Großmütterchen erzählt : die Legende vom veganen Pfeffersack, der den Regenwald schändete

 

Manche Diskussionen sind aufreibend mühsam und dennoch fruchtlos. Argumente werden zusammengetragen und ausgetauscht. Wir denken, wenigstens irgend ein Same der Erkenntnis hätte nun endlich in den Köpfen der beharrenden “Das War Schon Immer So”-Erklärenden festgesetzt. Aber manche falschen Glaubenssätze sind zäh und rollen wie der Stein des Sisyphos immer wieder zurück in die Hirne der Glaubenden. Ärgerlicher finde ich es noch, wenn die Beharrenden den Schuldspieß umdrehen und zeternd auf jene zeigen, die es anders als sie machen und wiederholt die gleichen unsachlichen Behauptungen aufstellen – aus welchen Gründen auch immer.

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Hat Sisyphos resigniert den Stein in die Ecke gekickt, der Welt den Stinkefinger gezeigt und die Sintflut um schnelle Erlösung angefleht?

Wohl nicht;

daher heute:

 

Aus der Mottenkiste:  drei vorsintflutliche “Argumente” gegen den Verzicht auf Fleisch und Milch – nur beispielhaft aus dem dem unendlichen Reigen an Vorurteilen gegen Veganerinnen und Veganer – aus aktuellem Anlass, weil gestern mal wieder Sgehört:

Veganer sind Regenwaldschänder

Nein, die Regenwälder werden nicht für uns Veganerinnen und Veganer abgeholzt, weil wir angeblich so viel Tofu in uns hineinstopfen. Vielmehr wird das Gros des angebauten Soja an Nutztiere verfüttert. Ohne Soja keine Massentierhaltung, denn ohne sojabasiertes Kraftfutter könnte unser Vieh gar nicht so billig und effektiv gemästet werden. Das Gegenteil dieser fest in den Köpfen sitzenden Behauptung ist also wahr.

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Bananen sind sowieso nie Bio

Bananen aus Übersee werden zwar nicht eingeflogen, kommen aber mit dem Frachtschiff, was natürlich trotzdem fraglos eine enorme Belastung für die Umwelt ist. Regionales Obst zu kaufen ist hier definitiv von Vorteil. Also sind Bananen sowieso nicht Bio, oder!? Dann kann man doch gleich die billigen konventionellen Früchte kaufen? Besser nicht, denn es geht hier auch und vor allem um die Chemikalien und die teils katastrophalen Bedingungen, denen die Arbeitskräfte auf den Großplantagen ausgesetzt werden. Warum wohl werden die weitgereisten Bananen teil für nur ein Drittel des Preises eines vor Ort gepflückten Apfels verkauft?

Ähnliches gilt übrigens auch für Schokolade, Kaffee usw.

Veganismus – ein Hype für Wohlstandsbürger

Ja, Bioprodukte kosten mehr als konventionell angebautes Gemüse und die können sich manche tatsächlich nicht leisten. Diese Menschen gibt es durchaus in unserer Gesellschaft und ich spreche hier nicht von der KlischeeHartzVI-Mutter, die sich ihr Haushaltsgeld nicht einteilen kann. Obwohl ich lange darüber sinnieren könnte, dass viele Arme in unserem Wohlstandsland nur deswegen nicht hungern und frieren müssen, weil anderswo Menschen noch viel schlechter behandelt werden (Arbeitsbedingungen – billige Klamotten, Billiggemüse aus Spanien – guten Appetit!)) bzw. auf Kosten der nachfolgenden Generationen Raubbau an Natur und Umwelt betrieben wird.

Auch ich kann derzeit meinen Lebensmittelbedarf nicht aus dem Bioladen decken (was mich weniger um meinetwillen stört, sondern vor allem weil ich regionalen biologischen Anbau gern mehr unterstützen würde (Schlagworte Glyphosat, Bienensterben, Arbeitsbedingungen der Landarbeiterinnen und Bauern, nachhaltige Bodennutzung, Vermeidung von Verpackungsmüll und und und). Viel diskutiert auch die Frage, wie viel uns unsere Ernährung wert ist und wert sein sollte.

