Gefängnismauern, Trübsal und dann Rhododendrenblüten

 

Der heutige Tag war sehr durchwachsen. Mittags hatte ich einen Termin, mir ein „Offenes Atelier“ anzusehen, in dem psychisch kranke PatientInnen sich treffen, zusammen kreativ sein, sich austauschen und in sicherem Rahmen miteinander sprechen können. Das hatte ich mir als nächsten Schritt zur Rückkehr in einen wie auch immer gestalteten Alltag, in dem ich vermehrt soziale Kontakte trainiere, vorgestellt.

Natürlich war ich schon die letzten Tage sehr aufgeregt, hatte dementsprechend schlecht geschlafen und auf dem Weg zur U-Bahn merkte ich , dass sogar meinen Füßen die Kraft fehlte. Leider wurde die Angst vor Ort nicht schwächer, denn es stellte sich heraus, dass sich das Atelier mitten auf dem mir riesigen erscheinenden Gelände eines Gefängniskrankenhauses mit Abteilungen für forensische Psychiatrie befand; ich musste an lauter hoch gesicherten Gebäuden entlang gehen und verirrte mich zudem. Auf großen Tafeln stand zu lesen, dass das Fotografieren streng verboten ist und ich hatte Angst, mein Smartphone mit integrierter Kamerafunktion auch nur anzufassen, weil ich befürchtete, es könnten sich Horden von Wachleuten auf mich stürzen und mir das Handy aus der Hand reißen. (So unbegründet ist die Angst nicht, denn dies war mir tatsächlich mal in einem anderen Land zu einer anderen Zeit passiert als ich unabsichtlich und naiverweise ein noch betriebenes Straflager fotografierte. Aber das ist eine Anekdote, die ich vielleicht ein anderes Mal erzähle.

Letzten Endes stellte sich heraus, dass das Atelier heute geschlossen hatte und die Therapeutin vergessen, meinen Termin abzusagen. Aber auch ohne das Atelier von innen gesehen zu haben weiß ich, dass ich dieses gruselige Gelände nie mehr betreten möchte – auch wenn die dortige Ergotherapie sehr gelobt wird.

Nächste Woche habe ich bereits einen Termin für ein alternatives Angebot.

Dieser Gefängnisausflug hat mich arg mitgenommen, da haben Behördenpost und Co. ein leichtes Spiel gehabt, mir düstere Zukunftsvisionen aufzuzeigen und die glimmende nackte Existenzangst heiß und lodernd zu entfachen.

Fast hätte ich mich gehen lassen und mich meinem Elend ergeben. Mein inneres Kind jammerte nach Mitleid. Aber ich habe dann statt dessen ein paar Kritzeleien meiner Katzen gemacht, was für mich ein sehr guter Skill ist, Fotos sortiert und ein paar Eurer Beiträge gelesen. Jetzt kann ich den mittäglichen Ausflug mit etwas Abstand und Ironie sehen. Immerhin habe ich heute Stoff gesammelt für die Gruselgeschichten, die ich später meinen Enkelkindern erzählen kann.

Und um diesen Beitrag gänzlich optimistisch enden zu lassen, hier eine Auswahl meiner Fotografien aus dem inzwischen abgeblühten Rhododendrenparadies im Berliner Tiergarten.

Wenn Ihr eines der Bilder anklickt, öffnet sich die Galerie und Ihr könnt die Bilder in vergrößerter Ansicht betrachten.

Pünktchen Pünktchen Komma Strich …

… mag mein depressives Monster nicht.

 

Was folgendes betrifft, wiederhole ich mich gerne. Das Zeichnen gehört zu den wichtigsten meiner Skills. Zwar ist meine Welt davon nicht gleich Eierkuchen-rosa rot und alle Krankheit weggepustet, trotzdem kann es helfen, ein paar lustige oder niedliche Dinge zu zeichnen, wenn die Stimmung am Kippen ist.

