Klandern

Wenn ich morgens aufstehe, bin ich eigentlich noch ganz gut beisammen, aber je näher ich der Klinik komme, um so mehr übernimmt das unreife Kind in mir die Kontrolle. Das „unreife Kind“ ist ein Terminus, den meine Therapeutin vorgeschlagen hat, denn eigentlich hätte ich das Kind „böse“, „ungezogen“, „trotzig“ genannt.

Um das Kind in mir etwas zu besänftigen, habe ich , bevor ich die Klinik betreten habe, einen neuen Skill ausprobiert – einmal um den Weißensee und auf jeder der zugefrorenen Eisflächen nach Herzenslust hin und her klandern. Kennt Ihr den Begriff? Ihr würdet schlittern dazu sagen.

Ich musste tatsächlich lächeln; schöne Erinnerungen kamen in mir auf an meine Zeit in Moskau, wo der Februar ein schöner Monat für mich war, wo ich sonntags kilometerlange Spaziergänge auf der zugefrorenen Moskva gemacht habe und mit meiner Zimmergenossin D im als riesige Eislauffläche umgestalteten Gorkipark Schlittschuhlaufen war.

Trotzdem sitze ich jetzt hier, bisher erfolgreich allen Mitpatienten aus dem Weg gelaufen, allein im Aufenthaltsraum, während die anderen nebenan zusammen sitzen und frühstücken.

Wie kann man nur trotz Depression so fröhlich schwatzen und kichern?, frage ich mich in diesen besonders soziophoben (soziopathischen?) Momenten immer. Klar, manche lenkt das ab von ihren düsteren Gedanken (während es in mir solche erst entfacht). Für manche ist Reden das, was für mich Schweigen ist. Wir hatten hier eine Weile eine Mitpatientin, der ich mich innerlich auf eine gewisse Weise sehr nah gefühlt habe, die Schweigen entsetzlich unerträglich fand und die auch in Gruppengesprächen nahezu zwanghaft das Wort ergreifen musste. Insofern weiß ich, dass mein „Spleen“ auch nur eine Variante unter vielen ist. Nur erscheinen Einzelgänger der Gemeinschaft eher als gruselige und gefährliche potentielle Gefährder als die leutseligen sympathischen Kommunikationssüchtigen.

Jetzt warte ich darauf, dass meine Gruppe hinauf zur Ergotherapie gegangen ist, um hoffentlich allein und ungestört zu essen und mich dann nachträglich in den Raum zu schleichen, um an der Werkbank – den anderen den Rücken zugekehrt – an meinem Stein zu feilen.

Was gäbe ich nur für eine Tarnkappe und undurchlässige Ohrenstöpsel.

Zusammenringeln wie eine Katze …


Zusammenringeln wie eine Katze möcht ich mich. Weg sein, weg, fort und unaufspürbar. Auch weg von mir, von diesem Kern in mir, der mir so fremd ist, dass ich keinen Zugang zu ihm finde. Fest verschlossen ist mein Ich, das nur zum Vorschein kommt, wenn das Innere Kind in mir bockig ist. Dann habe ich Lust, Bauklötze durch die Luft zu schmeißen. Den Tisch umzuschmeißen, die Stühle. Alles mit nur einem Wisch zu zerstören. Und noch nachzutreten. Die Arme verschränkt, ausnahmsweise mal erhobenen Blickes fest in die Runde schauen: SEHT IHR? SO NÄMLICH BIN ICH. GANZ SCHÖN SCHEISSE, WAS?

Nadelstiche in der Brust wollen mich zu Boden reißen. Wälzen will ich mich da. Warum nur tue ich’a nicht? 

