Erkältungen helfen soll und hatte irgendwie auch eine Ahnung, dass diese Bäume in der Geschichte und Kultur unserer Region eine gewisse Rolle spielen – sonst würde es nicht so zahlreiche Gedichte geben, in denen Linden verehrt werden. Aber ich war mir unsicher, ob ich eine Linde in der freien Natur auch erkennen würde.

Ab Anfang Juni wurde ich unruhig. Sollten jetzt nicht endlich auch die Linden blühen? Aber ich konnte nirgendwo einen Baum entdecken, der sich zweifelsfrei als Linde identifizieren ließ. Hatte ich sie einfach nicht gesehen? War ich nicht aufmerksam genug gewesen? Fast hatte ich mich damit abgefunden, dass ich die Lindenblütenzeit in diesem Jahr verpasst hätte und nahm mir vor, demnächst mal auf der Straße „Unter den Linden“ zu flanieren, um mir das Aussehen dieser Bäume ganz genau einzuprägen –  obwohl das für mich eine Überwindung wäre: Was für Touristen in Berlin eine Attraktion ist, bedeutet für mich Autolärm, Krach, Abgasgestank und lauter Menschen, die in meinem Weg herumstehen.

Eines Nachmittags, etwa vor zwei Wochen, auf meinem Heimweg mit dem Fahrrad im Tiergarten, machte ich eine kurze Trinkpause und sah nach oben. Fast hätte ich gejuchzt, denn was entdeckte ich: eine Linde, die gerade ihre Blüten öffnete. Beschwingt fuhr ich weiter und plötzlich sah ich sie überall auf meinem Weg: blühende Lindenbäume.

Die Linde blüht bescheiden:  im Vergleich zu Kirschbaum, Kastanie und Holunder, die mit ihrer Blüte protzen und in ein jedes Auge springen, wartet sie ab, bis alle anderen ihre Pracht wieder abgelegt haben und teil sogar die erste Früchte tragen. Dann legt sie ihr gelbliches Gewand an und sorgt für Nahrungsnachschub für Insekten. Der durchschnittliche gestresste Stadtbewohner, so behaupte ich, bemerkt ihre Blütenpracht fast nie. Nur wer auch hinsieht, der entdeckt die Blüten, die nur um weniges heller sind als die grünen festen Lindenblätter.

Für mich ist die Linde eine der „Entdeckungen“ durch meine neue Achtsamkeit. Welch ein Glück.

 

 

 

Andrea und der graue Westen

 

oder

Ein Wortschwall an Erinnerung

 

 

Als mich auf meinem sonntäglichen Fotospaziergang eine kurze Regenhusche überraschte, fand ich Zuflucht im Hausdurchgang eines dieser Häuser, die in den achtziger Jahren als Sozialbauten direkt der Grenze zum damaligen Ostberlin gebaut wurden.

 

Als ich aufsehe, erblicke ich ein Schild, das mich sofort in meine Kindheit zurückversetzt. Erinnerungen schießen in mir hoch und tanzen Salto. Sie sind gekommen, um zu bleiben, wollen aufgeschrieben werden. Ich beuge mich jetzt; vielleicht auch deshalb, weil ich heute besonders rührselig bin, denn mein heißgeliebter Opa Schorsch wäre heute 100 Jahre alt geworden.

Nun aber zurück zum Schild:

 

BALLSPIELEN VERBOTEN, Schild in einem Berliner Hausdurchgang
Ballspielen verboten. Schild an einer Hauswand im Berliner Wedding

 

Nein, es ist nicht so, dass ich selbst als Kind derartigen Beschränkungen unterlegen wäre – Ballspielen verboten. Im Gegenteil: vom vierten bis zum elften Lebensjahr – dem Spielplatzalter also – lebte ich in einem der früher allseits attraktiven und beliebten Plattenbauten in Halle Silberhöhe (in den Nachwendejahrzehnten als Silberhölle dann recht zügig in Verruf geraten). Die damalige Bewohnerschaft war jung, viele hatten Kinder. Spielen konnten wir überall. In meiner Erinnerung habe ich, meist unbehelligt von Erwachsenen, immerzu nach Herzenslust getobt, gekreischt und gelacht.