Wenn Ihr mögt, versucht es doch selbst einmal:

Pünktchen – Pünktchen – Komma – Strich – fertig ist das Mondgesicht.

20170430_MondBG

Ich muss automatisch selbst grinsen, wenn ich einen lachenden Mund ziehe. Das erinnert mich an die Zeit, als meine Töchter noch jünger waren. Auch (Groß)Eltern, die ihre (Enkel)Kinder mit Brei füttern oder ihnen die Zähne putzen kennen das bestimmt: Wir machen unserem Gegenüber die Mundbewegung vor, die wir erwarten.* Und so muss ich also lachen, wenn mein Strichmännchen grinsen soll. Ganz egal, wie schlecht meine Laune sonst ist.

Und plötzlich bekomme ich Lust, noch ein paar Faxen zu machen und den Monden Ohren, Brillen oder Hörner zu zeichnen. Da soll sich das Depressionsmonster mal schön warm anziehen, denn im Gegensatz zu mir hat es Null Bock auf Gute Laune.

 

 

Im Psychikon gibt es noch ein paar Worte zum Thema Skills.

 

* Haben Zahnärzte also deshalb einen Mundschutz im Gesicht, damit wir nicht sehen, dass sie selbst uns das AAAAAAAa heimlich vormachen 😉 ?

 

Hüllen

 

Nachdem ich Karfreitag unangenehm Triggerndes aber dennoch unabwendbar zu Erledigendes hinter mich gebracht habe, gönnte ich mir das restliche Osterwochenende viel Ruhe und Allein-Sein. Mit dem Handarbeits-Skill habe ich ein drohendes Stimmungstief recht gut abwehren können.

Aus diesem Anlass zeige ich hier ein paar meiner selbstgehäkelten Taschen, an denen ich zu großem Teil in der Klinik und später in der Tagesklinik gearbeitet habe.

 

 

Die kleine blau-graue Tasche hatte ich im Winter schon einmal gezeigt, ich habe dieses Wochenende allerdings den Henkel gekürzt und wieder angebracht und kleine Häkelblümchen befestigt. Die Hülle für mein A5-Skizzenbuch samt einiger Stifte ist in der Nach-Klinikzeit entstanden und jetzt am Wochenende endlich fertig geworden. Ich habe es innen mit altem schwarzen Stoff gepolstert, um nicht mit den Buchecken in den Häkelmaschen hängenzubleiben, einen Klettverschluss und große Druckknöpfe angebracht. So werde ich fortan mein Skizzenbuch immer gut geschützt bei mir tragen können – in welcher Tasche auch immer.

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Für die, die nachlesen möchten, was Skills sind, habe ich die Rubrik Psychikon eingerichtet, die ich nach und nach weiter füllen möchte.

Psychikon

 

 

Klandern

Wenn ich morgens aufstehe, bin ich eigentlich noch ganz gut beisammen, aber je näher ich der Klinik komme, um so mehr übernimmt das unreife Kind in mir die Kontrolle. Das „unreife Kind“ ist ein Terminus, den meine Therapeutin vorgeschlagen hat, denn eigentlich hätte ich das Kind „böse“, „ungezogen“, „trotzig“ genannt.

Um das Kind in mir etwas zu besänftigen, habe ich , bevor ich die Klinik betreten habe, einen neuen Skill ausprobiert – einmal um den Weißensee und auf jeder der zugefrorenen Eisflächen nach Herzenslust hin und her klandern. Kennt Ihr den Begriff? Ihr würdet schlittern dazu sagen.

Ich musste tatsächlich lächeln; schöne Erinnerungen kamen in mir auf an meine Zeit in Moskau, wo der Februar ein schöner Monat für mich war, wo ich sonntags kilometerlange Spaziergänge auf der zugefrorenen Moskva gemacht habe und mit meiner Zimmergenossin D im als riesige Eislauffläche umgestalteten Gorkipark Schlittschuhlaufen war.

