Ratsch! Und ab durchs Netz! Familie wurde zwangsgeräumt

 

Vergangene Woche berichtete ich über die vorerst verhinderte Zwangsräumung einer Familie in Berlin Lichtenberg. Ich erinnere: Die Mutter ist krank, war vergangenes Jahr in stationärer Behandlung, konnte nicht rechtzeitig den Weiterbewilligungsantrag für das JobCenter stellen. Unter welcher Krankheit genau die Mutter leidet, weiß ich natürlich nicht und gehört auch nicht hierher. Aber alle meine Leserinnen und Leser, die sich nur annähernd mit psychischer Krankheit und Depressionen auskennen, wissen, dass es es Situationen gibt, da ist an das ordentliche und fristgerechte Ausfüllen eines Antragsformulars einfach nicht zu denken (und das auch oft schon Wochen, bevor oft eine stationäre Behandlung einsetzt). Daraufhin war es zu einer Aussetzung der Zahlungen des JobCenters und zu Mietrückständen gekommen, die die Hausverwaltung zur Kündigung des Mietverhältnisses berechtigten. Die Mietschulden konnten inzwischen beglichen werden, die Räumung der Wohnung wurde – auch aufgrund eines psychiatrischen Gutachtens, dass die Mutter in der ihr vertrauten Umgebung verbleiben müsse, gerichtlich vorerst ausgesetzt.

Durch falsche Berechnungen des JobCenters, das die Miete direkt auf das Konto der Hausverwaltung zahlte, kam es im April zu einem erneuten Mietrückstand von 30 ! Euro, woraufhin die Hausverwaltung gerichtlich die sofortige Räumung erklagen konnte.

Die – nur fünf Tage zuvor – angekündigte Räumung der Wohnung am 22.5. konnte durch engagierte NachbarInnen und AktivistInnen verhindert werden.

Die nun folgende Schilderung der Ereignisse zitiere ich vom aktuellen Beitrag auf der Homepage des Bündnisses Zwangsräumungen verhindern:

 

„Am Montag, dem 28.5., kam er (der Gerichtsvollzieher, Anm. A.P.) ganz ohne Ankündigung. Dafür aber mit 20 Polizisten, der Angela Herden Hausverwaltung und einem Schlosser. Um 8 Uhr morgens hämmerten sie an der Wohnungstür, gaben der Familie 15 Minuten Zeit ihre Sachen zu packen und schmissen sie aus der Wohnung. Die Hausverwaltung entblödete sich nicht, die unkomplizierte Herausgabe der Schulsachen des Sohnes, die noch in der Wohnung sind, zu verweigern und will diese erst nach einem komplizierten hin und her übergeben.“

Quelle: http://berlin.zwangsraeumungverhindern.org/2018/05/29/legal-illegal-familie-doch-zwangsgeraeumt/

 

Das habe ich eben gerade gelesen und ich bin fassungslos und mir zittern die Hände und es ist mir, als ob ich selbst geräumt wurde, und das nicht nur, weil auch ich unlängst durch das sozialstaatliche Raster gefallen war und sich monatelang kein Amt zuständig fühlte, auch nur einen kleinen Finger zu rühren.

Ich denke an die Mutter und ihre zwei Kinder (die gewiss ohnehin schon an der Krankheit der Mutter zu tragen haben und die durch die kurzfristige und gewaltsame Räumung nun erst recht traumatisiert sind) und finde keine Worte. Aus aktuellem Anlass, aus Zeichen des Protestes, der Wut, des Aufstehens und des Widerstands folgt heute kein lieblicher hübscher Blumenblogbeitrag. Heute trage ich schwarz!

Ich muss Euch nicht unter die Nase reiben, dass dies eine Geschichte ist, die jedeR von uns passieren kann. Von heute auf morgen werden wir krank, arbeitsunfähig und durch die aktuelle Sozialgesetzgebung gibt es so viele Lücken, durch die Menschen fallen können. Das Ende vom Lied ist dann eine weitere wohnungslose Familie mit traumatisierten Kindern, deren Risiko, später ebenfalls krank zu werden und in derselben Falle zu landen, mit dieser Zwangsräumung beträchtlich gestiegen ist. Wollen wir uns weiter wie die braven Schäfchen ducken und hoffen, dass der schlimmste Kelch an uns vorübergeht?

 

weiterlesen auf:

http://berlin.zwangsraeumungverhindern.org/2018/05/29/legal-illegal-familie-doch-zwangsgeraeumt/

und meine früheren Beiträge zum Thema:

Armut in einem reichen Land. Solidarität!!!

Armut in einem reichen Land oder darüber, was ich lieber nicht hätte erleben wollen. Aber nun ist der Drops gelutscht

 

und hier noch zum aktuellen Artikel auf taz online:

https://www.taz.de/!5506727/

22 Kommentare zu „Ratsch! Und ab durchs Netz! Familie wurde zwangsgeräumt

  1. Schlimm – gefällt mir nicht.

    Was bleibt, ist Glaube, Vertrauen – und, da wo immer möglich, mich für die einzusetzen, die sich nicht selbst helfen können. Ich wünschte, mehr Zeit und Energie zu haben. Ob ich sie nach meinen Erwerbsleben habe? Ich versuche mich vorzubereiten …

    Lieben Gruß.

