Der abc.etüden zweiter Teil: Wolfgang

 

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Weiter geht es mit den abc.etüden. Mein Dank gilt wieder Christiane und Wortgerinnsel.

Die Wörter der Schreibwochen 45.46.18:

Knirps, grotesk, notieren.

 

Wolfgang

 

 

Seine feine Nase hatte den Duft frisch gebackenen Brotes schon aus weiter Ferne wahrgenommen. Wolfgang schlich näher. Da saß sie, ein junges Mädchen, wie ihm schien, angelehnt an einen Baumstamm. Das Körbchen, von dem der betörende Duft ausging, hatte sie neben sich gestellt.

 

Wann hatte er das letzte Mal in ein frisches knuspriges Brot gebissen?! Seine Sinne waren wie benebelt. Wochenlang hatte er sich nur von Blättern und Beeren ernährt, die er im Walde fand. Sie machten ihn nicht satt, aber halfen beim Überleben. Dankbar dachte er an die Schwester seiner Mutter, die ihr unendliches Wissen über die Schätze der Natur mit ihm geteilt hatte. Im Dorf war sie als Hexe verschrien. Welche Frau lebte schon freiwillig allein, ohne im Bunde mit dem Teufel zu stehen?! Einzig Wolfgang kam jeden Nachmittag zu ihr, hörte ihr zu und lernte. Die Namen der entdeckten Pflanzen trug er in ein riesiges schweres Buch ein, notierte ihre Besonderheiten und fertigte Zeichnungen an.

 

Die anderen Dorfjungen verachteten ihn, zeigten ihren Hass aber lieber nicht offen. Wer wusste schon, ob die Hexe ihn nicht eines Tages rächen würde. Flüsternd nannten sie ihn Knirps und meinten dabei Hosenschisser. Das war grotesk. Schließlich überragte Wolfgang den größten von ihnen um einen ganzen Kopf und später stellte sich heraus, dass er mutiger und standhafter war als viele. Denn als der König in das Nachbarreich einfiel und alle jungen Männer in seine sinnlosen und blutrünstigen Schlachten schickte, weigerte Wolfgang sich, auf die angeblichen Feinde zu schießen.

Befehlsverweigerung!, geiferte der Kommandant. Ein Soldat, der einen eigenen Willen hat, der selbst denkt anstatt blindlings zu gehorchen – wo kommen wir da hin? Was ist, wenn das alle machen?! Nicht auszudenken!

Er hätte den Renitenten gar zu gerne an die Wand gestellt. Indes, der Königliche Kriegserlass 003 sah eine andere Bestrafung vor.

 

 

 

Wörter: 299

 

 

Fortsetzung folgt (aber morgen noch nicht)

 

 

 

 

 

17 Kommentare zu „Der abc.etüden zweiter Teil: Wolfgang

    1. Und ich „vor wie nach“ :-)
      Agnes, mit Schreck ist mir beim Lesen klar geworden, dass ich verhungern müsste, wenn mich jemand im Wald aussetzt. Ich kenne so gut wie keine essbaren Wildpflanzen. Vielleicht würde mir unter Todesangst was einfallen oder ich würde einfach essen, was essbar aussieht. Und genau wie Wolfgang würde mir der Brotgeruch in die Nase steigen und ich würde sicher diesen Korb klauen.

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      1. Falls Dir das jemals passieren sollte: Brennnesseln erkennst Du auf jeden Fall und die gibt es vom Frühjahr bis in den Winter hinein. Anderes würde ich Dir nicht ohne entsprechende Wildkräuterführung empfehlen, die es heute ja viele gibt :-)
        Liebe Grüße aus dem erstmals frostigen anderen Stadtteil :-)

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      2. Frostig??? Stimmt, die auf dem Balkon verbleibenden und die wild gewachsenen Pflanzen sehen wirklich leicht angeditscht aus. Aber jetzt ist Sonne und das Thermometer zeigt immerhin 3,2°.
        Klar erkenne ich Brennnesseln, aber ich habe nie in der VHS den Kurs „Feuer anzünden ohne Streichhölzer“ belegt – das müsste ich dann wohl nachholen *grins*
        Guten Morgen!!!

        Gefällt 1 Person

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