Stadt und Natur – Februarsonne. Endlich auch im Herzen

 

Die Februarsonne wärmt bereits kräftig, auch wenn die Temperaturen im Schatten noch frostig sind. Doch vor so manchem Straßencafé, Bistro und auch auf sonnigen Parkbänken lassen sich die Städter die Mittagssonne in die Gesichter strahlen. Der Senkgarten an der Schwedter Straße ist windgeschützt, aber leider dringt der Krach der Groth-Baustelle am Mauerpark hinunter und treibt mich weiter. Ich gehe den Mauerweg entlang bis zu den Kleingärten an der Bornholmer Straße. Hier freue ich mich an den ersten Frühblühern und staune über den kleinen Teich mit Quell und dicker Eisschicht.

 

 

Zum sonnigen Wetter passt, dass ich die schlimmste Angst- und Durststrecke überstanden habe. Die erste Behörde hat ihr Säcklein über mit ausgeschüttet und ich bin seit gestern Mietschuldenfrei; die schwarz-bedrohliche Wohnungslosigkeit ist abgewendet. Ich fühle mich leicht und frei. Ich muss niemanden mehr anpumpen, sondern kann sogar beginnen, erste Schulden zu begleichen. In der U-Bahn gebe ich den Sängern ein paar Münzen und ein Lächeln.

Gleichzeitig wetze ich die Messer und rüste zum Kampf. Eine neue fähige Anwältin ist gefunden, dem alten Bevollmächtigten wird mit der Kammer gedroht. Die Sache ist verwickelt, verquickt und kompliziert, aber jetzt, wo ich nicht mehr zu ertrinken fürchten muss, habe ich genug Elan für die letzte Strecke, die zu gehen ist.

Bald werde ich auch die Worte gefunden haben, um hier mehr davon zu schreiben. Zunächst noch Sprachlähmung: Ohnmacht, Wut, Entsetzen und auch einfach Ungläubigkeit, wie groß die sozialstaatlichen Gesetzeslücken sind und Menschen tatsächlich durchs Raster fallen gelassen werden, wenn sie nicht diesen oder jenen Kriterien entsprechen.

Erst aber werde ich ein paar Tage offline gehen und ein verlängertes Wochenende im Grünen mit meiner Mutter verbringen. Wir haben uns eine Auszeit redlich verdient.

Habt auch Ihr es wohl!

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Alter Ego?

 

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Elfe, Tinte und Aquarell auf Steinpapier A4, Januar 2018

 

 

Zum meinem Krafttier, dem Einhorn (Siehe >>HIER<<), habe ich mir noch eine zweite magische Figur geschaffen, die in diesem Jahr an meiner Seite und an der Seite der mir nächsten stehen wird.

 

 

 

 

Agnes guckt in den Spiegel und hört menschenverachtende Untergrundmusik

 

Jener, „Der“ Tag, an dem ich in den Spiegel sah, endete in keiner Katastrophe, bedeutete vielmehr Stärkung und einen symbolischen Neuanfang, wollte aber aufgrund anderer Umstände so gar nicht gefeiert werden. Das Leben nimmt halt manchmal einen Lauf, der sich nur mit Fäkalsprache angemessen beschreiben ließe. Ein einfaches „Scheiße“ reicht da nicht.

 

Habt Ihr auch manchmal das Gefühl, zu lieb, zu nett, zu duldsam zu sein? Und das dies oft nur noch einen weiteren Tritt in den Allerwertesten einbringt? Nein, ich will kein böser Mensch werden, aber ich will in manchen Situationen aufstehen können und sagen (oder schreiben): So nicht! Ich fange jetzt damit an.

Ich werde wohl dennoch auf ewig das bleiben, was manche als Gutmensch verlachen und verachten: Die, die immer darauf hofft, dass sich das Gute im Menschen zeigt, was konträr zu ihrem pessimistischen Blick auf den katastrophalen Zustand unserer Gesellschaft steht. Aber wenn ich so abwäge, bin ich froh, dass Traurigkeit und Hoffnungslosigkeit bei gleichzeitiger Lebensgier und Lust (auch das nur ein scheinbarer Widerspruch) in mir einen so großen Raum haben, dass die Verbitterung noch keinen Platz gefunden hat. Und ihr, der Verbitterung, werde ich auch nie nie niemals Zutritt zu meinem Herzen gewähren.

Das verspreche ich mir.

Was hilft?

