Agnes schwingt die Moralkeule: Im übrigen bin ich der Meinung …

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… dass der Flughafen Tegel geschlossen werden muss.

 

Weit über die Grenzen Berlins und Brandenburgs hinaus ist das Flughafendebakel um den BER bekannt, der vor fünf Jahren hätte eröffnet werden sollen und dessen Bauverzögerung mehr als 1,3 Millionen Euro – pro Tag. Um sich diese Kosten überhaupt vorstellen zu können, hilft ein Blick auf folgende Seite: https://www.flughafen-berlin-kosten.de.

Nun erhebt sich eine kleine und zwischenzeitlich unbedeutend gewordene Partei umfragetechnisch wieder in politische Höhenlüfte, indem sie medienwirksam für den Weiterbetrieb des Berliner Stadtflughafens Tegel wirbt und den Volksentscheid zur Offenhaltung (*Randnotiz: der Autokorrektor schlug statt Offenhaltung „Affenhaltung“ vor, wenn das mal kein Zeichen ist) Tegels tat- und zahlungskräftig unterstützt.

Zeitgleich zur Bundestagswahl soll morgen in Berlin über diesen Volksentscheid abgestimmt werden. Er ist nicht bindend, aber ein Statement und Argument und Stütze für die künftige Stadtpolitik in die eine oder aber die andere Richtung.

Selbstredend nehme ich morgen an der Bundestagswahl teil und werde zudem  Volksentscheid gegen eine Offenhaltung Tegels stimmen, meiner Fassungslosigkeit ob des gigantischen Planungsversagens und der nicht in Worte zu fassenden Verschwendung zum Trotz.

Klar, die Mehrzahl der BerlinerInnen liebt „ihren Flughafen“, mittenmang in der Stadt. Es sieht wirklich hübsch aus, wie die Flugzeuge über Berlin Stadt zum Landeanflug ansetzen; das gehört irgendwie zum Flair dieser Stadt. Solange man nicht direkt darunter in der Einflugschneise steht, sitzt oder gar wohnt und diesem nachgewiesenermaßen krankmachenden Höllenlärm tagtäglich ausgesetzt ist. Dass manche fluglärmgeschulte AnwohnerInnen selbst für die Offenhaltung des Stadtflughafens sind, einzig und allein, weil sie fürchten, dass ihre Mieten sonst rasant in die Höhe schießen werden, ist ein Armutszeugnis für die tatsächlich defizitäre Sozialpolitik und das Versagen des MieterInnenschutzes. Ist es nicht empörend, dass Menschen lieber duldsam Lärm ertragen, nur um nicht aus ihrem Wohnumfeld verdrängt zu werden? Weil sie sonst nicht wissen, wohin? Miet- und Wohnungspolitik – das ist das eigentliche Thema, das Bund und Stadt auf der Agenda haben sollten. Möge der rot-rot-grüne Senat dabei ein weises Hirn und ein glückliches Händchen haben. Bin ich blauäugig?

Hauptargument der TegelbefürworterInnen: steigende Fluggastzahlen, denen der BER in seiner jetzigen Größe einfach nicht gewachsen ist. Abgesehen davon, dass die Schätzungen der künftigen Passagierzahlen übermäßig hoch angesetzt wurden – ist eine immer weitere Ausweitung der Flugverkehrs denn überhaupt wünschenswert, anstrebenswert, politisch, ökologisch und ökonomisch vertretbar? Diese Wachstumslogik finde ich – galant ausgedrückt – sehr ärgerlich. Alle außer ein paar ScheuklappenträgerInnen machen sich Sorgen ob der Folgen des Klimawandels. Bei jedem Sturm, jedem Unwetter, jedem zu heißen, kalten, nassen oder trockenen Herbst, Winter, Sommer und Frühling fragen wir uns: ist das normal oder sind das schon die ersten Boten des Klimawandels. Wir empören uns – zurecht – über Volkswagen, Dieselskandal, Trump und Co, machen tse tse tse, wenn die Nachbarn den Müll nicht korrekt trennen; und steigen dann mal eben ins Flugzeug. Mehrfach pro Jahr, mit einer unvorstellbaren Selbstverständlichkeit. Weil es so unverschämt billig ist, jetten wir von Berlin nach Stuttgart oder München, Amsterdam, Paris und London. Wenn ich im Radio die Werbung für Flugreisen für eben mal 39 Euro höre, kommt mir das Frühstück wieder hoch. Wie bitte: Spaß muss sein und man kann nicht auf alles verzichten? Nun, mir vergeht jede Freude, wenn ich an die möglichen Folgen für meine Kinder und Enkelkinder in fünfzig Jahren denke. Ja, Bahnfahren ist teuer, zu teuer. Das zu Ändern ist ein unterstützenswertes politisches Ziel. Aus Protest gegen teure Bahnfahrkarten die Umwelt kapputtzufliegen ist kurzfristig gedacht, um nicht das Wort dämlich zu verwenden.