 

Zumindest in unserem Haus kannten sich die Bewohner und ich sehe mich immer noch wie selbstverständlich bei diesen oder jenen Nachbarn klingeln. Mein Kindheitsblick war ungetrübt und im Kindergarten hatte ich gelernt, wie schön sie ist, die DDR, wie kinderfreundlich, dass Brot so billig ist, dass wir alles haben, was wir brauchen, weil eben ‚bei uns der Mensch und seine Bedürfnisse im Mittelpunkt steht‘. Ich sah ‚unsere Soldaten‘ als Friedensengel und hoffte sehnlichst, dass sehr bald endlich auch im Westen der Fortschritt, der Sozialismus also, Einzug halten würde.

 

Nein, meine Eltern waren nicht besonders systemhörig, auch nicht oppositionell. Abends liefen ganz selbstverständlich zunächst die Nachrichten auf DDR 1 und dann die Tagesschau. Meiner Erinnerung nach wurde über Politik in meinem Beisein nicht gesprochen – erst 1989, als ich (inzwischen nahe der Mauer in einem Berliner Altbau lebend) zwölf war und mein politisches Interesse mit einem Paukenschlag erwachte.

 

Meine stramm rote Bildung und Erziehung bis zu jenem Wendejahr erfolgte in Kinderkrippe und Kindergarten, wo ich wie fast alle Kinder der DDR viel Zeit verbrachte, und später in der Schule. Als ich lesen konnte, kam neben der mündlichen Propaganda noch ein Buch hinzu, das meinen Blick auf den Westen langfristig prägte: „Andrea“ war der Titel und handelte von einem Mädchen in Österreich und von ihrem Alltag. Ich habe mir nur jenes gemerkt: sie durfte nicht auf ihrem Hof spielen; der Hausmeister hatte ein Schild aufgestellt: „Ballspielen verboten“. Sämtliche Fotos in diesem Buch waren schwarz-weiß und so hatte ich – ja, schmunzelt nur, ihr LeserInnen mit Westhintergrund – die Vorstellung, der Alltag im Westen sei grau, trist und nur die Werbung bunt; aber die beworbenen Produkte könnte sich die Arbeiterklasse sowieso nicht leisten. Ich hatte Mitleid mit dem österreichischen Mädchen und allen Kindern im westlichen Ausland und war froh in einem Land zu leben, in dem ich überall spielen durfte. Dass Ballspielen auch in der DDR nicht überall erlaubt und so manches andere auch verboten war, kam mir zu jenem Zeitpunkt überhaupt nicht in den Sinn.

 

Dieses trübe Kapitalismusbild wurde nur noch durch eines gesteigert: durch einen Artikel in der Pionierzeitung „Trommel“, den ich in der dritten oder vierten Klasse las; über ein Mädchen in den USA, dass unnötigerweise sterben musste, weil ihr Vater für sie keine Krankenversicherung hatte und sie deshalb kein Krankenhaus aufnehmen wollte. Das machte mich damals unheimlich traurig und mir zugleich eine riesige Angst vor dem Kapitalismus und Amerika.

 

Von hier aus könnte ich noch einen sehr sehr langen Bogen schlagen – über Gesellschaft, Weltpolitik, Sozialpolitik im Allgemeinen, Löcher und breite Spalten im Sozialen Netz auch dieses unseres doch sehr reichen bunten Landes, durch die zu fallen leider eine Menge Menschen die Erfahrung machen müssen. Aber dieser Beitrag ist schon länger als geplant geworden, wollte ich doch eigentlich nur die Anekdote meines Kinderbilds vom Westen erzählen, wie sie mir am Sonntag, im tristen Hof der Exsozialbaus, wieder in den Sinn kam.

 

Zur bildlichen Untermalung drei Fotos, die ich bei einer Stippvisite zusammen mit meiner Mutter in meiner alten Heimatstadt im April 2012 machte. Wie immer öffnet sich die Bildergalerie, wenn Ihr eines der Bilder anklickt.

