abc.etüden. Früchte des Fleißes

 

In Berlin hat es am Wochenende tatsächlich geregnet. Nach dem letzten Dürresommer kommt vielen jeder nasse Tropfen aus den Wolken wie ein himmlisches Geschenk vor.

Nachdem ich vergangene Woche bei Gartenarbeit und sommerlichen Temperaturen tatsächlich innerliche Ruhe und – geistige – Erholung finden konnte, hatte ich heute tatsächlich den Impuls zu schreiben. Wer regelmäßig bei mir liest weiß, dass es mir gerade schwer fällt, mich zu längeren Texten aufzuraffen bzw. dann einen Schreibfluss zu finden.

Umso glücklicher bin ich, dieses Mal wieder einmal selbst eine abc.etüde beisteuern zu können. Die Regeln wie immer: drei vorgegebene Begriffe in einem Text nicht länger als dreihundert Wörter unterzubringen. Die aktuellen Begriffe – Kartoffel, anzüglich, bevormunden – habe ich selbst gespendet.

Lieben Dank an Christiane für die schöne Illustration und die liebevolle Betreuung unseres feinen Etüdenprojektes.

 

… Am Ende dieses Beitrags ist übrigens eine von mir gelesene Hörversion der Etüde verlinkt.

 

2019_1718_1_300

 

 

Früchte des Fleißes

 

 

Karla schwitzte und keuchte. Trotzdem steigerte sie die Geschwindigkeit des Laufbandes. Doch ihrer Wut konnte sie nicht davonrennen.

 

Fünfundzwanzig Jahre lang hatte sie durchschnittlich achtzig Stunden die Woche gearbeitet, erst ihre Freunde verloren, dann den Mann; und ihre Kinder kannte sie auch nicht wirklich. Um jetzt, als sie die Früchte ihres zähen Fleißes endlich ernten wollte, bei der Wahl zur Aufsichtsratsvorsitzenden einfach übergangen zu werden!

 

Stattdessen war Horst Bräsig auf den Thron gehievt worden, dieser widerliche Ekelpfropfen, der stets wusste, in wessen Arsch es sich gerade zu kriechen lohnte. Mit seinen plumpen anzüglichen Witzen hatte er Karla nicht nur einmal zur Weißglut getrieben. Sie hatte ihn oft gebeten, seine sexistischen Zumutungen zu unterlassen, doch das hatte sich am Ende gegen Karla selbst gerichtet. Vor ein paar Jahren hatte ihr der Kollege Schöbel im Vollrausch mal gesteckt, was die ach so seriösen Herren über sie sprachen, wenn sie unter sich waren. Dass sie dazu neige, andere zu bevormunden und den Männern nicht das kleinste bisschen Spaß gönne. Sie galt als männerhassende humorlose Emanze, Feministenschlampe und rücksichtslose Karrierefrau. Jegliche Weiblichkeit wurde ihr ohnehin abgesprochen. Sie habe nicht einmal richtige Titten, nur ein paar kleine Kartoffeln und ihr Arsch sei platt und aus eisen.

 

Karla war damals tief verletzt gewesen ob der Häme, hatte dann aber geschluckt und sich vorgenommen, noch viel härter zu arbeiten und allen zu zeigen, dass sie es drauf hatte, was immer die Herren auch über sie dachten. Am Ende würden ihr alle zu Füßen liegen und Abbitte leisten.

 

Doch offensichtlich hatte sie sich gründlich verrechnet. Oder hatte der Kampf gerade erst begonnen? Diesem Bräsig musste doch beizukommen sein!

 

Ein noch nie gefühlter Schmerz in der Magengegend beendete machtvoll Karlas Überlegungen. Sie sank zuammen und wurde vom Laufband geschleudert. Scheiße verdammte Kacke!, war ihr letzter Gedanke.

Aus der Traum!

 

 

exakt 300 Wörter

 

Audioversion dieser Etüde:

 

14 Kommentare zu „abc.etüden. Früchte des Fleißes

  1. Ehrgeiz kommt vor den Fall ….. Es gibt wohl solche Frauen, die sich selbst bis zum Umfallen antreiben, sich dabei so verunstalten und seelisch verkrüppeln, dass sie am Ende niemandem mehr gefallen. Denn selbst wenn sie es geschafft hätte: was wäre gewonnen? Wäre sie eine Führungskraft mit Eigenschaften, die den Kampf rechtfertigen würden? Ich schaue mir die weiblichen Politiker an und kann mich eines gewissen Zweifels nicht enthalten.
    Das Problem sind die hierarchischen Strukturen, die bestimmte Eigenschaften erfordern, um darin aufzusteigen – egal ob bei Mann oder Frau. Empathie, Solidarität, Rücksichtnahme gehören nicht zu diesen Eigenschaften.

