abc.etüden 05/2020. Halle – Berlin und doch nicht zurück

Wenn René, unser Bloghausener BerlinAutor, die Wörter für die abc.etüden  spendet, fühle ich mich geradezu aufgefordert mitzumachen und selbst etwas zum Berlin-Thema beizutragen. Schließlich ist mein Verhältnis zu dieser Stadt noch immer gespalten, auch wenn ich aus heutiger Sicht dem Leben in dieser vielerorts toleranten weltoffenen inspirierenden Stadt mit den vielen teils sogar ruhigen Grünflächen viel gutes abzugewinnen und der Stadt einiges zu verdanken habe. Hätte ich die Wahl, wünschte ich mir entweder ein abgeschiedenes Häuschen mitten im Grünen zum Lebensort; oder aber genau hier in dieser Stadt zu bleiben. Inwieweit das angesichts von Mietsteigerungen, Verdrängung und dem aktuellen städtischem Wandel möglich bleibt, ist abzuwarten.

Mit der jetzt folgenden Etüde habe ich mich schwer getan – die Begrenzung auf dreihundert Wörter war eine wahre Herausforderung. Ich habe hier und da und dort gestrichen, gekürzt und dann wieder alles umformuliert. Mehrmals. Fluffiges Schreiben geht anders. Andererseits half mir die Wortzahlvorgabe dabei, auf das wesentliche zu fokussieren. Sonst wäre hier ein kilometerlanges Textgetüm entstanden.

Drum fällt jetzt hier die Klappe. Die Etüde beginnt:

 


Ich sei aus Berlin, behaupte ich meist. Immerhin habe ich drei Viertel meines Lebens in dieser Stadt verbracht.

Hätte man mich vor dreißig Jahren gefragt, ich hätte bebend meine Stimme erhoben. Ich hätte lang, breit und emotional geschildert, warum ich Berlin aus tiefem Herzen hasse, dass ich nur gezwungenermaßen mit meinen Eltern mitziehen musste und mit Erreichen der Volljährigkeit sofort in meine geliebte Heimatstadt, nach Halle, zurückkehren würde.

Solche Reden waren kein Schabernack. Der Hass auf die Stadt war tief empfunden.

Bis zum Berlin-Umzug 1988, ich wurde damals gerade zwölf Jahre alt, war ich in meiner Schulklasse in Halle integriert und glücklich gewesen. In der neuen Schulklasse Wurzeln zu schlagen, verweigerte ich beharrlich.

Zudem: Die Berliner, privilegiert und bevorzugt, waren in der übrigen DDR nicht gerade wohlgelitten gewesen. Wer erinnert sich an das Jahr 1987, es war das Jahr vor meinem Umzug, als das 750jährige Jubiläum Berlins mit einem Pomp gefeiert wurde, der gewiss nicht nur in Halle Verärgerung erzeugte. Meine Kindersicht: Die Berliner wurden bei der Zuteilung nicht nur von Bananen bevorzugt, es gab sogar fertiges Hunde- und Katzenfutter zu kaufen! Alle Bauarbeiter des Landes klotzten in der Hauptstadt, um sie zum Geburtstag aufzuhübschen; in Halles Innenstadt verfielen die Häuser. Und überhaupt nervte dieses beständige Loblied auf die Hauptstadt der DDR.

Als Elfjährige erfuhr ich nun plötzlich, dass ich  die Seite wechseln und selbst Berlinerin werden sollte. Fortan würde ich zu jenen gehören, über die alle schimpften und lästerten. Unerträglich! Das ging nur, indem ich mich weiterhin von der Stadt distanzierte und radikalisierte, mich abgrenzte von jeglichem Berlinertum und lautstark Hallenser Lokalpatriotismus herauskehrte.

Meine Berlinablehnung weichte erst ab dem Herbst 1993 auf, als die Volksbühne unter Castorf sich uns Jugendlichen für eigene Theaterprojekte öffnete und ich von hier aus die weltoffene, kreative und inspirierende Seite der Stadt entdeckte.

 

300 Wörter


Mein Dank geht wie immer an Dich, liebe Christiane, für die liebevolle Etüdenbetreung und an Dich René, für die Wortspende.

Das Copyright für die Illustration im Beiragsbild liegt bei Christiane.