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  2. Die Momente häufen sich, dass ich mich schäme, zu diesem deutschen Volk zu gehören, das in überheblichster Manier mit Schwächeren, Schutzbedürftigen und Asylbewerbern umgeht. Und nicht alles können wir der AfD in die Schuhe schieben – über viele Meinungen von Leuten schlage ich die Hände über dem Kopf zusammen.

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    1. In der Tat sind Vorurteile, Ausländerfeindlichkeit und Diskriminierung nicht nur unter AnhängerInnen der AfD verbreitet. Deren eklige Reden machen bestimmte Aussagen nur immer weiter salonfähig, bis uns bestimmte Floskeln (und dann Taten) gar nicht mehr auffallen („das wird man ja wohl noch mal sagen dürfen“).
      Mit der Formulierung „deutsches Volk“ habe ich aus historisch bekannten Gründen so meine Schwierigkeiten und so fühle ich mich ohnehin dem „Volk“ nicht so ganz „zugehörig“. Das heißt aber nicht, dass ich nicht über gewisse Entwicklungen sehr besorgt bin und mich schäme für Tendenzen, denen ich das Gefühl habe, zu wenig entgegensetzen zu können.

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  3. 20 Polizisten, die dabei waren? Das ist noch mehr als übertrieben. Ich kann dich sehr gut nachvollziehen. Mir steigt da bei so einem Fall die zornesröte auf. Zudem waren es wirklich nur 30 euro.
    Ich weiss selber wie es ist nicht mehr in die Wohnung zu kommen, weil sie verschlossen ist. Das zieht einem die Füsse unter dem Boden weg.
    Deutschland ist leider immer mehr so geworden. Man tritt nach unten. Die Politik versagt hierbei vollkommen. Das gravierende ist, dass solche Berichte immer mehr Leute zur AfD treiben. Nur ist diese populistisch und verändert nichts an der Situation. Alles hängt miteinander zusammen.
    Ich finde es traurig, dass so sehr nach unten getreten wird, weil es so praktisch ist. Diejenigen können sich oft nicht helfen. Deshalb sind sie die geborenen Opfer des Systems.

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    1. Du hast recht, dass solche Geschehnisse auch Parteien wie der AfD Zulauf verschaffen könnten. Die bieten in Wirklichkeit zwar das Gegenteil von Lösungen an, aber bestimmte Gruppen untereinander aufhetzen, gegeneinander ausspielen und ausgrenzen – das beherrschen sie nahezu mit Perfektion.

      Ich habe auch wirklich die Befürchtung gehabt, mein Beitrag könnte Leute dazu verleiten, hier Dummheiten zu kommentieren – in dem Sinne von „die da kriegen alles und wir nichts“. Die Gesetze, auf deren Grundlage diese Familie hier aus der Wohnung abgeführt (angesetzt von 20 Polizisten ist der Ausdruck wohl angemessen?) wurde, haben ja mit dem Thema Flucht und Migration überhaupt nichts zu tun.

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      1. Auf Ausländer und Geflüchtete wollte ich gar nicht hinaus. Denn das hat natürlich nichts damit zu tun.
        Du wirst wahrscheinlich weniger Leser mit rassistischen Einstellungen haben. Solche Personen interessieren sich wahrscheinlich nicht für aufgeklärte Blogs. Sei froh darum.
        Ich mag die Kommentare von deinen Lesern. Sie bereichern irgendwas den Blog.

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  4. Gleich eins, gefällt mir gilt der Tatsache, dass Du diese Ungerechtigkeit bloggst. Wär ich Jurist, würde ich Mittel und Wege finden, das Jobcenter zu verklagen. Fahrlässigkeit kann nicht zu Lasten kranker Menschen gehen. Kranke Menschen auf die Straße zu setzen ist meines Erachtens Körperverletzung. Das dass Jobcenter oder irgend eine übergeordnete Instanz nicht eingegriffen hat, ist unterlassene Hilfeleistung. Beides gehört bestraft und wird es normalerweise auch. Ich kann garnicht soviel fressen wie ich kotzen könnte, bei solchen Aktionen.

