Hörbar

Ich habe ein wenig herumprobiert und nun auch ein eigenes Konto auf SoundCloud, auf dem ich nach und nach eigene Texte und eventuell auch interessante Prosa oder Lyrik vorlese. Wie ich die Aufnahmen in iTunes einbinde, werde ich demnächst noch herausfinden – ein Schritt nach dem anderen.

In meiner neuen Rubrik Hörbar könnt Ihr schon einmal zwei Gedichte anhören:

https://agnesblogsite.wordpress.com/hoerbar/

 

Geborgenheit

 

Des Herbstes Mantel ist heut‘ grau
Und Nebel hüllt die Bäume ein.
Wolken schweben träge vor des Himmels Blau.
Die kühle Luft ist feucht und rein.

Der See liegt still und friedlich da;
Kein Windhauch stört den Frieden.
Die Wasservögel ruhen aus, dem Ufer nah,
Von Strömung nur ganz sanft getrieben.

Der Bäume Kronen spenden sich’ren Schutz,
Darunter tänzeln bunte Blätter von den Ästen.
Sie bilden unten einen wunderschönen Putz,
Der Wohnung wird für viele Gäste.

Die Regentropfen streicheln mein Gesicht.
Ganz zärtlich kühl’n sie meine Wangen
Und flüstern: „Halte inne! Geh noch nicht!“
Und ich vergesse für den Augenblick mein bitt’res dunkles trübes Bangen.

Triumphzug der Schwere

Schmerzhafte Fühllosigkeit

Sticht mitten ins Herz hinein.

Mit zentnerschwerer Leichtigkeit

Zieht dichtgedrängte Leere

In ihre graue Seele ein.

Es ist ein Triumpfzug der Schwere.

 

Die hellhörigen Ohren

Sind taub für gutgemeinte Worte.

Ruheloser Schlaf ist geboren,

Bringt Gruselträume an Orte

Der Ruhe uns Stille.

Ein Flüchtling – der eigene Wille.

 

 

Berlin, am 16.10.2016

 

 

Gegen Herrn W.

Leider kein Scherzgedicht

Sozialarbeiter an der Macht
Hat mich um meinen Schlaf gebracht.
Mich zwacken, zwicken fiese Schmerzen
Und Groll liegt tief in meinem Herzen.

Was bildet sich der Knilch denn ein?
Dass heilen kann mich er allein?
Mit seinem Spieleangebot?!?
Ich fass es nicht. Ich sehe rot.

Da kommt der herzensdumme Mann
Mit wehn’dem Schritt bei mir im Zimmer an
Voll Selbstgefälligkeit und Arroganz:
„Von meiner Therapie da profitier’n hier alle ganz.

Sozialphobie? Ihn‘ geht’s nicht gut?
Ach Quatsch – ein Kaffeklatsch in großer Runde ist für Sie sehr gut!
Wir sind hier in geschütztem Rahmen.
Sind doch alles and’re Kranke hier, die Schreihalsdamen.

Wir setzen uns an einen Tisch, ich hol die Klampfe
Dann ziehen wir in siegessich’rem Kampfe
Gegen die Depression und Angst.“

Weh‘ dir, wenn Ruhe du verlangst!

„Sie weigern sich? Ja hör ich richtig?
Ich bin hier Mister Oberwichtig.
Sie, junge Dame, hörn‘ Sie mal:
Wir leben hier nicht anno dazumal.

Es gibt hier nicht nur Pillen,
Ich brech‘ auch ihren Willen.
Wenn hier im Haus MEIN Spieleabend ist
Wird sich doch nicht ins Zimmerchen verpisst.

„Herr W., darauf kann ich nur noch bockig sein.
Mich zu was zwingen – das mach ich höchstens ganz allein.
Kein andrer darf das je, das lassen Sie hübsch sein!
Sonst lässt mich meine Wut bald eine and’re sein.

Was wissen Sie von Empathie und and’rer Seelenpein
Sonst wüssten Sie, dass ihre Art mich bringt zum Schrei’n.
So wie sie hier kommen rein,
MUSS ich Ihnen zwanghaft sagen: ‚Nein!‘

Ihre Art erniedrigt mich, beleidigt mich gar tief.
Ich bin mündig, aufgeklärt und lieg nur in der Psyche schief.
Sie aber haben wohl die Wendezeit verpennt
Und ahnen nicht, dass heute man den mündigen Patienten kennt.

Ich selbst brauch Hilfe, zugegeben,
Deshalb hab ich mich auf Station begeben.
Ich mache Therapien mit
Und gehe jeden nöt’gen Schritt.

Von Ihnen lass ich ich mir nicht unterstellen,
Ich wollt mich nur mit Pillen ruhigstellen.
Beleidigend ist das, ich sag es hier nochmal.
Sie treten mich mit Ihren Füßen hundertmal!

Und doch bin ich zu Dank verpflichtet,
Sie haben meine Wut auf sich gerichtet,
Die ziellos war sonst in mir drin.
Oh ja, nun macht die Sache Sinn!

Auf Sie kann ich nun böse sein
Und nicht auf mich im stillen Kämmerlein.
Herr W., dafür mein Dank an Sie,
Doch zu Ihr’m Spieleabend komm‘ ich nie!“
Agnes Podczeck in der Nacht zum 7. Oktober 2016

august

august hat begonnen,

verdammt und verflucht sei die zeit!

der sommer ist durch mich hindurchgeronnen;

ich war doch noch nicht mal zum frühling bereit.

 

noch ist es angeblich schön.

die sonne scheint wohlig und warm

ein lauer wind rauscht durch die blätter

und pärchen flanier’ n arm in arm.

 

der tiergarten strahlt saftig, grün,

motorenlärm stört nur von fern.

die eitle sonne, gespiegelt im wasser –

ich sah das doch früher so gern.

 

familie graureiher sitzt traut am ufer

die kleinen noch flauschig und süß

doch bald sind verlassen die alten,

weil das leben vorbeifliegen muss.

 

die anderen menschen, die fernab von mir

und meiner dunkelheit leben,

erstrahlen vor glück über den tag.

ich aber sitze und grolle hier,

auch weil ich die schönheit des lebens

nicht zu fühlen vermag.

 

halt!, will ich rufen, zeit, halte still,

weil ich für immer hier sitzen will

und blicken aufs wasser

und lieben und leben.

 

doch hohn und spott sind nur übrig für mich.

ich suhl‘ mich im selbstmitleid. fürchterlich!

wie verachte ich mich dafür.

liegt das in meiner natur?

 

die schönheit des lebens

ist folter für mich.

 

die stiche der rostigen nadeln geh ‘n mitten ins herz.

nicht, dass ich nichts fühle,

denn ich fühle den schmerz!

und die wehmut.

ich fühle, nichts wird mehr gut.

 

noch ist es warm, doch bald ist ’s vorbei:

die blätter verkünden mir das mit schrillem geschrei

 

– bald kommt das ende.

 

ich war noch nicht mal zum frühling bereit,

da ist schon der sommer durch mich hindurchgeronnen.

bald hat der herbst begonnen.

verdammt und verflucht sei die zeit!