Ist gut, ich packe jetzt die Moralkeule wieder ein und fürchte ohnehin, dass ich sowieso nur die bereits Überzeugten erreicht habe.

Für einen visuell positiveren Beitragsabschluss lieber noch ein paar Flugzeuglandebilder.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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Groth statt Grün – Zeilenendes Fotoprojekt 7

Groth statt Grün – Zeilenendes Fotoprojekt 7

 

Das Zeilenende hatte im Februar zu einem gemeinsamen Fotoprojekt aufgerufen – zwölf Monate lang soll jeweils am letzten Sonntag des Monats eine Momentaufnahme eines selbstgewählten Motivs präsentiert werden.

Der Aufruf erzeugte ein überwältigendes Echo und auch ich bin von der Idee so begeistert, dass ich hier das Wachstum der zu recht umstrittenen Baustelle des ebenso umstrittenen Investors Groth Gruppe am Berliner Mauerpark dokumentiere.

 

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Im durchwachsenen Berliner Sommer wuchs nicht nur das Gras auf den um diese Jahreszeit eher gelb-trockenen Wiesen. Inzwischen sind auch im mittleren Baustellenabschnitt  Gerüst und Fassade so hoch, dass sie weithin sichtbar sind.

 

Gras ist also nicht über die Baustelle gewachsen. Ebenso nicht über die Befürchtungen von AnwohnerInnen ost- und westseits der neuen Luxusbauten, dass die teure Nachbarschaft sich weder besänftigend auf Wohnungsknappheit noch auf Mietpreisentwicklung (Mietspiegel) auswirken wird. In meinem Mietshaus gab es übrigens diesen Sommer erst eine Anpassung der Miete an den Mietspiegel – selbstredend nach oben. Nur ich bin davon nicht betroffen gewesen, da meine Miete für meine unsanierte dunkel-kalte Hintterhaus-Erdgeschosswohnung ohnehin recht hoch angesetzt ist.

Da möchte man doch manchmal ausrufen, Hopfen und Malz sei verloren. Aber nein, so ist es gar nicht. Zumindest der Hopfen gedeiht hier wieder hervorragend und wuchert ungestört und munter. Wie jedes Jahr werden bald Kinder kommen, die Hopfenblüten abrupfen und von oben hinunter in den Senkgarten rieseln lassen. Einen Heidenspaß werden sie haben.

 

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Klettere ich auf die Bank, die unter diesem Hopfen steht, kann ich vielleicht ein letztes Mal hinüber zu den Häusern in der Graunstraße blicken.

 

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Derzeit einmalig ist der Blick, den ich von hier Richtung der Westseite des Gleimtunnels habe, wo die Groth-Gruppe derzeit ihr schickes Büro hat, dessen einst eingeworfene Scheiben übrigens längst ausgetauscht sind.

 

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Wenn man dann vor diesem Büro steht, hat man dieser Tage dementsprechend ebenso Sicht auf die Schwedter Straße. Lange wird auch das nicht währen.

 

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Blicke ich von Norden aus, von der Schwedter Brücke, nach Süden zur Baustelle, erkenne ich auf den ersten Blick kaum Unterschiede zum Vormonat.

 

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Sehe ich genauer hin, entdecke ich zarte Vorboten des Herbstes.

 

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Auch die Pappeln vor dem Moritzhof haben bereits gelbliche Blätter.

