Was vom Leben übrig blieb

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Wohnen unter der Brücke. Es mag in der Herbstsonne bunt und romantisch aussehen. Die Realität ist weit davon entfernt. Prenzlauer Berg in Berlin, 06. November 2017

 

Wahrscheinlich habe ich heute eine gute Nachricht bekommen. Eine sehr gute. Eine ausgezeichnete. Eine, die die Schlinge, die ich die letzten Wochen um meinen Hals spürte und die sich enger und enger zog, die mich die inzwischen fast nicht mehr atmen ließ, gelockert hat. Ich befinde mich nun in einem Schwebezustand. Kann ich schon aufatmen? Wie viel kann noch passieren und das vorläufige Happy End in ein unsägliches Drama verwandeln?

Noch habe ich die rettende Information nicht schriftlich. Noch stehe ich unter Strom. Mein Körper ist im Stressmodus. Wann endlich kommt der Brief? Kommt der Brief?

Während ich nun heute wieder Hoffnung schöpfe, meine Wohnung halten zu können, wird wird diejenige des kranken Alkoholikers und Messies geräumt. Nach einem Wasserschaden vor ein paar Monaten habe ich nur ein paar Zentimeter des Wohnungseingangs erahnen können. Unter Müll und Zeitungsfetzen. Dort lebte ein Mensch. Lange. Im Sommer, wenn es draußen heiß war, sank der faulige Gestank aus dem vierten Stock bis ins Erdgeschoss. Die Kinder aus dem Kinderladen verzogen dann immer die Gesichter: Bei Euch stinkt es ganz eklig!

Heute riecht das ganze Haus riecht nach Desinfektionsmittel. Das Räumkommando, zierliche junge Männer, die kein Wort Deutsch verstehen, trägt zarte Handschuhe und einen dünnen Mundschutz. Wahrscheinlich setzen sie ihre Gesundheit aufs Spiel und bekommen sie für diese traurige Arbeit nicht einmal einen Appel und ein Ei.

Es rumst und poltert, dass ich fürchte, das Haus bricht zusammen. Der Müllberg im Hof wächst und wächst, ausgesetzt den neugierigen, abfälligen, angeekelten Blicken der Nachbarn, Eltern, Kinder. Die Matratze ist schimmlig schwarz und löchrig. Der Kühlschrank braun verklebt und rostig. Riesige ranzige Müllsäcke versperren den Weg. Was von einem Leben übrig blieb.

Ich versuche, nicht an diesen Menschen zu denken, den ich nicht gekannt, nicht einmal gesehen, sondern immer nur gerochen habe. Trotzdem frage ich mich, wie es ihm nun gehen mag. Hat er Hilfe bekommen? Ist er in einer Klinik? Gehört er nun zu den unzähligen Obdachlosen unserer Stadt? Ist er tot? Die traurigen Gedanken stechen mitten in mein Herz. Dabei will ich mich heute freuen. Darüber, dass mein Schicksal, mein menschengemachtes Schicksal, nun doch noch eine gute Wendung nehmen wird. Hoffentlich.

23 Kommentare zu „Was vom Leben übrig blieb

  1. Es ist vielleicht drei Jahre her, vielleicht etwas länger. Ich wohnte noch in der anderen Wohnung. Und da spielte sich ähnliches bei mir auf der Etage ab, aber kaum hat etwas geahnt. Nach außen sah die Frau noch einigermaßen aus, der Drogenkonsum war wohl vorbei, sie hat nie jemand in ihre Wohnung gucken lassen, auch nicht nur von der Tür. Als sie gekündigt wurde, sah man dann das Ausmaß dieser verdreckten Messiewohnung.
    Ich weiß nicht, ob man sich wirklich Hilfe holen kann, wenn man so abgleitet.
    Ich wünsche dir, dass der Brief kommt, der einen guten Inhalt hat.
    Herzlichst Clara

