S-Bahn-Skizzen (60). Blind zeichnen

 

Vorgestern las ich bei wintergoldhühnchen über das Zeichnen in Cafés und wie man die Angst davor in der Öffentlichkeit zu zeichnen überwinden kann. Sie erwähnte hierbei auch das „blind zeichnen“ als Methode, sich den Zugang zum Zeichnen zu erleichtern.

Ich selbst habe inzwischen ja schon einige Routine darin, mich an öffentlichen Orten mit Stift und Skizzenbuch hinzusetzen oder zu stellen. Trotzdem war ich froh über diese Erinnerung, wie der innere Kritiker überlistet werden kann und nahm mir vor, so auch mal an meine S-Bahn-Skizzen heranzugehen.

Nach einem nervenaufreibenden Tag auf dem Rückweg in der U-Bahn, entschied ich mich am Dienstag also nicht dazu, erschöpft die Augen zu schließen und auf meinem Sitz zu erschlaffen, sondern kramte Skizzenbuch und Kuli aus der Tasche und kritzelte los – blind, die Augen auf die zu zeichnende Person statt auf das Skizzenbuch gerichtet. Fast verspürte ich einen Hauch von Freiheit – es zeichnete sich leicht, das Ergebnis war egal. Es ging in diesem Augenblick nur um das hier und jetzt.

Als ich die Bilder gestern nachmittag flugs einscannte, erhaschte W einen Blick darauf, war von einigen Blättern sehr angetan und meinte bei anderen: „Es klappt halt nicht immer.“ Ich widersprach und begann mich sogar ein wenig zu ärgern. War ich gekränkt?War ich verletzt, weil manche Zeichnungen offenbar in seinen Augen „schlecht“ waren? Das ist aber nur ein Teil der Antwort. Zwar ein gewichtiger, denn auch wenn der vernünftige Anteil von mir es besser weiß, will das innere Kind Anerkennung, Lob und unbedingtes Gefallen. Ablehnung – und sei es auch nur die einer Zeichnung – erträgt es schwer. Zum anderen aber fühlte ich mich missverstanden. Denn bei den Blindzeichnungen geht es mir doch gar nicht darum, am Ende etwas tolles zu produzieren. Das Ergebnis ist – zumindest mir – im Moment des Zeichnens egal; ich lege es auch gar nicht darauf an, eine tolle Zeichnung entstehen zu lassen. Wenn mir und anderen manche Zeichnungen am Ende gefallen, ist das schön. Wenn nicht, dann nicht.

Ich zeige hier in der Galerie alle Blindzeichnungen von vorgestern und gestern – egal wie sie mir persönlich gefallen (natürlich habe ich Favoriten). Aber wenn Euch hier und da der Gedanke kommt – na d-a-s kann ich auch, dann sage ich: ja, genau, nehmt das als Anregung. Ihr könnt! Nur zu: nehmt Stift und Papier und zeichnet einfach los.

 

 

 

Die letzte Zeichnung entstand nicht blind, und zwar beim Warten am S-Bahn-Hof Greifswalder Allee. Ein paar Tage zuvor wollten sich die Töchter die Feinheiten der Begriffe skurril und bizarr erklären lassen und genau daran musste ich denken, als ich die Palmen in den Blumenkübeln oben auf der S-Bahn-Brücke vor der Berliner Großstadtkulisse entdeckte: Das wäre meine Illustration von – „bizarr“ …

 

Hier verlinke ich noch einmal einen Beitrag von mir aus dem Februar, als ich einige blind gezeichnete Selbstportraits von mir zeigte.

 

 

13 Kommentare zu „S-Bahn-Skizzen (60). Blind zeichnen

  1. gefallen mir alle, Agnes. Ich mag solche schnellen Skizzen, sie haben einen besonderen Reiz für mich. Über das Hadern des „innerne Kindes“, das gelobt werden will. musste ich schmunzeln. Wie ich das kenne! Mein Mann vergleicht meine Zeichnungen immer mit denen von Leonardo da Vinci und findet sie insofern höchst mangelhaft. Dennoch zeige ich sie ihm, immer hoffend, einmal ein Lob zu hören. Stets vergebens. Aber die Hoffnung stirbt halt zuletzt. ;)

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  2. Hallo Agnes, der mit dem Handy vor dem Gesicht ist auch mit „geschlossenen“ Augen entstanden? Wenn ja, das würde ich nicht annähernd so gut mit hin- und her-gucken schaffen.
    Ich wünsche uns Regen, Regen, Regen – aber meine Wünsche hört ja niemand in der Wolkenabteilung.
    Lieben Gruß

    Gefällt 1 Person

    1. Liebe Clara, oh ja, Regen täte Not, aber immerhin ist es nicht mehr so heiß, dass alles verdorrt und aus dem Norden Brandenburgs habe ich auch schon von Regen gehört, der bestimmt auch noch zu uns kommt. Alle Zeichnungen sind „blind“ entstanden. Bei einigen habe ich ganz kurz aufs Blatt geblinzelt, wo ich den Stift wieder ansetze, viele sind aber auch entstanden, ohne überhaupt aufs Papier zu gucken, teilweile habe ich auch einige Zeichnungen übereinandergelegt und geschaut, was passiert.
      Herzliche Grüße zu Dir!
      Agnes

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