Scheckiger Hund, der am Meer entlangläuft

 

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Die Verwandlung, Skizzenbuch A4, Bleistifte, 19.08.2017

 

Nach dem Freitag fühle ich mich extrem erschöpft, übe mich aber darin, mich deswegen nicht zu verurteilen, sondern mir das Recht für eine Rast zuzugestehen.

Gestern habe ich mir erlaubt, einen großen Teil des Tages im Bett zu lagern. Dort lässt es sich zwar nicht gut mit Farben arbeiten, aber mit Papier und Bleistift zeichnen klappt immer. Ich hatte keine spezielle Bildidee, folgte meiner Eingebung und es entstand folgende Zeichnung, die ich vielleicht in der einen oder anderen Form auf Leinwand umsetzen will.

Heute Vormittag habe ich Aitmatows Scheckiger Hund, der am Meer entlangläuft ausgelesen. Vor über zwanzig Jahren hatte ich dieses Buch bereits im Haus meiner Großeltern gelesen. Ich erinnere mich noch genau daran, wie ich die Erzählung vor dem Einschlafen in einem Atemzug verschlang und wenige Stunden später mit gleißendem Durst erwachte, wie ich ich ihn noch niemals in meinem Leben gespürt hatte. Ich rannte ins Badezimmer, schnappte nach Wasser, trank gierig aus der Leitung in großen Schlucken. Nach dem Tod meiner Großeltern habe ich dieses Buch zu mir genommen und ich verbinde es nicht nur mit dem meisterhaften Erzähler Aitmatow, sondern auch mit meinen Großeltern, an deren Haus mich die vollen Bücherregale immer besonders fasziniert haben.

Tschingis Aitmatow verehre ich sehr und nachdem ich bei Christel gelesen hatte, dass auch sie gerade diesen Autor für sich entdeckt,  verlangte es mich dringend, auch selbst wieder etwas von ihm zu lesen. Ein wenig Angst hatte ich, denn die Geschichten dieses kirgisischen Erzählers sind emotional so berührend, dass ich schon als Jugendliche oft beim Lesen von tiefer Trauer begleitet wurde und weinen musste. Dennoch aber sind sie nicht abgrundtief pessimistisch, sondern durchwirkt von der Liebe zum Leben, zur Natur und auch zu den Menschen, über die er schreibt. Zwar habe ich heute leider nicht mehr die Konzentration über mehrere Stunden hinweg nur zu lesen, dennoch bin sich voller Vorfreude auf die weiteren Bücher, die noch in meinem Regal auf mich warten.

 

***

Wenn ich heute die gestrige Zeichnung betrachte, dann denke ich, dass ich beim Zeichnen wohl gänzlich unbeabsichtigt von der oben erwähnten Erzählung Aitmatows beeinflusst wurde. Vielleicht steckt in dem Frauenwesen auch die Große Fischfrau, Urmutter der Sippe von Organ, Emrajin, Mylgun und Kirisk?

 

 

 

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Snegurotschka, Hörbuch Teil 2

Nun ist der zweite Teil des Märchens auch eingelesen, als Film verarbeitet und bei YouTube zu hören. Das war übrigens mein erstes YouTube-Projekt – und viel einfacher als ich befürchtet habe.

Ich wünsche Euch und/oder Euren Kindern oder Kindeskindern viel Freude beim Hören.

Unten noch einige Zeichnungen zu der Geschichte, die teils während der letzten Wochen in der Klinik, teils aber schon beim Verfassen des Märchens vor etwa zwei Jahren entstanden.

 

 

Depressives Lesen

Wer depressive Phasen kennt, weiß, dass das Lesen oft nicht leicht fällt. Ich hatte auch vor einigen Tagen schon einmal über dieses Thema geschrieben. (Siehe hier:

https://agnesblogsite.wordpress.com/2016/10/24/buecherwahnsinn/

Oft frage ich mich, ob in dem Roman, den ich in den Händen halte, jemand sterben muss oder womöglich eine schwere Depression hat oder Gewalt erfährt. Bücher mit abruptem schlechtem Ende sind auch nicht gerade Balsam für meine Seele – obwohl mir rosarotes Happy-End-Getue auch ziemlich auf die Nerven geht. Umständlicher Satzbau macht mir ebenso zu schaffen, weil mit der Depression ja auch ein großer Teil der Konzentrationsfähigkeit verschwindet. Aber ein wenig Niveau und Denkanstöße sollte das Buch dennoch auch bieten, ein platter Arztroman macht mich nicht glücklich. Kann man es mir recht machen?

Marion Brasch kann. Sie hat mit „Wunderlich fährt nach Norden“ einen Roman geschrieben, der schön und leicht zu lesen ist und dabei dennoch Stil hat. Niemand kommt zu Schaden, trotzdem wird dem Leser keine Heile Welt vorgegaukelt. Phantasievoll wirft sie fast philosophische Lebensfragen auf. Ich würde nicht behaupten, dass sich ihr Roman einen Platz ganz oben in meinem Lesehimmel erobert hat, aber gerade für trübe Stunden und Depressionsgeplagte kann ich Braschs Buch empfehlen.

