Wegwarte

Wegwarte

Die Wegwarte ist eine der Pflanzen, die sich in meinem Kopf unlöslich mit der Erinnerung an meine Oma verknüpft haben.

Ich weiß noch nicht einmal genau, warum. Nie bin ich mit ihr durch die Straßen gegangen, über Feldwege getänzelt und schon gar nicht war ich mit ihr auf dem Rummelplatz, wie ein berühmter Schlager jener Jahre verhieß. Ich habe meine Oma, die von Jahr zu Jahr schlechter laufen konnte und in ihrem Stolz entschieden zurückwies, die Straße mit einer Gehhilfe zu betreten, immer nur in ihrem Haus erlebt und später dann im Pflegeheim.

Es wird wohl so gewesen sein, dass ich an jenem Tag mit meinem Opa unterwegs war und wir von der Endhaltestelle der Straßenbahn nach Hause liefen, wo ich unterwegs ein paar Feldblumen für meine Oma pflückte. Bestimmt hat sie mir, als ich ihr stolz den Strauß überbrachte, erklärt, dass ich keine Kornblumen, sondern Wegwarten gefunden hatte. Vielleicht hat sie mir dann auch wieder eine ihrer Erzählungen aus ihrer Kindheit und Jugend erzählt, die so liebte und die ich immer und immer wieder hören konnte. Wenn ich die Augen schließe, kann ich noch ihre Stimme vernehmen.

I told you how to change the world

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Streetart am Berliner Mauerpark, gefunden am 2. Juli 2017, Artist: marycula

 

BewohnerInnen von Städten werden das Phänomen der als-Flaschenammelnde-meist-ältere-Menschen-sichtbaren Armut zur Genüge kennen und ich habe auf diesem Blog mehrfach erzählt, dass ich aus meinem Fenster direkt auf die Mülltonnen blicken kann und somit fast täglich mit diesem traurigen Anblick konfrontiert werde.

Ob nun Marx damals DIE richtige Antwort auf die auch damals schon heiß lodernde soziale Frage wusste, kann und soll in diesem Rahmen nicht beurteilt werden. Mit dem festen Vorhaben, es Kapitel für Kapitel gewissenhaft durchzuarbeiten, habe ich mir vor vielen Jahren „Das Kapital“ gekauft, muss aber zugeben, dass es neben anderen un- oder halb gelesenen Büchern noch immer im Regal auf meine ungeteilte Aufmerksamkeit wartet.

Immerhin, das Kommunistische Manifest las ich erstmals vor knapp dreißig Jahren:  als Siebentklässlerin habe ich im Nachwendejahr einen gewiss naiven Schulvortrag (frei gewählt) gehalten, in dem ich mich – hochernst! – mit der Frage beschäftigte, warum wohl der Sozialismus gescheitert sei. Ein Thema, das vielleicht nicht unbedingt typisch für ein Mädchen meines Alters ist, mich aber damals arg umtrieb. Als mein großer, kluger, belesener und von mir immer geschätzter, bewunderter und verehrter großer Bruder von dem Thema hörte, drückte er mir wortlos jenes kleine Büchlein in die Hand. Ich habe es gelesen, ernsthaft, mehrfach, und daraus zitiert – schon allein meines Bruders wegen, um ihm zu gleichen, ihm zu gefallen. Was mir schon allein ob des Altersunterschieds und der dementsprechend fremden Welten, in denen wir lebten (und leben) nicht gelingen konnte; und ob ich das Manifest damals wirklich verstand, möchte ich bezweifeln. Aber später trug ich lange Jahre dieses kleine rote Büchlein in meiner Schultasche – zusammen mit Maxi Wanders „Guten Morgen Du Schöne“, das ich leider eines Tages auf unserem Schulhof liegen ließ.

 

 

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Streetart am Berliner Mauerpark, gefunden am 2. Juli 2017, Artist: marycula

Andrea und der graue Westen

 

oder

Ein Wortschwall an Erinnerung

 

 

Als mich auf meinem sonntäglichen Fotospaziergang eine kurze Regenhusche überraschte, fand ich Zuflucht im Hausdurchgang eines dieser Häuser, die in den achtziger Jahren als Sozialbauten direkt der Grenze zum damaligen Ostberlin gebaut wurden.

