Boulevard verspeist Gemeine Ostheuschrecke (tillienis lindemanis). Und wir machen trotzdem weiter

 

Ei-je-jei- was war das für ein Festschmaus für die Boulevard-Presse! Das Café niesen im Gleimkiez an der Schwedter Straße / Ecke Korsörer Straße machte letztens traurige überregionale Schlagzeilen. Ein mietwuchernder Rockstar als Vermieter auf der einen Seite und ein besonders in Künstler*innenkreisen als Treffpunkt und Veranstaltungsort beliebtes Café auf der anderen Seite.

„Haus gehört Rammstein-Sänger Till Lindemann. Kult-Café muss wegen Mieterhöhung schließen“,

titelte die überregionale Bild. Manche Zeitungen trauten sich auch erst einmal gar nicht, den Namen des berühmten Hausbesitzers zu nennen – den kannte zwar fast jeder im Kiez, aber offiziell bekannt war es nicht. 

Mit diesen Zeitungszeilen hätte es gut sein können. Doch die Ex-Freundin des Stars ertrug es nicht, dass über ihren Liebsten schlecht geschrieben wurde und ätzte und hetzte nun ihrerseits gegen das niesen und dessen Betreiberin.

Ja, die Sache mit den sozialen Medien ist ein zweischneidiges Schwert, denn der allzu sorglose Klick auf den „Veröffentlichen“-Button zieht manchmal einen gewissen Rattenschwanz an Problemen nach nicht. Der Sprung in die Bresche für Lindemann war da wohl eher einer ins Fettnäpfchen und dem Star ein Bärendienst:

Erstens: die Behauptungen der Thomalla sind schamlos und haltlos (wer den Quatsch lesen will, findet ihn auch. Ich mag das nicht zitieren und verlinken).

Zweitens: fies, fies, fies für Fans des niesen und der Band zugleich. Manche hatten ja gehofft, Till wisse gar nichts vom Treiben seiner Hausverwaltung. Doch Au Backe. Er wusste scheinbar doch …

Drittens: nun endlich wissen’s alle offiziell: das Haus gehört Till und keinem anderen. Und alle Zeitungen und Portale duften’s schreiben. Der Boulevard stützte sich vergnügt aufs große Fressen.

 

„Böser Streit in Prenzlauer Berg Thomalla kämpft um guten Ruf von Rammstein-Sänger“, schlagzeilte das (Schmier)Blatt händereibend.

Natürlich berichteten auch alle lokalen Berliner Tageszeigungen ausführlich. Wann hat ein kleines Kiezcafè schon solchen zweifelhaften Ruhm?

Aber nur in der taz war zu lesen, warum es – zusätzlich zum gerechtfertigten Groll über den habgierigen Lindemann, so schade ist, dass das niesen schließen musste.

„Es war kein beliebiges Café, in dem es nur um perfekten Milchschaum ging. Es war ein Ort, wo sich all jene trafen, die einmal aus ganz anderen Gründen nach Berlin gekommen waren, als hier Geld zu verdienen,“ so Susanne Messmer in der taz.

Christiane, die ehemalige Betreiberin, verstand das Niesen in der Tat nicht bloß als Raum für Kommerz und Konsum. Es diente  als Veranstaltungs-, und Begegnungsort und auch als Wohnzimmer für viele. Die Getränke blieben für Prenzlauer Berger Verhältnisse günstig und niemand, der sich den ganzen Tag an einem Glas Tee festhielt, wurde vor die Tür geschickt.

Solche Orte, fern von Konsumzwang und dem Streben nach größtmöglilcher Marge, sind leider viel zu selten geworden. Und solche Räume können nur bestehen bleiben, wenn die Ladenmiete in erträglichem Rahmen bleibt. Eine Mieterhöhung hätte das ganze Konzept des niesen zunichte gemacht.

