Die Schuldfrage

 

Es gibt ja Menschen, die immer sofort die Schuld bei den anderen sehen; was immer auch passiert – die Welt ist böse und sie selbst machen immer alles richtig.

Ich gehöre zum anderen Extrem, indem ich für alles immer die Schuld bei mir suche, sich richtig nur auf mich allein Wut empfinden kann. Für alle anderen Menschen finde ich tausend Ausreden. Egal ob vielleicht das Fehlverhalten ganz objektiv auf der Seite anderer Leute liegt, ich finde zielgenau das Schlupfloch, weswegen ich mich selbst kasteien darf.

Während viele Leute endlich mal lernen müssen, sich auch mal an die eigene Nase zu fassen, ist meine Nase also schon fast plattgedrückt. Aber die Behörden der sozialen (Un!)Sicherheit und ihre SachbearbeiterInnen haben sich schon seit langer langer Zeit entschlossen, mir ganz (un)eigennützig mit einer Schocktherapie zu helfen. Ich möchte ihnen hier an dieser Stelle meinen tiefempfundenen Dank aussprechen (muss ich die Ironiewarnung hinzufügen?). Ich finde zwar immer noch ausreichend Gründe, auf mich selbst zu fluchen, aber darüber hinaus wächst ein Pflänzchen der Wut, die sich nach außen richtet.

Bei der therapeutischen Bearbeitung des Themas helfen mir die Köpenicker Knorkator (jetzt Ironie Ende, die helfen wirklich!) und ich höre gerade in Schleife, wie der eine Stumpen sein zweites Ich so richtig fertig macht.

 

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Was vom Leben übrig blieb

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Wohnen unter der Brücke. Es mag in der Herbstsonne bunt und romantisch aussehen. Die Realität ist weit davon entfernt. Prenzlauer Berg in Berlin, 06. November 2017

 

Wahrscheinlich habe ich heute eine gute Nachricht bekommen. Eine sehr gute. Eine ausgezeichnete. Eine, die die Schlinge, die ich die letzten Wochen um meinen Hals spürte und die sich enger und enger zog, die mich die inzwischen fast nicht mehr atmen ließ, gelockert hat. Ich befinde mich nun in einem Schwebezustand. Kann ich schon aufatmen? Wie viel kann noch passieren und das vorläufige Happy End in ein unsägliches Drama verwandeln?

Noch habe ich die rettende Information nicht schriftlich. Noch stehe ich unter Strom. Mein Körper ist im Stressmodus. Wann endlich kommt der Brief? Kommt der Brief?

Während ich nun heute wieder Hoffnung schöpfe, meine Wohnung halten zu können, wird wird diejenige des kranken Alkoholikers und Messies geräumt. Nach einem Wasserschaden vor ein paar Monaten habe ich nur ein paar Zentimeter des Wohnungseingangs erahnen können. Unter Müll und Zeitungsfetzen. Dort lebte ein Mensch. Lange. Im Sommer, wenn es draußen heiß war, sank der faulige Gestank aus dem vierten Stock bis ins Erdgeschoss. Die Kinder aus dem Kinderladen verzogen dann immer die Gesichter: Bei Euch stinkt es ganz eklig!

Heute riecht das ganze Haus riecht nach Desinfektionsmittel. Das Räumkommando, zierliche junge Männer, die kein Wort Deutsch verstehen, trägt zarte Handschuhe und einen dünnen Mundschutz. Wahrscheinlich setzen sie ihre Gesundheit aufs Spiel und bekommen sie für diese traurige Arbeit nicht einmal einen Appel und ein Ei.

Es rumst und poltert, dass ich fürchte, das Haus bricht zusammen. Der Müllberg im Hof wächst und wächst, ausgesetzt den neugierigen, abfälligen, angeekelten Blicken der Nachbarn, Eltern, Kinder. Die Matratze ist schimmlig schwarz und löchrig. Der Kühlschrank braun verklebt und rostig. Riesige ranzige Müllsäcke versperren den Weg. Was von einem Leben übrig blieb.