Nun, Funny von Dannen hört „Menschenverachtende Untergrundmusik“. Hat durchaus was befreiendes. Wenn Ihr auch laut mitgrölen wollt, findet Ihr z.B. >>hier<< den Songtext.

 

 

 

Bitte rufen Sie unsere kostenfreie Servicenummer an

 

Nun bin ich also wieder online. Seit letztem Donnerstag bis heute war mein häuslicher Internetanschluss lahmgelegt und so war es hier ein paar Tage still.

Ehrlich gesagt habe ich mich nicht einmal richtig darüber geärgert. Gemessen an allen anderen Widrigkeiten und Problemen, die es so zu bewältigen und verarbeiten gab und gibt, erschien und erscheint mir das Internetproblem als absolut nebensächlich.

Ich hatte eben einen langen Text getippt und dann wieder gelöscht, in dem ich über die Ignoranz meines Internetanbieters schrieb, der statt auf meine mehrmalige Bitte um schriftliche Klärung meiner Störungsmeldung immer wieder eine StandardE-Mail schickte, in der ich höflich gebeten wurde, die kostenfreie Servicenummer anzurufen. Bis ich aufgab und W bat, den Anruf für mich zu erledigen.

Wer schon länger hier mitliest weiß vielleicht noch, dass ich dem Telefonieren gegenüber äußerst … skeptisch … bin, was wohl als Teil meiner Soziophobie kategorisiert werden kann. Das mögen wenige Menschen verstehen und manche, die es ansatzweise verstehen, mahnen, dass ich mich meinen Ängsten stellen müsse, das Telefonieren üben und so weiter und so fort. Das mag an sich so falsch nicht sein, aber meine Weigerung zu Telefonieren ist nur ein winziges Symptom, ein kurzes Fädchen in einem ganzen Problemknäuel und mit einer Überwindung meiner tiefen Abneigung (inzwischen gar Hass?; Abwehr?; tiefempfundene Verachtung?) dem Telefon gegenüber wäre nicht wirklich viel gewonnen. Mit der Möglichkeit zu SMS- und E-Mail-Kontakt kann ich mich durchaus mit der Außenwelt in Verbindung setzen. Und, da seid versichert, in einem Notfall würde auch ich zum Telefon greifen – Angst schlägt Angst – das habe ich spätestens gemerkt, als es mal so schien, als würde es in unserem Haus brennen.

Übrigens bedauere ich manchmal, den kurzen taz-Artikel nicht ausgeschnitten und aufgehoben zu haben, der beweist, dass man auch Redakteur bei der taz werden kann, auch wenn man kilometerweise Umwege in Kauf nimmt, nur um seinen Zahnarzttermin persönlich ausmachen zu können und Telefonate weitestgehend vermeidet.

Übrigens habe keine Angst vor Spinnen, nur so nebenbei bemerkt 😉

Loslassen und Platz zum Leben schaffen

 

Mein Großvater hat in den Monaten bevor er starb viele Dinge aussortiert und weggeworfen. Ganze Ordner mit verschiedenen Papieren entleerte er. Meine Mutter und ich waren entsetzt, als wir davon erfuhren und baten ihn, damit aufzuhören. Er hatte es gut mit uns gemeint und wollte uns nicht mit diesen Dingen belasten.

Für meine Mutter und mich stellten und stellen die alten Aufzeichnungen und Fotos hingegen einen wahren Schatz dar. Meine Mutter ist seit jeher an alten Zeugnissen der Familiengeschichte interessiert und ich selbst betone auch hier in Bloghausen bei jeder sich bietenden Gelegenheit, dass ich ja „eigentlich“ Historikerin bin. Meine Mutter hat sich als wahre Detektivin entpuppt, wenn es um die Rekonstruktion und Zusammensetzung einzelner Bruchstücke geht. Dabei macht uns nicht immer stolz, was offenbar wird, besonders im Zusammenhang mit antisemitischer Propaganda und mutmaßlichen Naziverbrechen entfernterer Verwandter.

Indirekt erfuhren wir auch einiges über uns, zum Beispiel woher denn unser Hang zum Sammeln, Aufheben und Bewahren des Vergangenen kommt. Dass ich Dinge horte, archiviere und nicht aus der Hand geben kann, hat weniger mit meiner psychischen Störung zu tun als mit erlernten, beobachteten und so über die Generationen weitergegebenen Verhaltensweisen, die dann aber wiederum guten Brennstoff für meine Krankheit liefern können.