 

Klar hat Lindemann juristisch und persönlich gesehen alles Recht, auf seiner Mieterhöhung zu bestehen. Die bisherige Miete lag auch in der Tat weit unterhalb der ortsüblichen Vergleichsmiete – das lag sie doch aber nur, weil die Gegend hier inzwischen derart schrecklich aufgewertet und teuer geworden ist. Der Schluss liegt nahe, dass der immer noch erfolgreiche Rammstein-Sänger (neues Album und große Tour auch nächstes Jahr), auf eine Anpassung der Miethöhe an das Ortsniveau zu verzichten. Aber klar kann niemand verlangen, dass er den Kiezheiligen spielt; ein Engel wollte er ja sowieso noch nie sein.  Als Frontmann seiner streitbaren Band ist er ja aber sowieso Abscheu und Kritik gewohnt. Zu provozieren gehört ja wohl außerdem gewiss zur Imagepflege. Und außerdem: schlechte Presse ist immer besser als keine Presse. Sagt man.

Wie sich aber jetzt wohl der Band-Keyboarder fühlen mag? Flake beklagte  ja jüngst erst in einem Interview mit dem Tagesspiegel die fortschreitende Gentrifizierung – die früheren Bewohner*innen seien großenteils weggezogen, weil sie sich die Miete nicht mehr leisten könnten. Jetzt wohnten im Bötzow-Viertel nur noch Reiche. Er fühle seinen Kiez in eine westdeutsche Kleinstadt versetzt. Hmmm. Ein Widerspruch?

 

Immerhin hat Lindemann dankenswerterweise für ein Aufbrechen des Schubladendenkens gesorgt. Endlich ist es mal ein Ossi, der sich als Heuschrecke an der Zerstörung lebendiger Kiezstruktur beteiligt. Wir aus dem Osten sind eben mehr als dumpfe Pegida-Anhänger. Wir können auch anders (Bitte benutzt beim Lesen Euren Ironiedetektor).

 

Wie dem auch sei. Auf dem Portal des Bürgervereins Gleimviertel steht zu lesen, was wir nicht vergessen sollten:

„Till Lindemann hat als Hauseigentümer noch ein Gesicht. Briekastenfirma mit Sitz in Steueroasen, Fonds mit Sitz in Luxemburg, Geld-Wasch-Salons mit Sitz in London oder auf Zypern haben kein Gesicht, keine Persönlichkeit an der man sich abarbeiten kann. Kein Mitleid mit Till Lindemann, für diese Sauerei ist er voll verantwortlich. Aber wir sollten nicht aus dem Blick verlieren: Die wohlhabenden Einzelhauseigentümer vom Schlage Lindemann und Co sind nicht unser wirkliches Hauptproblem.“

Richtig. Wir diskutierten bereits im Kommentarstrang des Dienstagsbeitrag darüber: Der weltweite Handel mit Immobilien als Spekulationsobjekt und die Kommerzialisierung des Wohnens als profitträchtige Geldanlage, das sind die eigentlichen Dinge, die anzugehen sind.  Das Ende des niesen und die Wut vieler Bewohner*innen auf Lindemannn sind da nur Nebenschauplätze.

 

Eine gute Nachricht zum Schluss. Die Schließung des niesen war eine weitere Initialzündung für Menschen, nicht mehr nur allein im stillen Kämmerlein zu grummeln und zu schimpfen, sondern miteinander ins Gespräch zu kommen, sich zu vernetzen und gemeinsam etwas auf die Beine zu stellen. Es besteht die greifbare Idee, in der Nähe einen neuen Kieztreff einzurichten. Ein erstes Treffen dazu mit überwältigend vielen potentiell Engagierten hat am Wochenende bereits stattgefunden.

 

Ende November / Anfang Dezember wird das inzwischen leere niesen noch einmal seine Türen öffnen.

Es gibt diverse Kulturveranstaltungen und auch eine Gemeinschaftsausstellung von Künstler*innen aus dem Kiez, zu der ich auch ein Werk beisteuere. Vernissage ist am 30. November um 19 Uhr.