Ich versuche, nicht an diesen Menschen zu denken, den ich nicht gekannt, nicht einmal gesehen, sondern immer nur gerochen habe. Trotzdem frage ich mich, wie es ihm nun gehen mag. Hat er Hilfe bekommen? Ist er in einer Klinik? Gehört er nun zu den unzähligen Obdachlosen unserer Stadt? Ist er tot? Die traurigen Gedanken stechen mitten in mein Herz. Dabei will ich mich heute freuen. Darüber, dass mein Schicksal, mein menschengemachtes Schicksal, nun doch noch eine gute Wendung nehmen wird. Hoffentlich.

Dr. rer. nat., leider depressiv!

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Dr. rer. nat., leider depressiv, Entwurf, Bleistift, Skizzenbuch A5, 02.11.2017

 

Wir leben in einem der reichsten Länder der Erde, in einem Sozialstaat, und wer in soziale Bedrängnis gerät, erfährt selbstredend Hilfe. So sollte es sein. Und viele von uns glauben auch daran, dass dem so ist. Niemand müsse auf der Straße schlafen, niemand müsse hungern in unserem reichen Lande. Als ein schwankender Obdachloser von zwei Polizisten aus der Bahn geführt wird (sehr höflich wohlgemerkt), doziert eines der jungen ausgehfein herausgeputzten Mädchen verächtlich vor ihren Freundinnen: „Der muss hier nicht so sitzen. Der soll sich Hilfe suchen. Es gibt Stellen, an die der sich wenden kann, da wird ihm geholfen.“

Ich bin unschlüssig. Soll ich mich ärgern über diese dumme Ignoranz der grauen Realität gegenüber? Oder soll ich mich freuen für das junge Ding, sie beneiden um ihre Naivität und Blauäugigkeit? Schließlich bedeutet es doch ein Gefühl von Sicherheit und Wärme zu wissen, dass man in Notsituationen Unterstützung erfahren würde.

Ich selbst habe immer geahnt, gewusst, dass es genug traurige Gründe gibt, warum Menschen ihre Wohnung verlieren.  Auch und sogar in unserem reichen Land. Aber dass das soziale Netz derartig löchrig ist und alle jene hindurchgleiten, die aus dem Schema fallen, nach welchem das Sozialgesetzbuch gestrickt ist, hätte ich nicht im Traum geahnt. Die Würde des Menschen ist dehnbar. Ich möchte gerne schreien, laut aufschreien über die Ungerechtigkeit. Unwürdigkeit. Erniedrigung. Und morgen aufwachen in einer wärmeren Welt.

Agnes schwingt die Moralkeule: Im übrigen bin ich der Meinung …

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… dass der Flughafen Tegel geschlossen werden muss.

 

Weit über die Grenzen Berlins und Brandenburgs hinaus ist das Flughafendebakel um den BER bekannt, der vor fünf Jahren hätte eröffnet werden sollen und dessen Bauverzögerung mehr als 1,3 Millionen Euro – pro Tag. Um sich diese Kosten überhaupt vorstellen zu können, hilft ein Blick auf folgende Seite: https://www.flughafen-berlin-kosten.de.

Nun erhebt sich eine kleine und zwischenzeitlich unbedeutend gewordene Partei umfragetechnisch wieder in politische Höhenlüfte, indem sie medienwirksam für den Weiterbetrieb des Berliner Stadtflughafens Tegel wirbt und den Volksentscheid zur Offenhaltung (*Randnotiz: der Autokorrektor schlug statt Offenhaltung „Affenhaltung“ vor, wenn das mal kein Zeichen ist) Tegels tat- und zahlungskräftig unterstützt.

Zeitgleich zur Bundestagswahl soll morgen in Berlin über diesen Volksentscheid abgestimmt werden. Er ist nicht bindend, aber ein Statement und Argument und Stütze für die künftige Stadtpolitik in die eine oder aber die andere Richtung.