Trotzdem sitze ich jetzt hier, bisher erfolgreich allen Mitpatienten aus dem Weg gelaufen, allein im Aufenthaltsraum, während die anderen nebenan zusammen sitzen und frühstücken.

Wie kann man nur trotz Depression so fröhlich schwatzen und kichern?, frage ich mich in diesen besonders soziophoben (soziopathischen?) Momenten immer. Klar, manche lenkt das ab von ihren düsteren Gedanken (während es in mir solche erst entfacht). Für manche ist Reden das, was für mich Schweigen ist. Wir hatten hier eine Weile eine Mitpatientin, der ich mich innerlich auf eine gewisse Weise sehr nah gefühlt habe, die Schweigen entsetzlich unerträglich fand und die auch in Gruppengesprächen nahezu zwanghaft das Wort ergreifen musste. Insofern weiß ich, dass mein „Spleen“ auch nur eine Variante unter vielen ist. Nur erscheinen Einzelgänger der Gemeinschaft eher als gruselige und gefährliche potentielle Gefährder als die leutseligen sympathischen Kommunikationssüchtigen.

Jetzt warte ich darauf, dass meine Gruppe hinauf zur Ergotherapie gegangen ist, um hoffentlich allein und ungestört zu essen und mich dann nachträglich in den Raum zu schleichen, um an der Werkbank – den anderen den Rücken zugekehrt – an meinem Stein zu feilen.

Was gäbe ich nur für eine Tarnkappe und undurchlässige Ohrenstöpsel.

Grünes Treiben über Eis

Bauklötzer habe ich gestaunt, als ich heute an mehreren Sträuchern bereits fette Blattknospen und zarte grünsaftige Blattspitzen entdeckt habe, während die Berliner Seen immer noch vereist sind. Beginnt das grüne Treiben wirklich schon Ende Januar?

Es tut mir gut, auf meinen manchmal umwegreichen Wegen von der Klinik nach Hause genau hinzusehen und die Veränderungen in der Natur zu beobachten. Ich habe heute mit einer Mitpatientin darüber gesprochen. Auch ihr helfen achtsame Gänge durch die Natur, das Betrachten einzelner Blätter oder Zweige, die sich im Wind bewegen, treibender Wolkentiere oder der Spiegelungen des Wassers, Negativgedanken und Grübelspiralen zu unterbrechen, im Hier und Jetzt zu sein.

 

Funny Thursday

Schon in den Neunzigern hatte ich einiges von Funny van Dannen gehört, mir aber nie ein Album von ihm zugelegt. Diese Woche habe ich ihn wieder für mich neu entdeckt und sein sarkastisch-traurig-beißender und kluger Humor bessert meine Stimmung merklich. Somit kann ich mein neues Funny van Dannen Album feierlich in meine Skillsliste mit aufnehmen.

Bei dem unten verlinkten Song habe ich beim ersten Hören Tränen gelacht – der Trauer, Wut, Selbstironie, aber voller Optimismus und Lebenswillen.

Startet gut in den neuen Tag!

Skillstraining

Bevor ich im Herbst in die Klinik kam, kannte ich den Begriff Skills aus den Sozialwissenschaften, aus Bewerbungsvorbereitungen und Kompetenzanalysen. Als ich dann in der Klinik von der Oberärztin eingeladen wurde, doch in ihre „Skillsgruppe“ zu kommen, klang das in meinen Ohren sehr geheimnisvoll und fast wie eine Wundermedizin.

Die Realität ist profaner, wenn auch nicht weniger sinnvoll:  im Kontext der Psychotherapie sind SKILLS Fertigkeiten und Fähigkeiten, mit psychischen Belastungen, hoher Spannung, Höchstspannung und Stress umzugehen, ohne dabei die Kontrolle zu verlieren, sich selbst oder aber auch andere zu verletzen. Skillstraining ist damit eine Verhaltensgruppentherapie, die sich ganz konkret mit Strategien beschäftigt, die jedeR Betroffene selbst in (fast) jeder Situation anwenden kann, um sich selbst zu helfen.
Sowohl auf Station als auch jetzt in der Tagesklinik ist das Skillstraining Bestandteil der Therapie. Die meisten Skills, so wird uns Patienten da vermittelt, haben wir bereits, wenden wir bereits bewusst oder unbewusst an. Andere können wir noch entdecken und erlernen. 