Am Wochenende 9. oder 10. Dezember – der genaue Tag steht noch nicht fest – werde ich übrigens meine Version des russischen Märchens Snegurotschka lesen.

Quellen:

http://www.gleimviertel.de/archives/33094 über das Ende des niesen

http://www.prenzlberger-stimme.de/?p=122628 über das Ende des niesen

https://www.taz.de/Archiv-Suche/!5541164&s=niesen/ das taz über das niesen

https://www.tagesspiegel.de/berlin/berlin-prenzlauer-berg-verdraengt-der-rammstein-saenger-till-lindemann-ein-kuenstlercafe/23216710.html stellvertretend für die anderen Berliner Tageszeitungen hier der tagesspiegel über Lindemann und das niesen

https://www.instagram.com/cafeniesenfreunde/

Bild und Co mag ich nicht verlinken. Ebenso nicht die Schmähungen der Thomalla. Ihr seid bestimmt clever genug, die Artikel zu finden, wenn Ihr interessiert seid.

26 Kommentare zu „Boulevard verspeist Gemeine Ostheuschrecke (tillienis lindemanis). Und wir machen trotzdem weiter

  1. Ach Agnes, ich bin so ein Trottel, riesig groß. HEUTE gegen 18.00 Uhr habe ich mich auf die Füße gemacht und immer ging etwas mit den Verbindungen schief – und der 247er Bus fährt ja nur aller 20 Minuten. Ich kam zwar pünktlich am U-Bahnhof Bernauer an, da ich aber nicht genau wusste, wo die Haltestelle ist, sah ich ihn davon fahren. Mist. Ich war so gegen 19.20 auf der Schwedter Straße und war felsenfest überzeugt, zwar 20 Minuten zu spät, aber immer noch rechtzeitig zur Vernissage zu kommen.
    Und dann habe ich mir an allen Türen und Fenstern die Knöchel wund geklopft und geklingelt habe ich am Haus, wo 13/78 dran steht, wie eine Bekloppte. Es waren viele Leute drin, wie ich an den Mänteln sehen konnte, aber niemand hat aufgemacht.
    Und zu Haus habe ich dann bestätigt bekommen, dass ich einen Tag zu spät kam.
    Da hat der Gorbatschow-Spruch aber mitten ins Schwarze getroffen. – Schade, ich hatte sogar das Kohlepapier dabei!
    Lieben Gruß von Clara

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    1. Liebe Clara, ach Mensch, das ist ja wirklich schade und so ein Pech! Und dann auch noch der Stress mit dem ÖPNV, das war ja ein richtig länger Weg. Ich hoffe, Du bist Dir selbst nicht allzu böse. Schlafe trotzdem gut…
      Liebe Grüße
      Agnes

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      1. Ich war echt mehr als drei Stunden unterwegs. Ich war nicht böse auf mich, denn unterwegs dachte ich ja immer noch, ich wäre am richtigen Tag an der Tür. Erst zu Hause war ich enttäuscht, denn ich hatte mich schon so auf die Überraschung gefreut, dich plötzlich zu sehen. Hat nicht sollen sein

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      2. Oh ja, liebe Clara, das wäre eine ganz liebe Überraschung gewesen. Schade. Dann soll es ein anderes Mal sein … Aber ich nehme Deine Geste des Kommen-Wollens mit Dank und Freude zur Kenntnis 🌻🌻🌻

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  2. Ja, mein Detektor hat hier beim Lesen das ein oder andere Mal angeschlagen. Ich glaube anders kann man ein solches Thema auch kaum beschreiben als mit einer ordentlichen Portion Sarkasmus, wenn man nicht nur rumbrüllen und ausfällig werden will. Was der Sache nicht zuträglich wäre. Von daher danke für die Darstellung der Situation. Ich verfolge das weiter mit Interesse. Zeitungen im Allgemeinen und die 4 Buchstaben im Besonderen bemühe ich hier nicht. Das würde gar nichts bringen. Vg, René