Selbstredend nehme ich morgen an der Bundestagswahl teil und werde zudem  Volksentscheid gegen eine Offenhaltung Tegels stimmen, meiner Fassungslosigkeit ob des gigantischen Planungsversagens und der nicht in Worte zu fassenden Verschwendung zum Trotz.

Klar, die Mehrzahl der BerlinerInnen liebt „ihren Flughafen“, mittenmang in der Stadt. Es sieht wirklich hübsch aus, wie die Flugzeuge über Berlin Stadt zum Landeanflug ansetzen; das gehört irgendwie zum Flair dieser Stadt. Solange man nicht direkt darunter in der Einflugschneise steht, sitzt oder gar wohnt und diesem nachgewiesenermaßen krankmachenden Höllenlärm tagtäglich ausgesetzt ist. Dass manche fluglärmgeschulte AnwohnerInnen selbst für die Offenhaltung des Stadtflughafens sind, einzig und allein, weil sie fürchten, dass ihre Mieten sonst rasant in die Höhe schießen werden, ist ein Armutszeugnis für die tatsächlich defizitäre Sozialpolitik und das Versagen des MieterInnenschutzes. Ist es nicht empörend, dass Menschen lieber duldsam Lärm ertragen, nur um nicht aus ihrem Wohnumfeld verdrängt zu werden? Weil sie sonst nicht wissen, wohin? Miet- und Wohnungspolitik – das ist das eigentliche Thema, das Bund und Stadt auf der Agenda haben sollten. Möge der rot-rot-grüne Senat dabei ein weises Hirn und ein glückliches Händchen haben. Bin ich blauäugig?

Hauptargument der TegelbefürworterInnen: steigende Fluggastzahlen, denen der BER in seiner jetzigen Größe einfach nicht gewachsen ist. Abgesehen davon, dass die Schätzungen der künftigen Passagierzahlen übermäßig hoch angesetzt wurden – ist eine immer weitere Ausweitung der Flugverkehrs denn überhaupt wünschenswert, anstrebenswert, politisch, ökologisch und ökonomisch vertretbar? Diese Wachstumslogik finde ich – galant ausgedrückt – sehr ärgerlich. Alle außer ein paar ScheuklappenträgerInnen machen sich Sorgen ob der Folgen des Klimawandels. Bei jedem Sturm, jedem Unwetter, jedem zu heißen, kalten, nassen oder trockenen Herbst, Winter, Sommer und Frühling fragen wir uns: ist das normal oder sind das schon die ersten Boten des Klimawandels. Wir empören uns – zurecht – über Volkswagen, Dieselskandal, Trump und Co, machen tse tse tse, wenn die Nachbarn den Müll nicht korrekt trennen; und steigen dann mal eben ins Flugzeug. Mehrfach pro Jahr, mit einer unvorstellbaren Selbstverständlichkeit. Weil es so unverschämt billig ist, jetten wir von Berlin nach Stuttgart oder München, Amsterdam, Paris und London. Wenn ich im Radio die Werbung für Flugreisen für eben mal 39 Euro höre, kommt mir das Frühstück wieder hoch. Wie bitte: Spaß muss sein und man kann nicht auf alles verzichten? Nun, mir vergeht jede Freude, wenn ich an die möglichen Folgen für meine Kinder und Enkelkinder in fünfzig Jahren denke. Ja, Bahnfahren ist teuer, zu teuer. Das zu Ändern ist ein unterstützenswertes politisches Ziel. Aus Protest gegen teure Bahnfahrkarten die Umwelt kapputtzufliegen ist kurzfristig gedacht, um nicht das Wort dämlich zu verwenden.

Ist gut, ich packe jetzt die Moralkeule wieder ein und fürchte ohnehin, dass ich sowieso nur die bereits Überzeugten erreicht habe.