 

 

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Besonders herbstlich wirkt die Natur, wenn ich mich von Süden aus der Baustelle nähre.

 

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Ein zarter Vorgeschmack darauf, was uns die kommenden Monate bringen werden.

 

Beim Vormonatsbeitrag vom Zeilenende findet Ihr die vielen interessanten Links zu den Beiträgen der anderen. Ich will jetzt erst einmal dem Spätsommersonntag huldigen, statt Links zu sammeln, was Ihr, wie ich Euch kenne, gutheißen werdet. Die Links kommen dann später.

 

Groth statt Grün – Zeilenendes Fotoprojekt 6

Groth statt Grün – Zeilenendes Fotoprojekt 5

Groth statt Grün – Zeilenendes Fotoprojekt 4

Groth statt Grün – Zeilenendes Fotoprojekt 3

Groth statt Grün – Zeilenendes Fotoprojekt 2

Groth statt Grün – Zeilenendes Fotoprojekt

EiLosKuchen für den traurigen Teddy

Panda, Naturkundemuseum

Bao Bao im Naturkundemuseums, Bleistiftskizze,Skizzenbuch A5, 01.08.2017

 

„Ooooh, guck mal Mama! Der sieht aber traurig aus,“ stellte ein kleines Mädchen fest, als es an der Vitrine mit dem ausgestopften Pandabären Bao Bao vorbeilief.

In der Tat war mir die große Traurigkeit des ausgestellten Pandabären im Vergleich zum  scheinbar fröhlichen Knut auch aufgefallen. Will er uns Menschen mahnen, die wir gedankenlos unsere Umwelt und damit nicht nur unsere eigene, sondern auch seine Lebensgrundlage und die aller Wesen der Erde zerstören? Kritisiert er den Selfiewahn um Knut, der ihm nur einen Bruchteil der Aufmerksamkeit beschert? Mahnt er, die Haltung und die Haltungsbedingungen von Zootieren zu überdenken? Ist ihm unwohl bei dem Gedanken an den millionenschweren Pakt um seine zwei Artgenossen, die nun staatstragend im Berliner Zoo hofiert werden? Könnte er all dies tatsächlich denken, wäre er sicherlich auch erfreut über die Diskussion über Tierethik, angeregt von Gerda Kazakou und Nadia Baumgart, zu deren aktuellsten Artikeln diesbezüglich Ihr gern den Links folgen könnt:

https://gerdakazakou.com/2017/08/02/die-ziege-myrte-mittwochs-beitrag-zur-tier-ethik/

https://tierethiksite.wordpress.com/2017/08/02/mein-kommentar-zu-gerdas-beitrag/

 

Wie entsetzt wäre Bao Bau, wüsste er, dass wir gestern ein peinliches, trauriges, schauriges Gedenkdatum hatten, den „Earth Overshoot Day“. Falls das Euch nichts sagt, dann lest z.B. in diesem gestrigen taz-Artikel und im WordPressbeitrag von Ellie zum „Traurigen Welterschöpfungstag“.

 

Dazu passt vortrefflich, dass im Rahmen der bunten Ara-Ausstellung des Naturkundemuseums die Installation eines aufgehängten Mastschweins gezeigt wird, auf dessen Bauch die (wenigen) interessierten Besucher gezeigt bekommen, dass massenhafter Fleischkonsum ein wesentlicher Faktor bei der Vernichtung des Regenwaldes ist, denn den großen Teil des dort angebauten Soja essen nicht die VeganerInnen und VegetarierInnen, sondern dienen als Futtermittel zum Beispiel für unsere Mastschweine.

 

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Doch genug des erhobenen Zeigefingers, denn hilfreicher ist es doch, wenn wir uns die Umstellung der Ernährungs- und Lebensweise gegenseitig schmackhaft machen. Mein Minibeitrag dazu heute:

 

Gestern gab es bei uns EiLosKuchen, die wir geradezu verschlungen haben. Das will etwas heißen, denn ich war soweit ich mich erinnern kann noch nie ein richtig großer Fan von Eierkuchen (oder Pfannkuchen — der Streit um die korrekte Bezeichnung ist emotional, ideologisch und wird wohl nie final entschieden). Darüber hinaus: früher sind mir die Dinger in der Pfanne immer angebrannt oder kaputt gegangen oder schmeckten viel zu fettig. Diese Superkuchen aber sind mir – ich habe selbst Bauklötzer gestaunt – auf Anhieb gelungen.

