Andrea und der graue Westen

 

oder

Ein Wortschwall an Erinnerung

 

 

Als mich auf meinem sonntäglichen Fotospaziergang eine kurze Regenhusche überraschte, fand ich Zuflucht im Hausdurchgang eines dieser Häuser, die in den achtziger Jahren als Sozialbauten direkt der Grenze zum damaligen Ostberlin gebaut wurden.

 

Als ich aufsehe, erblicke ich ein Schild, das mich sofort in meine Kindheit zurückversetzt. Erinnerungen schießen in mir hoch und tanzen Salto. Sie sind gekommen, um zu bleiben, wollen aufgeschrieben werden. Ich beuge mich jetzt; vielleicht auch deshalb, weil ich heute besonders rührselig bin, denn mein heißgeliebter Opa Schorsch wäre heute 100 Jahre alt geworden.

Nun aber zurück zum Schild:

 

BALLSPIELEN VERBOTEN, Schild in einem Berliner Hausdurchgang
Ballspielen verboten. Schild an einer Hauswand im Berliner Wedding

 

Nein, es ist nicht so, dass ich selbst als Kind derartigen Beschränkungen unterlegen wäre – Ballspielen verboten. Im Gegenteil: vom vierten bis zum elften Lebensjahr – dem Spielplatzalter also – lebte ich in einem der früher allseits attraktiven und beliebten Plattenbauten in Halle Silberhöhe (in den Nachwendejahrzehnten als Silberhölle dann recht zügig in Verruf geraten). Die damalige Bewohnerschaft war jung, viele hatten Kinder. Spielen konnten wir überall. In meiner Erinnerung habe ich, meist unbehelligt von Erwachsenen, immerzu nach Herzenslust getobt, gekreischt und gelacht.

 

Zumindest in unserem Haus kannten sich die Bewohner und ich sehe mich immer noch wie selbstverständlich bei diesen oder jenen Nachbarn klingeln. Mein Kindheitsblick war ungetrübt und im Kindergarten hatte ich gelernt, wie schön sie ist, die DDR, wie kinderfreundlich, dass Brot so billig ist, dass wir alles haben, was wir brauchen, weil eben ‚bei uns der Mensch und seine Bedürfnisse im Mittelpunkt steht‘. Ich sah ‚unsere Soldaten‘ als Friedensengel und hoffte sehnlichst, dass sehr bald endlich auch im Westen der Fortschritt, der Sozialismus also, Einzug halten würde.

 

Nein, meine Eltern waren nicht besonders systemhörig, auch nicht oppositionell. Abends liefen ganz selbstverständlich zunächst die Nachrichten auf DDR 1 und dann die Tagesschau. Meiner Erinnerung nach wurde über Politik in meinem Beisein nicht gesprochen – erst 1989, als ich (inzwischen nahe der Mauer in einem Berliner Altbau lebend) zwölf war und mein politisches Interesse mit einem Paukenschlag erwachte.

 

Meine stramm rote Bildung und Erziehung bis zu jenem Wendejahr erfolgte in Kinderkrippe und Kindergarten, wo ich wie fast alle Kinder der DDR viel Zeit verbrachte, und später in der Schule. Als ich lesen konnte, kam neben der mündlichen Propaganda noch ein Buch hinzu, das meinen Blick auf den Westen langfristig prägte: „Andrea“ war der Titel und handelte von einem Mädchen in Österreich und von ihrem Alltag. Ich habe mir nur jenes gemerkt: sie durfte nicht auf ihrem Hof spielen; der Hausmeister hatte ein Schild aufgestellt: „Ballspielen verboten“. Sämtliche Fotos in diesem Buch waren schwarz-weiß und so hatte ich – ja, schmunzelt nur, ihr LeserInnen mit Westhintergrund – die Vorstellung, der Alltag im Westen sei grau, trist und nur die Werbung bunt; aber die beworbenen Produkte könnte sich die Arbeiterklasse sowieso nicht leisten. Ich hatte Mitleid mit dem österreichischen Mädchen und allen Kindern im westlichen Ausland und war froh in einem Land zu leben, in dem ich überall spielen durfte. Dass Ballspielen auch in der DDR nicht überall erlaubt und so manches andere auch verboten war, kam mir zu jenem Zeitpunkt überhaupt nicht in den Sinn.