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Aus der Inhaltsbeschreibung des Verlags:
„Marion Braschs zweiter Roman: Ein heiteres Buch über einen Melancholiker, der den Moment zu lieben lernt.

»Wunderlich war der unglücklichste Mensch, den er kannte.« Als Marie ihn verlässt, versinkt er in Selbstmitleid. Doch schon bald schubst ihn eine anonyme SMS zurück ins Leben, und Wunderlich tritt eine Reise an. Eine Reise, die vieles verändert und bei der nicht alles mit rechten Dingen zugeht.
›Wunderlich fährt nach Norden‹ ist die Geschichte eines Mannes, der Entscheidungen scheut und sich dem Zufall überlässt. Auf seiner Fahrt wird Wunderlich zum Abenteurer. Doch vor allem entdeckt er, was er vergessen wollte, und findet, was er nicht gesucht hat.
Dieser Roman ist eine Liebeserklärung an die sonderbaren Momente des Lebens – so leicht, komisch und berührend, wie uns diese Geschichte nur Marion Brasch erzählen kann.“
Roman
288 Seiten,
FISCHER Taschenbuch
ISBN 978-3-596-03037-8

 

Tipp:
Nutzt die Öffentlichen Bibliotheken, falls Euch zugänglich. Tauscht Bücher mit Freunden und Bekannten.
Und – falls irgend möglich, dann kauft im Buchladen Eures Vertrauens und nicht beim A-Giganten.

 

Hier eine Probe aus dem Hörbuch:

 

Marion Brasch ist übrigens langjährige Moderatorin beim Berliner Radiosender Radio eins. Beim Parkfest 2014 stellt sie ihren Roman vor:

 

 

 

Bücherwahnsinn

Eines meiner Ziele: bald wieder länger und vor allem konzentrierter lesen können.

„Früher“ habe ich gern und viel gelesen. Ich konnte nicht ohne Buch aus dem Haus gehen. Wo auch immer ich Wartezeiten zu überbrücken hatte, habe ich gelesen.

Besonders während der depressiven Schübe ist mir das Bücherlesen hingegen manchmal fast eine Qual. Meine Gedanken wollen sich einfach nicht auf den Inhalt einlassen, den es hinter den Buchstaben zu ergründen gibt. Manche Seiten lese ich zwei- oder dreifach und habe sie immer noch nicht verstanden. So macht das Lesen einfach keinen Spaß.

Hinzu kommen Fragen nach dem Sinn des Ganzen: man liest ein Buch und noch eines und später kann man sich nur noch bruchstückhaft daran erinnern. Wenn überhaupt. Manche Bücher hatte ich als Jugendliche sogar mehrfach gelesen. Wer mich aber danach fragt, worum es in Das Glasperlenspiel von Hesse oder Der Idiot von Dostojewski geht, wird mich hilflos mit den Schultern zucken sehen. Ich weiß nur noch, dass mir diese Bücher damals sehr gefallen haben. Mehr nicht. Das macht mich traurig und auf gewisse Weise auch hilflos.

Sicherlich – in mir, in meinem Kopf und meiner Seele – werden diese Romane dennoch etwas bewegt haben und das Lesen war nicht ganz nutzlos (muss überhaupt alles einen Nutzen haben? Angeblich nicht, auch wenn es mir schwer fällt, das für mich anzunehmen). So viele Bücher von „damals“ würde ich gern noch einmal lesen – schon allein um zu erfahren, wie sie mir jetzt – knapp ein Vierteljahrhundert Lebenserfahrung später – gefallen. Aber betrete ich dann eine Buchhandlung oder durchblättere ich die Rezensionen der Neuerscheinungen, gehen mir die Augen über und ich verzage fast, weil mich so viele Bücher interessieren würden und ich weiß, dass ich nur einen kleinen Teil davon werde lesen können. Schließlich ist das menschliche Leben endlich und ich habe noch so viele andere Interessen, die ich in meinen freien Stunden unterbringen muss/will. Wie kommt Ihr mit diesem Zwiespalt zurecht?

Hier in der Klinik habe ich ja (noch) relativ viel Zeit. So habe ich mir aus der nahegelegenen Bibliothek gleich einen ganzen Stapel Bücher ausgeliehen und „trainiere“ das Lesen. So habe ich z.B. „Die Physiker“ von Dürrenmatt erneut gelesen (auch hier konnte ich mich überhaupt nicht mehr an den Inhalt des Dramas erinnern) und pflichtschuldig die darauf folgende Nacht geträumt, alle psychisch Kranken seien eingesperrt und wahnsinnige Wissenschaftler würden an uns radioaktive Medikamente testen.

Nach ein paar kürzeren und eher ironisch-satirischen Erzählungen von Tschechow habe ich heute sein Krankenzimmer Nr. 6 wiedergelesen, was ich nicht bereut habe. Nach meinen Erfahrungen von Station 1 fühle ich mich natürlich auch literarisch zum Thema „Irrenhaus“ hingezogen. Die Mechanismen, die den Arzt Andrej Jefimytsch selbst in den angeblichen Wahnsinn treiben, kann ich inzwischen auch persönlich sehr gut nachempfinden.

Welche Bücher würdet Ihr gern ein zweites oder drittes Mal lesen?