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    1. Ich hoffe, es finden sich Juristen, die das entsprechend zur Anzeige bringen, denn es scheinen hier mehrere Rechtsbrüche stattgefunden zu haben – schon allein, dass die Räumung nicht wie vorgeschrieben drei Wochen vorher angekündigt wurde.
      Ich selbst, da ich nicht versiert in solchen Dingen bin, werde mich damit begnügen müssen, öffentlich auf solche Missstände hinzuweisen und den einen oder anderen Brief an Partei“genossen“, Abgeordnete, die Sozialsenatorin usw. Zu formulieren. Euch kann ich nur aufrufen, es mir gleich zu tun. Denn wenn wir alle weiter stumm bleiben, dann werden sich die Dinge nicht ändern …
      Dir geht es hoffentlich den Umständen entsprechend und Du erträgst Deinen Alltag, hast Hilfe und siehst wieder Land. Solche Nachrichten sind sicherlich auch für Dich nicht leicht zu verdauen, denn sie betreffen uns ja gewissermaßen persönlich mit.

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      1. Mir geht es vergleichsweise richtig gut, unter wirtschaftlichen Aspekten gesehen. Zwar bin ich weit entfernt vom deutschen Durchschnittsverdiener, aber zum Leben mit ein wenig Luxus reicht es. Ich denke ich käme auch mit weniger zurecht. Allerdings habe ich auch einen Job. Ob der nach der Befristung bis Ende September weiter geht, weiß ich nicht. Eigentlich überfordert er mich permanent. Ich habe einen Freund, der lebt am Existenzminimum. Ich helfe ihm immer mal mit etwas Geld aus, aber die Verzweiflung kann ich ihm grundsätzlich nicht nehmen. Frührente wegen psychischer Erkrankungen und Grundsicherung, davon kann er existieren, aber leben ist was anderes.

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    1. Im Beitrag auf taz.de ist zu lesen, dass sich die Familie wieder in die Wohnung zurück klagen könnte. Wie auch immer die Sache ausgeht – es bleibt der enorme psychologische Schaden, der bei allen Beteiligten angerichtet wurde. Und führt all jene Reden der Neoliberalen ad absurdum, die die angeblich zu Ängstlichen, die den Schritt in die Selbstständigkeit und Eigenverantwortung nicht wagen, zurufen, dass ihnen bei Scheitern doch nichts passieren würde, wir hätten doch ein soziales Netz, das uns auffängt. Wenn ich das noch einmal höre, dann platze ich. Oder die Reden all jeder AbtreibungsgegnerInnen, die das ungeborene Leben schützen wollen. Aber was ist mit jenen, die geboren wurden? Mit welchen Argumenten will man einer zweifelnden schwangeren Mutter zureden, das Kind zu behalten in dieser kalten Gesellschaft?
      Ich muss noch nachdenken, was ich und wir eventuell tun können, um Öffentlichkeit und Abhilfe – auch für zukünftige Fälle – zu schaffen. Gerade bin ich viel zu aufgeregt dazu.

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    2. Liebe Gerda,
      jetzt muss ich einfach einen Kommentar dazu abgeben, denn es ist tatsächlich in unserem Land so, dass Menschen die z. Bspl. in Hartz4 geraten oder durch Krankheit nicht mehr arbeitsfähig sind, keine Verständnis von ihren Mitbürgern erhalten! Im Gegenteil, da heißt es, die wollen bloß nicht arbeiten, die machen ein auf krank usw.! Diese Menschen werden vielfach diskriminiert und ausgeschlossen! Bei vielen geht das soweit, dass sie an nicht’s mehr teilnehmen aus Charme! Daraus entstehen oft schwere Depressionen! Das große Verständnis ist anderen vorbehalten! Das ist das große Ungleichgewicht und das fördert Wut und sogar Hass!
      Ich habe es bei meinem besten Freund erlebt, wie er behandelt wurde, als er auch wegen Krankheit arbeitsunfähig wurde! Jetzt ist die Rente durch, aber er bekommt noch zusätzlich Grundsicherung, weil die Rente zu gering ist! Er hat aber 35 Jahre eingezahlt, weil er schon mit 15 Jahren anfing zu jobben. Er wurde 2 Jahre drangsaliert von der Sachbearbeiterin im Job-Center, die auch noch seine Bescheide, zu seinem Nachteil, falsch berechnet hat. Erst durch eine Rechtsanwalt Kanzlei, wurde dann gerichtlich dagegen vorgegangen.

      Also, was Agnes da berichtet ist tausendfach die Realität in unserem feinen Sozialstaat! Mitleid, für Leute die gearbeitet und Steuern gezahlt haben und dann durch Schicksalschläge oder Arbeitsplatzverlust in Schieflage geraten, gibt es imner seltener!

      Mich würde auch interessieren, wo lebt die Frau jetzt mit ihren Kindern? Hoffentlich nicht auf der Straße! 🤔😥

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      1. Ja, Wahr und schlimm ist, dass das kein Einzelschicksal ist und dass es vielen so geht. Und ja, Diskriminierung und Unverständnis, Vorurteile und Ausgrenzung sind ebenfalls an der Tagesordnung. Es wird Zeit, dass mehr und mehr Betroffene über ihre Situation berichten und sich nicht mehr schamhaft verstecken.
        Ich hoffe sehr, dass engagierte NachbarInnen der Familie helfen und in eine der Notunterkünfte vermitteln konnte.

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