Selbstportrait. Ein neues Ich?

Die Haare sind ab. Und mein Kopf fühlt sich so leicht an wie nie. Nichts fällt mir ins Gesicht, nichts beschwert mich, nichts drückt und ziept. Früher brauchte ich meine Haare auch, um mein Gesicht zu verstecken, dahinter unsichtbar zu werden. Das will ich nicht mehr. Ein symbolischer Schritt hin zu neuem Selbstbewusstsein.

Und endlich habe ich es gewagt – die Haare sind jetzt schwarz, jedenfalls fast, soweit es die verträgliche Pflanzenhaarfarbe zulässt. Schon als Kind wünschte ich mir ebenholzschwarzes Haar, wie es Schneewittchen hatte. Traute mich nur nie, sie so radikal zu färben.

Jetzt, zur Trauer, passt das Schwarz. Ohnehin habe ich das Bedürfnis ausschließlich Schwarz zu tragen. Ich erinnere mich an damals vor zwanzig Jahren, als ich auch nur in Schwarz herumlief. Nur nach und nach, über viele Jahre hinweg, haben sich wieder Farben in meinen Kleiderschrank gestohlen. Meine Oma mochte meinen Kleiderstil damals ganz und gar nicht: was sollen die Nachbarn denken – als ob jemand gestorben sei! So schimpfte sie jedes Mal erneut, wenn ich zu ihr fuhr. An den Tod dachte ich damals nicht.

Ich schaffte es selten, meiner Oma zu widersprechen; sie war eine resulute Frau mit feststehender Meinung. Ob sie Menschen abwertete, sie beleidigte, sie vor den Kopf stieß, war ihr egel – sie war stolz darauf auszusprechen, was sie dachte. Die Wunden, die Verletzungen, die Oma anderen zufügte, hat meine Mutter mit ihrer übergroßen empathischen Begabung beobachtet und für sich selbst gelernt (und ich habe es von ihr aufgesogen), das komplette Gegenteil zu praktizieren: diplomatisch war sie, katzenpfotensanft, offen, immer auf Ausgleich bedacht.

Mit meinen schwarzen Klamotten ging ich in den passiven Widerstand, blieb stur, schaltete die Ohren auf Durchzug. Meine Oma mochte reden, ändern konnte sie es nicht. Wenn ich mit einem Koffer voller schwarzer Dinge zu ihr anreiste, konnte sie ihn nicht gelb, blau oder rosa zaubern. Hier musste sie sich geschlagen geben.

 

Das heute gezeigte Selbstportrait stammt von gestern, Freitagvormittag. Auf der gescannten Doppelseite im Skizzenbuch sieht man noch die letzte Zeichnung durchschimmern. Das gefällt mir sehr gut.

 

 

 

20 Kommentare zu „Selbstportrait. Ein neues Ich?

  1. Toll gezeichnet, toller beschrieben.
    Mir gefällt dein Stil sehr gut passt gut und steht dir.

    Kann ich noch nachvollziehen, wie sich Haare verändern und dazu noch die Farbe.
    Ich hatte kurze, lange, braune, schwarze, blonde und rotschwarze getönte Haare. Als ich kurze Haare hatte, wollte ich lange, und bei langen war es genau umgekehrt. Es muss einfach zum Typ passen.

    Schwarze Kleidung ist nicht schlecht, ich hatte auch eine Zeit nur diese an. Hat auch nichts mit Trauer zu tun gehabt.
    Wenn du dich jetzt danach fühlst, dann ist es nicht so schlimm. Hauptsache du wirst nicht depressiv. Sehr grosse Trauer kann manchmal dazu führen.
    Manchmal sind Veränderungen nötig, und ich hoffe, dass du zufrieden mit dir bist, im reinen.

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    1. Lieben Dank für Deinen Kommentar, Eva. Ich bin noch immer in Therapie, was mir natürlich hilft, mit der Situation umzugehen, Raum gibt zum Reflektieren und Verarbeiten der vielen Dinge, die durch den Verlust meiner Mutter (wieder) aufgeworfen wurden.
      Liebe Grüße
      Ines

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    1. Danke :-)
      Wobei ich auch schon einmal als schüchterne Teenagerin die Haare abgesäbelt hatte … das war wohl auch irgendwie Trotz und (Anti)Haltung – so ein süßes „Mädchen-Häschen“, wie es manchen als Ideal gilt, wollte ich nie sein …
      Liebe Grüße
      Ines

      Gefällt 1 Person

      1. ines, mein engelchen,
        dann warst du wohl noch nie schüchtern, vielleicht deiner stärke noch nicht bewusst.
        ich denke, du bist auf dem richtigen weg 🥰❤️

        Gefällt 1 Person

  2. Entwicklungen, die aus der Trauer wachsen, sind immer sehr markant und wertvoll.

    Das Haar finde ich toll gezeichnet und als nettes Detail am Rande bekommt man nun in Zukunft auf deinen Selbstporträts Ohren zu sehen, die ich zeichnerisch herausfordernd finde, hier aber auch sehr gut gelungen, mit dem Ohrschmuck als bewegliches i-Tüpfelchen der neuen Freiheit um den Kopf herum.

    Gefällt 2 Personen

  3. Interessant. Bei mir war es anders. Als kleines Kind hatte ich lange Haare. Irgendwann wollte meine Mutter nicht mehr täglich die Knoten aus dem Haar kämmen und schleppte mich zum Friseur. Ich glaube, ich verlor damals mehr als meine langen Haare …
    Seit ein paar Jahren lasse ich meine Haare immer länger wachsen, zudem sind ab einer bestimmten Länge auch Locken dazugekommen, einfach so. Ich liebe es … und bin wieder mehr ich.
    Liebe Grüße!

    Gefällt 3 Personen

    1. Es ist schon interessant, was wir alles so mit den Haaren verbinden, wieviel Emotionen mit ihnen verknüpft sind.

      Hätte ich dickeres Haar und Locken, würde ich vielleicht auch anders über meine Haare denken, aber um meine dünnen spillerigen Haare ist es gar nicht so schade ;-)
      Liebe Grüße
      Ines

      Gefällt 1 Person

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