Sterben im Kiez

 

 

Ich habe eigentlich wenig Lust, über das folgende Thema zu schreiben. Vielmehr macht es Kopfschmerzen, Bauchschmerzen und schlechte Laune ohnehin. Außerdem – was gibt es noch Neues über Mietwucher, Spekulation mit Wohnraum, in schwindelerregende Höhen kletternde Mieten, Verdrängung und drohende Wohnungslosigkeit durch Wohnraumverlust zu sagen? Aber da ich ja im vergangenen Jahr im Rahmen von Zeilenendes Fotoprojekt 12 Monate lang über die unsägliche und zu recht umstrittene Groth-Baustelle am Mauerpark berichtet habe, möchte ich doch ein paar Worte darüber verlieren, wie es so aktuell hier im Kiez aussieht. Es ist endlich auch das passende graue Novemberwetter zur fotografischen Untermalung.

Hier geht es dem letzten meiner 12-Monatsbeiträge aus dem Januar 2018: Groth statt Grün – Zeilenendes Fotoprojekt 12

 

Viele der neuen Häuser der Grothschen Großbaustelle sind inzwischen bezogen, an anderen wird weiter täglich gebaut. Auf „meiner“ Wiese und im Senkgarten, wo ich gerne sitze (saß) , ist die Sonne nachmittags nun viel zu früh hinter den hässlichen Betonklötzen verschwunden.

Durch das Anklicken eines Bildes öffnet sich die Galerie in Großansicht.

 

 

Die Groth-Bautätigkeit war ansteckend und wenn angesichts der tatsächlichen Wohnungsknappheit dadurch bezahlbarer Wohnraum entstehen würde, ließe sich darüber diskutieren. Indes – das scheint ein frommer Traum. Luxus-Wohnkomplexe mitten im beliebten Szenekiez sind da lukrativer.

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Im Altbau frisst sich die Modernisierung eifrig weiter fett und teuer. Die Gegend wird schicker und teurer und natürlich verändert sich ein Kiez, wenn nur noch betuchte Menschen eine Wohnung mieten oder gar kaufen können. Altes Gewerbe, das nun einmal einem Hauseigentümer wenig Prestige bringt, wird ebenso verdrängt wie die Menschen, die hier früher wohnten. Der Schließstein kam im Sommer 2018 ins Rollen, als der Getränkeladen an der Gleimstraße seine Türen schloss, Es heißt, der Vermieter wolle dort lieber ein schickeres Gewerbe sehen als einen popeligen Getränkeshop. Der Wunschnachmieter scheint noch nicht gefunden. Die Ladenräume stehen leer.

Das blieb leider nicht die einzige Ladenschließung im Kiez und inzwischen habe ich in unserem Kiezportal gelesen, dass angeblich auch das gemütliche familiäre Kraftkombinat in der Gleimstraße betroffen ist. Bevor ich erkrankte , habe ich hier eine Zeitlang trainiert und ich hatte vor, beizeiten zurückzukehren. Daher weiß ich, dass das Kombinat kein gewöhnlicher 0-8-15-Fitnessclub ist. Zum 31. Januar 2019 soll hier Schluss sein, erfuhr ich aus dem Newsletter des Tagesspiegel. Auch hier ist es angeblich ähnlich wie beim ehemaligen Getränkeladen – ein Fitnessstudio passt nicht ins angestrebte Image, so heißt es im Newsletter.

Im Kiezportal des Gleimviertel-Bürgervereins lese ich, dass unser Gleimviertel echte Weltklasse ist. Jedenfalls die Immobilienpreise betreffend. Und wohl momentan sind wir wohl auch spitze, was das Sterben lebendiger Kiez-Strukturen betrifft.

Ein kleiner Hoffnungsschimmer: nicht alle lassen sich wehrlos vertreiben. Manche Hausgemeinschaften und Kulturschaffende organisieren und vernetzen sich. Möge dem Mietwucher- und Vertreibungsmonster erfolgreich Einhalt geboten werden.

 

 

 

Teil 2 folgt am Donnerstag, wo ich über die Schließung eines Cafes schreiben werde, die es dank der Prominenz des Hausbesitzers gar in das überregionale Boulevard geschafft hat. Und darüber, dass das Ende vielleicht doch auch ein neuerAnfang sein könnte.

