Abgeguckt – Blind zeichnen

Susanne Haun hat sich gestern selbst gezeichnet. Blind. Also Augen zu und losgezeichnet. Wow!, dachte ich. Einige andere haben es ihr nachgemacht und selbst ausprobiert, hatten Spaß und durchaus sehenswerte Ergebnisse.

Wie könnte ich anders als da ebenfalls mitzumachen?!

Ganz ehrlich – ich finde meine Ergebnisse fast besser als so manche akribische genaue Zeichnung, die ich schon gemacht habe – und zwar wegen der großen Lockerheit, mit der ich an die Sache herangehen konnte.  Wenn man das Gute im absolut Schlechten sehen will, dann sind meine gleißenden Kopfschmerzen heute ebenfalls dafür hilfreich gewesen – sie blockieren nämlich mein Denkvermögen nahezu komplett, reduzieren meine Selbstkontrolle. Perfektionsstreben? Ach was, alles egal heute!

Meiner Stimmung entsprechend griff ich nach dem ersten Versuch mit einem weichen Grafitstift zu fetten Ölpastellkreiden, die sich schwungvoll über das Papier gleiten ließen.

 

20170531_AP_blind01BG
Agnes, blind gezeichnet, Grafitstift, 31.05.2017
20170531_AP_blind02BG
Agnes, blind gezeichnet, Ölpastell olivgrün, 31.05.2017
20170531_AP_blind03BG
Agnes, blind gezeichnet, Ölpastell blau, 31.05.2017
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Agnes, blind gezeichnet, Ölpastell rot, 31.05.2017

 

Danach zeichnete ich noch zwei flotte Badezimmerselbstportraits – mit dem Tag war heute sowieso nichts „Vernünftiges“ anzufangen. Diese Skizzen zeige ich dann aber erst später mit einer Auswahl der vielen anderen Selbst-Schnellskizzen, die ich die letzte Woche angefertigt habe.

Das Blindzeichnen war für mich eine sehr gute Erfahrung und ich habe es bestimmt nicht zum letzten Mal gemacht. Vielmehr scheint es mir eine gute Methode, um mich einzuzeichnen und dabei locker zu werden.

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An Tagen wie diesen …

… an denen mich morgens mein tablettenaufgedunsenes Gesicht anglotzt,

… die Hose über den ehemaligen Läuferinnenbeinen spannt,

… die nasse Kälte unter die Kleider zieht,

… die Wolken tief hängen

… und sich die Dunkelheit tagsüber nie verzieht,

glaubt die Stimme des inneren Monsters endlich wieder Oberwasser zu haben:

„Dieses ganze Achtsamkeitsgedöns, sieh dich an, sieh, wie wie wenig Kraft du hast, spüre deine Schmerzen! Das hältst du sowieso nicht lange durch, dich zusammenzureißen; wie willst du denn in diesem Zustand in eine berufliche Reha gehen, das schaffst du nie nie nie und niemals! Warte es nur ab, bald brichst du wieder zusammen. Du bist nicht geschaffen für ein Leben in Interaktion mit anderen Menschen, hältst nichts aus, ein Windhauch pustet dich um. Stell‘ dich darauf ein, dein ganzes Leben in deinen vier Wänden zu verbringen, allein, Pillen schlucken, damit du nicht komplett irre wirst und du wirst nur nicht deswegen so vergnatzt und verhärmt aussehen, weil du so fett geworden sein wirst. Die Leute werden sich vor dir gruseln, Kinder werden vor dir weglaufen. Wirst ein Leben lang von Almosen leben. Bestenfalls wirst Du weiter kritzeln und ein bisschen bloggen – anderen Leuten vormachen, Du seist stark, Du Betrügerin.“

Der innere fiese Monolog ist lang.

Ich will dem die Figur der Frau Schwermut entgegenhalten, die ich Anfang Oktober formte, als ich erst am Anfang meiner Klinikzeit stand. Ein Abbild meines damaligen Ich-Gefühls. Dagegen bin ich heute ein fröhliches Rehkitz. Und Du, mein inneres Monster, Bist längst nicht mehr so allmächtig wie damals.

Ich sage es Dir nochmals und nochmals: ich bin auf dem Weg heraus aus dem Tal. Versuche es nur, mich wieder in den Schlund zu ziehen: es wird mich nur noch stärker machen.