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  3. In den 1990er Jahren war ich mal Fan von Rammstein, mittlerweile ist das nicht mehr wirklich meine Musik. Ich finde es schockierend, wenn selbst solche Musiker nur gierig zu nennen sind, mehr als schade! Deine Zeichnung zum Thema finde ich klasse, das wäre doch ein Plakat wert :)
    Aber die gute Nachricht kam ja zum Schluss, dass man sich zusammen Alternativen überlegt, das finde ich super!!!
    herzliche Grüße, Ulli

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    1. Ich bin eigentlich erst aufmerksam auf die Band geworden, als ich damals diesen großartigen Film Lilja forever sah, zu dem sie die Musik machten. Diese Musik geht (ging) mir bisher immer unter die Haut.

      Danke für das Lob zur Zeichnung. Es gibt Leute, die fürchten, dass ich wegen Verunglimpfung deswegen belangt werde, wobei ich ja eigentlich denke, dass das von der Kunstfreiheit gedeckt wird; ursprünglich hatte ich nämlich auch vorgehabt, es auszuhängen. Mal gucken, ob ich mich noch traue …

      Liebe Grüße
      Agnes

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      1. Ich weiß nicht, aber eine Karikatur ist glaube ich kein Grund belangt zu werden und das eine Horde im Gleichschritt „links, 2, 3, 4“ angestiefelt kommt und mit „bang, bang, Feuer frei“ agiert, wird sicher auch nicht geschehen. Da sagt sich Herr L. wohl eher „ich hab keine Lust“. Was Mieteinnahmen angeht, steht er da dann ja mehr zu „ich will“ LG

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      2. Vielleicht gibt es ja zu der „Verunglimpfung“ Sachtexte im Netz? Ich kenne bislang nur Verunglimpfung eines Staatsmannes oder einer Staatsfrau … son Musikstar wird das schon aushalten, bei seiner teilweise vorhammermäßigen Musik ;)

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  4. wieder mal ein einschlägiger Eintrag von dir! Mir gefällt besonders die distanzierende Ironie, die das Geschehen ein wenig weghält von den Nerven. Und natürlich, dass es nun eine Aktivierung der Nachbarschaft gibt und du wieder „voll dabei“ bist. Beste Grüße! Gerda

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  5. Die Frage nach Gier stellt sich eigentlich kaum mehr, wenn ein, ich denke mal gut verdienender Star, ein Objekt ersteht welches er vermietet. Klar, Vermieter sind keine Heiligen. Sollen Sie ja auch nicht sein. Sie sollen ja auch nichts verschenken. Sie sollen Ihre Kosten decken, auskömmlich davon leben können und gerne auch Gewinne erzielen, von denen sie einen Teil an Rücklagen für Renovierungen bilden. Aber so funktioniert die Immobilienbranche nicht. Und das aus gutem Grund. Menschen die ein Haus bauen brauchen dazu Geld und ganz gleich ob sie es schon haben oder sich besorgen müssen, sie werden von anderen Menschen diesbezüglich „beraten“. Deren Beratung ist das Problem. Und die sehen weder den Menschen vor sich noch die vielen anderen die es irgendwann betrifft. Wie die Saitenwürmer die in Heuschrecken leben, sind sie Parasiten die das Gehirn manipulieren. Im Gegensatz zur Natur bringen Sie die Heuschrecken aber nicht dazu, sich ins Wasser zu stürzen und somit Selbstmord zu begehen. LG

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    1. Tja. Was hier im einzelnen die Beweggründe sind, vermag ich einfach nicht zu sagen. Und das Problem sind ja, wie schon geschrieben, nicht die kleinen Hausbesitzer, die sich das Haus nach ihren Vorlieben mit Mieter*innen zusammenstücken wollen, sondern die großen Investoren, Anleger, Verscherbeler, Auf- und Wiederverkäufer.

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