Bildgeschichte – Elfi und Punkt

Bildgeschichte – Elfi und Punkt

 

Wie schon angedeutet, bastele ich an einer kleinen Bildgeschichte. Einen kleinen Entwurf dazu konntet Ihr hier schon einmal sehen.

Ich habe weiter gezeichnet und vor allem Lina hat mir dabei Gesellschaft geleistet, auf meinem Schreibtisch und gern auch mitten auf dem Papier gelegen.

Die Arbeitsnamen der beiden kleinen Helden der Geschichte sind ganz simpel Elfi und Punkt, der es übrigens ganz und gar nicht erträgt, wenn mein seinen Namen verniedlicht. Ich habe beide noch einmal einzeln mit Buntstiften skizziert, damit sie mir beim Zeichnen der Geschichte beiseite stehen können.

Ich bin ja „fachfremd“, weiß also nicht, wie „man“ für gewöhnlich so eine Bildgeschichte konzipiert; ich jedenfalls habe eine mögliche Handlung im Kopf, will aber zunächst die Geschichte zeichnerisch mit Buntstiften aufs Entwurfs-Papier bringen. Nach Möglichkeit sollen die Bilder bereits für sich sprechen, so dass auch Vorschulkinder die Geschichte „lesen“ können. Für Eltern/Erzieher/Großeltern wird es vielleicht aber auch einen begleitenden Text zum Vorlesen geben.

Wenn der Mai weiter so trüb und kühl bleibt, werde ich mit dem Zeichnen der Entwurfsskizzen, das ja praktischerweise gleichzeitig mein Antidepressions-Skill ist, in den nächsten Tagen gut vorankommen.

Der Metterling

 

„Guck mal, ein Metterling!“, ruft die Kleine.

Begeistert zeigt sie auf die Wiese.

Der Papa trottet hinterher.

„Was?“, ruft er.

Die Kleine jauchzt: „Ein Metterling, ein Metterling, ein Metterling.“

Der Papa ist mit den Gedanken wohl noch im Büro. Er zeigt sich weiter begriffsstutzig.

„Was? Ich verstehe nicht.“

„Ein Metterling!“.

Die Stimme der Kleinen wird immer höher.

Nun also fällt bei ihm der Groschen. Zunächst nur ein kleines Stockwerk tiefer.

„Ein Schmetterling, aha“,  brummt er geistesabwesend, während er auf sein Smartphone schielt.

Vier, drei, zwei … Endlich! Pling!

Seine Stimme rutscht drei Oktaven höher: „Ein Schmetterling? Wirklich? Wo?“

Seine anfangs gespielte Begeisterung schlägt schnell in echte Euphorie um. Mit glänzenden Augen starren beide auf die Weise und staunen.

‚Da hat er ja gerade nochmal die Kurve bekommen‘, denke ich schmunzelnd. ‚Was für ein herrlicher Tag.‘

 

 

 

Morgen ist auch noch ein Tag

Inspiration geholt + Thema verfehlt = Kurzgeschichte entstanden

Ich hatte Lust, mich beim Story-Samstag von Tante Tex zu beteiligen.

Um die vorgegebenen Wörter

  • Drehmoment
  • Revision
  • Vertreter
  • Ostpreußen
  • Konferenz

eine Geschichte zu entwickeln, hatte ich Lust. Aber das Thema Weihnachten reizte mich nun wieder ganz und überhaupt nicht.

Es entstand eine ganz und gar unweihnachtliche Kurzgeschichte, die einzig und allein die Tatsache, dass ich sie an Heiligabend verfasst und für die Audioversion vorgelesen habe, mit diesem Fest verbindet.

Trotz des „verfehlten Themas“ wage ich, die Erzählung hier zu präsentieren, bewusst allerdings erst heute und nicht bereits zum Fest, an dem viele von Euch doch wohl eher nach Frieden, Freude und Besinnlichkeit trachten.