 

Quellen und Links

 

News auf der Homepage des Bürgervereins Gleimviertel

http://www.gleimviertel.de/archives/33022 – über Preistreiberei und Immobilienroulette

http://www.gleimviertel.de/archives/33016– über die Schließung des Getränke Hoffmann

http://www.gleimviertel.de/archives/32985 – über Livingstone, ein neues Edel-Luxus-Haus, das neben der Grundschule entsteht

http://www.gleimviertel.de/archives/33088– über den Protest der Mieter*innen in der Gleimstraße 56

 

zugegeben lückenhafte Auswahl aktueller Zeitungsartikel aus den online-Archiven und weitere Verweise

 

http://www.taz.de/!5551608/ ein frischer Artikel aus der taz über ein mögliches Konzept der Wohngemeinnützigkeit, wie von den Grünen vorgeschlagen

https://www.taz.de/Archiv-Suche/!5533503&s=Gleimviertel/ die Taz über die Gleimstraße 56; leider nicht ganz aktuell, denn inzwischen hat der potentielle Hauskäufer Widerspruch gegen die Inanspruchnahme des Vorkaufsrechtes durch den Bezirk eingelegt und die Mieter*innen bangen weiter

https://leute.tagesspiegel.de/pankow/macher/2018/11/01/62291/prenzlauer-berg-gewerbeverdraengung-geht-weiter/ der Tagesspiegel berichtet über die Schließung des Kraftkombinates und ruft Mieter*innen auf, sich gegen Verdrängung zu wehren: „Wer sich also gegen Verdrängung wehren will: Bitte melden.“

https://www.tagesspiegel.de/berlin/wem-gehoert-berlin-warum-die-recherche-zu-wohnungseigentuemern-wichtig-ist/23184074.html über das Rechercheprojekt „Wem gehört Berlin?“

https://leute.tagesspiegel.de/pankow/macher/2018/10/25/61575/verdraengung-zittern-in-gleim-und-paul-robeson-strasse/ über die Gleim 56 und die Paul-Robesohn-Straße 17

https://leute.tagesspiegel.de/pankow/macher/2018/10/18/60800/kinderwarenladen-schliesst-nach-fast-100-jahren/ über die Schließung des Kinderwarenladens Tina und Tinchen

https://www.dwenteignen.de/ website von deutsche Wohnen und co enteignen

 

 

 

28 Kommentare zu „Sterben im Kiez

  1. Ist ein Trend der gestoppt werden sollte, Wohnungen sollten keine Anlageobjekte sein, sondern es muss drin gewohnt werden. Auch AirBNB ist ein unseliger Trend. Allerdings muss ich dazu sagen, an der Peripherie ist es auch sehr schön – und noch schöner auf dem Land. Ist so ein Trend, dass alle in die Städte drängen. muss nicht sein. Es lebt sich ruhig auf dem Land. Ich jedenfalls habe das Leben auf dem Land zeitlebens geliebt.

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    1. Du hast natürlich damit recht, dass der Trend hinein in die Stadt auch nicht immer gut ist. Leider ist es aber so, dass viele Menschen der Arbeit wegen in die Städte müssen – die Jobangebote auf dem Land sind ja nicht so rosig. Und auch Städter*innen können nicht mal eben so aufs Land ziehen – wenn sie eine Arbeit in der Stadt haben nicht, und wenn sie keine Arbeit haben sowieso nicht.

      Dazu kommt die ärztliche und therapeutische Versorgung, die auf dem Land mangelhaft ist.

      Was mich betrifft, mag ich das Stadtleben gar nicht so sehr und träume schon lange von einem Leben auf dem Land, fühle mich in der Stadt eingesperrt und die Verdichtung der Stadt macht das nicht besser.
      Aber ich bin auf meine Therapien angewiesen und wenn ich wieder arbeitsfähig sein werde, dann werd ich einen Job wohl am ehesten in Berlin finden, Eltern und Kinder leben auch hier …

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      1. Ja, man muss mich mit manchen mangelhaften Angebot auf dem Land abfinden. Kenn ich zu gut, aber dennoch – ich möchte niemals in der Stadt leben, obwohl ich in der Stadt aufgewachsen bin, aber das waren noch andere Zeiten. E Bikes erleichtern aber auch das Landleben, ich bin dankbar dafür.