 

Als ich aufsehe, erblicke ich ein Schild, das mich sofort in meine Kindheit zurückversetzt. Erinnerungen schießen in mir hoch und tanzen Salto. Sie sind gekommen, um zu bleiben, wollen aufgeschrieben werden. Ich beuge mich jetzt; vielleicht auch deshalb, weil ich heute besonders rührselig bin, denn mein heißgeliebter Opa Schorsch wäre heute 100 Jahre alt geworden.

Nun aber zurück zum Schild:

 

BALLSPIELEN VERBOTEN, Schild in einem Berliner Hausdurchgang

Ballspielen verboten. Schild an einer Hauswand im Berliner Wedding

 

Nein, es ist nicht so, dass ich selbst als Kind derartigen Beschränkungen unterlegen wäre – Ballspielen verboten. Im Gegenteil: vom vierten bis zum elften Lebensjahr – dem Spielplatzalter also – lebte ich in einem der früher allseits attraktiven und beliebten Plattenbauten in Halle Silberhöhe (in den Nachwendejahrzehnten als Silberhölle dann recht zügig in Verruf geraten). Die damalige Bewohnerschaft war jung, viele hatten Kinder. Spielen konnten wir überall. In meiner Erinnerung habe ich, meist unbehelligt von Erwachsenen, immerzu nach Herzenslust getobt, gekreischt und gelacht.

 

Zumindest in unserem Haus kannten sich die Bewohner und ich sehe mich immer noch wie selbstverständlich bei diesen oder jenen Nachbarn klingeln. Mein Kindheitsblick war ungetrübt und im Kindergarten hatte ich gelernt, wie schön sie ist, die DDR, wie kinderfreundlich, dass Brot so billig ist, dass wir alles haben, was wir brauchen, weil eben ‚bei uns der Mensch und seine Bedürfnisse im Mittelpunkt steht‘. Ich sah ‚unsere Soldaten‘ als Friedensengel und hoffte sehnlichst, dass sehr bald endlich auch im Westen der Fortschritt, der Sozialismus also, Einzug halten würde.

 

Nein, meine Eltern waren nicht besonders systemhörig, auch nicht oppositionell. Abends liefen ganz selbstverständlich zunächst die Nachrichten auf DDR 1 und dann die Tagesschau. Meiner Erinnerung nach wurde über Politik in meinem Beisein nicht gesprochen – erst 1989, als ich (inzwischen nahe der Mauer in einem Berliner Altbau lebend) zwölf war und mein politisches Interesse mit einem Paukenschlag erwachte.

 

Meine stramm rote Bildung und Erziehung bis zu jenem Wendejahr erfolgte in Kinderkrippe und Kindergarten, wo ich wie fast alle Kinder der DDR viel Zeit verbrachte, und später in der Schule. Als ich lesen konnte, kam neben der mündlichen Propaganda noch ein Buch hinzu, das meinen Blick auf den Westen langfristig prägte: „Andrea“ war der Titel und handelte von einem Mädchen in Österreich und von ihrem Alltag. Ich habe mir nur jenes gemerkt: sie durfte nicht auf ihrem Hof spielen; der Hausmeister hatte ein Schild aufgestellt: „Ballspielen verboten“. Sämtliche Fotos in diesem Buch waren schwarz-weiß und so hatte ich – ja, schmunzelt nur, ihr LeserInnen mit Westhintergrund – die Vorstellung, der Alltag im Westen sei grau, trist und nur die Werbung bunt; aber die beworbenen Produkte könnte sich die Arbeiterklasse sowieso nicht leisten. Ich hatte Mitleid mit dem österreichischen Mädchen und allen Kindern im westlichen Ausland und war froh in einem Land zu leben, in dem ich überall spielen durfte. Dass Ballspielen auch in der DDR nicht überall erlaubt und so manches andere auch verboten war, kam mir zu jenem Zeitpunkt überhaupt nicht in den Sinn.

 

Dieses trübe Kapitalismusbild wurde nur noch durch eines gesteigert: durch einen Artikel in der Pionierzeitung „Trommel“, den ich in der dritten oder vierten Klasse las; über ein Mädchen in den USA, dass unnötigerweise sterben musste, weil ihr Vater für sie keine Krankenversicherung hatte und sie deshalb kein Krankenhaus aufnehmen wollte. Das machte mich damals unheimlich traurig und mir zugleich eine riesige Angst vor dem Kapitalismus und Amerika.