Für einen visuell positiveren Beitragsabschluss lieber noch ein paar Flugzeuglandebilder.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

I told you how to change the world

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Streetart am Berliner Mauerpark, gefunden am 2. Juli 2017, Artist: marycula

 

BewohnerInnen von Städten werden das Phänomen der als-Flaschenammelnde-meist-ältere-Menschen-sichtbaren Armut zur Genüge kennen und ich habe auf diesem Blog mehrfach erzählt, dass ich aus meinem Fenster direkt auf die Mülltonnen blicken kann und somit fast täglich mit diesem traurigen Anblick konfrontiert werde.

Ob nun Marx damals DIE richtige Antwort auf die auch damals schon heiß lodernde soziale Frage wusste, kann und soll in diesem Rahmen nicht beurteilt werden. Mit dem festen Vorhaben, es Kapitel für Kapitel gewissenhaft durchzuarbeiten, habe ich mir vor vielen Jahren „Das Kapital“ gekauft, muss aber zugeben, dass es neben anderen un- oder halb gelesenen Büchern noch immer im Regal auf meine ungeteilte Aufmerksamkeit wartet.

Immerhin, das Kommunistische Manifest las ich erstmals vor knapp dreißig Jahren:  als Siebentklässlerin habe ich im Nachwendejahr einen gewiss naiven Schulvortrag (frei gewählt) gehalten, in dem ich mich – hochernst! – mit der Frage beschäftigte, warum wohl der Sozialismus gescheitert sei. Ein Thema, das vielleicht nicht unbedingt typisch für ein Mädchen meines Alters ist, mich aber damals arg umtrieb. Als mein großer, kluger, belesener und von mir immer geschätzter, bewunderter und verehrter großer Bruder von dem Thema hörte, drückte er mir wortlos jenes kleine Büchlein in die Hand. Ich habe es gelesen, ernsthaft, mehrfach, und daraus zitiert – schon allein meines Bruders wegen, um ihm zu gleichen, ihm zu gefallen. Was mir schon allein ob des Altersunterschieds und der dementsprechend fremden Welten, in denen wir lebten (und leben) nicht gelingen konnte; und ob ich das Manifest damals wirklich verstand, möchte ich bezweifeln. Aber später trug ich lange Jahre dieses kleine rote Büchlein in meiner Schultasche – zusammen mit Maxi Wanders „Guten Morgen Du Schöne“, das ich leider eines Tages auf unserem Schulhof liegen ließ.

 

 

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Streetart am Berliner Mauerpark, gefunden am 2. Juli 2017, Artist: marycula

Die Gärten der Nachbarn

 

Am Dienstag zeigte ich Euch, was mir meine Wohnstraße so liebenswert macht und nahm Euch mit auf einen kleinen blumigen Nachbarschaftspaziergang.

Noch viel schöner fast ist meine Nachbarstraße, die breiter und damit viel heller, aber als Sackgasse genauso ruhig ist. Der Anblick der vielen Blumenkübel, die von den Bewohnerinnen und Bewohnern aufgestellt und bepflanzt werden, lässt mich vergessen, dass ich Stadt eigentlich gar nicht mag. Sogar die abgeblühten Pflanzen und die Wildkräuter sehen reizend aus.

 

Idyllisch, oder?

Das finden leider nicht nur wir Bewohner, sondern auch so mancher auch berüchtigter Investor wittert und findet ein gutes Geschäft. Drastische Mieterhöhungen, Umwandlung von Miet- in Wohneigentum und Verdrängung der alten Mieter (die natürlich längst nicht mehr jene sind, die hier im ehemaligen Grenz- und Sperrgebiet bis zu Wende lebten, aber das ist noch ein ganz anderes Thema) bleiben auch hier nicht aus. Wenn die Bebauung der eigentlich als Mauerparkerweiterung vorgesehenen Großbaustelle des Investors Groth Gruppe abgeschlossen ist, wird das kaum zu einer Entlastung des angespannten Wohnungsmarktes führen, sondern wohl vielmehr zu einer Anpassung der Mieten weiter nach oben.