 

 

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Meine Kindheitsstraße gibt es noch. Nicht selbstverständlich, denn in diesem Viertel wurden im Zuge des StadtUMbaus Ost eine ganze Menge Häuser RÜCKgebaut. Diese Aufnahme machte ich bei einer Stippvisite in meiner alten Heimatstadt im April 2012.

 

Die Schule, die ich die ersten zwei Jahre lebte, gibt es inzwischen nicht mehr. Angesichts der riesigen Abwanderung aus der Region mangelte es einfach an Bedarf.

(Gegen)perspektiven

 

Am Sonntag schlenderten W und ich wie üblich den Mauerpark entlang. Ich trödelte, blieb überall stehen, sei es, um die Vorbereitungen für ein Straßen(Park-)konzert festzuhalten, die Wolkenformationen abzulichten oder mich in die Flora am Rand der inzwischen trocken-gelben Parkwiese zu vertiefen. So merkte ich zunächst nicht, dass W unterdessen seinerseits die Gegenperspektive einnahm und im gleichen Augenblick wie ich auf den Auslöser drückte, nur diesmal die Motivfängerin ins Objektiv nahm.

Drei dieser Gegenpaare zeige ich hier:

 

Hoffnungsschimmer

 

 

Hoffnung, Öl, Keilrahnen/Leinwand (24*30 cm), (C) Agnes Podczeck
Hoffnung, Öl, Keilrahnen/Leinwand (24*30 cm), (C) Agnes Podczeck

 

 

Diese kleine Leinwand auf Keilrahmen hatte ich vor etwa einem Jahr mit Ölfarben bemalt, war jedoch mit dem Ergebnis nicht zufrieden.

Vor ein paar Tagen hatte ich noch ein paar Ölfarbreste auf der Palette und bekam den Impuls, dieses Bild zu übermalen. Eigentlich sollte es nur eine erste neue Grundierung werden, aber irgendwie gefielen mir die Farben, die sich da wie von selbst auf der Leinwand zusammen mischten, denn sie stehen für meine momentane Seelenlage: nicht mehr ganz farblos, dunkel schwarz, aber auch nicht leuchtend bunt. Es scheint der Nebel sich zu lichten und ein Hoffnungsschimmer zeigt sich. Vielleicht schmilzt auch bald das Eis.

 

Groth statt Grün – Zeilenendes Fotoprojekt 5

 

Das Zeilenende hatte im Februar zu einem gemeinsamen Fotoprojekt aufgerufen – zwölf Monate lang soll jeweils am letzten Sonntag des Monats eine Momentaufnahme eines selbstgewählten Motivs präsentiert werden.

Der Aufruf erzeugte ein überwältigendes Echo und auch ich bin von der Idee so begeistert, dass ich hier das Wachstum der zu recht umstrittenen Baustelle des ebenso umstrittenen Investors Groth Gruppe am Berliner Mauerpark dokumentieren werde.

 

 

Die letzten drei Fotosonntage strahlte die Sonne hell am tiefblauen Himmel. Heute ist es wolkig. Zwischendurch lugt die Sonne hervor, manchmal huscht ein kurzer Regenguss hernieder. Das Farbenspiel am Himmel und die Wolkentürme faszinieren mich. Ich könnte den ganzen Tag auch nur das blau-weiß-grau und blaue Wechselspiel beobachten.

Die Kräne der Baustelle sind schon von weitem zu sehen. Inzwischen ist auch eines der Häuser so hoch, dass man es vom Mauerpark aus sehen kann. Entdeckt Ihr es?

 

Sonntags im Mauerpark, Blick Richtung Norden zur Groth-Baustelle
Sonntags im Mauerpark, Blick Richtung Norden zur Groth-Baustelle

 

Die Baustelle wächst und wächst. Von der Swinemünder Brücke aus sind teils Gerüste, teils auch fertige Fassaden zu erkennen. Mangels Sonnenschein am Abend hier keine Kranlandschaft im Abendrot, aber die heutigen Lichtverhältnisse haben mich zu einem anderen Schattenspiel inspiriert.