Was ist das übrigens für ein fadenscheiniges Argument, dass man den ChinesInnen und InderInnen nicht vorschreiben kann, dass sie nicht unsere fatalen Ernährungsgewohnheiten übernehmen sollen, wenn doch es darum geht, sein eigenes Handeln zu hinterfragen. Warum wird mir vorgehalten, dass so viele Menschen auf der Erde hungern müssen und ich mir den Luxus erlaube, nicht alles essen zu wollen. Kurz gefragt: Soll ich mich aus Solidarität mit den Millionen Hungernden der Welt mit Billigfleisch vollstopfen, wo doch ein Teil des weltweiten Ernährungsproblems gerade auf einem zu hohen Fleischkonsum der relativ gesehen Wohlhabenden besteht?!?

Schlussendlich noch der Hinweis: nein, nein und nochmals nein – eine vegane Ernährung ist mitnichten teurer als eine Fleisch- und Milchbasierte (im Gegenteil – so behaupte ich!) – es sei denn man oder frau kauft diese ganzen Fleischersatzprodukte, die für eine gesunde und sättigende Ernährung absolut unnötig sind. Dass Veganer massenhaft Sojaschnitzel und Tofuburger konsumieren gehört wohl in die Kategorie der Mythen und Märchen.

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Walzer vor dem Schauspielhaus

 

So, nun schließt Du also den Reigen heute. Als dritte im Bunde der Busenfreundinnen hast Du die vierzig voll gemacht.

Tja, elektronisch habe ich Dir schon alles Glück der Welt gewünscht. Natürlich Dich nicht angerufen, weißt Du ja, das das nicht mein Ding ist. Einen richtigen handgeschriebenen Brief fandest Du heute auch nicht im Briefkasten. Oh denke nicht, dass ich das nicht wollte. Im Gegenteil saß ich die letzten Tage daran, Dir eine ganz besondere Zeichnung zukommen zu lassen. Aber nichts ist eben wirklich und genau so geworden, wie ich es passend und eben ganz genau für Dich wollte.

 

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Also wenn ich draufliege, dann ist dieses Bild durchaus präsentabel, oder?

 

Statt dessen schicke ich Dir ein Lied. Wir summten und trällerten es im Sommer vor genau zwanzig Jahren – die Schule lag hinter uns und das Leben schien aufregend und offen vor uns zu liegen. Wir, die drei Busenfreundinnen, drehten uns auf den Treppen vor dem Schauspielhaus und tanzten Walzer.

 

 

 

Wir blieben einander verbunden und gingen doch Wege, die kaum verschiedener scheinen können; zumindest seit sich mir diese bescheuerte Krankheit als Herausforderung für meinen Durchhaltewillen und Ehrgeiz vor die Füße geworfen und in ganz andere Dimensionen katapultiert hat, spüre ich das. Aber wozu ist Freundschaft da, wenn sie nicht solche Hindernisse überwinden kann; und ich sehe uns weiterhin gemeinsam auch in Zukunft verbunden – in nochmal vierzig Jahren als drei alte hunzelige Weiblein auf der sonnigen Parkbank, stolz auf jedes graue Haar und jedes Fältchen, auf jede Narbe und Blessur also seien es Orden und Medaillen des Lebens. Dann humpeln wir ins Seeblick, bestellen einen Kaffee und schreiben uns Briefe: „Wir sitzen hier und trinken – einen (Soja)Milchkaffee…“ Dann gibt es noch ein Sektchen und dann noch eines. Und schließlich kichern wir wie die Teenager und fallen dem jungen Kellner mit dem Ringelshirt auf die Nerven. So wird es sein.

Falls Du jetzt rührselig geworden bist, dann hier noch ein ganz spezielles Geburtstagslied:

 

 

 

Groth statt Grün – Zeilenendes Fotoprojekt 11

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Das Zeilenende hatte im Februar zu einem gemeinsamen Fotoprojekt aufgerufen – zwölf Monate lang soll jeweils am letzten Sonntag des Monats eine Momentaufnahme eines selbstgewählten Motivs präsentiert werden.

Der Aufruf erzeugte ein überwältigendes Echo und auch ich bin von der Idee so begeistert, dass ich hier das Wachstum der zu recht umstrittenen Baustelle des ebenso umstrittenen Investors Groth Gruppe am Berliner Mauerpark dokumentiere.

Die zwölf Monate sind nun schon fast herum und mein Dezemberbeitrag zum Thema folgt aufgrund meiner Blogpause verspätet.