Blöde Vernunft, jeden Spaß verderbend. Ach, wenn es doch Spaß wäre …
Ich will offene Wunden bestreuen mit Salz. Das sieht niemand, merkt niemand, niemand schickt mich zurück in die Hölle der Station 1. Hyperscharfe Chilischoten zu kauen ist sogar offiziell erlaubt, um sich abzulenken. So steht es auf der „Skillsliste“. Dann spür‘ ich vielleicht mal was anderes als dieses Monster in mir. Dieser ewige Flunsch, den das Monster in mein Gesicht malt und dann die Hände fesselt, damit ich ihn nicht wegwischen kann. Alles ödet mich an. Ich würde mich auch nicht zu mir an den Tisch setzen. Ich ziehe bestimmt eine Fresse, dass es zum Fürchten ist. Tavor und Schmerzmittel haben auch keine Lust mir zu helfen.
Die Zeit drängt. Ich muss doch mal langsam einen Plan bekommen, wie es nach der Klinik weitergehen soll? Wie kann ich mein Leben fristen, ohne ständig daran denken zu müssen, dass es auch beenden könnte. Irgendetwas muss doch auch für mich zu tun sein, wo ich nicht nur nehmen muss, sondern auch geben kann. Ohne dass ich ständig zusammenbreche, ohne diese Nadelstiche, die mein Herz zerstören, narbig und hart machen.
Höhnisch schaut die Sonne zum Fenster herein.
Ja, ja, ja. Ich bin ja nun depressionserfahren genug, dass ich weiß, dass die Welt für mich morgen, übermorgen, nächste Woche wieder besser aussehen kann. Da hab‘ ich ja was, auf was ich mich freuen kann.

So lange gucke ich mir niedliche Katzenbilder an.

Steinerne Schönheit

Steinerne Schönheit, Kugelschreiber auf A4 Papier, 26.10.2016


Endlich bin ich zu meiner ersten Skizze der steinernen Schönheit am See gekommen. 

Oft bin ich zu zaghaft, radiere hin und her und verhunze dann das Bild. Das Zeichnen mit dem Kugelschreiber erfordert etwas mehr zeichnerisches Selbstbewusstsein. Klar – man kann sich mit dem „suchenden Strich“ langsam an die Form herantasten. Aber ein einmal gesetzter Strich bleibt. Fehler können nicht rückgängig gemacht werden, können nur integriert und das Motiv entsprechend angepasst werden.

Wer möchte, kann dies gleich noch in großem Schwung auf das ganze Leben beziehen. Vergangenes ist geschehen. Unser Handeln hat Konsequenzen, die bleiben. Nichts kann ausradiert werden. Wir können aber versuchen, trotz der misslungenen Striche (Entscheidungen, die sich als falsch erwiesen haben, Fehlschläge, schlimmen Erfahrungen), das möglichst Beste daraus machen. Wir müssen sogar, wenn wir das Blatt (unser Leben) nicht wegwerfen wollen.

Ach – das sagt sich so leicht.     

Gestern und heute habe ich mir erlaubt, mal mit allem zu hadern. Einmal nach Herzenslust zu schimpfen, meine Wut in Worte zu fassen (die sich leider auch gegen mich, aber eben nicht nur gegen mich richtet). Ich habe heute meine 25 Minuten Einzeltherapie schmerzhaft genussvoll verprasst, indem ich dem Psychologen meine Sicht der Dinge dargelegt habe, warum alles gekommen ist, wie es kam. Habe meiner Zimmernachbarin von den Dingen erzählt, die ich hier im Blog nicht schreiben will, weil sie zu privat sind. Von meiner Sichtweise! Ich habe mich sonst immer verurteilt für die Wut, die unterschwellig in mir brodelte, wollte sie nicht zulassen – denn was bringt sie mich voran? Für mein Leben und was ich daraus mache, bin in der Hauptsache doch ich verantwortlich. Aber wenn ich auf mein „Gefühl“ höre, meine „innere Stimme“, dann darf sie auch mal raus, die Wut, dann darf ich jetzt mal mit dem Finger auf andere zeigen und die Arme verschränken. Ich will mich jetzt auch einfach mal bedauern, mich selbst! Ich verachte Selbstmitleid. Aber vielleicht brauche ich das jetzt erst einmal, um dann abschließen, loslassen und nach vorn blicken zu können? Die innere Stimme in mir ruft: ja! Ja! Ja! Meine gute Erziehung drischt schon wieder auf mich ein – Selbstmitleid gehört sich einfach nicht …

Abschluss – Teil 1: Eingeschnappt und trotzig!