 

Von hier aus könnte ich noch einen sehr sehr langen Bogen schlagen – über Gesellschaft, Weltpolitik, Sozialpolitik im Allgemeinen, Löcher und breite Spalten im Sozialen Netz auch dieses unseres doch sehr reichen bunten Landes, durch die zu fallen leider eine Menge Menschen die Erfahrung machen müssen. Aber dieser Beitrag ist schon länger als geplant geworden, wollte ich doch eigentlich nur die Anekdote meines Kinderbilds vom Westen erzählen, wie sie mir am Sonntag, im tristen Hof der Exsozialbaus, wieder in den Sinn kam.

 

Zur bildlichen Untermalung drei Fotos, die ich bei einer Stippvisite zusammen mit meiner Mutter in meiner alten Heimatstadt im April 2012 machte. Wie immer öffnet sich die Bildergalerie, wenn Ihr eines der Bilder anklickt.

 

 

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Meine Kindheitsstraße gibt es noch. Nicht selbstverständlich, denn in diesem Viertel wurden im Zuge des StadtUMbaus Ost eine ganze Menge Häuser RÜCKgebaut. Diese Aufnahme machte ich bei einer Stippvisite in meiner alten Heimatstadt im April 2012.

 

Die Schule, die ich die ersten zwei Jahre lebte, gibt es inzwischen nicht mehr. Angesichts der riesigen Abwanderung aus der Region mangelte es einfach an Bedarf.

Die Lösung

 

Zum kleinen Rätsel vom Ostermontag (hier) nun die Auflösung:

Die Blüte ist heute bereits geöffnet, und so dürften vielen von Euch klar sein, um welche blühfreudige Pflanze es sich hier handelt.

Wie spannend, so eine Blüte mal ganz von Nahem anzusehen.

 

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Läuft Euch auch das Wasser im Mund zusammen?

Ich freue mich jedenfalls auf die Erdbeerzeit, halte mich aber strikt von den Frühfrüchten aus dem Supermarkt fern, und warte darauf, dass aus dem elterlichen Schrebergarten etwas (nein! hoffentlich ganz viel ;-)) für mich abfällt. Auch wenn wir heute fast alles das ganze Jahr über kaufen können – wenigstens bei den Erdbeeren will ich es wie früher zu meiner Kinderzeit halten:

Damals wartete ich ungeduldig darauf, dass die Erdbeeren in unserem damaligen (als Selbstversorgergarten noch viel wichtigeren) Schrebergarten reif wurden. Dann machte ich mich – mit Kindervorzugsprivileg) fleißig-gierig über die Früchte her, bis ich Erdbeeren nur noch mit viel Zucker und Sahne ertragen konnte. Bis zu meinem Geburtstag Ende Juli war dann schon wieder so viel Zeit vergangen, dass ich mich über meinen traditionellen Geburtstagskuchen mit den restlichen Erdbeeren eigener Ernte, die meine Mutter eingefrostet hatte, wieder freute.

 

Ruinen

 

So lange ich mich erinnern kann, finde ich Ruinen faszinierend. Bröckelnde Fassaden, fehlende Fenster, eingefallene Mauern. Nicht ohne Grund wollte ich als Kind lange Zeit Ur- und Frühgeschichte oder Archäologie oder wenigstens Alte Geschichte studieren.

Dass daraus nichts geworden ist – nun, leicht lässt sich die Schuld (wenn hier überhaupt in dieser Kategorie gedacht werden kann) auf andere abwälzen: auf die Schule, auf den langweiligen Lateinunterricht, unerlässlich für ein entsprechendes Studienfach.

Eigentlich fing es gut an. Nach Einführung des westlichen Schulsystems entpuppten sich manche unserer Lehrer als ausgebildet für mir damals ganz ausgefallen scheinende Fachrichtungen – Französisch und Latein. Ich fand das großartig und meldete mich enthusiastisch für den freiwilligen Zusatzunterricht in Latein an. Über das Alte Rom wollte ich erfahren, historische Texte lesen.

