Licht im November

 

Es ist wohl nicht nur die feuchte Kälte, sondern auch die Dunkelheit, die den meisten von uns im November zu schaffen macht.

Die Tage sind kurz. Selten genug lassen Wolken eine Lücke, durch die die Sonne auf uns nieder scheinen kann. Doch wenn sie scheint, dann steht die Novembersonne so flach am Himmel, dass ihre Strahlen kaum über die Hausdächer reichen und den städtischen Asphalt berühren können.

Genau jetzt scheint mit der richtige Zeitpunkt, mich mit zwei sehr unterschiedlichen Bildern an Myriades Fotoprojekt zum Thema Licht zu beteiligen.

 

 

 

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Herbstleuchten (12) Frust und Frost

 

Heute sind zwischen Herrn Prinzipienreiter und Fräulein Positiv wieder arg in die Fetzen geflogen.

Ich würde doch nun endlich eingesehen haben, dass der Herbst auch schöne Seiten hat – diese Farbenpracht des Herbstlaubes, sinnierte die Positivdenkerin. Der Herbstnebel sei total romantisch und auch die kürzeren Tage hätten ihren Vorteil: An wolkenarmen Tagen ließe sich sowohl die aufgehende als auch die untergehende Sonne beobachten. Sternenhimmel schon am Nachmittag! Sei das nicht herrlich? Und überhaupt: was für einen Genuss, sich die kühle Herbstluft um die Nase wehen zu lassen.

Der arme Herr Prinzipienreiter versuchte, ihr rosarotgefärbtes Gefasel zu ignorieren. Er atmete tief ein und aus und wieder ein und aus. Er zählte bis zehn und bis zwanzig. Einatmen – Ausatmen. Pffffff …

Doch dann platzte ihm die Hutschnur und er bellte los. Er würde sich einen Dreck um die angeblich schönen Seiten des Herbstes scheren. Herbst ist und bleibt schei… (zensiert!), tobte er. Kalt, nass, ungemütlich, dunkel. Garstig! Eklig! Dreckig! Pfützen! Matsch! Nasse kalte Füße! Schnupfen! Husten! Heizkosten! Die paar bunten Blätter könnten das auch nicht wett machen. Guck doch da und hier und dort – der ganze Müll am Straßenrand! Der wird im Sommer wenigstens von diesem Blumenzeugs verdeckt. Und er, der Herr Prinzipienreiter, sieht es auch gar nicht ein, warum er seine Haltung zum Herbst irgendwie ins Positive ändern soll. Dreck bleibt Dreck! Nie im Leben wird er sich dazu herablassen, den Herbst zu mögen! Etwas so Garstiges plötzlich schön finden! Nein! Das hieße doch Kapitulation! Nie, nie, nie!

Das Fräulein Positiv lächelte weise und auch etwas überheblich, wie ich finde, in sich hinein. Wie gut, dass der Prinzipienreiter das nicht sah; er hätte sich erniedrigt und zutiefst gedemütigt gefühlt und wäre endgültig geplatzt.

Ich ließ den armen alten Herren reden. Soll er sich ruhig mal den ganzen Groll vom Herzen geifern, dachte ich. Er braucht eben seine Zeit, sich an die neuen Denkmuster zu gewöhnen. Nachher wird er sich wieder beruhigen und irgendwann schaffe ich es vielleicht auch, die gegensätzlichen Positionen miteinander zu versöhnen. Im nächsten Jahr. Jetzt heißt es erst einmal, sich gegen den kommenden Winterfrust zu wappnen.

 

Die letzten Blätter des Jahres

 

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Die Innenstadt ist wärmer als das nackte Land. Ich staune, wie viele Bäume noch an ihren bunten Blättern klammern. Nicht immer kann ich mich über die Farben freuen, aber ich versuche doch, jeden Tag wenigstens einmal innezuhalten und den Anblick wahrzunehmen, aufzusaugen, zu genießen.

Endjahresstimmung kommt auf, aber ich will im Hier und Jetzt bleiben.

Stehenbleiben. Durchatmen. Weitergehen.