Das Rezept ist simpler als jede Backmischung:

Mehl und Wasser verrührt Ihr im Verhältnis 1:2 (ich habe verschiedenen Mehlsorten gemischt, simples Auszugsweizenmehl funktioniert aber wohl ebenso). Eine oder zwei pürierte Bananen ersetzen die Eier. Als Ei-Ersatz funktioniert auch Apfelmus, das ich ebenfalls dazugegeben habe. Menge frei nach Lust und Laune. Dazu eine Prise Salz sowie bei Bedarf noch etwas Zucker. Dann die Masse nach und nach in die Pfanne geben. Und die fertigen EiLosKuchen stellt Ihr sicher, damit sie nicht aufgenascht sind, bevor Ihr fertig mit dem Braten seid.

Zum Beweis die EiLoskuchenbilder sowie das Versprechen, dass mein Blog hiermit nicht und niemals zum Rezepteblog mutiert. Kochen und Backen sind für mich reine Notwendigkeit des Alltags und nichts, worüber ich in meiner freien Zeit mehr als nötig zu Lamentieren gewillt bin.

 

 

Der saftige, süße und suchterzeugende Geburtstags-Schokokuchen war selbstredend auch Ei- und Milchfrei.

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Knut, der Superstar

Eisbär, Knut, Naturkundemuseum Berlin

Eisbär Knut – auch heute noch ein Publikumsmagnet, Zeichnung, Fineliner, Skizzenbuch A5, 01.08.2017

Viele werden sich noch an den riesigen Hype um das Eisbärbaby Knut erinnern, dem sich damals niemand entziehen konnte.

Der einstige Superstar und Liebling des Berliner Zoos (West) lebte nicht nur im permanenten Rampenlicht, sondern starb makabererweise auch unter den Augen der Zoobesucher; gerade einmal vier Jahre alt.

Sodann wurde er ausgestopft und ging als Eisbärpräparat auf Reisen. Derzeit gehört er zu den Attraktionen des Berliner Naturkundemuseums.

Als ich am Dienstag dort war, erwies ich ihm selbstredend meine Ehre – mit meinem Zeichenstift. Über Knuts Schädelform war ich höchst erstaunt – besonders über die Profilansicht. Dass ein Eisbärenschädel geradezu stromlinienförmig spitz zuläuft – ganz im Gegensatz zur Kopfform einer anderer Bärenarten und auch des beliebten Plüschteddies – war mir bis Dienstag nicht bewusst.

Solche Details interessierten das Gros der Besucher, die Knut passierten während ich dort zeichnete, arg wenig. Selfie mit Knut war Spitzenreiter unter den Attraktionen. Gruppenbild mit Knut war ebenfalls sehr hoch im Kurs: Bitte lächeln. Knut jedenfalls scheint uns Betrachtern tatsächlich zuzulächeln. Zufall oder touristisches Mitdenken der Kollegen Präparatoren (und Präparatorinnen, um ganz genau zu sein)?

Knut, Eisbär, Naturkundemuseum

Knut – kein Bär von Traurigkeit? Zeichnung, Fineliner, Skizzenbuch A5, 01.08.2017

Groth statt Grün – Zeilenendes Fotoprojekt 6

Groth statt Grün – Zeilenendes Fotoprojekt 6

 

Das Zeilenende hatte im Februar zu einem gemeinsamen Fotoprojekt aufgerufen – zwölf Monate lang soll jeweils am letzten Sonntag des Monats eine Momentaufnahme eines selbstgewählten Motivs präsentiert werden.

Der Aufruf erzeugte ein überwältigendes Echo und auch ich bin von der Idee so begeistert, dass ich hier das Wachstum der zu recht umstrittenen Baustelle des ebenso umstrittenen Investors Groth Gruppe am Berliner Mauerpark dokumentiere.