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      2. Stimmt. Wenn bei mir dann alles soweit am Laufen ist, dass ich vielleicht doch einen Umzug angehe, wird es hoffentlich mehr E-Mobilität und einen noch besser ausgestatteten Bahnverkehr geben. Bis dahin halte ich es hier in der Stadt aus 😉

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      3. Leider rechnet sich weder das erschaffen einer flächendeckenden Lade Infrastruktur, noch ein flächendeckendes öV Netz für die Betreiber und zwingend tätig werden könnte nur die Politik bzw. der Staat. Das gleiche gilt ja auch für die medizinische Betreuung auf dem Land oder in Randgebieten von Ballungsräumen. Es geht nur um Gewinnmaximierung derer die nicht durch ihrer eigenen Hände Arbeit, Vermögen generieren. Konzerne und deren Aktionäre. LG

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      4. So ist das leider. Das geht nicht ohne staatliche Intervention und nur dann, wenn es nicht mehr in erster Linie um Profitmaximierung und den eigenen Vorteil geht. Vielleicht sehr naiv habe ich gerade ein bisschen davon geträumt, dass eine Mehrheit der Menschen diese Politik nicht mehr mit trägt. Das alles funktioniert ja nur, weil wir alle brav unsere Rollen einnehmen und funktionieren. Naja, Dir und mir haben der Körper von sich aus ein Stop-Signal gesetzt. Funktionieren ist da nicht mehr so, wie es gesellschaftlich erwünscht ist … Vielleicht schwenken ja mehr und mehr Menschen freiwillig aus …

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  2. Dass Wohnungen zu Anlagezwecken und nicht zum Wohnen gebaut werden,ist der eigentliche Skandal. Das geschieht ja nun in allen Hauptstädten. In London, so weiß ich von meiner Nichte, die drei Kinder und ein niedriges Einkommen hat, werden die Menschen immer weiter raus an die Peripherie gedrängt. Und dort herrscht nicht etwa die Natur, sondern der menschliche Dschungel. Liebe Grüße und Dank, dassdu dasThema weiter verfolgt hast.

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      1. So ist es. Black Rock des Herrn Friedrich Merz zum Beispiel. Die wollen aus-merzen, was keinen Profit bringt. Trinkbuden sind Unkraut, weg damit. Arme Menschen sind am besten auch aus-zu-merzen, aber das geht ja nicht, aber rausrupfen aus ihren Wohnungen, das geht, und hinschmeißen auf den großen Haufen, wo sie verrotten, das geht. Aus den augen, aus dem Sinn. Bald braucht man sie nicht mehr, dann hat der Geldmensch saubere Automaten zu seiner Bedienung.

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  3. Macht einfach nur zornig, so etwas.

    Hier bei uns im Tal der Wupper geschieht das derzeit noch punktuell, aber ein langfristiger Trend ist schon zu erkennen. Auch, wenn wir noch Lichtjahre von Berliner, Hamburger, Münchner, Kölner Verhältnissen entfernt sind.

    Was hilft? Geld hat Macht, Öffentlichkeit auch … oft gewinnt Geld, aber nicht immer.

    Lieben Gruß !

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    1. Öffentlichkeit kann helfen, zumindest im Kleinen, in der Tat. Vernetzung auch. Da nun auch große Teile der Mittelschicht (Einkommensmillionäre sind nicht mitgemeint) betroffen sind, bewegt das Thema ja derzeit schon eine ganze Menge Menschen, die sich zunehmend engagieren.
      Ob der Druck der Straße groß genug wird, dass die Gesetze geändert werden und Mietspekulation Einhalt gebieten … Wir werden sehen …

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  4. Ein „reizendes“ Thema. Als Berliner beobachte ich diese Entwicklung natürlich auch. Und selten gefällt mir was ich sehe. Der Massnahmenkatalog des Senats sieht ja unter anderem vor, Plattenbauten wieder aufzustocken. Unter anderen auch jede die, wie hier schon erwähnt, noch vor Jahren zunächst abgestockt wurden. Komische Dinge passieren hier. Die wirklichen Lösungen lassen in einer wachsenden Stadt noch auf sich warten. Aber sie wächst. Nehmen wir einfach als gute Nachricht. VG, René

