Buchempfehlung: John Green, Das Schicksal ist ein mieser Verräter

„Der Grund, aus dem ich zur Selbsthilfegruppe ging, war derselbe, aus dem ich Krankenschwestern mit einer gerade mal achtzehn Monate langen Ausbildung erlaubte, mich mit Medikamenten mit exotischen Namen zu vergiften: Ich wollte meine Eltern glücklich machen. Denn es gibt nur eins auf der Welt, das ätzender ist, als mit sechzehn an Krebs zu sterben, und das ist: ein Kind zu haben, das an Krebs stirbt.“

Aus: John Green: Das Schicksal ist ein mieser Verräter, Hanser Verlag 2012

 

Gibt es auch Bücher mit Themen, die Ihr derzeit unter keinen Umständen anrühren würdet? Welch Teufel hat mich nur geritten, gerade dieses Buch aus dem Regal zu ziehen, dachte ich, als ich die ersten Zeilen des Romans von John Green, Das Schicksal ist ein mieser Verräter, las. Mein Unverstand! Ich hatte den Titel verwechselt mit einem Jugendroman über Depression, den ich erst selbst lesen und danach entscheiden wollte, ob der Roman etwas für den Nachwuchs wäre. Ich hätte mir nicht zugetraut, ein Buch zum Thema Krebs zu lesen. Das Leid, das Mitfühlen mit der sechzehnjährigen Hazel und auch ihren Eltern während des Lesens wäre mir nicht aushaltbar erschienen.

 

Das Buch stand in der Bibliothek unter den Jugendbüchern ab 13 Jahren. Ich hatte es ausgeliehen ohne hineinzusehen und war dann die ersten Tage nicht dazu gekommen es zu lesen anzufangen – nochzumal es sich den Platz auf meinem Sofort-Lesen-Tischchen mit mehreren anderen Büchern teilen muss.

Dann, als die Nachricht kam, dass meine Mutter plötzlich wieder notfallmäßig in die Klinik musste, als ich – nicht grundlos – voller Angst und Sorge um ihr Leben war, vor allem aber kaum Luft bekam vor Wut auf das Schicksal, das meiner Mutter den wohlverdienten Ruhestand nach einem wahrlich arbeits- und sorgenreichen Leben nicht gönnen will, fiel mein Blick auf dieses Buch und den den Romantitel. Und ich dachte: Ja, ja, ja! Das Schicksal ist ein mieser Verräter! Ein Hundsfott, eine Jauchenschleuder, ein ungerechtes Stück Dreck!

 

Jetzt, als ich mir ein wenig Ruhe gönnte, zwei Tage nur an mich und meine Katzen und ein bisschen auch ans Zeichnen denken wollte, nahm ich das Buch zur Hand, begann zu lesen und  musste erkennen, dass der Roman von diesem Thema handelt, mit dem ich mich dieser freien Tage eben doch ausdrücklich nicht beschäftigen wollte: Krebs, Metastasen, Sterben!

Warum ich trotzdem weiterlas, die Seiten geradezu aufsaugte? Vielleicht weil es eigentlich in diesem Roman um das genaue Gegenteil geht: um das Leben, Liebe, Freundschaft. Teenagerdasein und Alltag mit einer Krankheit, die einen vom Rest der Gesellschaft, den scheinbar Gesunden, unmerklich mehr und mehr entfernt. Wie lebt ein junger Mensch mit dem Wissen zu sterben. Was will man der Welt hinterlassen? Als tickende Zeitbombe empfindet sich Hazel manchmal, die mit ihrem Tod unweigerlich unendliche Trauer und Verletzung der ihr Nahestehenden verursachen wird.

 

Trotz des schwierigen Themas: Das Buch ist leicht und luftig geschrieben, heischt weder Mitleid noch drückt der Autor auf die Tränendrüse. Auch wenn es mir klar war, dass die Ich-Erzählerin und Heldin des Romanes den Kampf gegen den Krebs einfach nicht gewinnen kann und ein Happy End ausgeschlossen ist, konnte ich den Roman nicht beiseite legen.