Hier die Hörversion:

Morgen ist auch noch ein Tag

und hier nun die Geschichte in der klassischen Schriftform:

Morgen ist auch noch ein Tag

„Na, wie haben wir denn heute geschlafen?“, fragt mich Sabine, unsere Praktikantin auf Station. Sie erwartet keine Antwort, sondern schiebt mich viel zu schwungvoll aus dem Zimmer, rast mit mir über den Flur hinüber in den Essraum. Das Mädchen hat schlechte Laune, das rieche ich. Meiner Nase macht keiner was vor. Meine Augen tun’s nicht mehr, der Rücken ist krumm, die Beine schwach. Ohne Hörgerät verstehe ich nicht einmal mehr Bahnhof. Aber meine Nase ist so fein wie die eines Neugeborenen. Oft ist das mehr Fluch als Segen. Hier riecht’s nach alten Leuten, nach Pisse, Kotze und ungewasch’nen Achselhöhlen. Und nach dem Tod. Gestern hat’s den alten Udo erwischt. Hätt‘ ich nicht gedacht, dass der vor mir seinen Löffel abgibt, der alte Knoblauchfresser.

Im Speisesaal sitzen schon die anderen Alten, blicken trüb in ihre Schüsseln. Bombenstimmung ist hier, jeden Tag das Gleiche. Als ich laut und herzhaft rülpse, verzieht nur Irene ihren schmalen Mund – geboren in Ostpreußen, Exlehrerin für Deutsch und Mathe. Die alte Schreckschraube sieht aus, wie direkt aus dem Lexikon der Klischees entsprungen.

Sabine umkreist meinen Mund mit einem Löffel Grießbrei. Ich presse die Lippen fest und beharrlich aufeinander. Pfui, diese süße Plörre! Soll sie das Zeug den anderen Alten in die Gusche stopfen; die sind dement und haben nachher diesen Fraß schon wieder vergessen. Das Mädel lässt nicht locker, stochert mit ihrem Ekellöffel zwischen meinen Lippen herum und glaubt, ich falle darauf rein und mache brav den Mund auf. Vergiss es, ich werd‘ Dir was husten! Ich hole tief Luft und puste die Pampe in ihr sorgfältig geschminktes Gesicht.

Als ich wieder aufwache, sitzt Lisa, meine Lieblingsenkeltochter neben meinem Bett und tippt mit wichtiger Miene irgendetwas in ihr Smartphone. Ich beobachte sie heimlich von der Seite.

„Opi, was machst`n Du für Sachen?“, fragt sie mich, als sie es bemerkt. Dann steht sie auf, haucht mir einen Kuss auf die Wange und schwebt zur Tür. „Der Doktor hat dir eine Spritze gegeben und ab morgen kriegst Du neue Pillen, sagt die Schwester. Du warst wohl irgendwie … naja …“ Sie verstummt und schaut zu Boden. Es ist ihr wohl peinlich, darüber zu sprechen. Auch ich habe keine Lust dazu. Meine Handgelenke schmerzen noch ein wenig – Sabine hat einen beherzten Griff – und die Spritze macht nicht nur meinen Geist und meinen Körper, sondern auch meine Zunge träge. Wohlig träge!

„Mutti kann erst morgen Abend kommen, sie ist auf einer Konferenz in Prag. Und ich muss lernen, hab am Freitag Prüfung. Über die Messung und Berechnung des Drehmoments am Beispiel des Elektromotors. Ist superwichtig, weißt Du? Hab dich lieb, Opi. Ich komme am Sonntag um drei und stelle Dir Henry vor. Kuss Kuss!“ zwischert sie und fliegt davon.

Wozu das alles, dieses Leben. Nur weil ich alt bin und nicht mehr selber laufen kann, nimmt mich niemand ernst. Der Arzt ist ein junger Spund, noch grün hinter den Ohren und hält mir Vorträge, wie ich mich zu benehmen habe. Ich könnte mich beschweren – über alles hier. Über den Fraß, über die Von-Oben-Herab-Behandlung und das Ruhigstellen. Über die kleinen Zimmer mit den dünnen Wänden, durch die man nachts das Jammern der anderen hören kann. Aber was soll’s? Wird sich etwas ändern? Nein! Es kommt eine Revision, natürlich nach Vorankündigung. Ein Vertreter der Rentenversicherung geht durchs Haus und macht Notizen. Die Überprüfung wird ergeben, dass alles nach Vorschrift läuft und weiter geht’s im alten Trott.

Bis ich eines schönen Tages meine letzte Reise antrete. Die Leichenträger kommen nachts, um die anderen zu schonen. Raus geht`s durch den Hintereingang und ab in den schwarzen Wagen. Meine Sachen werden in Mülltüten gestopft und meiner heulenden Tochter in die Hand gedrückt. Ich fühle, dieser Tag ist nicht mehr fern.

Bis dahin aber mache ich die Augen zu und träume von früher. Morgen ist auch noch ein Tag.