 

Halbzeit; die erste Hälfte des Projektzeitraums ist nun vorbei!

Ich will nicht jammern, dass die Zeit so schnell vergeht. Aber … Und doch liegt es mir auf der Zunge. Schon allein deswegen, weil dies mein letzter Beitrag als Enddreißigerin ist. Fast ein ganzes Jahr lang hatte ich Angst vor dem morgigen Tag. Inzwischen bin ich etwas zuversichtlicher, was auch daran liegt, dass ich langsam das Gefühl habe, aus dem Psychotal herausblicken zu können und dabei nicht mehr nur schwarz sehe. Somit kann ich sagen, dass mein allergrößtes Geschenk ist, dass ich diesen Tag erleben kann, ohne Nebel vorm Gesicht, Abgrund vor den Füßen und der schwarzen Hand, die gern mein Herz zerdrückt. Zudem wird es nach den Regenmassen und der Kühle der letzten Tage (Wochen …) wohl ein warmer sonniger Tag werden und — ich werde meine Töchter um mich haben. Kann ich mir mehr wünschen?

Jetzt merke ich aber doch, wie ich gerade immer unruhiger und aufgeregter werde und das nicht in so positivem Sinne wie damals noch als Kind. Normalerweise mache ich überhaupt kein Gewese um meinen Geburtstag, aber die Vierzig, die mich morgen erwartet, fühlt sich bedrohlich an. Und das obwohl ich weiß, dass ich einige Leserinnen und Leser jenseits der Fünfzig habe, die jetzt milde und wissend in sich hineinlächeln.

 

Aus diesem Grunde gibt es hier auch einen relativ knapp kommentierten Monatsblick auf die Groth-Baustelle; und ich habe mir ebenfalls gespart, die auffällig gewachsene Baustelle von der Westseite aus abzulichten. Ich zeige statt dessen die Brücke, von der aus ich die nun fast fertige Fassade der Nordseite des Gebäudekomplexes fotografiere, und ebenso die Bank, auf die ich immer klettere, um einen Blick über die Hecke auf die neu entstehenden Häuser zu werden.

Außerdem habe ich der Fotodokumentation noch einige Bilder aus dem nahen Sonntags-Party-Mauerpark hinzugefügt, von dem aus man die inzwischen vier Kräne der Groth-Baustelle auch sehr gut sehen kann (wobei Kräne in einer Stadt wie Berlin ganz und gar kein Alleinstellungsmerkmal sind).

Zum Abschluss der Fotostrecke dann noch in Erinnerung an die Rhabarber-und Hyazinthe-Reihe aus dem Frühjahr ein Blick auf die grün wuchernden Straßenkübelbeete meiner Häusernachbarin in meiner Straße.

Jetzt geht es – husch – für mich zurück in die Küche, damit der Schokoladenkuchen für morgen endlich gebacken werden kann.

Ich gehe nicht davon aus, dass ich mich morgen in der Blogwelt blicken lasse, also wünsche ich Euch heute schon einmal: Kommt gut in den August!

 

 

Wenn ich richtig gut bin, dann werde ich an dieser Stelle zu späterer Zeit die Verlinkungen zu den anderen Teilnehmenden einfügen.

Der Link zum Beitrag des Initiators der Blogparade, zum Herrn Zeilenende ist aber obligatorisch. Die Links zu den Posts der anderen werdet Ihr dort finden können.

 

Meine eigenen bisherigen Paradenbeiträge:

Groth statt Grün – Zeilenendes Fotoprojekt 5

Groth statt Grün – Zeilenendes Fotoprojekt 4

Groth statt Grün – Zeilenendes Fotoprojekt 3

Groth statt Grün – Zeilenendes Fotoprojekt 2

Groth statt Grün – Zeilenendes Fotoprojekt

I told you how to change the world

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Streetart am Berliner Mauerpark, gefunden am 2. Juli 2017, Artist: marycula

 

BewohnerInnen von Städten werden das Phänomen der als-Flaschenammelnde-meist-ältere-Menschen-sichtbaren Armut zur Genüge kennen und ich habe auf diesem Blog mehrfach erzählt, dass ich aus meinem Fenster direkt auf die Mülltonnen blicken kann und somit fast täglich mit diesem traurigen Anblick konfrontiert werde.