Dabei arbeite ich schon seit Jahren an mir und in der Tat musste ich mich von vielen Dingen meiner Vergangenheit bereits trennen. Mehrere Umzüge und wenig Stellfläche haben da Fakten geschaffen, denen ich mich nicht widersetzen konnte. Auch wenn es sehr sehr sehr weh getan hat und ich bei manchen Dingen tatsächlich weinen musste (und noch heute traurig bin!).

Seit ich in meiner aktuellen Wohnung lebe, habe ich es bereits geschafft, mich von weiteren Dingen zu trennen; aber es ist mir immer, als ob ich einen ganz wichtigen Teil von mir, meines ganzen Daseins und meiner Vergangenheit weggebe. Andererseits ist meine Wohnung trotzdem noch immer vollgestellt und gerade durch die dunkle Erdgeschosslage fühle ich mich manchmal geradezu erdrückt. Erdrückt von den Dingen, die ich so mit mir mitschleppe, die ich nicht loslassen kann; das lässt sich sowohl als Gleichnis als auch ganz wortwörtlich nehmen.

Bei Maria von widerstandistzweckmaessig lese ich mit besonders großem Interesse ihre Beiträge über das Loslassen (>>hier<< der Link zu ihrem ersten Beitrag zu diesem Thema). Nun hat sie die Idee des umgekehrten Adventskalenders, die einige andere Blogger hatten, aufgegriffen und sortiert jeden Tag bis Weihnachten ein Teil aus ihrem Kleiderschrank aus, um es dann zu verschenken. >>Hier<< der Link zu diesem Beitrag von Maria, in dem sie wiederum auf die ursprünglichen InitiatorInnen verweist.

Einen großen Teil meiner Wohnung nehmen meine Bücherregale ein. Einige Bücher hat mein Bruder bei seinem Auszug aus der Familienwohnung stehengelassen, einige stammen aus dem Nachlass meiner Großeltern. Viele habe ich mir in den Jahren auf diversen Flohmärkten für kleines Geld zusammengekauft. Wer die immer noch langen Buchreihen sieht, wird nicht glauben, dass ich bereits bestimmt ein Fünftel oder ein Viertel meiner Bücher verschenkt habe.

Bei den übrigen Büchern dachte ich, sie unbedingt behalten zu müssen. Das gilt für die Fachbücher sowieso. Und bei den Romanen denke ich immer daran, wie ich es als Kind geliebt habe, die vollen Bücherregale bei den Großeltern und meinen Eltern zu betrachten. Als Jugendliche habe ich oft Stunden vor dem elterlichen Bücherregal gehockt und etliches an tollem Lesestoff gefunden. Für meine Kinder wünsche ich mir das auch.

Aber werden sie wirklich Interesse an allen Büchern haben, die in meinen Regalen stehen? Sollte ich ihnen nicht vielmehr eine besondere Auswahl zeigen? Für alles weitere hat die Stadt gute öffentliche Bibliotheken.

Und was ist mir mir? Bisher dachte ich, dass ich alle Bücher, die es durch die letzte Auslese geschafft haben, wirklich auch noch lesen werde oder wiederholt lesen möchte. Oder zumindest jederzeit noch einmal hineinschauen. Das ist leicht zu glauben, wenn man zwanzig ist. Auch mit dreißig Jahren und noch fünfunddreißigjährig unterlag ich dem Glauben noch sehr viel Zeit zu haben.

Inzwischen ahne ich, dass mir für so viele Bücher gar nicht die Lebenszeit bleibt. Gerade habe ich depressionsbedingt ohnehin weniger Konzentration für das Lesen als früher, als ich Bücher geradezu eingeatmet habe. Und selbst wenn es mit der Konzentration wieder besser wird und ich mehr lese, erscheinen ständig so viele neue, interessante und lesenswerte Bücher.

Hinzu kommt: irgendwann wird dieses Haus einmal saniert oder gar modernisiert werden müssen. Es ist in der Tat vieles marode. Doch dann werde ich hier die Miete endgültig nicht mehr zahlen können und mir eine andere Bleibe suchen müssen. Mit vermutlich noch weniger Platz. Abgesehen davon, dass sich ein Umzug mit nur wenigen Habseligkeiten besser organisieren lässt. Für diesen Tag, der hoffentlich noch lange hin ist, will ich vorsorgen und weiter aussortieren.

