Am Grab meiner Mutter

Gestern habe ich einen größeren Ausflug gemacht. Kurz nach sechs Uhr morgens los mit dem Fahrrad Richtig Stadtrand zum Grab meiner Mama, die vor einer Woche beigesetzt wurde und in den Garten meiner Eltern, der nun nur noch der Garten meines Vaters ist. Es ist dort ungewohnt und leer ohne sie. Aber von dort kann ich über den Zaun und das Gebüsch hin zu den Birken und dem großen Ahorn sehen, unter dem nun ihr Grab liegt. Also habe ich das Gefühl, immer zu ihr hinsehen zu können, wenn ich es brauche.

Unterwegs zum Friedhof habe ich einen Schlenker durch das Naturschutzgebiet am Tegeler Fließ gemacht, Blumenbilder, Vogelstimmen und Vogelaufnahmen gesammelt, sodass mir die Festplatte zusammen mit den vielen noch ungezeigten anderen Fotos fast überquillt. Am Abend radelte ich den gleichen Weg wieder zurück – zuerst zum Friedhof, dann durch das Tegeler Fließ, wo an der gleichen Stelle dieselbe Singdrossel saß und unverdrossen trällerte und als mir auch dieselbe Katze an der gleichen Stelle über den Weg lief, musste ich lächeln. Erst halb zehn Uhr abends kam ich wieder heim und auf dem Weg zurück in die Stadt hinein wunderte ich mich über die vielen Menschen, die draußen saßen oder durch die Straßen flanierten. So lange war ich um diese Zeit nicht mehr unterwegs gewesen.

Nach der langen Tour konnte ich zum ersten Mal wieder tief und lange, sehr lange, schlafen, ohne mit dem ersten Sonnenstrahl rastlos aber unausgeschlafen in den Tag zu stolpern.  Das war gut und wichtig, denn ich verarbeite viele Dinge um Schlaf, das merke ich an den sehr intensiven Träumen, die mich manchmal nicht genau wissen lassen, ob ich mich in der Realität oder der Traumwelt befinde.

 

 

Am Friedhof saß ich lange bei meiner Mutter am Grab. Später fuhr ich weiter in den Garten, wo ich meinen Vater traf, der mich erinnerte, dass im August erst der Grabstein und die Steine für die Grabbegrenzung kommen würden und dann das ganze Beet wohl noch einmal umgeworfen werden würde. Also grub ich zunächst ein paar Pflänzchen aus dem Garten aus und setzte sie in Töpfe, die der Steinmetz leicht zur Seite schieben und seine Arbeit tun kann.

 

 

Um die Mittagsstunde ist an meiner Mutter Grab lichter Schatten und ich nutzte die Zeit, den alten welk gewordenen Grabschmuck zu entfernen.  Einer kleinen Kröte gefiel das offenbar gar nicht. Sie schien es sich unter den vielen Sträußen gemütlich gemacht zu haben und suchte nun obdachlos geworden nach einem neuen Unterschlupf.

 

 

Die kleinen Stiefmütterchen, die ich meiner Mama brachte, haben sogar eine kleine persönliche Geschichte: diese hatten sich vor vielen Jahren mit frischer Gartenerde auf dem Balkon meiner Eltern ausgesäht. Meine Mutter hatte sie dann in den Garten umgesiedelt, wo sie sich Jahr für Jahr vermehren. Sie hatte sich immer so gefreut, dass diese kleinen Blümchen Jahr für Jahr wieder kamen und sich vermehrten.

Ein paar Rosen und Lilien hatten die Woche nach der Beisetzung im noch etwas feuchten Grabgesteck überdauert. Ich ließ sie stehen und am Abend brachte ich noch einige leuchtende Sonnenaugen aus dem Garten vorbei (oder wie auch immer sie heißen) und steckte sie dazu. So, glaube ich, hätte es meiner Mama gut gefallen.

 

 

17 Kommentare zu „Am Grab meiner Mutter

  1. Schön und tröstend, daß ihr so viel teilen konntet und du daß auch jetzt noch an ihrem Grab tun kannst. Die Blumen leuchten so schön, vielleicht auch, weil so viel Liebe mitschwingt. Weiterhin alles Gute für dich!

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    1. Ich danke Dir ganz herzlich. Ich habe auch das Gefühl, dass dieser Tag sehr gut für mich war. Ich kann jetzt noch besser nachfühlen, wie wichtig Friedhöfe und Grabpflege für manche Angehörige ist, wie wohl das tun kann, auf diese Weise dem Verstorbenen nahe zu sein und etwas für ihn zu tun.

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