# Schattenklänge: Zweiter Beitrag zur Blogaktion von Sofasophia

Es geht nie!

 

 

„Na Walter, wie geht’s?“

 

Das Gesicht des Angesprochenen nimmt einen bitteren Zug an. Energisch stemmt er sich auf seinen Krückstock und humpelt schneller.

 

„Es geht nie!“, bricht es aus Walter heraus. Sagt’s und verschwindet im Hauseingang.

 

Verdutzt schaut Joachim seinem Nachbarn hinterher. Dann schüttelt er den Kopf und geht pfeifend weiter zu den Mülltonnen. Joachims Gedanken sind schon wieder bei seiner Tochter Lotte, die gerade mit ihrer Freundin in Indien ist. Die beiden haben ihm fest versprochen zu schreiben. Einen richtigen langen handgeschriebenen Brief wollten sie ihm aus der Ferne schicken – mit Stempel und Briefmarken. Joachim muss grinsen. „Ich habe Marken aus Ungarn, Polen, Jugoslawien, der Sowjetunion, der Mongolei und sogar eine aus Nepal! Soll ich sie dir mal zeigen?“ Auf diese klischeehafte Tour hatte er damals seine Exfrau rumgekriegt und neun Monate später war Lotte auf die Welt gekommen. Seine spießige Sammelleidenschaft hatte ihm damals also Glück gebracht, wenngleich auch die Ehe später gescheitert war.

 

Ob die Postbotin schon da war?, fragt er sich. Beschwingt schreitet er zum Briefkasten. Er steckt den Schlüssel ins Schloss, öffnet zunächst aber nur einen Spalt und lugt hinein. Leuchtet da etwas Helles? Sein Herz hüpft aufgeregt. Tatsächlich, ein Briefumschlag! Doch der Brief kommt nicht aus Indien, sondern von seiner Hausverwaltung. Vorfreude wandelt sich sekundenschnell in Besorgnis. Was können die wohl wollen? Die Betriebskostenabrechnung kommt doch immer erst im Herbst! Joachim reißt den Umschlag gleich hier im Hausflur auf und überfliegt die Zeilen.

 

Minutenlang steht er reglos, starrt auf das weiße Papier mit den unschuldigen kleinen Druckbuchstaben. Das muss noch gar nichts heißen!, versucht er sich zu beruhigen. Na und, hat der Hauseigentümer eben gewechselt. Eine andere Kontonummer für die Miete, mehr hat das nicht mit ihm zu tun.

 

Langsam steigt er die Treppen hinauf, seine Gedanken aber drehen sich im Kreis. Unser Haus ist marode, sinnt Joachim vor sich hin. Die Fassade bröckelt, Wasserrohre sind undicht, die Fenster zugig. Die Heizanlage hat ihre besten Tage hinter sich und fällt regelmäßig aus. Wer kauft so ein Haus?

 

Der neue Hausbesitzer trägt irgendwas mit Investment im Firmennamen. Der wird die Immobilie wohl nicht aus Mildtätigkeit gekauft haben. Wetten, dass in ein paar Tagen die Modernisierungsankündigung hereinflattert? Was dann kommt, bedeutet für uns alle hier nichts Gutes! Die Nachbarhäuser sind schon schick und teuer zurechtsaniert. Von den alten Mietern blieb dort niemand wohnen. Joachim läuft es kalt den Rücken herunter. Er hat zu oft gehört, mit welch kreativen Mitteln manche Eigentümer ihre ungeliebten Mieter zum Auszug drängen, falls diese nicht freiwillig gehen: Heizung fällt aus, Wasser und Strom auch. Müll stapelt sich, Kokeleien im Treppenhaus. Kleine Einbruchserien, aufgebrochene Briefkästen, verstopfte Schlüssellöcher. Die so frei gepressten Wohnungen können dann besonders gewinnbringend als Wohneigentum verschachert werden. Die überhohen neuen Mieten könnten sich die Vormieter sowieso nicht leisten. Es gibt sogar ein eigenes Wort dafür. Gentri…-irgendwas[i]. Neulich gab es darüber einen Bericht in den Lokalnachrichten.

 

Vor der Tür des jungen Mannes im zweiten Stock versucht er flacher zu atmen. Wie das müffelt! Macht der Junge denn auch irgendwann mal sauber oder lebt der zwischen Ratten und Müll? Der Kerl ist angeblich krank und seine Mutter bezahlt ihm die Miete, aber das weiß Joachim nur vom Hören-Sagen. Ob es bei ihm in der Wohnung auch so aussieht wie bei dem Messi im Vorderhaus? Was mit dem passiert ist, weiß niemand. Eines Tages war er weg gewesen, der arme Kerl, und junge Muskelmänner trugen tonnenweise nach Verwesung riechenden Dreck und Sperrmüll aus seiner Wohnung.

 

Eine Etage höher bleibt Joachim stehen und japst nach Luft. Verflucht, er ist halt nicht mehr der Jüngste und das Rauchen, ja das Rauchen… Lotte schimpft ja auch immer. Aber muss sich der Mensch im Leben denn alles verbieten?

 

Hinter der Tür links kreischt schrill das Baby der Großfamilie, deren Mutter schon wieder schwanger ist. Ob es diesmal der erhoffte Sohn wird und dann die Kinderkriegerei ein Ende hat?