Nicht alle nehmen die gewollte Verdrängung und Privatisierung wortlos hin. Jene von Euch, die es interessiert, kann ich die Unterstützung eines Langzeitfilmprojektes sehr ans Herz legen, das den (manchmal leider auch erfolglosen) Widerstand von Menschen im Berliner Prenzlauer Berg gegen Verdrängung, Privatisierung und Luxusbebauung dokumentiert. Es geht unter anderem auch um die Initiative 100 % Mauerpark, die sich sehr engagiert aber leider vergeblich gegen das Großbauprojekt der Groth Gruppe einsetzte, aber auch um den Kampf David gegen Goliath einer inzwischen ehemaligen Hausgemeinschaft gegen einen mit allen Wassern gewaschenen geschäftstüchtigen Investor in meiner direkten Nachbarschaft.

Zur Homepage des Filmprojektes geht es hier.

Es gibt dort bereits einen Filmausschnitt zu sehen. Leider fehlen, wie dort auch zu lesen ist,  für die Weiterführung des Projektes gerade die finanziellen Mittel. Vielleicht hat ja die eine oder der andere von Euch Interesse und Möglichkeit zur sicher lohnenswerten Unterstützung.

 

Den unaufhaltsamen Fortschritt der Bauarbeiten der Groth Gruppe am Mauerpark dokumentiere ich jeweils am letzten Sonntag im Monat im Rahmen von Zeilenendes Foto-Jahresprojekt.

 

Kältehilfe und die Mitte der Gesellschaft

Der März geht zu Ende und damit endet auch die Berliner Kältehilfe, ein gemeinsames Projekt von Senat, Wohlfahrtsverbänden und Kirchen, um in den kalten Wintermonaten wohnungslosen Menschen zusätzliche Notübernachtungsplätze und Hilfsangebote zur Verfügung zu stellen.

 

Leider verschwinden mit dem Winter  die Probleme der Menschen nicht. Einem Bericht des rbb zufolge richten sich Obdachlose vor dem Auslaufen der Kältehilfe wieder zahlreiche Lager in der Stadt ein. Es gäbe regelrecht einen „Kampf um die Plätze“, so wird ein Mitarbeiter der Stadtmission zitiert.

 

Auch der Schlafplatz unter der Schivelbeiner Brücke zwischen Mauerpark und Bornholmer Straße, der zwischenzeitlich – sei es freiwillig, sei es aus Zwang – geräumt worden war, ist heute wieder belegt,

 

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Schivelbeiner Brücke, Prenzlauer Berg Berlin, 31.03.2017

 

Ein Ausbau ganzjähriger Übernachtungs- und Hilfsangebote tut dringend Not, nochzumal die Zahl psychisch und physisch kranker Betroffener spürbar zugenommen hat. Wobei eine wirksame Hilfe bereits viel früher einsetzen muss – bevor Menschen ihre Wohnung verlieren.

Dass das soziale Netz in Deutschland erhebliche Lücken aufweist, mag den meisten Menschen auf den oberflächlichen Blick nicht bewusst sein, wird doch gern das Sozialsystem als angebliche Hängematte denunziert. Doch in diesem Winter habe ich leider auch selbst erleben müssen, dass Jobcenter, Sozialämter und andere Behörden mit Anträgen Hilfsbedürftiger Pingpong spielen. Solange es keine allen Menschen gleichermaßen zustehende wenigstens minimale Grundsicherung gibt, dürfte sich an diesem Zuständigkeitspoker wohl nur schwer etwas ändern lassen. Wer keine Freunde oder Verwandte hat, die über einen längeren Zeitraum die Mietzahlungen übernehmen können oder wer durch psychische Krankheit oder Sucht nicht in der Lage ist, gegen ablehnende Bescheide vorzugehen, dem ist wohl wenig so gewiss wie der Verlust der eigenen vier Wände.