 

 

Die Baufahrzeuge, Kräne, Bagger, Raupen und Betonmischer, fressen sich immer weiter Richtung Süden. Neue Fundamente für weitere Gebäude wurden gelegt, weitere Betonwände sind errichtet. Die hintere Gebäudereihe sieht von außen teilweise fast fertig aus. Das Immobilienbüro, dass mit der Verscherbelung der teuren Wohnfilets beauftragt ist, lässt seine Flaggen und Banner wehen. Heute ist „Open house event“ und eine Maklerin lädt Interessierte zur Besichtigung ein. Zum Schutz der Beteiligten fotografiere ich nur von weiten, so dass keine Gesichter erkennbar sind.

 

 

 

 

Abgesehen von einem Graffito an der Hauswand ruht die Baustelle in Sonntagsruhe und Frieden. Auf der Weddinger Seite, am Büro der Groth-Gruppe, stellt sich ein ganz anderes Bild dar. War vor vier Wochen die Scheibe des repräsentativen Büros nur durch einen Steinwurf demoliert, springen mir heute gleich mehrere Einschläge ins Auge. Die Groth-Investmentgruppe hat sich wahrlich wenig Freunde gemacht. Aber wer damit wirbt, eine Stadt „erobern“ zu wollen, darf sich wohl nicht wundern, auf Widerstand zu treffen. „So Berlin“ ist das also.

 

 

 

Und hier, zum Abschluss, der Link zum Beitrag des Initiators der Blogparade, zum Herrn Zeilenende. Die Beiträge der anderen sind dort verlinkt.

 

Meine früheren Beiträge zu diesem Thema:

Groth statt Grün – Zeilenendes Fotoprojekt 4

Groth statt Grün – Zeilenendes Fotoprojekt 3

Groth statt Grün – Zeilenendes Fotoprojekt 2

Groth statt Grün – Zeilenendes Fotoprojekt

Mut zur Veränderung

 

Gerda Kazakou (https://gerdakazakou.com) gab mir heute in ihrem Kommentar den letzten Stups, Layout und Headerbild meines Blogs anzupassen.

Ich hatte bereits länger schon darüber nachgedacht, dass das düstere Schwarz im Hintergrund und das traurige Gesicht im Headerbild, nicht mehr ganz zu mir passen und auch mit Clara (https://chh150845.wordpress.com) hatte ich vor Wochen schon einmal eine kurze Unterhaltung zu diesem Thema.

Ich schrieb Gerda heute als Antwort, dass ich auf meinen inneren Impuls warten würde, die Seite anzupassen. „Entscheidungen zu fällen, Loszulaufen oder auch Dinge loszulassen“ fiele mir eben noch immer schwer.

Sodann wollte ich mich wieder auf mein Sofa zurückziehen, denn heute habe ich das Gefühl, meinen Kopf nach so vielen Impulsen während der letzten Tage und Wochen dringend in den Sand stecken zu müssen.

Dann aber ratterten die Gedanken. Mein Homepagelayout hat mich schon mehrere Wochen lang gestört und doch hatte ich es bisher einfach nicht geschafft, dem Veränderungsdrang nachzugeben. Warum?