Doch wie groß war die Enttäuschung, als wir das Lehrbuch ausgehändigt bekamen. „Cursus Novus Compactus“ – was war das für ein schrecklicher langweiliger Mist, den wir lesen mussten, dem jede historische Relevanz fehlte. Nochzumal unsere Lehrerin zwar nett war, aber leider das Gemüt einer Schlaftablette hatte. Lange bemühte ich mich um eine positive Einstellung, dann aber wurden die Schulstunden auch für mich zur Qual. Am Ende der Schulzeit bekamen wir alle unser Latinum – unverdientermaßen, möchte ich sagen, denn wirklich schlau waren wir nicht geworden. Mit Latein im Nacken hätte man mich damals zu sportlichen Höchstleistungen bringen können.

Nun muss man nicht nach Rom, um alte Gemäuer zu sehen und Lateinkenntnisse braucht man auch nicht. Einer meiner Lieblingsruinenplätze liegt nur ein paar Fahrradminuten von meinem Zuhause entfernt, an der Panke im Wedding.

 

 

 

 

Story-Samstag – Die Kunst des Briefeschreibens

 

 

Es ist wieder Story-Samstag und Tante Tex hat dieses Mal zu Beiträgen zum Thema Handschrift eingeladen.

 

Das Thema ist mich angesprungen und hat sich mir in den Nacken gesetzt, saß dort so lange, bis ich Tante Tex ein paar kleine handschriftliche Zeilen geschrieben habe – nach allen Regeln der Schreibkunst, die mir als Kind beigebracht wurden. Dass der Inhalt fehlt, das sei geschenkt, denn hier geht es um Größeres: einen von Hand geschriebenen Brief.

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Das sind die Bausteine zum Briefeschreiben, die mich mein Opa sehr nachhaltig gelehrt hat:

 

Datum oben rechts, höfliche Anrede, Ausrufezeichen. Bedanke Dich, Frage nach dem Befinden und erkläre Deines. Nun kannst Du zum Inhalt kommen. Achte auf Rechtschreibung, einen korrekten und ordentlichen Rand. Höfliche Abschiedsgrußformel. Es gibt eine Vorschrift und eine Reinschrift. Durchgestrichenes und Kleckse auf dem Papier verbieten sich.

 

Noch heute fällt es mir schwer, von diesem Muster abzuweichen – auch wenn ich keine Briefe, sondern E-Mails schreibe. Nur auf die Reinschrift habe ich schon früher (je nach AdressatIn) öfter verzichtet; auch weil ich Briefe gern spontan geschrieben habe, die dann – als Ausdruck des Gerade Jetzt, des Augenblicks, des unmittelbaren Empfindens sofort in einen Briefumschlag gesteckt werden mussten (manchmal aber tagelang in meiner Tasche wohnten, bis ich eine Briefmarke gegriffen und das Geschriebene in den Briefkasten gesteckt habe).

 

Mein erster richtiger Brief? War es in den Sommerferien nach der ersten Klasse? Ich hatte mich im Urlaub mit einem Mädchen angefreundet. Wir hatten Adressen ausgetauscht und sie schrieb mir als erste. Spontan wollte ich ihr sofort antworten – krakelig und mit Schreibfehlern, wie es sich für eine Erstklässlerin gehört. Authentisch. Als mein Opa das mitbekam, nahm er sich der Sache an. So könne man keinen Brief verschicken, nein, das ginge nicht! Er erklärte mir, wie ein „richtiger“, ein „ordentlicher“ Brief auszusehen hatte. Einen ganzen Tag lang feilten wir an diesem Brief. Mein Opa war streng, ihm missfiel dieses und jenes und er ließ mich den Brief nochmals und nochmals abschreiben, bis schließlich ein korrektes, aber sicher blutleeres und langweiliges Exemplar entstand, auf das ich niemals eine Antwort bekam.

 

Mein Opa meinte es damals von Herzen gut. Er konnte einfach nicht aus einer Lehrerhaut heraus, konnte nicht zulassen, dass seine geliebte Enkeltochter einen fehlerhaften hingeklierten Zettel abschickte. Perfektionismus, Du mein bester Freund, ick hör Dir trapsen! Und mein Inneres Monster jubelt laut, denn es erkennt in dieser Situation einen der falschen Glaubenssätze, von denen es sich bislang sehr gut ernährt hat: Was sollen denn die Leute denken, wenn die Enkelin solches Zeug loschickt.