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    1. Herzlichen Dank für Deinen Kommentar.
      In der Tat gibt es ja einige Maßnahmen auch des Senates, der Entwicklung entgegenzuwirken. So ja auch die verstärkte Ausübung des Vorkaufsrechtes, die ja auch nicht immer gelingt und auch nur Stückwerk sein kann. Gesetzesänderungen beim Mietrecht, die auch angezeigt wären, um Mieterhöhungen entgegenzuwirken, sind ja wohl nur bundesweit möglich. Solange mit Wohnraum weiter Spekulationsgeschäfte gemacht werden können und der Besitz einer Wohnung als Geldanlage dient (in unseren Niedrigzinszeiten habe ich auch schon „normale“ Leute über so etwas nachdenken hören), wird wohl jede Maßnahme Flickschusterei bleiben.
      Das einzig Gute: mehr und mehr Menschen finden zusammen, Hausgemeinschaften lernen sich kennen, vernetzen sich lokal und überregional, werden selbst aktiv. Solange sie nicht rechten Hetzern auf den Leim gehen, ist das eine begrüßenswerte Entwicklung.

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  5. Agnes, weißt du, was ich nieeeeeeeee begriffen habe. Es ist noch nicht lange her, da wurden Häuser in Marzahn entweder ganz abgerissen oder zumindest „runtergebaut“ – also die 11Geschosser wurden auf 5 Etagen reduziert – es gab ja angeblich genug Wohnraum und nach Marzahn wollten ja viele eh nicht ziehen. War das Dummheit oder Absicht, um jetzt besser spekulieren zu können.
    Politik ist für mich das schlimmste Reizwort – und wenn ich an die drei Nachfolger für A.M. denke, wird mir auch nicht besser. Offensichtlich sind alle ehrlichen, intelligenten und guten Menschen aus der Politik abgewandert – und es ist nur noch der Sumpf geblieben.

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    1. Liebe Clara,
      Ja, ich kann mich an das Programm „Stadtumbau Ost“ (was in der Regel Abriss bedeutete) erinnern. Damals studierte ich, u.a. belegte ich auch ein paar Seminare im Bereich Stadtsoziologie. Damals lasen und sprachen wir tatsächlich über das Phänomen der Schrumpfenden Städte – kurz zusammengefasst: viele Menschen ziehen ins Umland, in die Speckgürtel, die Städte verlieren mehr und mehr Bevölkerung. Berlin galt, glaube ich, damals noch als Ausnahme, aber von einem großen Bevölkerungswachstum war damals auch nicht die Rede. Leider musste ich mich aus Platzgründen neulich von den Seminarunterlagen trennen und kann nicht mehr nachvollziehen, was wir damals lasen und besprachen. Im Rückblick sieht und beurteilt man vieles ja anders.
      Einen wundervollen Mittwoch für Dich
      Agnes

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      1. Ja, und da waren dann schon allein infrastrukturelle Probleme, die eigentlich unglaublich klingen.
        Und offiziell hieß es auch, man wolle die Gegenden attraktiver machen, entdichten, grüner usw.
        Was die Wohnungsbaugesellschaften „freiwillig“ gemacht haben, weiß ich auch nicht. Es hieß ja nun wohl plötzlich von Senatsseiten: wirtschaftet rentabel, macht Gewinn. Aber für Genaues muss ich noch einmal nachlesen.

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      2. Lass es, Agnes, es bringt nicht viel mehr als Verdruss – und es lässt sich ja nicht mehr ändern. – Es war tatsächlich so, dass über Hellersdorf, Marzahn, Ahrensfelde und all die anderen Wohngebiete tatsächlich von vielen nicht sehr gut gedacht wurde. Ich oder wir haben 10 Jahre zu viert in 49 qm gewohnt – ich wäre in JEDE 4-Zimmer-Wohnung mit Zentralheizung gezogen, egal wo in Berlin. Nur der Angetraute wollte nicht.

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    1. Ich fürchte ja leider letzteres, nochzumal ja auch gesagt wird, dass hier Wohnungen nicht für den Bedarf, sondern zu Anlagezwecken gebaut werden. Die Frage ist dann eher, ob und wann die Blase platzen wird. Ob ich das wissen möchte, weiß ich aber ehrlich gesagt nicht.
      Herzliche Grüße zu Dir!

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  6. Dass Wohnungen gebraucht werden ist unbestritten, aaaber, es werden ja, wie du schreibst, eben kaum bezahlbare Wohnungen gebaut und kein Ende in Sicht … traurig ist die Vertreibung von kleinen Läden/Fitnessstudios, eben allem, was einen Kiez lebendig macht und hält. Mensch soll halt lieber in die shopping-malls gehen, grmpf …

    Gefällt 5 Personen

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