Das schaffe ich inzwischen nicht mehr bei vielen Büchern. Früher las ich viel, ausdauernd und auch komplizierte Texte. Dann kam die Depression und die Konzentration schwand. Heute fällt es mir schwer, mich in Bücher einzulesen, einer Handlung zu folgen. So manches Buch beginne ich zu lesen und komme einfach nicht „hinein“, auch wenn ich das Thema wichtig und interessant finde. Oder aber ich finde das Buch „nett“ geschrieben; aber ich „fühle“ keine Relevanz für mich, die mich anhält weiterzulesen.

 

Natürlich musste ich im letzten Buchfünftel auch weinen, über Seiten hinweg. Aber der Roman hinterlässt mich nicht gebrochen und leer, sondern gewissermaßen sogar ein wenig gestärkt. Und er hallt nach, so dass ich heute Abend nicht das eigentlich geplante zeigen, sondern unbedingt über diesen Buch schreiben und Euch – egal welchen Alters! – das Lesen ans Herz legen wollte.

Falls Ihr es nicht schon längst getan habt…

 

Informationen zum Buch:

 

  • Erscheinungsdatum: 30.07.2012
  • empfohlen ab 13 Jahren
  • 288 Seiten
  • Hanser Verlag
  • Fester Einband
  • ISBN 978-3-446-24009-4
  • Deutschland: 18,00 €
  • Österreich: 18,50 €

 

 

Hier die Inhaltsbeschreibung des Hanserverlages:

„Krebsbücher sind doof“, sagt die 16-jährige Hazel, die selbst Krebs hat. Sie will auf gar keinen Fall bemitleidet werden und kann mit Selbsthilfegruppen nichts anfangen. Bis sie in einer Gruppe auf den intelligenten, gut aussehenden und umwerfend schlagfertigen Gus trifft. Der geht offensiv mit seiner Krankheit um. Hazel und Gus diskutieren Bücher, hören Musik, sehen Filme und verlieben sich ineinander – trotz ihrer Handicaps und Unerfahrenheit. Gus macht Hazels großen Traum wahr: Gemeinsam fliegen sie nach Amsterdam, um dort Peter Van Houten zu treffen, den Autor von Hazels absolutem Lieblingsbuch. Ein tiefgründiges, emotionales und zugleich freches Jugendbuch über Krankheit, Liebe und Tod.

 

Nachbemerkung:

Diese Buchempfehlung kommt von Herzen, ich erhalte deswegen weder Vergütung noch ein kostenloses Leseexemplar.

12 Kommentare zu „Buchempfehlung: John Green, Das Schicksal ist ein mieser Verräter

  1. Ich mochte „Das Schicksal ist ein mieser Verräter“ aus vielen Gründen auch sehr gern und freue mich, dass es dir ebenfalls so gefällt, liebe Agnes! Deine Rezension gefällt mir sehr, sie hat mir noch einmal vor Augen geführt, warum ich diesen Roman so gelungen fand.
    Wirst du dir auch die Verfilmung irgendwann anschauen?

    Gefällt 1 Person

    1. Lieben Dank, liebe Nelia. Ich freue mich, dass Dir meine Buchvorstellung gefällt.
      Was den Film betrifft, weiß ich noch nicht, ob ich ihn sehen und meine eigenen Bilder im Kopf durch die von anderen überlagern lassen will. Hast Du denn die Verfilmung gesehen?
      Liebe Grüße
      Agnes

      Gefällt 1 Person

      1. Über lange Zeit gab es in der Berliner Zeitung jeden Samstag einen großen Artikel Komma einmal von ihm als Familienvater und einmal von seinem Kollegen, der als Single gelebt hat. Und so ähnlich scheint das Buch auch angelegt zu sein , das ich jetzt gerade lese

        Gefällt 1 Person

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

This site uses Akismet to reduce spam. Learn how your comment data is processed.