Von Mensch zu Mensch sind die möglichen Skills grundverschieden. Was dem einen hilft, kann für den anderen sogar Belastung und Problemverstärkung bedeuten. Sieht man die Skillslisten durch, die auch auf diversen Internetseiten zu finden sind (z.B. bei Roxie), klingen die aufgezählten Skills zunächst einmal lächerlich banal. Und dennoch macht es Sinn, sich  Gedanken zu machen: wobei kann ich entspannen, was lenkt mich ab, was unterbricht meine Grübelspirale. Und sich schon im Voraus zu überlegen: was kann ich tun, wenn ich wieder in eine besonders extreme Belastungssituation komme, was kann mir helfen, die Kontrolle über mein Denken und Tun zu behalten.

Es wird unterschieden in Hochspannungsskills, die helfen sollen, in besonderen Extremsituationen, in denen ein totaler Kontrollverlust droht, Spannung abzubauen und den Skills, die uns in Alltsgssituationen helfen. Ziel ist, dass jedeR eine Reihe von möglichen Skills parat hat, die in Kombination oder nacheinander angewendet werden können und von der belastenden Situation ablenken.
 Über einige der Skills, die mir helfen, habe ich hier auf dem Blog schon oft geschrieben, ohne sie konkret als Skills z benennen.

– Meine wichtigste Strategie: das Zeichnen. Wenn ich mich körperlich zu schwach fühle, ist die Arbeit mit Farben und Pinseln nicht möglich, aber ein paar Kritzeleien mit Bleistift auf Papier gehen fast immer und meist lenkt das Kritzeln mich tatsächlich ab und meine Stimmung bessert sich. 

Häkeln und Stricken sind extrem beruhigend und das Häkeln hilft mir in Gruppensituationen auch jetzt in der Tagesklinik sehr.

– Während der Therapiesitzungen ist es natürlich unhöflich, mit den Nadeln zu klappern. Dafür habe mir einen Knetradiergummi gekauft, den ich in der Hand kneten kann, um wenigstens einen kleinen Teil der Nervosität abzubauen. Richtig hilfreich ist er bisher aber nicht.

– Für einen zwischendurch ablenkenden Geruchsreiz habe ich außerdem ein kleines Salbeiduftpumpspray in der Tasche, das ich mir bei Bedarf auf den Handrücken sprühe.

– Zu Hause helfen mir meine Katzen mit ihrer Niedlichkeit, Katzenvideos auf YouTube und ähnliches.

– Als hilfreiches Skill bekommen plötzlich auch Kartenspiele auf den Handy und Sudokus eine positive Bedeutung, um negative Gedanken und Abwärtsspiralen zu durchbrechen. 
Für mich bisher fast die  wichtigste Erkenntnis: Ablenkung und (zeitweise gar Verdrängung) eines Problems sind wichtig und vollkommen richtig (um sich später, gefasst, erholt und bei Kräften) wieder gezielt mit der Belastungssituation auseinandersetzen zu können. Viele Menschen mit Depression werden ja von einem permanenten schlechten Gewissen gequält und gestatten sich nicht, sich abzulenken und etwas positives zu unternehmen, weil sie unbewusst der Meinung sind, positive Erlebnisse schlicht und einfach nicht zu verdienen. Sie empfinden quasi die negativen Gedanken und Gefühle unbewusst als wohlverdiente Strafe für irgendetwas.

Dass ich für mich das Zeichnen und Katzenstreicheln als Skill und damit als erlaubten, ja gar notwendigen Teil meiner Therapie ansehe, werde ich mir demnächst sicher auch selbst glauben und mir jederzeit vorbehaltlos zugestehen.