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    1. Liebe Clara, ich danke Dir und ja, ich fürchte auch, dass man sich in einem bestimmten Zustand einfach keine Hilf mehr holen kann. Das kann sich wahrscheinlich nur jemand vorstellen, der psychisch in einer ähnlich oder zumindest annähernd extremen Situation war. Mir hat man „zum Trost“ gesagt: Du machst doch und kümmerst Dich und holst Dir Hilfe, trotz Deiner Krankheit. Aber ich wage nicht darüber nachzudenken, wie weit ich davon entfernt war. Letztenendes glaube ich, dass es nur der Gedanke an und das Verantwortungsgefühl für meine Kinder war, das mich doch dazu gebracht hat, Hilfe zu holen, anzunehmen und mitzuarbeiten.
      Liebe Grüße an Dich

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      1. Lange Jahre sind die Mütter für ihre Kinder verantwortlich. Aber irgendwann springt es um und dann muss die Tochter für die Mutter da sein, zumindest im großen und ganzen.
        Aber mit deinen Kindern verstehe ich es 100, 200, 300 %ig!!!

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  2. Bleibt die Frage, was hat dazu geführt, dass dieser Mensch so „lebte“. Manchmal denke ich, könnte ich mal so werden, oder könnte ich mal obdachlos werden? Wie schnell eine vermeintliche materielle Sicherheit in einen Verlust an allem umschwenken könnte, inclusive der Menschenwürde. Oft höre ich, man kann sich doch Hilfe holen, aber ist das so? Dazu müsste man können, können. Gerade wenn die Psyche nicht mehr so mitmacht, ist alleine können schon eine Kunst. Alles irgendwie traurig. Dein Blogpost und auch so viel anderes in der Welt. LG

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    1. Ja, ich finde auch, es ist traurig. Und, so fürchte ich auch, dass niemand von uns wirklich davor gefeit ist, in einen solchen Zustand abzurutschen. Es müssen sicher viele Dinge zusammenkommen, aber manchmal kommt wirklich negatives Ereignis auf das andere, ein Zufall trifft den nächsten, dazu noch ein nachlässiger Sachbearbeiter, eine Gesetzeslücke, was auch immer. Ich wage nicht, darüber zu urteilen, schon gar nicht zu verurteilen. Schieres Mitleid ist auch nicht angebracht. Wir müssten in unserer Gesellschaft eigentlich viel mehr aufeinander achten und uns um uns sorgen. Aber das ist so einfach dahingesagt.
      Liebe Grüße und Kopf hoch für Dich. Es gibt auch immer wieder gute Nachrichten. Wir müssen sie suchen und uns daran festhalten, sonst zerbrechen wir!

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      1. Bitte vergiss nicht: vieles davon ist auch unsere depressive Brille, der uns die Nachrichten entsprechend filtert. „Gesunde“ haben einen anderen Filter. Dieser muss nicht unbedingt realistischer sein, aber für die Seele und damit unser Überleben ist er unabdingbar.
        Ich denke an Dich und schicke Dir Kraft. Heute hatte ich einen relativ guten Tag, da kann ich ein wenig teilen ;-)

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      2. Ich danke Dir, Kraft kann ich zur Zeit gut brauchen. Es ist auch sehr kraftraubend, morgens im dunkeln aus dem Haus zu gehen und erst aus der Firma zu kommen wenn es schon wieder dunkel ist. Wobei ich die Nacht an sich ja mag, wegen der Ruhe die ihr inne wohnt. Aber so quasi ohne richtiges Tageslicht, will meine Psyche nicht so recht aus dem Graumodus heraus. LG p.s. Ich teile auch gerne Gutes. Irgendwie fühle ich mich dann besser. Vor allem, wenn es dem anderen irgendwie hilft.

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  3. Im Falle des Menschen, von
    dem Du erzähltest, ist es
    einfach nur tottraurig, was
    geschehen ist. Ich kann nur
    hoffen für ihn, das alles am Ende sich für ihn noch zum Besseren wendet. Aber Dir wünsche ich auch sehr viel Kraft, liebe Agnes.Jetzt kommt ja wieder der Winter, und da wünsch ich uns beiden, das wir ihn hinreichend gut überstehen. Lieber Gruss, Jochen

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