  1. Perfektionismus: Wenn schon Änderung, dann würde ich natürlich alles perfekt machen wollen. Die Seitenstruktur überprüfen, Korrektur lesen, ein neues Gravatar-Bild und und und. Keine halben Sachen ist mein Motto, was aber eben auch sehr hemmend sein kann. Denn was nicht perfekt zu werden verspricht, wird eben auch schwer angefasst.
  2. Entscheidungen fällen: welches neues Layout, Hintergrundfarbe, Schriftfarbe, Headerbild ja/nein und wenn, dann welches? Für mich eine meterhohe Hürde.
  3. Loslassen – Immerhin habe ich mich an das alte Layout gewöhnt. Es ist nun weg, vorbei, im Mülleimer der www. Aber das bedeutet ja – Trennung!, Verlust!, in gewissem Sinne ja auch Sterben! Irgendwie war der Blog eine gewisse Konstante, ein Pflock, ein Fels während der letzten Monate. Geht das nicht verloren mit dem neuen Äußeren? Natürlich weiß ich – der „verständige“ Teil in mir -, dass es hier nur um Äußerlichkeiten geht, Kinkerlitzchen. Absolut nicht der Rede wert. Dennoch – das Kindlein in mir jammert, klammert, ist betrübt.
  4. Der wichtigste Hinderungsgrund aber: Ich hatte / habe Furcht vor dem Versagen. Was ist, wenn ich auf meinem weiteren Weg scheitere? „Verdiene“ ich überhaupt ein fröhliches Layout oder bin ich eine Lügnerin, eine gemeine Betrügerin, die Euch nur einen angeblichen Fortschritt vorspielt? Jede Besserung, jeder kleine Schritt nach vorne, den ich tue, macht mir Angst, denn die Fallhöhe nimmt zu. Je besser es mir geht, desto tiefer kann der Absturz sein. Und wenn ich stürze, so behauptet mein depressives, kleines, krankes, angstdurchdrungenes Ich, dann bin ich selbst schuld, war ich nicht fleißig genug, nicht achtsam genug, habe nicht genug Sport gemacht, habe meine depressiven Gedanken nicht unter Kontrolle. Denn schließlich habe ich eine läppische Volkskrankheit, mit der Abertausende auch ihr Leben auf die Reihe kriegen, arbeiten gehen und sich um ihre Familie kümmern. (ja, „verrückt“, oder? Je öffentlicher das Thema Depression diskutiert wird, je mehr bekannt wird, dass so viele Menschen diese Krankheit haben und eben halbwegs damit zurechtkommen und nicht ewig unten auf dem Boden bleiben, um so größer wird der Druck, den ich verspüre. Denn ich muss auch so erfolgreich wie all die anderen DepressionsüberwinderInnen sein.)             …….Und was hat das jetzt mit dem Layout zu tun? Nun, ich habe einen ganz schrecklichen Hang zu Symbolik, symbolischen Akten. Ein hoffnungsvolleres Blogdesign steht symbolisch für meine Fortschritte im Kampf gegen die / mit der Krankheit. Eine Anpassung des Designs der Seite erhöht also auch den selbstgeschaffenen Leistungsdruck: „Dieses Niveau musst Du halten. Schaffst Du das nicht, bist Du eine Versagerin.“

Gedanke reihte sich an Gedanke, während ich auf dem Sofa lag – nur an Ruhe war nicht mehr zu denken. Also stand ich auf, setzte mich an den PC und — nahm Gerdas Impuls auf (Danke hier nochmal an Dich) und installierte ein neues Theme. Siehe da, da ist es nun.

Das reicht an Worten. Finde ich. Jetzt will ich mit meinem Kopf ganz schnell wieder tief zurück in den Sand stecken!

Augenblicke: Lebensgier

Gestern.

Radelnd.

Von Schöneberg aus heimwärts.

Gedanken fahren Kettenkarussell.

Ich verzichte auf meinen gewohnten Halt im Tiergarten: Der Himmel hat sich zugezogen. Es dunkelt – hell am Tage. Die Wolken türmen sich.

Im Wedding dann gewinnt die Finsternis und Blitze zacken über Kränen. Ich fahre schneller, doch im nächsten Park packt mich die Panik: Der Wind nimmt Anlauf, färbt die Luft zu dickem gelben Nebel. Pollen färben die noch trock’ne Luft. Dann, ganz plötzlich, stürmt – orkant – es los und rüttelt an den Bäumen. Was morsch ist, hält nicht stand. Zweige fliegen durch die Luft, ein dicker Ast kracht gewaltig auf den Weg. Vor dem hätte mich auch mein Fahrradhelm nicht wirklich schützen können. Doch umkehren kann ich nicht, denn es knackt und knirscht auch hinter mir verdächtig. Vorwärts also, schnell, weiter durch den Park und bis zur sichren Straße.

Sekunden nur die Todesangst, doch die löst augenblicklich auch ein hohes Glücksgefühl aus:

LebensLUST,

ja, LebensGIER!

Ja, LEBEN möchte ich!