Herbstleuchten (11) – Sankt Martin

 

Mit Erinnerungen ist das ja so eine Sache und ich kann nicht beschwören, dass ich tatsächlich erst als Mutter eines Kindergartenkindes erfahren habe, dass es ein Sankt Martins Fest gibt. In meiner Kindheit, so mein Gedächtnis, gab es wohl ein Laternenfest und auch das Lied „Laterne Laterne“ habe ich gesungen. Aber damals war es Sommer, die Abende lau, und ich sehe mich noch mit meiner Mutter im Gras am Ufer der Saale sitzen. Eine kurze Exkursion ins WWW bestätigt dieses Erinnerungsbild: in meiner Kindheitsstadt Halle (darf ich noch Heimatstadt sagen? Ich zog mit zwölf Jahren fort ins für mich damals böse Berlin …) wird das Laternenfest noch heute jedes Jahr Ende August gefeiert.

Den Laternenumzug zum Tag des Heiligen Martin verbinde ich hingegen mit eisigen Füßen, einer gemächlich unter den Mantel kriechende Kälte, schrägem lautem Gesang und der Angst, das eigene Kind in der Dunkelheit aus den Augen zu verlieren. Und dem großen Feuer am Falkplatz mit Laiendarstellern auf echten Pferden, die die Geschichte um den mildtätigen Martin nachspielen.

Dieses Jahr bin ich ohne Kinder unterwegs, dafür mit Fotoapparat und frisch geborgtem Stativ. Ich staune, wie viele Menschen an den insgesamt drei Umzügen teilnehmen. Dabei ist Sonnabend und die kompletten Kindergartengruppen samt Elternschaft mit dem Umzug als Pflichtprogramm fehlen.

Erstmals friere ich nicht und beobachte statt dessen entspannt die Szenerie. Inzwischen ist der Umzug professioneller geworden, an der Feierstelle gibt es zwei kleine Verkaufsstände und die Feuerwehr steht mit Licht und dickem Wagen einsatzbereit daneben. Die Feuerstelle ist abgesperrt. Das Bühnenprogramm wird immer wieder unterbrochen, um die Mama von Emil oder Clara auszurufen. Alle finden sich, keiner geht verloren. So nehme ich diese Bilder in mein persönliches Herbstleuchten auf.

 

Euch allen eine wundervolle Woche!

 

Herbstleuchten (10) – Novembergrau

 

Gewohnheiten. Rituale. Routinen. Mancher verabscheut solche Regelmäßigkeiten. Aber es gibt Dinge, die helfen mir – gerade jetzt – , meinem Leben einen Rahmen zu geben, sind ein Krückstock. Egal wie gut oder schlecht es mir geht: sonntags gibt es einen Fotospaziergang. An den Herbstmontagen dann den Herbstleuchtenbeitrag hier. Aber heute ist mir ganz besonders wenig nach Leuchten und ich hatte darüber nachgedacht, den Beitrag einfach ausfallen zu lassen. So ein Blog ist doch kein Muss, sondern soll Spaß machen. Auch mir. Aber genau das weiß ich doch, dass das Durchsehen der Fotos und das Schreiben des Beitrags mir gut tut. Freude bringt. Also frisch ans Werk!

Gestern war es überwiegend bewölkt und dunkel. Heute hingegen strahlte die Sonne geradezu höhnisch. Der Himmel war vor solchem Azurblau, dass ich noch einmal den Fotoapparat nehmen musste und die sonnenbeschienene Farbenpracht auf Festplatte brachte.

Ich zeige dennoch jetzt die „grauen“ Bilder von gestern, denn gehört nicht gerade auch das Dunkle und Trübe zu dieser Jahreszeit? Auch scheinbar triste Tage sollen hier ihr Recht bekommen, die Schüchternen und die Introvertierten, die genauso ihre tollen Seiten haben, aber im Vergleich mit den knalligen lauten Rampensauundsonnentagen immer im Schatten stehen. Denn wer genau hinsieht …

 

 

 

Herbstleuchten (9) Belastungserprobung

 

Vergangene Woche war es hier feucht und trüb, dafür aber noch relativ mild. Der Wochenendsturm hatte die Wolken vertrieben, dafür aber Kälte mitgebracht. Bei herrlichem Sonnenschein, der Straßen, Häuser und Natur in einem wirklich bezaubernden Licht leuchten ließ, blieb das Thermometer heute im einstelligen Bereich. Ist der erste gefühlt so eisige Tag überstanden, bin ich immer ganz erleichtert, denn ich weiß wieder – diese Temperaturen kann ich ertragen. Daran zweifle ich nämlich jedes Jahr erneut.