 

Die nicht gerade für linke Propaganda bekannte Berliner Morgenpost macht auf eine ungemütliche neue Entwicklung aufmerksam und zitiert Caritas-Direktorin Ulrike Kostka: „Obdachlosigkeit sei in der Mitte der Gesellschaft angekommen. Es seien auch Menschen betroffen, die sich ihre Wohnung wegen steigender Mieten nicht mehr leisten können.“

Eine bedenkliche Entwicklung, die auch und gerade Bauprojekte wie das der Groth-Gruppe am Berliner Mauerpark mitnichten bremsen werden.

 

 

https://www.rbb-online.de/panorama/beitrag/2017/03/kaeltehilfe-berlin-bilanz.html

http://www.taz.de/!5393582/

http://www.morgenpost.de/berlin/article210108423/Berliner-Kaeltehilfe-bot-so-viele-Schlafplaetze-wie-nie-zuvor.html

https://www.caritas-berlin.de/presse/pressemitteilungen/berliner-kaeltehilfe-zieht-bilanz-1b741b6d-9c8e-4d05-96b6-8ca1aa30ea0b

http://www.berliner-zeitung.de/berlin/obdachlose–ausreichend-schlafplaetze–medizinische-defizite-26281298

https://www.berlin.de/sen/soziales/themen/wohnungslose/

 

 

 

Groth statt Grün – Zeilenendes Fotoprojekt

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Die Baustelle der Groth Gruppe am Berliner Mauerpark, 28. Februar 2017

 

„100 Prozent Mauerpark“

„Grün statt Groth“ und

„Keine Luxusviertel am Mauerpark“

 

– vergeblich haben zahlreiche Initiativen gegen die Bebauung der eigentlich zur Erweiterung des Mauerparks vorgesehenen Fläche argumentiert, demonstriert und gestritten.

Allen jahrelangen massiven und zähen Protesten weit über die Grenzen der Berliner Bezirke Prenzlauer Berg und Wedding hinaus  zum Trotz wurde im vergangenen Jahr die Bebauung genehmigt: Investor Groth hat das Tauziehen gewonnen und seit letztem Jahr werden Nägel mit Köpfen (bzw. Stahlpfeiler mit Beton) gemacht.

Seit dem ersten Spatenstich sind nur wenige Monate vergangen, schon erheben sich mächtige Betongerippe aus dem Boden. Wenn es doch nur auf anderen Baustellen ebenso zügig voranginge …

Als soziales Feigenblättlein entstehen am Rand des Areals – gleichsam als Schallschutz gegen den Zugverkehr – Sozialwohnungen und sogenannte „Studentenapartments“. Auf dem überwiegenden Teil der Baufläche werden aber teure Eigentumswohnungen und preislich nicht gebundene Mietwohnungen entstehen. Westlich des Mauerparks, auf der Weddinger Seite, dürfen sich die AnwohnerInnen da wohl schon einmal auf den neuen Mietspiegel freuen, der gewiss der „Aufwertung“ des Viertels durch die gutbetuchten Nachbarn Rechnung tragen wird. Östlicherseits ist ohnehin meilentechnisch bereits Hopfen und Malz verloren.

Nun ist das Kind also in den Brunnen gefallen und es heißt Akzeptanz zu lernen. Was ist da besser geeignet, als den Bau fotografisch zu begleiten? Als ich heute also von Zeilenendes neuem Fotoprojekt las, war mir klar, dass ich mitmachen will. Zwölf Monate lang begleitet er fotografisch ein Motiv. Jeden letzten Sonntag im Monat gibt es eine Momentaufnahme auf seinem Blog zu sehen. Da die Idee so großartig ist, machen unzählige Bloggerinnen und Blogger mit.

Auch ich habe also heute  meinen Fotoapparat gegriffen und einen fotografischen Augenblick eingefangen. Zwei Tage zu spät zwar, aber Ihr seid ja doch wohl keine Krümelk… äh … nicht so pingelig.