Rückblickend hinein in die Zukunft

Im der letzten Woche ist in mir und mit mir so unendlich viel vorgegangen, dass ich fast das Gefühl habe, ich sei heute ein anderer Mensch. Der Vorhang, der so lange um mich herum hing, ist gefallen und es gelingt mir immer besser, mit anderen Menschen zu sprechen – zumindest mit meinen Mitpatienten hier, die ich die letzten Wochen ja kennengelernt und vor denen ich die Angst verloren habe. Das ist nicht nur für mich, sondern auch für andere spürbar, die mir das die letzen Tage auch so gesagt haben. Manchmal bin ich geradezu leutselig …

Es ist nicht so, dass es mir nun leicht fällt, mit anderen zu sprechen – es bleibt eine Hürde und es gibt auch darüber hinaus noch viel zu tun. Schmerzen erinnern mich täglich daran, dass ich noch immer krank bin. Auch weiß ich, dass Rückschläge kommen können, ja dass sie kommen werden und sogar vollkommen normal sind. Wichtig ist, dass ich mir mein momentanes positives Gefühl „einpacke“ und die Erinnerung daran für schlechte Zeiten aufbewahre.

Ich wieder mit einem gewissen Optimismus in die Zukunft. Es ist schon allein eine riesige Erleichterung, dass ich weiß, dass ich immer noch „kommunikationsfähig“ bin. Das ist ja auch wichtig für eine Reintegration ins Arbeitsleben.

Rückblickend kann ich sagen, dass mir die Zeit hier in der Klinik sehr geholfen hat. Zwar war der Anfang sehr schwierig, da ich ja auf der falschen Station gelandet war, die mir eher sogar geschadet hat. Ich hatte ja damals – es kommt mir so viele Jahre her vor – darüber geschrieben. Aber davon abgesehen bereue ich meinen Entschluss, in die Klinik zu gehen, nicht und würde auch niemandem sonst davon abraten, sich in stationäre Therapie zu begeben, wenn eine ambulante Behandlung nicht anschlägt.

Für mich beginnt morgen der nächste Schritt in ein „neues Leben“. Ich werde mein Klinikbett verlassen und die Nächte zu Hause verbringen. Aber tagsüber werde ich weiterhin an den Therapien teilnehmen können und müssen. Das macht für mich den Übergang vom stationären Aufenthalt zum selbstständigen Leben leichter, da sich tagsüber für mich zunächst wenig ändert und auch die gewohnten Pflegekräfte und die vertrauten Mitpatienten bleiben. Außerdem behalte ich ein Sicherheitsnetz – falls es mir wieder schlechter gehen sollte, könnte ich jederzeit wieder für ein paar Tage ganz hier aufgenommen werden. Ich kann nach vorn sehen, weil ich weiß, dass ich abgesichert bin.

Zusammenringeln wie eine Katze …


Zusammenringeln wie eine Katze möcht ich mich. Weg sein, weg, fort und unaufspürbar. Auch weg von mir, von diesem Kern in mir, der mir so fremd ist, dass ich keinen Zugang zu ihm finde. Fest verschlossen ist mein Ich, das nur zum Vorschein kommt, wenn das Innere Kind in mir bockig ist. Dann habe ich Lust, Bauklötze durch die Luft zu schmeißen. Den Tisch umzuschmeißen, die Stühle. Alles mit nur einem Wisch zu zerstören. Und noch nachzutreten. Die Arme verschränkt, ausnahmsweise mal erhobenen Blickes fest in die Runde schauen: SEHT IHR? SO NÄMLICH BIN ICH. GANZ SCHÖN SCHEISSE, WAS?

Nadelstiche in der Brust wollen mich zu Boden reißen. Wälzen will ich mich da. Warum nur tue ich’a nicht? 