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Die neue Straße hinter dem Gleimtunnel ist bereits beschildert, 03. Dezember 2017

Das wäre nicht eigentlich ein Problem, wenn ich nicht doch auch zwischendurch immer wieder mit dem Fotoapparat auf Pirsch gewesen wäre und ich – der mir Entscheidungen zu treffen doch so schrecklich schwer fällt – aus den mehreren hundert Bildern jene auswählen musste, die ich Euch hier nun zeigen werde (ja, diese Anzahl hätte es zu Zeiten der analogen Fotografie, wo jeder Film und jedes Bild bares Geld kostete, nicht gegeben).

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Am Silvesternachmittag, noch vor der großen Knallerei

 

Als Fotokunst geben meine Bilder zwar wenig her, aber mich faszinieren die klitzekleinen und größeren Veränderungen, die sich da haben festhalten lassen. Und Veränderungen gab es einige: die Sozialwohnungen und die sogenannten Studentenappartements sind inzwischen bewohnt und so kann ich einen Teil der Baustelle inzwischen betreten.

Die neu zugängliche Straße verschafft mir eine ganz andere Sicht auf die neuen Fundamente, mit denen ich mich plötzlich auf Augenhöhe sehe. Fast fühle ich mich wie auf einer alten antiken Ausgrabungsstätte. Für mich absolut faszinierend, so durch wachsende Wände, Türen und Fenster hindurchzusehen.

 

Von einer etwas erhöhten Stelle wird sich dieser Baustellenteil auch gut beim Wachsen beobachten lassen:

 

Die Baustelle findet offensichtlich auch unter den Füchsen großen Gefallen. Auf meinem Spaziergang am 30.12. lag plötzlich ein Fuchs auf meinem Weg. Ich stoppte, wagte mich nicht zu rühren, um ihn nicht zu verscheuchen und er blieb liegen. Ihn störte auch nicht, dass ich später meinen Fotoapparat auf ihn richtete. Statt dessen tauchte sein Partner oder seine Partnerin auf.

 

 

Allein – sie hielten nicht still genug, dass sie ihn bei diesen dunklen Lichtverhältnissen gut fotografieren konnte. Die Filmfunktion leistete hier wesentlich bessere Dienste und so gibt es hier und auf Youtube ein kleines Fuchsfilmchen zu sehen. Ich bin ganz hingerissen mir wieder und wieder anzusehen, wie beide Tiere miteinander „sprechen“.

 

 

 

Und was gibt es sonst noch zu berichten?

Augenfällig ist: es stehen und arbeiten nur noch zwei Kräne statt der vier;

noch mehr Hausfassaden sind verputzt und Gerüste abgebaut. Die Nordseite der Baustelle sieht schon richtig „fertig“ aus. Nur die Natur wirkt inzwischen wieder genau so winterlich-grau wie im Februar vor einem Jahr.

 

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Unter dem  Beitrag vom Zeilenende aus dem November findet Ihr die vielen interessanten Links zu den Beiträgen der anderen.

Der aktuelle Post des Herrn Zeilenende ist >>HIER<< zu finden.

 

Und meine bisherigen Beiträge sind hier verlinkt:

Groth statt Grün – Zeilenendes Fotoprojekt 10

Groth statt Grün – Zeilenendes Fotoprojekt 9

Groth statt Grün – Zeilenendes Fotoprojekt 8

Groth statt Grün – Zeilenendes Fotoprojekt 7

Groth statt Grün – Zeilenendes Fotoprojekt 6

Groth statt Grün – Zeilenendes Fotoprojekt 5

Groth statt Grün – Zeilenendes Fotoprojekt 4

Groth statt Grün – Zeilenendes Fotoprojekt 3

Groth statt Grün – Zeilenendes Fotoprojekt 2

Groth statt Grün – Zeilenendes Fotoprojekt

Bitte Aufladen!

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Dass mein Akku kurz vor Jahresende alle ist, finde ich nicht allzu erstaunlich. Deshalb genehmige ich mir bis zum nächsten Jahr eine Blogpause. Es geht kaum noch Input in mich hinein und auch das Schreiben ist mühselig.

Für einen Rückblick auf das Jahr 2017 brauche ich noch ein paar Monate Abstand. Es ist in mancherlei Hinsicht zu viel, in anderer aber zu wenig passiert; aber da ich nicht zerbrochen bin, will ich annehmen, dass ich daran weiter wachse und erstarke. Ein Triumph allein schon nur das eine – ich bin ohne erneuten Klinikaufenthalt durch dieses Jahr gekommen.