 

 

Das neue Bundesteilhabegesetz

Zum Jahreswechsel soll das reformierte Bundesteilhabegesetzes in Kraft treten. Von der Bundesregierung wird es als fortschrittlich und als wesentliche Verbesserung angepriesen. Tatsächlich aber bieten aber die neuen Regelungen viel Anlass zu Kritik.
Wer von Euch gern Radio hört hier zwei Beiträge zu diesem Thema von SWR2:
1. 

Rückschritt statt Fortschritt?

Das geplante Bundesteilhabegesetz in der Kritik

Die Hintergrundsendung von Elisabeth Brückner

Euer Gesetz behindert!“ rufen Demonstranten in ganz Deutschland, aufgeschreckt von 360 Seiten Bundesteilhabe-Gesetzentwurf.

Es ist eine der größten Sozialreformen dieser Regierung: Von der Fürsorge zur Teilhabe. Mit der Reform soll die Situation behinderter Menschen verbessert werden. Tatsächlich aber würde sich Vieles verschlechtern, sollte aus dem Entwurf ein Gesetz werden.

Ulla Schmidt, früher Bundesgesundheitsministerin und jetzt Vorsitzende der Bundesvereinigung Lebenshilfe erklärt in SWR2 Kontext, welche Regelungen umstritten sind. Bis zur zweiten und dritten Lesung im Bundestag Anfang Dezember ist Zeit, diese Regelungen zu ändern.Euer Gesetz behindert!“ rufen Demonstranten in ganz Deutschland, aufgeschreckt von 360 Seiten Bundesteilhabe-Gesetzentwurf.“

http://www.swr.de/swr2/programm/sendungen/kontext/swr2-kontext-rueckschritt-statt-fortschritt/-/id=4352076/did=18162552/nid=4352076/1ltzbcq/index.html
2. 

Sparen kann ich mir sparen!

Behinderte Menschen mit Assistenz fordern gerechten Lohn

Von Andi Ueding
Christian Bayerlein ist 41 Jahre alt und leidet an einer Muskelkrankheit. Seinen Rollstuhl steuert er mit der Unterlippe. Um leben zu können, beschäftigt er rund um die Uhr Assistenten. Weil diese der Staat bezahlt, darf er selbst nur rund 700 € monatlich verdienen und 2.600 € Vermögen besitzen. Im Juni wurde ein Gesetzesentwurf verabschiedet, der aktuell im Deutschen Bundestag diskutiert wird: das sogenannte Bundesteilhabegesetz. 2017 soll es in Kraft treten. Darin sind die Freibeträge höher. Doch von einem angemessenen Lebensstandard ohne Diskriminierung behinderter Menschen seien wir noch weit entfernt, kritisiert der Diplom-Informatiker. Er fordert gleiches Geld für gleiche Arbeit.“

http://www.swr.de/swr2/programm/sendungen/tandem/swr2-tandem-sparen-kann-ich-mir-sparen/-/id=8986864/did=18162452/nid=8986864/1c6j8gp/index.html

Freitag, endlich! Behördentrauerspiele

Eine Kliniktherapiewoche ist herum, die für mich aus verschiedenen Gründen für mich besonders schwer war.

Ich kann nicht so ganz in Detail gehen, nur kurz zusammengefasst: neben der Depression und der Angst begleiten mich auch schon seit langem Schmerzen. Ich habe den Verdacht, dass die Stimme der Depression für mein Gespür oft zu leise ist und so brauche ich deren Schwester Schmerz, die mich bremst. Dabei ist meinem rationalen Ich diese Bremsung gar nicht lieb, weil dieser Teil von mir wahnsinnig gern aktiv ist. Leider werde ich auch bei jenen Tätigkeiten gestört, die ich ausgesprochen gerne mache. Mit moderaten Schmerzen lässt sich das Zeichnen und Malen eventuell noch verbinden. Aber irgendwann ist eine Grenze erreicht, ab der alles zur Qual wird. Die war spätestens heute erreicht, nachdem sich mein Zustand von Tag zu Tag „gesteigert“ hat. Heute habe ich mir endlich wieder Tavor aufschrieben lassen, habe den Nachmittag gedöst und ein kleines bisschen Entspannung gefunden.