Blöde Vernunft, jeden Spaß verderbend. Ach, wenn es doch Spaß wäre …
Ich will offene Wunden bestreuen mit Salz. Das sieht niemand, merkt niemand, niemand schickt mich zurück in die Hölle der Station 1. Hyperscharfe Chilischoten zu kauen ist sogar offiziell erlaubt, um sich abzulenken. So steht es auf der „Skillsliste“. Dann spür‘ ich vielleicht mal was anderes als dieses Monster in mir. Dieser ewige Flunsch, den das Monster in mein Gesicht malt und dann die Hände fesselt, damit ich ihn nicht wegwischen kann. Alles ödet mich an. Ich würde mich auch nicht zu mir an den Tisch setzen. Ich ziehe bestimmt eine Fresse, dass es zum Fürchten ist. Tavor und Schmerzmittel haben auch keine Lust mir zu helfen.
Die Zeit drängt. Ich muss doch mal langsam einen Plan bekommen, wie es nach der Klinik weitergehen soll? Wie kann ich mein Leben fristen, ohne ständig daran denken zu müssen, dass es auch beenden könnte. Irgendetwas muss doch auch für mich zu tun sein, wo ich nicht nur nehmen muss, sondern auch geben kann. Ohne dass ich ständig zusammenbreche, ohne diese Nadelstiche, die mein Herz zerstören, narbig und hart machen.
Höhnisch schaut die Sonne zum Fenster herein.
Ja, ja, ja. Ich bin ja nun depressionserfahren genug, dass ich weiß, dass die Welt für mich morgen, übermorgen, nächste Woche wieder besser aussehen kann. Da hab‘ ich ja was, auf was ich mich freuen kann.

So lange gucke ich mir niedliche Katzenbilder an.

Betreuer

Ein eventueller Betreuer, Rechtsanwalt, empfohlen vom Amt für Betreuung, hat mich heute Nachmittag besucht und sich mir vorgestellt. Ein älterer Herr, nett, kompetent, durchsetzungsfähig. Vertrauenswürdig.

Ich fand den Gedanken lange Zeit absurd, mir bei Dingen helfen zu lesen, zu denen ich intellektuell theoretisch eigentlich in der Lage wäre – ich war zu Unizeiten in der Studierendenverwaltung für Soziales zuständig, habe an einer Informationsbroschüre mitgeschrieben, früher habe ich behördliche Korrespondenz und Steuererklärungen problemlos erledigt. Nun bin ich selbst so weit gesunken, dass mir diese Sachen aus der Hand geglitten sind. Ich weine, wenn ich Formulare sehe, sehe nur noch den Berg, die verknoteten Wollknäule. Meine innere Mauer baut sich auf, wenn Behördenbriefe mir Fristen setzen. Schmerzen sind die unmittelbare Reaktion.

Der potientelle Betreuer kann, falls vom Gericht bestellt, für mich und mit mir Formulare ausfüllen und unterschreiben. Es geht ausdrücklich nicht um eine Entmündigung. Daher wird die Betreuung, sofern sie vom Gericht bewilligt wird, auch nicht darauf hinaus laufen, dass mir das Sorgerecht für die Kinder entzogen werden kann, was natürlich eines der Worst case Szenarien vor meinem inneren Auge ist.

Vor dem Termin hatte ich wahnsinnige Angst. Habe Schmerzmittel geschluckt, Tavor genommen, gemalt zur Ablenkung und gestrickt.

Jetzt fühle ich mich leer. Entspannter, aber leer. Überhaupt habe ich die letzten Tage wieder das irrationale Gefühl, dass mich eine Katastrophe umschwebt und ein schwerer Stein liegt auf meinem Herzen.

Ich weiß aber, dass das nichts konkretes bedeutet, kenne diese Gemütslage aus anderen depressiven Phasen nur zu gut. Der Katastrophengefühl geht vorbei, irgendwann.

Freitag, endlich! Behördentrauerspiele

Eine Kliniktherapiewoche ist herum, die für mich aus verschiedenen Gründen für mich besonders schwer war.

Ich kann nicht so ganz in Detail gehen, nur kurz zusammengefasst: neben der Depression und der Angst begleiten mich auch schon seit langem Schmerzen. Ich habe den Verdacht, dass die Stimme der Depression für mein Gespür oft zu leise ist und so brauche ich deren Schwester Schmerz, die mich bremst. Dabei ist meinem rationalen Ich diese Bremsung gar nicht lieb, weil dieser Teil von mir wahnsinnig gern aktiv ist. Leider werde ich auch bei jenen Tätigkeiten gestört, die ich ausgesprochen gerne mache. Mit moderaten Schmerzen lässt sich das Zeichnen und Malen eventuell noch verbinden. Aber irgendwann ist eine Grenze erreicht, ab der alles zur Qual wird. Die war spätestens heute erreicht, nachdem sich mein Zustand von Tag zu Tag „gesteigert“ hat. Heute habe ich mir endlich wieder Tavor aufschrieben lassen, habe den Nachmittag gedöst und ein kleines bisschen Entspannung gefunden.