Nicht nur für die anderen, wie ich in dunklen Zeiten meine, mich durch Dasein quäle, nur um ihnen den Verlust, die Trauer und die immer off’ne Wunde zu ersparen.

Nein, mein Leben leben will ich auch für mich.

 

 

Turmfalke in der Stadt

 

Heute am Morgen – lautes Kreischen und hektisches Flügelschlagen durchdringt meinen Hinterhof. Aufgeregte Elstern schimpfen. Etwas großes Dunkles landet im Hof.

Ich traue meinen Augen nicht: es ist ein Turmfalke! Mitten in der Großstadt, auf meinem Hof, gerade einmal zehn Meter von mir entfernt.

Zuerst sah ich es nicht, doch dann bewegte es sich – unter des Falken Krallen: ein Beutetier, es lebte noch, zuckte mit dem Kopf.

Ich habe Fotos gemacht; sie sind gestochen scharf und doch kann ich sie hier nicht zeigen, auch wenn sie für Naturfreunde vielleicht von Interesse wären. Jedoch … ich ertrage den Anblick nicht in Großaufnahme – nicht des imposanten Jägers wegen, sondern weil mich vor dem gejagten Tier arg gruselt.

Wer mich kennt, weiß, dass ich allen Lebewesen ihr Lebensrecht auf dieser Welt einräume und keinem Tier und keinem Menschen nur ein Härchen krümmen möchte. Es gibt nur ein einziges Tier, das in mir Angst, Furcht, Ekel, ja nachts sogar Alpträume auslöst und das da nun auf meinem Hof vor meinem Fenster und gut sichtbar als Falkenfutter sein Leben aushauchte. Wenn sie auf dem Fußweg im Weg sitzen, wechsele ich die Straßenseite. Wo das nicht möglich ist, nehme ich einen langen Umweg in Kauf. Komme im schlimmsten Fall zu wichtigem Termin zu spät. Einige von Euch finden diese Tiere schön (eine Mitbloggerin hat oder hatte dieses Tier zu meinem Riesenschrecken sogar auf ihrer Startseite); früher dienten sie der Nachrichtenübermittlung, ihre weiße harmlose Form ist Symbol für den Frieden (und das macht mir dann ein schlechtes Gewissen, dass mich Friedenst. ekeln). Manche züchten sie; es gibt in Städten sogar Projekte, sie zu schützen. Ich hingegen kann nicht einmal den Namen des Tieres aussprechen, gar aufschreiben, denn dann sehe es es sofort vor meinem geistigen Auge und bekäme riesige Herpesblasen, wäre ich dafür anfällig!

Fragt mich nicht warum. Ich weiß es nicht. Dieses Grauen ist Argumenten absolut nicht zugänglich.

Der Turmfalke saß, während ich mit Ekel, Neugier, Angst und Abscheu kämpfte, still; das Beutetier hauchte derweil sein Leben aus. Ich streichelte beruhigend meine Katzen, die das Schauspiel ebenfalls höchst interessiert beobachteten. Die Elstern, in sicherem Abstand auf unserem Haselnussbussbaum, schimpften weiter.

Plötzlich flatterte der große Greif, erhob sich und schleppte seine inzwischen leblose Beute einen Meter hinauf, auf die Papiermülltonne. Die Elstern schrien, zeterten und krakelten und ich war vor allen Dingen erleichtert, dass der Falke nicht mitten auf dem Hofboden speisen oder eine Leiche zurücklassen würde. Im Gegenteil, nach einer Verschnaufpause war der Vogel stark genug, seine Beute trotz unseres engen Hofes bis zum Doch des fünfstöckigen Hauses zu schleppen, von wo aus er dann gewiss das nahrhafte Mahl zu seinen Jungtieren flog. Der Falke war gewiss erleichtert. Aber so froh wie ich kann er gar nicht gewesen sein, dass das federnde Spektakel nun sein Ende gefunden hat.

Bei Wikipedia lese ich, dass der Turmfalke als „Kulturfolger“ gilt. Einige der anpassungsfähigen Greifvögel hat seinen Lebensraum auch auf Städte ausgeweitet. In Berlin brüten wohl jährlich 180 bis 240 Paare (bei langen kalten Wintern weniger). Der Nabu Berlin hat sogar eine eigene Fachgruppe, die jährlich bis zu fünfzig Turmfalken betreut.

