Beitrag 500 – Ich im Spiegel

 

Das also ist mein Beitrag Nummer 500. Ich staune – und staune auch wieder nicht über diese Zahl. Immer noch fühle ich mich im Vergleich mit vielen von Euch als Neuling in Bloghausen. Und dennoch kann ich mir das Bloggen inzwischen nicht mehr aus meinem Leben wegdenken.

Ich könnte lange Loblieder singen – auf Euch, auf den gemeinsamen Austausch, Anregungen, kreative Impulse durch MitbloggerInnen und KommentatorInnen. Auf Denkanstöße. Auch auf eine gewisse solidarische Gemeinschaft, die ich wahrnehme, insbesondere auch unter Menschen, die mit psychischen Erkrankungen leben müssen oder auch jenen, die Depressionen überwinden konnten. Das Bloggen ist eben keine Einbahnstraße und ist ohne Feedback nicht vorstellbar, jedenfalls für mich.

 

Aus Anlass dies kleinen Jubiläums heute seit langem mal wieder ein Selbstportrait.

 

 

 

 

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Kreativitätsexplosion

 

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Daumen hoch dem Spiegelbild, Feder und Pinsel, Tusche, Acrylfarbe (Titanweiß), © Agnes Podczeck 08.11.2017

 

Federnden Schrittes flog ich heute zur Ergotherapie. Ja, einen Teil der Last habe ich wirklich zu Hause lassen können.

Im Offenen Atelier gesellte ich mich dann zur Morgenbesprechung der kleinen Zeichengruppe, der ich sonst immer fern geblieben war. Deutete dort erstmals etwas von den Ängsten der letzten Wochen, ach Monate, an! Das Teilen tat wohl. Sodann noch eine Überraschung. Vorige Woche hatte ich in der Praxis einen Zettel ausgehängt, ob jemand am gemeinsamen Portraitzeichnen Interesse hat. Mit Resonanz hatte ich nicht gerechnet, doch ich wurde vom Gegenteil überrascht.

Wir sind, bisher, zu zweit und ich musste mal wieder feststellen, was sich mir beim Musizieren auch schon immer bewiesen hat: Alleine rummosern ist gut und erfüllend; aber verschiedene Köpfe können sich gegenseitig zu einer Kreativitätsexplosion inspirieren, bei der ein Gedanke den nächsten beflügelt.

Wir basteln uns erst einmal Gipsabdrücke von unseren Händen und Köpfen, so haben wir vollkommen unbewegliche Modelle, die mit Mützen, Schals und Perücken frei variabel veränderlich sind und wir können gleichzeitig und am gleichen Motiv arbeiten. Später dann geht es an echte Menschen. Für mich heißt das: reden, sich absprechen, auf andere einstellen. Wahrscheinlich auch einiges erklären, weil ich ja nun schon ein wenig erfahren bin im Portraitzeichnen. Aber heute war das für mich gar nicht schlimm – vielleicht auch, weil mein Gegenüber psychisch ebenso wie ich sehr „angeschlagen“ ist und Kontaktängste und Redeschwierigkeiten sehr wohl selbst zu kennen scheint, nicht zu schnell und nicht zu laut spricht. Die Zusammenarbeit war nicht nur „nicht schlimm“, sondern sogar recht lustig, als wir die Kindergartenkinder mit dem Gips zu hantierten.

Zu Hause dann noch eine zeichnerische Spielerei, das Spiegelbild aufs Papier gebracht und doch nicht wirklich ein Selbstportrait.

 

 

1-5-Minuten Skizzen

 

Weiter geht es mit den 1-5 Minuten Skizzen im Badezimmer, die Susanne Haun angeregt hat. Solange ich es noch nicht schaffe, mir andere Personen als Modell zu organisieren, muss eben weiter mein eigenes Gesicht zum Üben herhalten. Ich habe mit verschiedenen Zeichengeräten experimentiert und immer zwischen 1 bis 5 Minuten lang höchstens gezeichnet, was mein Perfektionsstreben drosseln sollte. Es gibt aber noch Luft nach oben.

Hier ein Zwischenstand mit einer Auswahl.

Eine Abwechslung tut allerdings not, eine Woche Woche lang Tag für Tag das gleiche Zeichenobjekt zu kritzeln auf Dauer wenig spannend (auch wenn die Ergebnisse nicht danach aussehen, als ob dieselbe Person Modell gestanden hätte) und so habe ich letzten Version spaßeshalber eine alte Brille aufgesetzt, die mein Gesicht sofort verändert hat. Ach, wenn sie mich auch in Natur so jung aussehen lassen würde, wie auf dieser Zeichnung geschehen …

Demnächst gibt es Mützen, Hüte, Sonnenbrillen und was meine Schubladen so hergeben. Und vielleicht findet sich auch mal wieder eine andere Person, die beim Zeichnen still hält.