 

Dieses trübe Kapitalismusbild wurde nur noch durch eines gesteigert: durch einen Artikel in der Pionierzeitung „Trommel“, den ich in der dritten oder vierten Klasse las; über ein Mädchen in den USA, dass unnötigerweise sterben musste, weil ihr Vater für sie keine Krankenversicherung hatte und sie deshalb kein Krankenhaus aufnehmen wollte. Das machte mich damals unheimlich traurig und mir zugleich eine riesige Angst vor dem Kapitalismus und Amerika.

 

Von hier aus könnte ich noch einen sehr sehr langen Bogen schlagen – über Gesellschaft, Weltpolitik, Sozialpolitik im Allgemeinen, Löcher und breite Spalten im Sozialen Netz auch dieses unseres doch sehr reichen bunten Landes, durch die zu fallen leider eine Menge Menschen die Erfahrung machen müssen. Aber dieser Beitrag ist schon länger als geplant geworden, wollte ich doch eigentlich nur die Anekdote meines Kinderbilds vom Westen erzählen, wie sie mir am Sonntag, im tristen Hof der Exsozialbaus, wieder in den Sinn kam.

 

Zur bildlichen Untermalung drei Fotos, die ich bei einer Stippvisite zusammen mit meiner Mutter in meiner alten Heimatstadt im April 2012 machte. Wie immer öffnet sich die Bildergalerie, wenn Ihr eines der Bilder anklickt.

 

 

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Meine Kindheitsstraße gibt es noch. Nicht selbstverständlich, denn in diesem Viertel wurden im Zuge des StadtUMbaus Ost eine ganze Menge Häuser RÜCKgebaut. Diese Aufnahme machte ich bei einer Stippvisite in meiner alten Heimatstadt im April 2012.

 

Die Schule, die ich die ersten zwei Jahre lebte, gibt es inzwischen nicht mehr. Angesichts der riesigen Abwanderung aus der Region mangelte es einfach an Bedarf.

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13 Kommentare zu „Andrea und der graue Westen

      1. Ich habe auch viel mehr davon entdeckt, als mir lieb ist. In der DDR gehörten Kinder einfach selbstverständlich dazu – hier sind sie so oft ein Störfaktor. Wir haben auf dem Hof einen Spielplatz. Mehrere Leute haben sich schon über den Lärm aufgeregt – bei geschlossenen Fenstern würden sie nichts hören. Nach vorn die Autos und LKWs sind viel, viel lauter als alle Kinder sein können. Doch über die ist es zwecklos, sich aufzuregen.
        Andere knallten mir an den Kopf, dass sie im ganzen weiten Bekanntenkreis nichts mit Kindern am Hut haben – als sie sich über den Besuch am 2. Weihnachtsfeiertag nachmittags bei mir aufregten. Und die waren gar nicht laut, die beiden Jungen, aber das Haus hat zu wenig Schallschutz.
        Ich finde vieles zum Reihern in diesem Land – aber in dem anderen aber auch.
        Gruß von mir

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      2. Ja, liebe Clara, ich persönlich ziehe Kinderlärm dem Lärm von Autos vor. Aber viele sehen das anders.
        Ich kann nicht beurteilen, ob nicht auch im Westen früher Kinder selbstverständlicher „einfach da“ waren als heute und das einfach auch eine Sache des Zeitgeistes ist.
        Dünne Wände tragen jedenfalls definitiv nicht zu nachbarschaftlicher Liebe bei, zwischen welchen Generationen auch immer; da kennen wir aus dem Osten uns mit unseren Plattenbauten auch gut aus ;-). Was ich nicht verstehe, dass auch manche modernere Häuser Schallschutz vermissen lassen.
        Liebe Grüße
        Agnes