Bei manchen von Euch konnte ich  lesen, wie Ihr Euch auf das Weihnachtsfest freut und vorbereitet. Aber ich bin mir sicher, dass für viele andere die kommenden Feiertage mit Schmerz, Angst, Einsamkeit, Trauer und Verlustgefühl verbunden sind. Ich wünsche gerade Euch viel Kraft für die nächsten Tage. Bitte haltet durch!

Für mich hat sich in diesem Jahr die Vorweihnachtszeit endgültig mit negativen Gefühlen verknüpft – höre ich Weihnachten, denke ich an Armut, Ausgrenzung, Obdachlosigkeit. Vorbote war vielleicht, dass ich bereits in meiner Kindheit lang und heftig weinen musste, wenn ich das Märchen vom Mädchen mit den Schwefelhölzern las. Dieses beklemmende Gefühl ergriff mich auch die letzten Tage viel zu häufig.

 

 

Aber ich möchte die Bloggerei für dieses Jahr mit etwas Positivem abschließen und Euch auf Gerdas Kazakous aktuelle Legearbeiten hinweisen – wenn Ihr sie nicht selbst schon kennt (>>HIER<< und >>HIER<< geht es lang, wenn Ihr sie sehen wollt). Für mich sind diese Arbeiten überaus symbolhaft und ich wünsche mir, das kommende Jahr 2018 wird unter jenem Stern der Auferstehung stehen – für mich, aber auch für Euch, mit denen ich mich hier in der Blogwelt inzwischen vertraut und verbunden fühle. Und am liebsten für die ganze Welt, aber vielleicht sollte ich noch nicht nach allen Sternen greifen.

 

 

Jetzt ist dieser letzte Post des Jahres 2017 doch arg rührselig geworden. Wollte ich mich nicht kurz und knapp fassen und Euch einfach nur ein gesundes Wiedersehen im Neuen Jahr wünschen?

Von Herzen alles Gute

Agnes

Bitte rufen Sie unsere kostenfreie Servicenummer an

 

Nun bin ich also wieder online. Seit letztem Donnerstag bis heute war mein häuslicher Internetanschluss lahmgelegt und so war es hier ein paar Tage still.

Ehrlich gesagt habe ich mich nicht einmal richtig darüber geärgert. Gemessen an allen anderen Widrigkeiten und Problemen, die es so zu bewältigen und verarbeiten gab und gibt, erschien und erscheint mir das Internetproblem als absolut nebensächlich.

Ich hatte eben einen langen Text getippt und dann wieder gelöscht, in dem ich über die Ignoranz meines Internetanbieters schrieb, der statt auf meine mehrmalige Bitte um schriftliche Klärung meiner Störungsmeldung immer wieder eine StandardE-Mail schickte, in der ich höflich gebeten wurde, die kostenfreie Servicenummer anzurufen. Bis ich aufgab und W bat, den Anruf für mich zu erledigen.

Wer schon länger hier mitliest weiß vielleicht noch, dass ich dem Telefonieren gegenüber äußerst … skeptisch … bin, was wohl als Teil meiner Soziophobie kategorisiert werden kann. Das mögen wenige Menschen verstehen und manche, die es ansatzweise verstehen, mahnen, dass ich mich meinen Ängsten stellen müsse, das Telefonieren üben und so weiter und so fort. Das mag an sich so falsch nicht sein, aber meine Weigerung zu Telefonieren ist nur ein winziges Symptom, ein kurzes Fädchen in einem ganzen Problemknäuel und mit einer Überwindung meiner tiefen Abneigung (inzwischen gar Hass?; Abwehr?; tiefempfundene Verachtung?) dem Telefon gegenüber wäre nicht wirklich viel gewonnen. Mit der Möglichkeit zu SMS- und E-Mail-Kontakt kann ich mich durchaus mit der Außenwelt in Verbindung setzen. Und, da seid versichert, in einem Notfall würde auch ich zum Telefon greifen – Angst schlägt Angst – das habe ich spätestens gemerkt, als es mal so schien, als würde es in unserem Haus brennen.

Übrigens bedauere ich manchmal, den kurzen taz-Artikel nicht ausgeschnitten und aufgehoben zu haben, der beweist, dass man auch Redakteur bei der taz werden kann, auch wenn man kilometerweise Umwege in Kauf nimmt, nur um seinen Zahnarzttermin persönlich ausmachen zu können und Telefonate weitestgehend vermeidet.