17 Kommentare zu „abc.etüden 05/2020. Halle – Berlin und doch nicht zurück

  1. Vielen Dank für die Erinnerung. Schön, dass die Etüden dich zum Teilen inspiriert haben. Und gut, dass am Ende dann noch alles gut wurde :-)

    1988 war ich 8 und wäre sofort aus Mecklenburg nach Berlin gezogen, wenn ich gefragt worden wäre. Sofort. Wie unterschiedlich es gehen kann ;-)

    Beste stadt-interne Grüße,
    René

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    1. Ja, das stimmt; und auch einige meiner Mitschüler aus Halle hätten damals weniger Probleme gehabt, nach Berlin ziehen zu dürfen (im Grunde genommen wollten viele Menschen gerne hin und schimpften nur aus „Kompensation“, weil eben auch ein Berlin-Umzug ein Privileg war).
      Lieben Dank für Deinen Kommentar und viele Grüße
      Ines

      Gefällt 1 Person

  2. Liebe Ines, die Westberliner hatten dito in der alten BRD nicht den besten Ruf, bekamen sie doch als Statussymbol des so genannten freien Westens die Mittel vorne und hinten hinein geschoben…

    Ansonsten bleibt die Stadt mein Sehnsuchtsort für die Zeit nach der Arbeit und nach den familiären Verpflichtungen hier … fürchte nur, dass unsere Mittel dann nicht reichen werden, um das zu realisieren. Wir werden sehen – sei herzlich gegrüßt!

    Gefällt 2 Personen

  3. Ich kann das auch gut nachvollziehen. Ich bin als Kind viel umgezogen und einmal hieß es, vom schönen Schwarzwald in den Ruhrpott. Da war ich sauer. 😅 Letztendlich sind es dann aber immer Freunde/Familie etc die einen Ort zum Zuhause machen und nicht die Stadt selbst.
    Eine schöne Erinnerungsreise.

    Gefällt 3 Personen

    1. Für mich war es zum Glück nur dieser eine Umzug, der mich allerdings ziemlich aus der Bahn geworfen hat, beständiges Umziehen und immer wieder neue Freunde finden zu müssen und die „alten“ zu „verlieren“, mag ich mir lieber gar nicht vorstellen. Und: heutzutage von Bundesland zu Bundesland zu ziehen, muss für ein Schulkind nochmal schwierig sein, weil es ja überall andere Lehrpläne und Anforderungsprofile gibt. Was das betrifft, hatte ich es ja immerhin recht leicht ;-)
      Lieben Dank für Deinen Kommentar und liebe Grüße
      Ines

      Gefällt 1 Person

  4. Ich glaube, es ist immer ein Problem, wenn man als Kind verpflanzt wird, speziell von einer geliebten in eine ungeliebte Umgebung. Um so schöner ist es, dass du doch noch heimisch werden konntest und deinen Frieden mit der Stadt gemacht hast.
    Sogar ich Wessi weiß, dass in Ost-Berlin andere Verhältnisse herrschten als im Rest der Republik: Ich hatte Verwandte in Thüringen, die wir regelmäßig besucht haben …
    Danke für deine Erinnerungen!
    Liebe Grüße
    Christiane 😁🍷👍

    Gefällt 3 Personen

    1. Ja, kann mir vorstellen, dass die Thüringer auch ordentlich auf Berlin geschimpft haben; was irgendwie ja auch wieder ein Zusammengehörigkeitsgefühl (durch Abgrenzung – die „da oben“, die Berliner) schaffte;
      und auf gewisse Weise wirkt das vielleicht letztlich bis heute, wenn ich an gewisse braune Tendenzen in der ehemaligen „Republik“ denke. Aber das ist noch einmal ein ganz anderes Thema, auf das es sowieso nicht die „eine“ Antwort gibt.
      Liebe Grüße
      Ines

      Gefällt 3 Personen

  5. Liebe Ines, danke für den Einblick, den du in dein Leben gewährst. Da resoniert so einiges in mir. Es wäre jetzt zu lang das alles zu erzählen.
    Ich freue mich auf alle Fälle, dass du das, was diese Stadt wirklich lebenswert macht, entdecken durftest. Hast du Castorf persönlich kennengelernt? Ich fand ihn und seine Projekte immer sehr spannend.
    Herzliche Grüße
    Ulli

    Gefällt 2 Personen

    1. Ach, „kennengelernt“ ist echt zuviel gesagt; wir trieben uns freitags oft wie selbstverständlich im Haus herrum und hockten in der Kantine, wo natürlich auch alle anderen aus dem Haus saßen; insofern waren wir einige Male im selben Raum ;-). Wir waren allerdings respektlose Jugendliche und eventuelle Prominenz der einen oder anderen Person hat uns, glaube ich mich zu erinnern, wenig beeindruckt. Eher im Gegenteil …
      Toll war, dass wir für lau in die eine oder andere Vorstellung kamen; allerdings ist es – nun auch wieder … Jahrzehnte … – her, dass ich das letzte Mal dort war und die Erinnerung entsprechend blass. Wie auch immer, die vier Jahre dort waren für mich auf jeden Fall nachhaltig lebensprägend :-)

      Gefällt 2 Personen

    1. Was die 300 Worte betrifft, geht es bestimmt vielen so :-)
      Ansonsten bin ich ja inzwischen ganz gut in dieser Stadt angekommen. Seit meine Großeltern nicht mehr leben, gibt es jedenfalls auch nicht mehr sehr viele Bezugspunkte nach Halle. Aber mal sehen, wohin mich das Leben noch verschlägt. Es bleibt ja immer spannend :-)
      Liebe Grüße
      Ines

      Gefällt 3 Personen

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