Quellen:

https://de.wikipedia.org/wiki/Turmfalke

https://berlin.nabu.de/tiere-und-pflanzen/vdj/2007-turmfalke/index.html

https://berlin.nabu.de/wir-ueber-uns/fachgruppen/greifvogelschutz/index.html

 

Ich freue mich, so einen einzigartigen imposanten Greifvogel so nah habe beobachten können und dennoch ist mir immer noch ganz schrecklich blümerant zumute. Ich zeige da hier lieber schnell noch meine Katzen, wie sie das Hofgeschehen beobachten. Und als Beweis für die Wahrheit der Geschichte weiße Federn auf dem grauen Hofbeton.

 

In Pankow zur Fête de la Musique

 

Das war er also, der längste Tag des Jahres, Sommeranfang, Sommersonnenwende. Von nun an werden die Nächte wieder länger und länger … und länger.

In Berlin wie auch in vielen anderen Städten Europas wurde gestern wieder das Fest der Musik gefeiert, die Fête de la Musique, bei dem überall in der Stadt Musiker für lau auftreten. Überall?? Trügt mich mein Gedächtnis, wenn ich mich sehe, wie ich vor einer Dekade und noch früher an diesem Tag scheinbar ziellos durch den Kiez laufen und an vielen Straßenecken einzelne Musiker und ganze Bands hören konnte? Das gestrige Programm schien mir da vergleichsweise übersichtlich.

Die vergangenen Jahre, versunken in Arbeit oder Depression, hatte ich von der Fête de la Musique nichts mitbekommen. Derzeit bin ich ja aber mal wieder dabei, ein wenig aus meinem Schneckenhaus herauszuluken und ich war ja auch schon, mich selbst überschlagend, auf der Sternfahrt, der großen Fahrraddemo des ADFC. Gestern aber wollte ich die Trumpfkarte ausspielen, und wenigstens ein Quäntchen Open Air Konzertluft schnuppern.

Ich konnte es selbst nicht glauben, als ich mich dann tatsächlich auf mein Fahrrad setzte und zuerst nach Weissensee fuhr und von dort nach Pankow, wo W und ich tatsächlich einen sehr angenehmen Ort fanden, um den Abend zu verbringen. Um uns herum in etwa Gleichaltrige – junggebliebene Erwachsene mit einem Durchschnittsalter von etwa vierzig Jahren samt ihrer Kinderschar. Die ganze Szene hatte durchaus etwas von einem gelungenen Familienausflug. Wir fanden einen guten Platz auf dem Rasen – mittendrin und doch gefühlt am Rand, wo wir unsere Picknickdecke aufschlugen und uns einrichteten.

Die erste Band, die wir hörten, war niedlich jung. Die zweite Band war ebenso alt oder eher jung ( 😉 ) wie wir, das Publikum, und hatte viel Spaß, was sich auf uns Zuhörer übertrug. Die dritte Band war noch ein wenig älter, virtuose Jazzfunker, die ihr Handwerk verstanden. Mit ihnen trat übrigens die einzige Frau auf – bezeichnenderweise klassisch mit — Gesang. Musikerinnen, Frauen, wo seid ihr hin?

Der Schlussakt, CASH GROUP, brillierte dann mit ziemlich witzig-gutem anarcho-pop (für die, die es interessiert, hier der Link zu ein paar Beispielsongs) und war durchaus mitreißend. Die letzten zehn Minuten konnte mich W sogar motivierten aufzustehen und ein Stück näher an der Bühne mitzuwippen.

Mein Krückstock oder Brandungsfels waren W sowie mein Zeichenblock. Das Kritzeln gibt mir immer mehr Sicherheit, ein Paradoxon, wie ich weiß, macht es doch alles andere als unsichtbar, mit dem Zeichenstift in der Menge zu sitzen. Mir soll das aber recht und lieb sein, so habe ich mir und Euch von gestern ein paar Kritzeleien von Publikum und Bühne mitbringen können.