 

Aber ich tue meinem Opa unrecht, wenn ich nicht auch erwähne, dass das Briefeschreiben für ihn ein hohes kulturelles Gut, ja eine Kunst war, die er mir nahebringen wollte. Dafür bin ich ihm wirklich dankbar. Ein Brief ist etwas besonderes, ist ein Geschenk und hat wenig mit dem heute in die Tasten gehauenen digitalen Schriftverkehr zu tun. Wir tippen ein paar Wörter, kürzen ab, nehmen uns kaum Zeit für Gruß und Danke. In Gedanken sind wir schon beim nächsten Projekt. Die eingegangene E-Mail wird überflogen und -vergessen.

 

Es ist höchst modern, die alten Zeiten zu betrauen und die Flüchtigkeit des digitalen Lebens zu bejammern. Doch lasst mich diesem Trend ein Weilchen noch von Herzen frönen. Wie schön ist es doch, einen echten Brief zu erhalten. Er ist etwas persönliches, auch gerade weil der Autor der Zeilen durch seine Handschrift so viel von sich preisgibt. Wie hat Zeilenende in seinem Themenbeitrag geschrieben: er fühle sich nun nackt, wo er uns LeserInnen seine Schriftprobe gezeigt habe.

 

Wer hat es noch nicht an sich beobachtet, dass je nach Seelenzustand auch das Schriftbild variiert. Wenn ich aufgewühlt bin, wird meine Schrift zeilengreifend groß. An manchen Tagen forme ich unbewusst so kleine runde dichtgedrängte Buchstaben, als wollten sie, genau wie die Schreiberin, so wenig wie möglich auffallen und unsichtbar werden.

 

Auf dem Dachboden des Hauses meiner Großeltern fanden wir eine große Kiste voller Briefe vieler Familienmitglieder und einiger Freunde, beschrieben von deren Hand. Zeugnisse des damaligen Augenblicks. Was war das für ein geheimnisvoller Schatz! Ein Schatz, der – zugegeben – nicht sehr leicht zu heben ist. Denn Handschriftliches zu lesen macht oft Mühe. Die Zeilen lassen sich nicht eben  schnell mal überfliegen. Nein, sie verlangen: koch Dir einen Tee, setze Dich hin und lies mit Muße.

 

Meine Oma maß der Handschrift noch eine besondere Bedeutung bei. Der und der hat eine schöne Handschrift – das war bei ihr ein Lob, das die gesamte Persönlichkeit des Menschen betraf. Das wird sie weniger psychologisch gemeint haben. Wahrscheinlich assoziierte sie eine geübte gutgeformte Handschrift mit einem hohen Bildungsniveau, worauf sie, Lehrerin aus bildungsbürgerlichem Hause, durchaus Wert legte. Wer wenig schreibt, der kann nichts taugen, so wird sie vielleicht gedacht haben. Wer also Briefe mit ungelenker Handschrift schrieb, hatte bei ihr demzufolge einen schlechten Stand.

 

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Ich schrieb als Kind und als Erwachsene meiner Oma regelmäßig Briefe. Die Geduld für ein einheitlich sauberes Schriftbild hatte ich selten und ich hatte oft ein mulmiges Gefühl wegen meiner Krakelei. Ich habe mich nie getraut, sie zu fragen, was sie davon hielt.

Jetzt weiß ich …

… warum mir die Visite mit der ja eigentlich nett erscheinenden Oberärztin noch einmal zusätzlich Furcht einflößt: aus irgendeinem Grund erinnert sich mich an die Professorin, die mich zur Politikwissenschaftsnebenfachprüfung befragte. Diese Prüfung habe ich noch immer als traumatisches und tief, tief, tief demütigendes Erlebnis im Gedächtnis:

Ich war ja zum Ende meines Studiums vollkommen unerfahren, was mündliche Prüfungen betrifft, hatte mein ganzes Studium lang Hausarbeiten geschrieben und niemals mündlich Rede und Antwort stehen müssen. Bei dieser Prüferin hatte ich Schaf mich zur Prüfung angemeldet, obwohl ich bei ihr keine einzige Hausarbeit geschrieben hatte. Sie hatte also vor der Prüfung keine Ahnung, ob sie KleinDoofchen oder eine fähige Studentin vor sich hatte. 