Derweil erweist es sich für mich als wirklich gut, auch an trüben Tagen achtsam meine Augen achtsam auf die Natur und ihre Veränderungen zu richten. Es lenkt mich wirklich gut ab von den Problemen, die mir das Leben aktuell so kreativ ausgebreitet hat. Eine wahre Überlebensstrategie!

Ist es bei Euch auch so, dass es immer noch fast vollständig grün belaubte Bäume gibt, während andere bereits alle Blätter haben fallen lassen? Sogar manche der erkrankten Kastanien halten zu meinem großen Erstaunen noch ein paar Blättchen fest. Mit ein wenig garstigen Gefühlen fuhr ich die heute und vergangene Woche am Kanzleramt vorbei. Die Bäume ringsum leuchten derzeit ganz besonders rot und auch das Grün hat noch Kraft. Ein Zeichen? Eine Mahnung an die Möchtegernkoalitionäre, das soziale Sicherungssystem wenigstens nicht noch weiter auszuhöhlen (von Ausbau und Aufstockung wage ich gar nicht zu sprechen) und dem Thema Klima und Umwelt den ihm gebührenden Raum zu geben? Ich wage es nicht zu hoffen, dass sie hinsehen.

 

 

Herbstleuchten (8)

 

Wären nicht die bunten Blätter an den Bäumen gewesen – fast hätte ich vergangene Woche vergessen können, dass es Herbst ist. Heute erfüllte der Oktober dann endlich wieder seine Pflicht und damit alle meine Herbstvorurteile; zumindest in Berlin war es dunkel, grau, trist und trüb. Feiner Nieselregen zog durch die Kleidung bis zur Haut. Wohl denen, die eine feste Bleibe haben, ihre Heizung aufdrehen und gemütlich einen heißen Tee schlürfen können, dachte ich, als ich zu Hause meine schlafwarmen Katzen begrüßte und aus den nassen Klamotten stieg. Für alle jene ohne feste Bleibe haben längst schon die herausforderndsten (Überlebens)Monate des Jahres begonnen.

Noch sind die wenigsten Bäume vollkommen kahl. An manchen Stellen der Stadt sieht es sogar noch halbwegs grün aus. Auf Grünflächen treten Laubbläser in Sachen Gestank und Lärm in durchaus ernstzunehmende Konkurrenz zum Autoverkehr. Dem Graureiher im Großen Tiergarten scheint das wenig auszumachen. Das ganze Jahr über hatte er sich rar gemacht. Für ein Foto posieren? Fehlanzeige! Warum er ausgerechnet heute eine Ausnahme machte? Wenn ich es nicht besser wüsste, dann würde ich behaupten, dass er unbedingt Teil der Herbstleuchten-Reihe werden wollte. Wohl denn!

 

Abgesang

 

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Der Lieblingsbaum, Tusche und Aquarellfarben auf A4-Aquarellpapier, 18.10.2017

 

Der Lieblingsbaum der Kinder (Siehe gestriger Beitrag) ist nicht mehr. Als ich heute Nachmittag in den Park kam, um ihn aus einer anderen Perspektive zu zeichnen, lag er zersägt und aufgeschichtet. Der Baumstumpf zeigt – er war wohl morsch. Und so ist es vielleicht ein Glück, dass Xavier an ihm seine stürmischen Kräfte erprobte, bevor ein kletterndes Kind mitsamt einem hohlen Ast abstürzen konnte.

 

Viele traurige Gesichter um das nun ehemalige Bäumchen. Enttäuschte Kinder führen ihre Mütter her: Mama, guck! Andere machen das denkbar beste aus der Situation und nutzen den Stamm als warmen Sitzplatz, um die auch heute wärmende Oktobersonne zu genießen.

 

Ich werfe ein Bild vom kurzen Baumstumpf aufs Papier. Die Frau, die auf zurechtgelegten Stamm sitzt, wage ich nicht zu fragen, ob ich sie so zeichnen darf. Wahrscheinlich hätte sie es gar nicht abgelehnt. Sie sah sympathisch aus und gehörte zur Gattung Zeitungsleserin; den „Freitag“ hatte sie in ihrer Hand. Das Bild wär‘ schön geworden – in meiner Phantasie.

 

Doch fotografisch habe ich ihm noch Respekt gezollt und hier nun seht meinen Abgesang auf ihn –  den Lieblingsbaum der Kinder.