Übrigens habe keine Angst vor Spinnen, nur so nebenbei bemerkt 😉

Stadtleben im Winter

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Berlin Prenzlauer Berg, im Birkenwäldchen am Mauerpark, 03.12.2017

Kalendarisch gesehen ist ja noch immer Herbst, auch wenn für die meisten von uns wie auch für die Meteorologen bereits der Winter begonnen hat. Bei vielen MitbloggerInnen habe ich auch schon schöne Winterbilder gesehen – glitzernde Eiskristalle, herrliche Schneelandschaften.

Was mich betrifft, bin ich ganz froh, da nicht mithalten zu können – Schnee in der Großstadt bleibt nie lange weiß und wenn ich da an die dunklen Kiessteine denke, die mit dem ersten Schnee gegen die Glätte gestreut werden, die dann schmutziggrau bis zum Frühjahr auf den Straßen liegen bleiben werden, kommt bei mir ebenfalls keine Vorfreude auf. Einzig den Kindern wünsche ich einige Berliner Schneewochen, damit sie nach Herzenslust die Stadthügel hinunterrodeln können. Die Natur könnte wohl einen „richtigen“ Winter auch gebrauchen. Da man sich das Wetter sowieso nicht aussuchen kann, bin ich auf alles gefasst, freue mich genau darüber, wie es kommt und werde natürlich auch weiter mit dem Fotoapparat unterwegs sein.

An meine montäglichen Herbstleuchten-Posts habe ich mich gewöhnt und will auch die kommenden Monate montags weiter Bilder von Stadt und Natur zeigen. Das wäre doch gelacht, wenn es nicht auch an trüben Wintertagen kleines und großes Leuchten zu entdecken gibt.

Manchmal ist die Freude über solche Kleinigkeiten besonders groß. So zum Beispiel gestern, als ich vor dem Moritzhof zwischen dem Gestrüpp noch eine einzelne Ringelblumenblüte gesehen habe. Und die beiden Pferde wirken vor der orangenen Buchenhecke (danke nochmals, liebe Heike, für Deinen botanischen Hinweis vergangene Woche) besonders schön. Ein wenig skurril wirkt hingegen der verlassene Grill im Birkenwäldchen.

 

Vergangene Woche habe ich außerdem eine Wiederentdeckung der ganz eigenen Art gemacht. Ich war seit langem mal wieder im Kiez meiner Kindheit und Jugend unterwegs, ging den täglichen Schulweg vieler Jahre, der auch an der Spree entlangführte. Verändert hat sich seitdem einiges. Vieles. Das meiste. Unverändert: damals schon die wunderschönen Weiden am Spreeufer der Fischerinsel und die frechen Möwen. Ich hatte tatsächlich vergessen, dass auch sie zum Berliner Stadtbild gehören.

Hat von Euch eigentlich jemand Ahnung von Schifffahrt (mit drei „f“ – das ist auch nicht mehr wie früher 😉 ) und weiß, warum vor der Mühlendammschleuse vor Kampfmitteln gewarnt wird?

 

 

 

 

 

Loslassen und Platz zum Leben schaffen

 

Mein Großvater hat in den Monaten bevor er starb viele Dinge aussortiert und weggeworfen. Ganze Ordner mit verschiedenen Papieren entleerte er. Meine Mutter und ich waren entsetzt, als wir davon erfuhren und baten ihn, damit aufzuhören. Er hatte es gut mit uns gemeint und wollte uns nicht mit diesen Dingen belasten.

Für meine Mutter und mich stellten und stellen die alten Aufzeichnungen und Fotos hingegen einen wahren Schatz dar. Meine Mutter ist seit jeher an alten Zeugnissen der Familiengeschichte interessiert und ich selbst betone auch hier in Bloghausen bei jeder sich bietenden Gelegenheit, dass ich ja „eigentlich“ Historikerin bin. Meine Mutter hat sich als wahre Detektivin entpuppt, wenn es um die Rekonstruktion und Zusammensetzung einzelner Bruchstücke geht. Dabei macht uns nicht immer stolz, was offenbar wird, besonders im Zusammenhang mit antisemitischer Propaganda und mutmaßlichen Naziverbrechen entfernterer Verwandter.

Indirekt erfuhren wir auch einiges über uns, zum Beispiel woher denn unser Hang zum Sammeln, Aufheben und Bewahren des Vergangenen kommt. Dass ich Dinge horte, archiviere und nicht aus der Hand geben kann, hat weniger mit meiner psychischen Störung zu tun als mit erlernten, beobachteten und so über die Generationen weitergegebenen Verhaltensweisen, die dann aber wiederum guten Brennstoff für meine Krankheit liefern können.