Gefüttert wurden Schmerz und Schwermut von äußeren Einflüssen, vor denen mich die Klinik auch nicht ganz bewahren kann. Die haben in dieser Woche einen erneuten Höhepunkt gefunden. Somit ist es sogar mir einleuchtend, dass es mir jetzt schlecht geht und schlecht gehen darf.

 So war bis Dienstag mein Krankenversicherungsstatus ungeklärt, weil sich die verschiedenen Sozialleistungsträger dieses Landes seit August (!) meinen Leistungsantrag mit spitzen Fingern gegenseitig zuschieben. Mein Krankengeld ist ausgeschöpft, Alg1 ausgelaufen, bin laut Gutachten zu krank für Alg2, für das man arbeitsfähig sein muss, das Grundsicherungsamt verweist auf die Rentenversicherung und möchte, dass ich Erwerbsunfähigkeitsrente beantrage und dann wieder Alg1 und Alg2. Für einen psychisch stabilen Menschen lästig, ärgerlich, aber doch irgendwie machbar. Ich drehe gerade durch und breche in Tränen aus, wenn ich nur eines dieser Formulare sehe. Natürlich hat jede Behörde ihre eigenen Formulare, die der andren gelten nicht (obwohl auch dort eigentlich die gleichen Fragen beantwortet werden. Aber Formulare sind heilig. Mir verursachen sie Schmerzen – nicht nur im übertragenen Sinne, sondern ganz real.

Die beschriebenen Behörden spielen immer noch Antragspingpong.  Immerhin hat mir die Krankenkasse mir jetzt eine Rechnung zugestellt, die mich als freiwillig versichert ausweist, anstatt zu behaupten, ich sei nicht versichert (sie durfte mich auch gar nicht rausschmeißen und war sogar verpflichtet gewesen, mich freiwillig weiterzuversichern.) Damit wird die Krankenkasse hoffentlich endlich die Rechnung für meinen Klinikaufenthalt bezahlen. Bisher wollte sie die Rechnung nämlich nicht annehmen, was die Klinikverwaltung extrem nervös gemacht hat. Die Klinikverwaltung hat ihren Ärger darüber wiederum an ihren Sozialarbeitern ausgelassen, die Sache zu klären und die Sozialarbeiter haben den Druck regelmäßig an mich weitergegeben, dass ich schon immer Herzklopfen hatte, jemanden von denen über den Weg laufen zu müssen. Der olle Herr W. von Station 1 war bereits fleißig und mit Inbrunst am Druckmachen beteiligt gewesen und hatte sich damals auch nicht gescheut, mit mir über meinen Krankenversicherungsstatus öffentlich vor anderen Patienten diskutieren zu wollen. Dass solcher Druck auf die Genesung eines Kranken nicht unbedingt förderlich wirkt, ist sicher nachvollziehbar. Jetzt brauche ich mich wenigstens nicht mehr vor der Sozialarbeiterin auf dieser Station zu schämen – sie hat meinetwegen nun keinen Stress mehr mit der Klinikverwaltung.
Nun müssen „nur“ noch die anderen Sozialbehörden überredet werden, meine Akte als Schwarzen Peter aufzunehmen. Vielleicht bekomme ich zur behördlichen Unterstützung eine gesonderte Hilfe, die mir dabei hilft, das verworrene Geflecht des Antragswirrwars nicht nur gegenüber den Sozialbehörden zu lichten, wo sich die eine Katze am Schwanz der anderen festgebissen hat, und einen Weg zu bahnen, auf dem ich in Zukunft eine Weile ohne zu stolpern werde gehen kann. 

Hat jemand von Euch bereits gute Erfahrung mit amtlicher Betreuung gemacht? Bitte bitte schreibt mir nur von den guten Erfahrungen. Die schlechten, bitte, behaltet für Euch, bis ich genug Stabilität habe, auch damit umzugehen.