Ob nun Marx damals DIE richtige Antwort auf die auch damals schon heiß lodernde soziale Frage wusste, kann und soll in diesem Rahmen nicht beurteilt werden. Mit dem festen Vorhaben, es Kapitel für Kapitel gewissenhaft durchzuarbeiten, habe ich mir vor vielen Jahren „Das Kapital“ gekauft, muss aber zugeben, dass es neben anderen un- oder halb gelesenen Büchern noch immer im Regal auf meine ungeteilte Aufmerksamkeit wartet.

Immerhin, das Kommunistische Manifest las ich erstmals vor knapp dreißig Jahren:  als Siebentklässlerin habe ich im Nachwendejahr einen gewiss naiven Schulvortrag (frei gewählt) gehalten, in dem ich mich – hochernst! – mit der Frage beschäftigte, warum wohl der Sozialismus gescheitert sei. Ein Thema, das vielleicht nicht unbedingt typisch für ein Mädchen meines Alters ist, mich aber damals arg umtrieb. Als mein großer, kluger, belesener und von mir immer geschätzter, bewunderter und verehrter großer Bruder von dem Thema hörte, drückte er mir wortlos jenes kleine Büchlein in die Hand. Ich habe es gelesen, ernsthaft, mehrfach, und daraus zitiert – schon allein meines Bruders wegen, um ihm zu gleichen, ihm zu gefallen. Was mir schon allein ob des Altersunterschieds und der dementsprechend fremden Welten, in denen wir lebten (und leben) nicht gelingen konnte; und ob ich das Manifest damals wirklich verstand, möchte ich bezweifeln. Aber später trug ich lange Jahre dieses kleine rote Büchlein in meiner Schultasche – zusammen mit Maxi Wanders „Guten Morgen Du Schöne“, das ich leider eines Tages auf unserem Schulhof liegen ließ.

 

 

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Streetart am Berliner Mauerpark, gefunden am 2. Juli 2017, Artist: marycula

Andrea und der graue Westen

 

oder

Ein Wortschwall an Erinnerung

 

 

Als mich auf meinem sonntäglichen Fotospaziergang eine kurze Regenhusche überraschte, fand ich Zuflucht im Hausdurchgang eines dieser Häuser, die in den achtziger Jahren als Sozialbauten direkt der Grenze zum damaligen Ostberlin gebaut wurden.

 

Als ich aufsehe, erblicke ich ein Schild, das mich sofort in meine Kindheit zurückversetzt. Erinnerungen schießen in mir hoch und tanzen Salto. Sie sind gekommen, um zu bleiben, wollen aufgeschrieben werden. Ich beuge mich jetzt; vielleicht auch deshalb, weil ich heute besonders rührselig bin, denn mein heißgeliebter Opa Schorsch wäre heute 100 Jahre alt geworden.

Nun aber zurück zum Schild:

 

BALLSPIELEN VERBOTEN, Schild in einem Berliner Hausdurchgang

Ballspielen verboten. Schild an einer Hauswand im Berliner Wedding

 

Nein, es ist nicht so, dass ich selbst als Kind derartigen Beschränkungen unterlegen wäre – Ballspielen verboten. Im Gegenteil: vom vierten bis zum elften Lebensjahr – dem Spielplatzalter also – lebte ich in einem der früher allseits attraktiven und beliebten Plattenbauten in Halle Silberhöhe (in den Nachwendejahrzehnten als Silberhölle dann recht zügig in Verruf geraten). Die damalige Bewohnerschaft war jung, viele hatten Kinder. Spielen konnten wir überall. In meiner Erinnerung habe ich, meist unbehelligt von Erwachsenen, immerzu nach Herzenslust getobt, gekreischt und gelacht.

 

Zumindest in unserem Haus kannten sich die Bewohner und ich sehe mich immer noch wie selbstverständlich bei diesen oder jenen Nachbarn klingeln. Mein Kindheitsblick war ungetrübt und im Kindergarten hatte ich gelernt, wie schön sie ist, die DDR, wie kinderfreundlich, dass Brot so billig ist, dass wir alles haben, was wir brauchen, weil eben ‚bei uns der Mensch und seine Bedürfnisse im Mittelpunkt steht‘. Ich sah ‚unsere Soldaten‘ als Friedensengel und hoffte sehnlichst, dass sehr bald endlich auch im Westen der Fortschritt, der Sozialismus also, Einzug halten würde.