Dabei arbeite ich schon seit Jahren an mir und in der Tat musste ich mich von vielen Dingen meiner Vergangenheit bereits trennen. Mehrere Umzüge und wenig Stellfläche haben da Fakten geschaffen, denen ich mich nicht widersetzen konnte. Auch wenn es sehr sehr sehr weh getan hat und ich bei manchen Dingen tatsächlich weinen musste (und noch heute traurig bin!).

Seit ich in meiner aktuellen Wohnung lebe, habe ich es bereits geschafft, mich von weiteren Dingen zu trennen; aber es ist mir immer, als ob ich einen ganz wichtigen Teil von mir, meines ganzen Daseins und meiner Vergangenheit weggebe. Andererseits ist meine Wohnung trotzdem noch immer vollgestellt und gerade durch die dunkle Erdgeschosslage fühle ich mich manchmal geradezu erdrückt. Erdrückt von den Dingen, die ich so mit mir mitschleppe, die ich nicht loslassen kann; das lässt sich sowohl als Gleichnis als auch ganz wortwörtlich nehmen.

Bei Maria von widerstandistzweckmaessig lese ich mit besonders großem Interesse ihre Beiträge über das Loslassen (>>hier<< der Link zu ihrem ersten Beitrag zu diesem Thema). Nun hat sie die Idee des umgekehrten Adventskalenders, die einige andere Blogger hatten, aufgegriffen und sortiert jeden Tag bis Weihnachten ein Teil aus ihrem Kleiderschrank aus, um es dann zu verschenken. >>Hier<< der Link zu diesem Beitrag von Maria, in dem sie wiederum auf die ursprünglichen InitiatorInnen verweist.

Einen großen Teil meiner Wohnung nehmen meine Bücherregale ein. Einige Bücher hat mein Bruder bei seinem Auszug aus der Familienwohnung stehengelassen, einige stammen aus dem Nachlass meiner Großeltern. Viele habe ich mir in den Jahren auf diversen Flohmärkten für kleines Geld zusammengekauft. Wer die immer noch langen Buchreihen sieht, wird nicht glauben, dass ich bereits bestimmt ein Fünftel oder ein Viertel meiner Bücher verschenkt habe.

Bei den übrigen Büchern dachte ich, sie unbedingt behalten zu müssen. Das gilt für die Fachbücher sowieso. Und bei den Romanen denke ich immer daran, wie ich es als Kind geliebt habe, die vollen Bücherregale bei den Großeltern und meinen Eltern zu betrachten. Als Jugendliche habe ich oft Stunden vor dem elterlichen Bücherregal gehockt und etliches an tollem Lesestoff gefunden. Für meine Kinder wünsche ich mir das auch.

Aber werden sie wirklich Interesse an allen Büchern haben, die in meinen Regalen stehen? Sollte ich ihnen nicht vielmehr eine besondere Auswahl zeigen? Für alles weitere hat die Stadt gute öffentliche Bibliotheken.

Und was ist mir mir? Bisher dachte ich, dass ich alle Bücher, die es durch die letzte Auslese geschafft haben, wirklich auch noch lesen werde oder wiederholt lesen möchte. Oder zumindest jederzeit noch einmal hineinschauen. Das ist leicht zu glauben, wenn man zwanzig ist. Auch mit dreißig Jahren und noch fünfunddreißigjährig unterlag ich dem Glauben noch sehr viel Zeit zu haben.

Inzwischen ahne ich, dass mir für so viele Bücher gar nicht die Lebenszeit bleibt. Gerade habe ich depressionsbedingt ohnehin weniger Konzentration für das Lesen als früher, als ich Bücher geradezu eingeatmet habe. Und selbst wenn es mit der Konzentration wieder besser wird und ich mehr lese, erscheinen ständig so viele neue, interessante und lesenswerte Bücher.

Hinzu kommt: irgendwann wird dieses Haus einmal saniert oder gar modernisiert werden müssen. Es ist in der Tat vieles marode. Doch dann werde ich hier die Miete endgültig nicht mehr zahlen können und mir eine andere Bleibe suchen müssen. Mit vermutlich noch weniger Platz. Abgesehen davon, dass sich ein Umzug mit nur wenigen Habseligkeiten besser organisieren lässt. Für diesen Tag, der hoffentlich noch lange hin ist, will ich vorsorgen und weiter aussortieren.