Gefüttert wurden Schmerz und Schwermut von äußeren Einflüssen, vor denen mich die Klinik auch nicht ganz bewahren kann. Die haben in dieser Woche einen erneuten Höhepunkt gefunden. Somit ist es sogar mir einleuchtend, dass es mir jetzt schlecht geht und schlecht gehen darf.

 So war bis Dienstag mein Krankenversicherungsstatus ungeklärt, weil sich die verschiedenen Sozialleistungsträger dieses Landes seit August (!) meinen Leistungsantrag mit spitzen Fingern gegenseitig zuschieben. Mein Krankengeld ist ausgeschöpft, Alg1 ausgelaufen, bin laut Gutachten zu krank für Alg2, für das man arbeitsfähig sein muss, das Grundsicherungsamt verweist auf die Rentenversicherung und möchte, dass ich Erwerbsunfähigkeitsrente beantrage und dann wieder Alg1 und Alg2. Für einen psychisch stabilen Menschen lästig, ärgerlich, aber doch irgendwie machbar. Ich drehe gerade durch und breche in Tränen aus, wenn ich nur eines dieser Formulare sehe. Natürlich hat jede Behörde ihre eigenen Formulare, die der andren gelten nicht (obwohl auch dort eigentlich die gleichen Fragen beantwortet werden. Aber Formulare sind heilig. Mir verursachen sie Schmerzen – nicht nur im übertragenen Sinne, sondern ganz real.

Die beschriebenen Behörden spielen immer noch Antragspingpong.  Immerhin hat mir die Krankenkasse mir jetzt eine Rechnung zugestellt, die mich als freiwillig versichert ausweist, anstatt zu behaupten, ich sei nicht versichert (sie durfte mich auch gar nicht rausschmeißen und war sogar verpflichtet gewesen, mich freiwillig weiterzuversichern.) Damit wird die Krankenkasse hoffentlich endlich die Rechnung für meinen Klinikaufenthalt bezahlen. Bisher wollte sie die Rechnung nämlich nicht annehmen, was die Klinikverwaltung extrem nervös gemacht hat. Die Klinikverwaltung hat ihren Ärger darüber wiederum an ihren Sozialarbeitern ausgelassen, die Sache zu klären und die Sozialarbeiter haben den Druck regelmäßig an mich weitergegeben, dass ich schon immer Herzklopfen hatte, jemanden von denen über den Weg laufen zu müssen. Der olle Herr W. von Station 1 war bereits fleißig und mit Inbrunst am Druckmachen beteiligt gewesen und hatte sich damals auch nicht gescheut, mit mir über meinen Krankenversicherungsstatus öffentlich vor anderen Patienten diskutieren zu wollen. Dass solcher Druck auf die Genesung eines Kranken nicht unbedingt förderlich wirkt, ist sicher nachvollziehbar. Jetzt brauche ich mich wenigstens nicht mehr vor der Sozialarbeiterin auf dieser Station zu schämen – sie hat meinetwegen nun keinen Stress mehr mit der Klinikverwaltung.
Nun müssen „nur“ noch die anderen Sozialbehörden überredet werden, meine Akte als Schwarzen Peter aufzunehmen. Vielleicht bekomme ich zur behördlichen Unterstützung eine gesonderte Hilfe, die mir dabei hilft, das verworrene Geflecht des Antragswirrwars nicht nur gegenüber den Sozialbehörden zu lichten, wo sich die eine Katze am Schwanz der anderen festgebissen hat, und einen Weg zu bahnen, auf dem ich in Zukunft eine Weile ohne zu stolpern werde gehen kann. 

Hat jemand von Euch bereits gute Erfahrung mit amtlicher Betreuung gemacht? Bitte bitte schreibt mir nur von den guten Erfahrungen. Die schlechten, bitte, behaltet für Euch, bis ich genug Stabilität habe, auch damit umzugehen.