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  1. das war sehr interessant für mich zu lesen, liebe Agnes. Ich kannte die „Ostzone“ als grau von den jährlichen Besuchen bei Oma und Tante in Mecklenburg – das war in den Jahren vor 1961- und vor allem als unfrei. Mein Onkel beschwerte sich, dass er keine Farbe fürs Schrebergartenhäuschen bekam – nur „fahnenrot“ gebe es. Er war Gutsverwalter gewesen und mir unangenehm, irgendwie Nazi. Mein Cousin (gleichalt mit mir, damals 15) meinte, „jeder anständige Mensch muss mal im Gefängnis gesessen haben“. Er und seine Geschwister bekamen eine handwerkliche Ausbildung: als Polsterer, als Friseuse. ich erinnere mich noch, wie ich mit der langen gebogenen Polsternadel versucht habe, meiner Cousine nachzueifern. Mit 16 setzte sich mein Cousin allein in die BRD ab und wurde Lastwagenfahrer, starb früh. Seine Eltern und seine Geschwister flohen 1961 kurz vorm Mauerbau und scheiterten ebenfalls im Westen. der Jüngste, sehr intelligent, wurde Handelsreisender (Vertreter) und starb auch jung an Krebs.
    Dies sind ein paar meiner Kindheitserinnerungen aus der damals noch Ostzone oder Mitteldeutschland genannten DDR. Sie wurden ideologisch untermauert durch die Klassenfahrten zur Grenze mit den Wachtürmen und dem Todesstreifen zwischen Niedersachsen und Mecklenburg. „Da drüben“ begann die Unterdrückung. Auf jede Kritik am westlichen Lebensstil bekam man die Antwort: „Wenns dir hier nicht gefällt, geh doch rüber“. Bleierne Jahre.

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    1. Liebe Gerda,

      ich danke auch Dir, dass Du hier Deine Erinnerung aus der anderen Perspektive teilst. Natürlich schreiben wir beide über eine jeweils andere Zeit – ich bin ja Jahrgang 1977 und habe nur die achtziger Jahre – mit noch kindlichem Bewusstsein – erlebt.

      Erinnerungen sind ja auch trügerisch und spiegeln nicht unbedingt „die Wahrheit“. Meine Kindheit war gefühlt sehr bunt, von Einschränkungen der Meinungsfreiheit, Repressalien, Problemen und Mängeln habe ich nichts mitbekommen; ich lebte im Chemiedreieck mit viel Dreck in der Luft, die Altstadt von Halle war mehr als baufällig, wie ich aber erst im Nachhinein auf Fotos sah. Für mich war auch diese Stadt bunt und duftete …

      Dieses „Wenns dir hier nicht gefällt, geh doch rüber“ im Westen muss schrecklich gewesen sein und ein treffsicherer verletzender Schlagstock, um allzuviel Kritik einzudämmen. Diese Erfahrung mussten ja auch Ostdeutsche machen, die aus der DDR – freiwillig oder nicht – in den Westen übersiedelt waren. Traurig!

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  2. Liebe agnes, dies ist ein ganz wunderbarer artikel! Ich habe mich in dem mädchen aus österreich wiedererkannt. Ich konnte zwar mit den anderen im hof spielen, aber wir durften nicht den rasen betreten … wir hatten dennoch die unglaubliche freiheit, die regeln heimlich zu brechen, weil die eltern nicht viel wussten … das war herrlich, dieser nervenkitzel, zu tun und heimlich plätze zu betreten, die eigentlich verboten waren … und wir konnten auch noch auf der Straße spielen …. und ja, sozialismus ist per se nicht schlecht, die frage ist vermutlich nur, wie er umgesetzt wird … es lebe auf jeden fall die freiheit … mögen alle menschen die gleichen möglichkeiten haben zu werden, was sie eigentlch sind!!!! Einen herzlichen Gruß schick ich dir! Silvia

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