 

Nein, meine Eltern waren nicht besonders systemhörig, auch nicht oppositionell. Abends liefen ganz selbstverständlich zunächst die Nachrichten auf DDR 1 und dann die Tagesschau. Meiner Erinnerung nach wurde über Politik in meinem Beisein nicht gesprochen – erst 1989, als ich (inzwischen nahe der Mauer in einem Berliner Altbau lebend) zwölf war und mein politisches Interesse mit einem Paukenschlag erwachte.

 

Meine stramm rote Bildung und Erziehung bis zu jenem Wendejahr erfolgte in Kinderkrippe und Kindergarten, wo ich wie fast alle Kinder der DDR viel Zeit verbrachte, und später in der Schule. Als ich lesen konnte, kam neben der mündlichen Propaganda noch ein Buch hinzu, das meinen Blick auf den Westen langfristig prägte: „Andrea“ war der Titel und handelte von einem Mädchen in Österreich und von ihrem Alltag. Ich habe mir nur jenes gemerkt: sie durfte nicht auf ihrem Hof spielen; der Hausmeister hatte ein Schild aufgestellt: „Ballspielen verboten“. Sämtliche Fotos in diesem Buch waren schwarz-weiß und so hatte ich – ja, schmunzelt nur, ihr LeserInnen mit Westhintergrund – die Vorstellung, der Alltag im Westen sei grau, trist und nur die Werbung bunt; aber die beworbenen Produkte könnte sich die Arbeiterklasse sowieso nicht leisten. Ich hatte Mitleid mit dem österreichischen Mädchen und allen Kindern im westlichen Ausland und war froh in einem Land zu leben, in dem ich überall spielen durfte. Dass Ballspielen auch in der DDR nicht überall erlaubt und so manches andere auch verboten war, kam mir zu jenem Zeitpunkt überhaupt nicht in den Sinn.

 

Dieses trübe Kapitalismusbild wurde nur noch durch eines gesteigert: durch einen Artikel in der Pionierzeitung „Trommel“, den ich in der dritten oder vierten Klasse las; über ein Mädchen in den USA, dass unnötigerweise sterben musste, weil ihr Vater für sie keine Krankenversicherung hatte und sie deshalb kein Krankenhaus aufnehmen wollte. Das machte mich damals unheimlich traurig und mir zugleich eine riesige Angst vor dem Kapitalismus und Amerika.

 

Von hier aus könnte ich noch einen sehr sehr langen Bogen schlagen – über Gesellschaft, Weltpolitik, Sozialpolitik im Allgemeinen, Löcher und breite Spalten im Sozialen Netz auch dieses unseres doch sehr reichen bunten Landes, durch die zu fallen leider eine Menge Menschen die Erfahrung machen müssen. Aber dieser Beitrag ist schon länger als geplant geworden, wollte ich doch eigentlich nur die Anekdote meines Kinderbilds vom Westen erzählen, wie sie mir am Sonntag, im tristen Hof der Exsozialbaus, wieder in den Sinn kam.

 

Zur bildlichen Untermalung drei Fotos, die ich bei einer Stippvisite zusammen mit meiner Mutter in meiner alten Heimatstadt im April 2012 machte. Wie immer öffnet sich die Bildergalerie, wenn Ihr eines der Bilder anklickt.

 

 

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Meine Kindheitsstraße gibt es noch. Nicht selbstverständlich, denn in diesem Viertel wurden im Zuge des StadtUMbaus Ost eine ganze Menge Häuser RÜCKgebaut. Diese Aufnahme machte ich bei einer Stippvisite in meiner alten Heimatstadt im April 2012.

 

Die Schule, die ich die ersten zwei Jahre lebte, gibt es inzwischen nicht mehr. Angesichts der riesigen Abwanderung aus der Region mangelte es einfach an Bedarf.