Ich komme gedanklich einfach nicht los von Station 1.

Heute sprach ich mit meiner neuen Ergotherapeutin ein wenig über dieses Thema. Ich habe ihr auch erzählt, auf welche Weise ich von Station zu Station geschoben wurde – inzwischen habe ich nämlich die Zusammenhänge verstanden.

Vor nun zweieinhalb Jahren, als mein Zustand erstmals „katastrophal“ geworden war und nachdem endlich eine sogenannte rezidivierende Depression, die vormals als larvierte bzw. maskierte Depression unerkannt geblieben war, bei mir festgestellt wurde, hatte ich mich gegen eine für die Krankenkasse ja sehr teure Klinikbehandlung entschieden. Ich kam in das Programm der sogenannten „Integrierten Versorgung“, bei der ein ganzes Jahr lang dreimal, später ein- bis zweimal in der Woche eine psychiatrische Pflegekraft zu mir nach Hause kam, um nach dem Rechten zu sehen, mich zum Spazierengehen zu animieren und überhaupt – mit mir zu sprechen und mir zuzuhören.

Dafür bin ich gewissermaßen nun im Nachhinein bestraft worden: da ein Mitarbeiter dieses Pflegedienstes jetzt in diesem Krankenhaus auf der Depressions-Akutstation arbeitet, durfte ich dort nicht aufgenommen werden, als ich es dringend brauchte.

Was eigentlich eine Frechheit ist – die Krankenhausverwaltung stellt jemanden ein, der bei einem mobilien Pflegedienst desselben Einzugsbereiches gearbeitet hat – an sich kein Problem – und verweigert dann aber einer Patientin die Aufnahme auf der für Sie eigentlich passenden Station, weil sie von diesem Pflegedienst betreut worden war. Pech nur, dass mich auf der anderen Station auch jemand kannte und ich daher auf eine sehr unsensible Art und Weise auf die für Menschen mit sozialen Ängsten und Abgrenzungsproblemen denkbar unpassendste Station verlegt wurde, die man sich denken kann: auf eine Station, auf der ein großer Teil der Patienten krankheitsbedingt anderen Menschen viel zu nahe rückt, in der es laut und ruppig zugeht und in der Menschen mit Abgrenzungsproblemen geradezu gezwungen sind, die Schicksale der anderen in sich aufzusaugen.

Wenn ich mich nun frage, was ich dabei fühle, dann spüre ich vor allem wieder an erster Stelle eine Art des ErniedrigtWordenSeins – vielleicht ist dieses Gefühl einer der Hauptschlüssel auf meinem therapeutischen Weg.

Zum anderen fühle ich mich schlicht auch ungerecht behandelt, als für etwas bestraft, für das ich nicht verantwortlich bin und auch als „Opfer“ einer verfehlten Krankenhausverwaltungspolitik. Vielleicht bin ich auch ein bisschen „eingeschnappt“. Erinnert Ihr Euch noch an dieses Gefühl aus Eurer Kindheit? Seitdem habe ich dieses Wort nicht mehr gebraucht und schon gar nicht in Bezug auf mich selbst. Das Wort „Opfer“ verwende ich in diesem Fall bewusst – weil ich mich in jenem Moment schlicht nicht wehren konnte und wie ein hinkendes Reh dem Jäger ausgeliefert war.

Aber auch ein drittes Gefühl steigt in mir auf: mein Sinn für Gerechtigkeit und Solidarität und der Wunsch, mich zu wehren. Widerstand. Trotz! Wer die früheren Beiträge gelesen hat, wird sich auch an dieses „Schlüsselgefühl“ in mir erinnern. Mich hat der Kelch dieser verfehlten Verwaltungspolitik getroffen – gut, in positiven Momenten denke ich, dass ich an allen auch schlimmen Erfahrungen nur wachsen kann und werde und dass ich immerhin einen RiesenSiebenMeilenStiefelSchritt an Lebensklugheit vorangeschritten bin. Und es kann ja nun nicht jeder von sich sagen, auch mal in einer „richtigen Klapse“ gewesen zu sein. Hola! Aber es betrifft doch nicht nur mich, sondern sicher auch noch andere Patienten, vom gleichen Pflegedienst betreut und nun einer Krankenhausbehandlung bedürftig. Wie kann ich künftig schweigen und schulterzuckend meiner Wege gehen?