Ich kann mich an diese halbe Stunde der Prüfung nur noch bruchstückhaft erinnern. Was ich noch weiß ist, dass die Schauspielerin in mir das Ruder übernahm und irgendetwas erzählte und dass mein Hirn nebenbei „Aha?“ dachte. Aber da mein Mund ja redete und redete, machte ich nach außen wohl keineswegs den Eindruck, ein Blackout zu haben.

Es muss ziemlicher Mist gewesen sein, den ich von mir gab. Die Prüferin glaubte sich großherzig, indem sie mir gerade mal noch eine vier gab, damit die Prüfung als bestanden galt. Der Beisitzer der Prüfung – vielleicht sogar jünger noch als ich – gab mir anschließend schulterklopferisch auf den Weg, dass es in den Politikwissenschaften ja doch nicht nur darum gehe, Fakten aufzuzählen, sondern diese auch abzuwägen und zu bewerten wären. Als ob ich das nicht selbst wüsste!!! Offensichtlich habe ich in dieser Prüfung den Eindruck gemacht, strunzdumm zu sein und mich mit Biegen und Brechen durch mein Studium gemogelt zu haben. Dabei war in allen meinen Hausarbeiten die schlechteste Benotung eine zwei. Noch immer beißt und brennt in mir das tiefe Gefühl der Demütigung. 

Ich habe mich damit abgefunden, dass auf meinem Studienabschlusszeugnis – das ja bei jeder Bewerbung bis ans Ende meines Lebens vorgelegt werden muss – hell und leuchtend diese vier prangt („damals“ flossen die Benotungen für die Hausarbeiten nicht mit in die Abschlussnote ein, die einzig und allein auf dieser einen halbstündigen mündlichen Prüfung beruht). Aber dass diese Professorin mich für eine dumme Gans hält, die unkritisch und unreflektiert einfach nur ein paar auswendig gelernte Fakten wiedergibt und dass mir dieser Beisitzer so väterlich zu erklären versuchte, was denn Politikwissenschaften eigentlich seien – das verursacht in mir noch immer beißende Schmerzen. Ich habe keine Möglichkeit, mich zu rechtfertigen, zu beweisen, dass ich so dumm gar nicht bin, und ich würde mich in tiefen Grund und Boden schämen, wenn ich dieser Professorin noch einmal über den Weg laufen müsste.

Dieses Erlebnis hat mein Selbstbewusstsein, was meine mündliche Redefertigkeit betrifft, natürlich nicht gerade gestärkt. Im Gegenteil – ich weiß ja, dass ich durchaus versagen kann und ja auch bereits versagt habe. 

Lange Zeit hatte ich mich damit zu beruhigen versucht, dass es kluge Menschen gibt, die reden, hingegen aber nicht schreiben können. Wenige Monate nach der Prüfung hörte ich ein Interview mit Jürgen Kuttner, in dem dieser Wasserfallschnellredner beschrieb, dass in ihm ein leeres Blatt Papier und der Befehl: „Schreib!“ ähnliche Ängste wie in mir das Sprechen müssen auslösen würde.

Ihr habt natürlich Recht, wenn Ihr meint, ich solle mich doch darauf konzentrieren, was ich kann, anstatt darüber nachzugrübeln, was ich nicht schaffe. 

Aber im Namen aller Menschen mit Sprechproblemen – die vor laufenden Kameras stottern und Unfug erzählen, die in größerer Runde den Mund gar nicht aufbekommen, die sich in Diskussionen nicht ausdrücken können und denen schlicht und einfach keine Argumente einfallen, weil gerade vor lauter Aufregung die Synapsen im Hirn falsch geschaltet sind –

Bitte!

Urteilt nicht vorschnell! Lacht und lästert nicht!

Gebt den Leuten eine zweite und dritte Chance, gebt ihnen Zeit!

Vielleicht sind sie nicht dumm und uninteressiert. Vielleicht haben sie einfach „nur“ mit dem Reden Probleme. 


Ich danke Euch von Herzen!