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    1. Liebe Gerda,
      oh, ich sehe die Figur der Karla auch durchaus kritisch und ihre Rolle persönlich nicht sehr nachahmenswert. Sie scheint mir auch gar nicht glücklich. Der erträumte Posten hätte sie auch nachhaltig nicht zufriedener machen können … und ich halte es fast für ein Glück, dass sie vom Laufband (des arbeitsreichen Lebens) stürzte. Und vielleicht kann sie genesen und für sich erkennen, ob ihr Weg der für sie passende ist.
      Un dich gebe Dir völlig recht – Solidarität und Empathie sind bestimmt Eigenschaften die nicht unbedingt förderlich sind, wenn man auf dem Weg die Karriereleiter hinauf ist – sei als Mann oder Frau.
      Hingegen ist hier der Aufstieg für Frauen noch um vieles schwieriger und steiniger. Und ich denke auch an die Häme, die noch immer über erfolgreichen Frauen, die nicht ins nette Mäuschenschema passen, ausgekippt wird; oder der Missbrauch des Wortes „Feministin“ als Schimpfwort (von „Emanze“ sprechen wir gar nicht erst) und das Beharren von manchen Männern auf „das wird man ja wohl noch sagen dürfen“, wenn es um bestimmte Anzüglichkeiten geht – sie seien ja schließlich Männer, die Hormone, ja ja …; und ich denke auch daran, dass man Frauen in Wirtschaft und Politik immer noch mehr über ihr Aussehen definiert während es bei Männern oft Wurscht ist, wie eklig und speckig sie sind.

      Und vielleicht scheiden sich hier die Geister ob gilt: jede/r hat das Recht, ein Arschloch zu werden. Vielleicht als Parallele zur Diskussion, ob wir es nun begrüßen wollen, dass Frauen Soldatinnen werden dürfen oder aber ablehnen, weil es eben grundsätzlich einfach – entschuldige – Scheiße ist, auf Befehl Menschen zu töten.
      Herzliche Grüße
      Agnes

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      1. ich denke, wir sind uns in vielem einig, Agnes. Falls Frauen tatsächlich im Schnitt menschlich akzeptablere Eigenschaften haben als Männer (haben sie das?), dann sollten sie sie dafür benutzen, die Gesellschaft umzugestalten, anstatt ihrerseits die hierarchischen Strukturen zu reproduzieren. Wenn sie aber nur in der hierarchischen Struktur hinaufwollen, um genauso zu handeln wie Männer, sollen sie meinetwegen gerne scheitern. Da ist mir Gleichberechtigung wurscht.

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  2. Guten Morgen Agnes :)
    ich finde es toll, wie du deine Geschichte sprichst. Damit klingt es so lebendig, sehr gut betont.
    Vielleicht bin ich auch irgendwann mal mutig genug, ein Gedicht zu sprechen. Wie geht das mit dem Audioplayer?
    Liebe Grüße Ariana

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    1. Liebe Ariane, lieben Dank für Deinen Kommentar.
      Ich glaube, ich kann bei wordpress selbst Audiodateien hochladen, weil ich für den werbefrei-privat-Modus zahle. Ich mag einfach keine Werbung zwischen meinen Texten und Bildern haben.
      Wenn Du die kostenlos-Variante hast, geht das wahrscheinlich nicht. Dann müsstest Du Deine Datei bei Soundcloud oder als Video aufgemöbelt bei Youtube hochladen und das dann im Blog verlinken. Das habe ich „früher“ auch schon gemacht und funktioniert.
      Es wäre schön, wenn Du Dich trauen würdest :-)
      Herzliche Grüße
      Agnes

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      1. Danke für deine ausführliche Antwort. Habe befürchtet, dass es nur über Bezahlvariante geht. Über Youtube oder Soundcloud erst anmelden usw., wollte ich nicht. Naja, ist auch nicht so wichtig…
        Liebe Grüße Ariana :)

        Gefällt 1 Person

      2. Mir kam noch der Gedanke, ob Du es vielleicht in einem befreundeten Bezahlblog in die Mediathek laden lässt und dann verlinkst. Ob das klappt, weiß ich nicht. Wenn Du magst, können wir es bei Gelegenheit mal probieren.

        Gefällt 1 Person

  3. Herrjeh und ja, so schaut es leider immer wieder aus. Veränderungen gehen langsam, sehr langsam, auch leider. Am meisten aber ärgert mich, die unglaubliche Häme und die Vorurteile, da verbietet sich frau sexistische und anzügliche Witze und zack kommt sie in die Emanzen-Schublade :(
    Toll geschrieben und auch vorgelesen, liebe Agnes.
    Herzliche Grüße
    Ulli

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    1. Liebe Ulli,
      lieben Dank für Deinen Kommentar.
      Ja, Veränderung geht langsam. Einiges hat sich bereits getan, aber vieles liegt im Argen. Wir dürfen uns nur nicht entmutigen lassen.
      Ich habe am Wochenende übrigens in der taz einen Bericht gelesen über mutige Frauen in Indien, die dort einzeln und in Gruppen den öffentlichen Raum erobern, indem sie durch die Stadt spazieren gehen (was sich für Frauen dort offensichtlich ganz und gar nicht gehört) und dadurch in ganz kleinen Schritten ein wenig die dortige Gesellschaft verändern. Mögen auch sie weiter mutig bleiben.
      Herzliche Grüße
      Agnes

      Gefällt 2 Personen

  4. Ich fürchte, dass deine Etüde sehr realistisch ist, wobei ich die Geschichte nicht im obersten, sondern im mittleren Management ansiedeln würde – ich glaube, dass frau nur dann so weit nach oben kommt, wenn sie schon (männliche) Rückendeckung hat.
    Ich wünsche Karla, dass sie gestärkt und verändert aus ihrer Auszeit (die ihr Magen ihr bescheren wird) zurückkehrt.
    UND sehr beeindruckend gelesen! Vielen Dank dafür!
    Liebe Grüße
    Christiane

    Gefällt 3 Personen

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