Zum Einstieg fange ich klein an und wandele Marias Idee wiederum für mich passend ab: Jeden Tag bis Weihnachten trenne ich mich von einem meiner Bücher und sammle auf einem kleinen Tisch neben meinem Sofa. Bis zum neuen Jahr habe ich dann Gelegenheit, alle Bücher noch einmal durchzublättern. Wenn ich dann doch entdecke, dass ich eines behalten muss, dann kann ich es durch ein anderes Buch austauschen. Im Neuen Jahr dann werde ich die Bücher weggeben – Möglichkeiten Bücher zu spenden gibt es in Berlin ja zuhauf.

Wie leicht fällt es Euch, Dinge wegzugeben?

Vielleicht habt Ihr gar Lust, bei dieser umgekehrten Adventsaktion mitzumachen, Dinge abzugeben anstatt Euch dem scheinbaren (!) Konsumzwang der Vorweihnachtszeit zu unterwerfen?

 

 

Mehr Solidarität wagen!

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Transformation ist Thema der dieswöchigen photo challenge. Es wäre mir ein leichtes, Euch hier noch ein paar meiner unzähligen Bilder vom herbstlichen Wandel zu zeigen. Satte Farben, ein bisschen Schwermut, Schönheit.

 

Und doch bringe ich es nicht über mich; mir drängen sich andere Bilder in den Kopf. Ich denke an die soziale Transformation, an den Wandel unserer Gesellschaft, an die Zunahme der Spaltung, an Luxussanierung und Gentrifizierung, an Armut. An Krieg, Terror, Flucht. An die Verschuldung ganzer Staaten und deren katastrophale Auswirkung.

Und daran, dass viel zu viele Menschen angesichts dessen entweder resignieren – was kann ich schon tun? – oder aber sich gegeneinander aufhetzen lassen. Dass Umweltthemen und Soziales oft genug als gegeneinander konkurrierende Themen dargestellt werden, lässt mich schnappatmen. Dass es viel zu häufig gelingt, mit dem Finger auf „die“ Flüchtlinge zu zeigen und zu suggerieren, „die“ Ausländer schuld seien schuld an unserem löchrigen Sozialsystem, macht mir Angst, ist schändlich, entsetzlich, erbärmlich. Wir lassen uns erzählen, die Armen seien dumm und/oder faul und die Obdachlosen an ihrer Lage selbst schuld. Oder „die Griechen“. Oder auf wen auch immer mit dem Finger gezeigt wird.

Es ginge uns doch immer noch vergleichsweise gut, wird uns gesagt. Vergleichsweise – das mag richtig sein. Aber warum, frage ich mich, sehe ich dann ständig diesen älteren Herren in unseren Hof kommen und in den Mülltonnen nach brauchbarem suchen? Warum greifen Menschen in die städtischen Abfalleimer und klauben die Pfandflaschen heraus? Weil es ihnen zu gut geht? Warum nächtigen Menschen auf der Straße und sind die Notunterkünfte überfüllt? Und warum bittesehr hängen im Sozialamt Zettel mit den Adressen der Tafeln und der kostenlosen Kleiderausgabe, wenn doch angeblich staatlicherseits allen Menschen ausreichend geholfen wird?

Ich finde es fatal, wenn Interessen verschiedener gesellschaftlicher Gruppen gegeneinander ausgespielt werden. Pilotenvereinigung und Erwerbsloseninitiativen, SiemensmitarbeiterInnen, Studierende, Behindertenverbände, MieterInnenvereinigungen, der Verein Psyiatrieerfahrener und die VerkäuferInnen der Straßenzeitungen. Warum ist der gesellschaftliche Aufschrei so leise, wenn die NRW-Regierung verkündet, das Sozialticket abzuschaffen? Wenn einem Empfänger von Alg2 ein Teil des Regelsatzes gestrichen wird, weil die zuständige Sachbearbeiterin ihn beim Betteln gesehen hat? Wenn einem ganz offensichtlich arbeitsunfähigen Mann das Krankengeld – sofort und bis zum Ende des Bezugszeitraumes gestrichen wird, weil ohne sein eigenes Verschulden in seiner Krankschreibung eine Lücke von einem Tag entstanden ist?