Zum Einstieg fange ich klein an und wandele Marias Idee wiederum für mich passend ab: Jeden Tag bis Weihnachten trenne ich mich von einem meiner Bücher und sammle auf einem kleinen Tisch neben meinem Sofa. Bis zum neuen Jahr habe ich dann Gelegenheit, alle Bücher noch einmal durchzublättern. Wenn ich dann doch entdecke, dass ich eines behalten muss, dann kann ich es durch ein anderes Buch austauschen. Im Neuen Jahr dann werde ich die Bücher weggeben – Möglichkeiten Bücher zu spenden gibt es in Berlin ja zuhauf.

Wie leicht fällt es Euch, Dinge wegzugeben?

Vielleicht habt Ihr gar Lust, bei dieser umgekehrten Adventsaktion mitzumachen, Dinge abzugeben anstatt Euch dem scheinbaren (!) Konsumzwang der Vorweihnachtszeit zu unterwerfen?

 

 

Kurioses vom Tag

 

Blühende Mandelbäumchen, wie im März – nicht nur an der Bornholmer Straße, sondern auch andernorts in Berlin.

Es gibt immer noch gereifte Brombeeren – wie im September.

Zwei rotzfreche Kolkraben in der Berliner Innenstadt; einer von ihnen gibt mir mit dem Flügel eins auf die Mütze. Die Nebelkrähen, die sonst das Stadtbild dominieren, sind schon davongeflattert.

Die erneute Entdeckung von „gravierenden Defiziten bei den technischen Systemen“ des BER (Tagesspiegel, taz) ist hingegen gar nicht kurios und ich würde lauthals hämisch lachen, wenn nicht das ganze Projekt wie ein schwarzes Loch jene Steuergelder einsaugen würde, die an anderer Stelle doch so sinnvoll eingesetzt werden könnten.

Und ziemlich ernüchternd die Entdeckung, dass auch gute Freunde von guten Freunden der Überzeugung sind, in diesem Land funktioniere das Sozialsystem, „richtige“ Armut gäbe es hier gar nicht, die Arbeitslosen wären einfach nur zu faul und die Depressiven würden sich nur nicht anstrengen wieder gesund zu werden: „Sport treiben, ’n Job suchen und dann wird det allet wieda jut.“ Gut, dass ich das jetzt auch weiß.

 

Herbstleuchten (12) Frust und Frost

 

Heute sind zwischen Herrn Prinzipienreiter und Fräulein Positiv wieder arg in die Fetzen geflogen.

Ich würde doch nun endlich eingesehen haben, dass der Herbst auch schöne Seiten hat – diese Farbenpracht des Herbstlaubes, sinnierte die Positivdenkerin. Der Herbstnebel sei total romantisch und auch die kürzeren Tage hätten ihren Vorteil: An wolkenarmen Tagen ließe sich sowohl die aufgehende als auch die untergehende Sonne beobachten. Sternenhimmel schon am Nachmittag! Sei das nicht herrlich? Und überhaupt: was für einen Genuss, sich die kühle Herbstluft um die Nase wehen zu lassen.

Der arme Herr Prinzipienreiter versuchte, ihr rosarotgefärbtes Gefasel zu ignorieren. Er atmete tief ein und aus und wieder ein und aus. Er zählte bis zehn und bis zwanzig. Einatmen – Ausatmen. Pffffff …

Doch dann platzte ihm die Hutschnur und er bellte los. Er würde sich einen Dreck um die angeblich schönen Seiten des Herbstes scheren. Herbst ist und bleibt schei… (zensiert!), tobte er. Kalt, nass, ungemütlich, dunkel. Garstig! Eklig! Dreckig! Pfützen! Matsch! Nasse kalte Füße! Schnupfen! Husten! Heizkosten! Die paar bunten Blätter könnten das auch nicht wett machen. Guck doch da und hier und dort – der ganze Müll am Straßenrand! Der wird im Sommer wenigstens von diesem Blumenzeugs verdeckt. Und er, der Herr Prinzipienreiter, sieht es auch gar nicht ein, warum er seine Haltung zum Herbst irgendwie ins Positive ändern soll. Dreck bleibt Dreck! Nie im Leben wird er sich dazu herablassen, den Herbst zu mögen! Etwas so Garstiges plötzlich schön finden! Nein! Das hieße doch Kapitulation! Nie, nie, nie!

Das Fräulein Positiv lächelte weise und auch etwas überheblich, wie ich finde, in sich hinein. Wie gut, dass der Prinzipienreiter das nicht sah; er hätte sich erniedrigt und zutiefst gedemütigt gefühlt und wäre endgültig geplatzt.