 

In der Wohnung daneben ballert jemand Videospiele. Peng und Wumm!, dröhnt es tief und durchdringend. Der junge Mann, der dort wohnt, ist ihm eigentlich ganz sympathisch. Armer Kerl, findet Joachim. Er hangelt sich von Job zu Job und zwischendrin hockt er allein zu Hause und gibt er sich der Spielsucht hin.

 

Während er sich in den dritten Stock hievt, denkt Joachim weiter über das Haus und seine Bewohner nach. Im Vorderhaus ganz oben wohnen Herr und Frau Schulze. Sie ist ja ganz verträglich, aber eine graue Maus und ihrem Mann ergeben. Der alte Schulze sieht aus, als hätte er Rizinusöl verschluckt. Beide wohnen schon seit über vier Jahrzehnten hier, köchelt die Gerüchteküche. Er sei Offizier gewesen bei der Firma[ii]. Sie hat wohl in irgendeinem Vorzimmer des MfS[iii] gearbeitet. Die Wende muss für beide ein wahrhaftiger Schock gewesen sein. Herr Schulze spuckt bei jeder Gelegenheit Gift und Galle, geifert über alles und jeden – über die Politik und die Regierung sowieso. Die Jugend, die Ausländer und überhaupt alle Menschen sind ihm sowieso suspekt. Joachim versucht, dem vergnatzten Alten aus dem Weg zu gehen.

 

Sein Lieblingsnachbar Walter wohnt im Hinterhaus ganz oben, direkt neben ihm. Er galt früher als Dissident und hatte sich in der Umweltbibliothek und bei der Friedensbewegung[iv] engagiert. Nach der Wende war er kurz in der SPD, verließ die Partei aber schnell wieder. Die westdeutsche Demokratie fand er enttäuschend. Trotzdem, dass er 1987 einmal kurz im DDR-Knast war und als politisch Verfolgter gilt, ist Walter stolz wie Bolle. Er sei einer, der immer den Mund aufmacht und sich nie die Schnauze verbieten lässt. Ein Querdenker! Joachim gönnt dem Freund die kleine Prahlerei. Schließlich hat Walter heute nicht mehr viel, womit er angeben kann. Die Gesundheit – ein Scherbenhaufen, dabei ist er erst Mitte fünfzig. Seit einem Jahr berentet, fühlt er sich unnütz, überflüssig, ausgestoßen.

 

Die Mieterin im Erdgeschoss, eine Frau Ende Fünfzig, ist wohl auch Frührentnerin. Früher schwebte sie wie eine Diva durch die Straßen, trug bunte wallende Kleider, sprach laut und gestikulierte wild und ausdrucksvoll. Inzwischen verlässt kaum das Haus und wenn, dann huscht sie geduckt durch die Straße. Sie sieht niemanden und will ganz offenkundig auch nicht gesehen werden. Die Kleidung schwarz, das Gesicht fahl, bleich und aufgequollen. Wahrscheinlich von irgendwelchen Psychopillen, glaubt Joachim. Seine Exfrau ist seit Jahren in Behandlung und inzwischen auch so aufgedunsen.

 

Im Vorderhaus wohnt noch Franz, ein Säufer vor dem Herrn. Der ist damals schon besoffen eingezogen, erinnert sich Joachim. Die anderen alle kennt er nur vom Sehen. Irgendwelche WGs mit wechselnder Belegschaft. Die jungen Leute grüßen oft nicht mal. Gucken an ihm vorbei und galoppieren durchs Treppenhaus. Eilig scheinen sie es immer zu haben, hopp hopp hopp, schnell schnell, husch husch und rums knallt die Wohnungstür!

 

So oft auch Joachim über das Haus geschimpft und sich über seine Nachbarn geärgert hat – plötzlich wird ihm bange, wenn er daran denkt, dass er vielleicht bald ausziehen muss. Wohin soll er denn? Die Wohnungen in seinem Kiez sind inzwischen alle unbezahlbar. Soll er denn nach draußen ziehen, in die Platte? Niemals!

 

Wenn man sich nur wehren könnte? Irgendwas muss ihm doch einfallen, was man tun kann. Er wird Walter fragen. Gleich nachher wird Joachim mit ihm sprechen. Jetzt aber erst einmal ein Nickerchen. Vor seiner Wohnung angekommen, wartet er ab, bis sich sein Atem beruhigt hat und tupft sich den Schweiß von der Stirn. Dann schließt er die Tür auf. Das Telefon klingelt. Ob das Lotte ist?

 

[i] Gentrifizierung (Gentrification)

[ii] Umgangssprachlich unter DDR-Bürgern für die Stasi.

[iii] Ministerium für Staatssicherheit.

[iv] Zum Wikipedia-Artikel mit weiteren Literaturverweisen hier: https://de.wikipedia.org/wiki/Umwelt-Bibliothek.

 

Zum Abschlussbeitrag auf sofasophia.wordpress.com geht es  >> HIER << entlang.


 

 

Mit diesem Beitrag verabschiede ich mich ein ein sonniges frühsommerliches Wochenende, in dem ich dem Internet fern bleiben möchte. Es gibt draußen so viel zu entdecken – inzwischen blühen sogar schon die ersten Rhododendren und auch die ersten Kastanienblütchen sind seit gestern geöffnet. Kommende Woche gibt es hier dann sicher viele Bilder zu sehen.

Habt eine schöne Zeit!

Agnes

6 Kommentare zu „# Schattenklänge: Zweiter Beitrag zur Blogaktion von Sofasophia

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