Ist es nicht an der Zeit für wieder mehr Solidarität? Zusammenhalt? Mitgefühl?

 

 

 

Herbstleuchten (13) Abschied vom November

 

Der November legt sich so kurz vor Herbstende richtig ins Zeug: Dunkelheit, Kälte, Nässe – alles, was das Monatsklischee zu hergibt. Die Leute verlassen das Haus und rufen „Iiiij!“, ziehen den Kopf ein und die Schultern zusammen. Spazieren gehen nur die Verrückten. Oder die, denen ein Fahrschein zu teuer ist und die zum Schwarzfahren keine Traute haben.

Die Dealer im Mauerpark können es sich auch bei Sprühregen nicht leisten, frei zu machen. „Alles klar?“, ruft mir einer zu, der denkt, nur die Gier nach Drogen könne mich in sein Revier treiben. Vielleicht ist ihm auch langweilig. Es ist hier heute auch so gar nichts los.

 

So viele bunte Blätter gibt es gar nicht mehr. Nur die dichte Hecke am Birkenwäldchen fasziniert mich mit ihrem grün-braunorangenen Farbkleid.

Die Bäume am Falkplatz hingegen sind geradezu über Nacht kahl geworden. Aber Myriade hat die bunten Blätter ohnehin über 🙂

So ohne ihr Blattkleid zeigen sich nun Stämme, Äste und Zweige der Bäume in ihrer sonst kaum beachteten Schönheit.

Die Welt scheint braun in dunkelgrau gefärbt. Plötzlich reißt der Himmel auf. Für ein paar Minuten nur taucht die Sonne den Park in ihr orange-gelb-goldenes Licht. Es strahlt und leuchtet. Ein wahres Herbstleuchten eben.

 

 

Groth statt Grün – Zeilenendes Fotoprojekt 10

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Groth-Baustelle am Mauerpark; das erste Balkongrün; Sonntag, 26. November 2017

 

Das Zeilenende hatte im Februar zu einem gemeinsamen Fotoprojekt aufgerufen – zwölf Monate lang soll jeweils am letzten Sonntag des Monats eine Momentaufnahme eines selbstgewählten Motivs präsentiert werden.

Der Aufruf erzeugte ein überwältigendes Echo und auch ich bin von der Idee so begeistert, dass ich hier das Wachstum der zu recht umstrittenen Baustelle des ebenso umstrittenen Investors Groth Gruppe am Berliner Mauerpark dokumentiere.

 

Thesen zum heutigen Beitrag:

Ich klopfe mir auf die Schulter, dass ich draußen war und die Aufnahmen gemacht habe. Die Überwindung hierzu war schon lange nicht mehr so groß.

 

Bäume und Sträucher sind nun fast nackt und erinnern uns, dass das Jahr dem Ende entgegen geht.

 

Im Novembergrau sieht die ganze Baustelle noch viel düsterer aus. Die heutigen Fotos sind vom dokumentarischen Standpunkt und für Baustellenfreaks aus möglicherweise interessant. Einen Augenschmaus stellen sie hingegen nicht dar.

 

Mehr Geld – mehr Licht. Je teurer der entstehende Wohnraum, desto größer die Fenster.

 

Die Schaffung von bezahlbarem Wohnraum für untere Einkommensgruppen und  die Anpreisung von  Immobilienbesitz als rentitesichere Kapitalanlage sind ein Widerspruch in sich.

 

In Sachen „Loslassen können lernen“ habe ich eine ganz eigene Baustelle von überdimensionaler Größe. Gemerkt habe ich dies mal wieder, als ich für Euch nach alten Aufnahmen gesucht habe, wie die Gegend hier vor Baubeginn aussah. Fröhliche Bilder aus glücklicheren Zeiten, lächelnde Gesichter inzwischen Verstorbener stechen mir tief ins Herz. Ich suche nach Zeichen des sich ankündenden Unheils anstatt mich zu freuen an dem, was doch auch Gutes gewesen ist. Da wartet noch viel Arbeit auf mich.

 

Mehr Worte heute von mir nicht.

Wer Lust und Zeit für weitere Lektüre hat, dem empfehle ich heute einen Artikel der taz zum Thema Obdachlosigkeit und obdachlose Familien.

Hier zur taz

 

 

 

 

Unter dem Beitrag vom Zeilenende findet Ihr die vielen interessanten Links zu den Beiträgen der anderen.

 

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Groth statt Grün – Zeilenendes Fotoprojekt