Ich ließ den armen alten Herren reden. Soll er sich ruhig mal den ganzen Groll vom Herzen geifern, dachte ich. Er braucht eben seine Zeit, sich an die neuen Denkmuster zu gewöhnen. Nachher wird er sich wieder beruhigen und irgendwann schaffe ich es vielleicht auch, die gegensätzlichen Positionen miteinander zu versöhnen. Im nächsten Jahr. Jetzt heißt es erst einmal, sich gegen den kommenden Winterfrust zu wappnen.

 

Die Schuldfrage

 

Es gibt ja Menschen, die immer sofort die Schuld bei den anderen sehen; was immer auch passiert – die Welt ist böse und sie selbst machen immer alles richtig.

Ich gehöre zum anderen Extrem, indem ich für alles immer die Schuld bei mir suche, sich richtig nur auf mich allein Wut empfinden kann. Für alle anderen Menschen finde ich tausend Ausreden. Egal ob vielleicht das Fehlverhalten ganz objektiv auf der Seite anderer Leute liegt, ich finde zielgenau das Schlupfloch, weswegen ich mich selbst kasteien darf.

Während viele Leute endlich mal lernen müssen, sich auch mal an die eigene Nase zu fassen, ist meine Nase also schon fast plattgedrückt. Aber die Behörden der sozialen (Un!)Sicherheit und ihre SachbearbeiterInnen haben sich schon seit langer langer Zeit entschlossen, mir ganz (un)eigennützig mit einer Schocktherapie zu helfen. Ich möchte ihnen hier an dieser Stelle meinen tiefempfundenen Dank aussprechen (muss ich die Ironiewarnung hinzufügen?). Ich finde zwar immer noch ausreichend Gründe, auf mich selbst zu fluchen, aber darüber hinaus wächst ein Pflänzchen der Wut, die sich nach außen richtet.

Bei der therapeutischen Bearbeitung des Themas helfen mir die Köpenicker Knorkator (jetzt Ironie Ende, die helfen wirklich!) und ich höre gerade in Schleife, wie der eine Stumpen sein zweites Ich so richtig fertig macht.

 

Kreativitätsexplosion

 

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Daumen hoch dem Spiegelbild, Feder und Pinsel, Tusche, Acrylfarbe (Titanweiß), © Agnes Podczeck 08.11.2017

 

Federnden Schrittes flog ich heute zur Ergotherapie. Ja, einen Teil der Last habe ich wirklich zu Hause lassen können.

Im Offenen Atelier gesellte ich mich dann zur Morgenbesprechung der kleinen Zeichengruppe, der ich sonst immer fern geblieben war. Deutete dort erstmals etwas von den Ängsten der letzten Wochen, ach Monate, an! Das Teilen tat wohl. Sodann noch eine Überraschung. Vorige Woche hatte ich in der Praxis einen Zettel ausgehängt, ob jemand am gemeinsamen Portraitzeichnen Interesse hat. Mit Resonanz hatte ich nicht gerechnet, doch ich wurde vom Gegenteil überrascht.

Wir sind, bisher, zu zweit und ich musste mal wieder feststellen, was sich mir beim Musizieren auch schon immer bewiesen hat: Alleine rummosern ist gut und erfüllend; aber verschiedene Köpfe können sich gegenseitig zu einer Kreativitätsexplosion inspirieren, bei der ein Gedanke den nächsten beflügelt.

Wir basteln uns erst einmal Gipsabdrücke von unseren Händen und Köpfen, so haben wir vollkommen unbewegliche Modelle, die mit Mützen, Schals und Perücken frei variabel veränderlich sind und wir können gleichzeitig und am gleichen Motiv arbeiten. Später dann geht es an echte Menschen. Für mich heißt das: reden, sich absprechen, auf andere einstellen. Wahrscheinlich auch einiges erklären, weil ich ja nun schon ein wenig erfahren bin im Portraitzeichnen. Aber heute war das für mich gar nicht schlimm – vielleicht auch, weil mein Gegenüber psychisch ebenso wie ich sehr „angeschlagen“ ist und Kontaktängste und Redeschwierigkeiten sehr wohl selbst zu kennen scheint, nicht zu schnell und nicht zu laut spricht. Die Zusammenarbeit war nicht nur „nicht schlimm“, sondern sogar recht lustig, als wir die Kindergartenkinder mit dem Gips zu hantierten.

Zu Hause dann noch eine zeichnerische Spielerei, das Spiegelbild aufs Papier gebracht und doch nicht wirklich ein Selbstportrait.