Noch habe ich nicht die Kraft dafür, mich zur Wehr zu setzen, mich wenigstens offiziell, aber bitte auch laut und gehört zu beschweren. Noch sammle ich Energie für die Selbstheilung. Mit diesem und dem noch folgenden Beitrag soll erst einmal die Erinnerungsarbeit an Station 1 fürs erste abgeschlossen sein. Aber es wird mir immer klarer, dass ich, wenn sich wieder stark und handlungsfähig bin, diese „Geschichte“ noch einmal aus der Schublade kramen muss.

Gegen Herrn W.

Leider kein Scherzgedicht

Sozialarbeiter an der Macht
Hat mich um meinen Schlaf gebracht.
Mich zwacken, zwicken fiese Schmerzen
Und Groll liegt tief in meinem Herzen.

Was bildet sich der Knilch denn ein?
Dass heilen kann mich er allein?
Mit seinem Spieleangebot?!?
Ich fass es nicht. Ich sehe rot.

Da kommt der herzensdumme Mann
Mit wehn’dem Schritt bei mir im Zimmer an
Voll Selbstgefälligkeit und Arroganz:
„Von meiner Therapie da profitier’n hier alle ganz.

Sozialphobie? Ihn‘ geht’s nicht gut?
Ach Quatsch – ein Kaffeklatsch in großer Runde ist für Sie sehr gut!
Wir sind hier in geschütztem Rahmen.
Sind doch alles and’re Kranke hier, die Schreihalsdamen.

Wir setzen uns an einen Tisch, ich hol die Klampfe
Dann ziehen wir in siegessich’rem Kampfe
Gegen die Depression und Angst.“

Weh‘ dir, wenn Ruhe du verlangst!

„Sie weigern sich? Ja hör ich richtig?
Ich bin hier Mister Oberwichtig.
Sie, junge Dame, hörn‘ Sie mal:
Wir leben hier nicht anno dazumal.

Es gibt hier nicht nur Pillen,
Ich brech‘ auch ihren Willen.
Wenn hier im Haus MEIN Spieleabend ist
Wird sich doch nicht ins Zimmerchen verpisst.

„Herr W., darauf kann ich nur noch bockig sein.
Mich zu was zwingen – das mach ich höchstens ganz allein.
Kein andrer darf das je, das lassen Sie hübsch sein!
Sonst lässt mich meine Wut bald eine and’re sein.

Was wissen Sie von Empathie und and’rer Seelenpein
Sonst wüssten Sie, dass ihre Art mich bringt zum Schrei’n.
So wie sie hier kommen rein,
MUSS ich Ihnen zwanghaft sagen: ‚Nein!‘

Ihre Art erniedrigt mich, beleidigt mich gar tief.
Ich bin mündig, aufgeklärt und lieg nur in der Psyche schief.
Sie aber haben wohl die Wendezeit verpennt
Und ahnen nicht, dass heute man den mündigen Patienten kennt.

Ich selbst brauch Hilfe, zugegeben,
Deshalb hab ich mich auf Station begeben.
Ich mache Therapien mit
Und gehe jeden nöt’gen Schritt.

Von Ihnen lass ich ich mir nicht unterstellen,
Ich wollt mich nur mit Pillen ruhigstellen.
Beleidigend ist das, ich sag es hier nochmal.
Sie treten mich mit Ihren Füßen hundertmal!

Und doch bin ich zu Dank verpflichtet,
Sie haben meine Wut auf sich gerichtet,
Die ziellos war sonst in mir drin.
Oh ja, nun macht die Sache Sinn!

Auf Sie kann ich nun böse sein
Und nicht auf mich im stillen Kämmerlein.
Herr W., dafür mein Dank an Sie,
Doch zu Ihr’m Spieleabend komm‘ ich nie!“
Agnes Podczeck in der Nacht zum 7. Oktober 2016