 

Abgeguckt – Blind zeichnen

Susanne Haun hat sich gestern selbst gezeichnet. Blind. Also Augen zu und losgezeichnet. Wow!, dachte ich. Einige andere haben es ihr nachgemacht und selbst ausprobiert, hatten Spaß und durchaus sehenswerte Ergebnisse.

Wie könnte ich anders als da ebenfalls mitzumachen?!

Ganz ehrlich – ich finde meine Ergebnisse fast besser als so manche akribische genaue Zeichnung, die ich schon gemacht habe – und zwar wegen der großen Lockerheit, mit der ich an die Sache herangehen konnte.  Wenn man das Gute im absolut Schlechten sehen will, dann sind meine gleißenden Kopfschmerzen heute ebenfalls dafür hilfreich gewesen – sie blockieren nämlich mein Denkvermögen nahezu komplett, reduzieren meine Selbstkontrolle. Perfektionsstreben? Ach was, alles egal heute!

Meiner Stimmung entsprechend griff ich nach dem ersten Versuch mit einem weichen Grafitstift zu fetten Ölpastellkreiden, die sich schwungvoll über das Papier gleiten ließen.

 

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Agnes, blind gezeichnet, Grafitstift, 31.05.2017
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Agnes, blind gezeichnet, Ölpastell olivgrün, 31.05.2017
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Agnes, blind gezeichnet, Ölpastell blau, 31.05.2017
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Agnes, blind gezeichnet, Ölpastell rot, 31.05.2017

 

Danach zeichnete ich noch zwei flotte Badezimmerselbstportraits – mit dem Tag war heute sowieso nichts „Vernünftiges“ anzufangen. Diese Skizzen zeige ich dann aber erst später mit einer Auswahl der vielen anderen Selbst-Schnellskizzen, die ich die letzte Woche angefertigt habe.

Das Blindzeichnen war für mich eine sehr gute Erfahrung und ich habe es bestimmt nicht zum letzten Mal gemacht. Vielmehr scheint es mir eine gute Methode, um mich einzuzeichnen und dabei locker zu werden.

Aus meinem Skizzenbuch 11

Üben, üben üben!, heißt es.

Ich bin sehr froh darüber, dass ich schon länger kein Problem mehr damit habe, in der Öffentlichkeit zu zeichnen. Das bedeutet mir einen beträchtlichen Gewinn an Lebensqualität. Mit einer großen Staffelei mitten im Zentrum der Aufmerksamkeit zu sitzen, wäre sicher noch zuviel. Doch in Wartezimmern, Parks, Straßenbahn und U-Bahn kritzelnd über meinem Skizzenbuch zu sitzen, ist mir inzwischen Selbstverständlichkeit.

Wirkliche Portraits zu zeichnen, ist unter diesen Umständen natürlich nicht möglich. Ich will ich nicht allzu offensichtlich hinsehen, um niemanden zu irritieren und zu fragen, das schaffe ich (noch?) nicht. Die ahnungslosen „Modelle“ bewegen sich ständig oder stehen, kaum dass ich die ersten Striche gesetzt habe, auf und entschwinden für immer aus meinem Blickfeld. Also beende ich das Gesicht aus dem Gedächtnis oder nach Phantasie und Laune oder füge Mundpartie und Frisur einer anderen Person hinzu. Egal ob die Ergebnisse hinterher ansehnlich sind oder nicht – ich nehme alles als willkommene Gelegenheit zum Üben an.

Nächstes sozial-kommunikatives wie auch künstlerisches Ziel für die nächsten Monate: „echte Modelle“ zu zeichnen, die nicht mein Freund oder mein Spiegelbild sind. Eine Kollegin meines Lebenspartners hat bereits Interesse bekundet, mir mal Modell zu sitzen.

Ich, Agnes!

 

Die zurückgezogenen Tage um Ostern habe ich auch für eine Innenschau genutzt, bei der  mir das Zeichnen hilft. Wer bin ich? Wer blickt mir entgegen, wenn ich jeden Morgen in den Badezimmerspiegel blicke? Ich suche Zugang zu mir, Frieden mit mir. Zwiegespräch.  Ich bin weiter auf der Suche. Ich. Ich …

 

 

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Agnes, Selbstportrait. Ölkreide auf braunem Skizzenpapier A3, 15.04.2017